Caritas. Schuldner- und Insolvenzberatung. Jahresbericht Not sehen und handeln!

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1 Caritas Not sehen und handeln! Jahresbericht 2013 Schuldner- und Insolvenzberatung

2 Bildung als Schlüssel der Überschuldungsprävention Die Überschuldung privater Haushalte ist das soziale Phänomen unserer Zeit. Derzeit gelten in Deutschland mehr als 3,1 von 40 Millionen Haushalten als überschuldet. Die Betroffenen sind als Folge häufig von Finanzdienstleistungen abgeschnitten. Betrachtet man die Entwicklung in den vergangenen zehn Jahren, so wurde die Überschuldungszahl von 3 Millionen Haushalten zu keinem Zeitpunkt unterschritten. Auch die Anzahl der Verbraucherinsolvenzen hat sich, mehr als 10 Jahre nach Einführung des Verfahrens, bei einem Niveau von etwa Eröffnungen pro Jahr eingepegelt. Mit an erster Stelle steht hier die Einkommensarmut. Je nach Referenz gelten bis zu 80 Prozent der Klienten der Schuldnerberatungsstellen als arm. Sie sind damit 5- bis 6-mal stärker als die Gesamtbevölkerung von Armut betroffen. Neben Armut und Langzeitarbeitslosigkeit gibt die Dauer der Überschuldungsbiografien Anlass zur Besorgnis. Der gesamte Überschuldungsprozess, von seinem ersten Auslöser bis hin zur vollständigen Rehabilitation, dauert durchschnittlich 15 Jahre. Bei so langen Verweildauern kann ein beabsichtigter»neu Start«kaum noch erfolgreich sein. Mehr als 5 Jahre vergehen durchschnittlich bereits, bis überhaupt Kontakt zu einer Schuldnerberatungsstelle aufgenommen wird. Der Kontakt erfolgt so spät, dass sich das Insolvenzverfahren in mehr als vier von fünf Fällen nicht mehr vermeiden lässt. Die Beratung und Vorbereitung des Antrags machen zusammen mit dem Verfahren noch einmal 7 Jahre aus, erst nach weiteren drei Jahren wird das Merkmal»Verbraucherinsolvenzverfahren«bei der Schufa gelöscht. Was die Ursachen für das lange Zögern vor Inanspruchnahme professioneller Hilfe sind, ist bislang noch nicht fundiert untersucht worden. Es kann aber vermutet werden, dass dabei das Stigma des finanziellen Scheiterns ebenso eine Rolle spielt wie die mangelnden Fähigkeiten der Betroffenen, Krisensituationen rechtzeitig zu erkennen und dann professionell mit ihnen umzugehen und sich Hilfe zu holen. Dies schließt auch die Gläubiger mit ein, die teilweise auch bei aussichtslosen Fällen nicht rechtzeitig nach passenden Lösungen suchen. Ein Beispiel hierfür ist die exzessiv lange Nutzung von Dispositionskrediten bei Überschuldeten, von Produkten also, die zur dauerhaften Krisenbewältigung nur schlecht geeignet sind. Als zentrales Element der Überschuldungsprävention ist damit die Bildung, und zwar in Form der beruflichen Qualifikation und der finanziellen Allgemeinbildung auszumachen. Alle hier aufgezeigten Faktoren, also Armut, Langzeitarbeitslosigkeit und viel zu lange Verweildauer in Überschuldung, stehen sehr häufig in Zusammenhang mit Bildungsdefiziten der Betroffenen. Hinsichtlich der Arbeitslosigkeit und Armut kann dies leicht anhand eines Vergleichs der beruflichen Bildung bei Überschuldeten und in der Gesamtbevölkerung gezeigt werden. Über alle Altersstufen zeigen sich erhebliche Bildungslücken. Im Schnitt liegt der Anteil derjenigen Überschuldeten ohne beruflichen Abschluss und ohne laufende Qualifikation 25 Prozentpunkte unterhalb des entsprechenden Anteils bei allen Haushalten. Besonders auffällig sind die Bildungsdefizite bei den jüngeren Überschuldeten, von denen mehr als drei Viertel weder eine abgeschlossene Berufsausbildung haben, geschweige denn sich in einer Ausbildung befinden. Die Lücke bei der beruflichen Bildung liegt in dieser Altersgruppe deutlich oberhalb von 50 Prozentpunkten. Würde es gelingen, die Betroffenen in Ausbildung zu bringen, wäre ein großer Schritt zur Besserung der Überschuldungssituation erreicht. Die Fähigkeit, Krisen rechtzeitig zu erkennen und adäquat mit ihnen umzugehen, betrifft die finanzielle Allgemeinbildung. Defizite bei der finanziellen Allgemeinbildung lassen sich bislang statistisch noch nicht belastbar aufzeigen. Der Begriff Finanzielle Allgemeinbildung wird noch nicht einheitlich definiert. Das iff hat 10 Thesen aufgestellt, wonach finanzielle Allgemeinbildung die kritische und an den Bedürfnissen der Nutzer orientierte Vermittlung von Handlungswissen im Umgang mit Geld, Finanzdienstleistungen und deren Anbietern ist. Wesentlich ist dabei die Vermittlung von Handlungskompetenzen, also unter anderem die Fähigkeit, sein Leben auch in Krisen aktiv unter optimaler, bedürfnisgerechter Nutzung von Finanzdienstleistungen zu gestalten. Dabei hilft reines Produktwissen nicht weiter, vielmehr

3 geht es darum, sich in Krisensituationen hineinversetzen zu können und selbst Lösungen unter Berücksichtigung aller Beteiligten zu erarbeiten. Im Hinblick auf die Verbesserung der beruflichen Bildung kann die Schuldnerberatung indirekt, über das Aufzeigen von Defiziten und die Vermittlung an Jobcenter und andere Einrichtungen, weiterhelfen. Für eine solche ganzheitliche Beratung muss sie die erforderlichen Mittel erhalten. Die Finanzierung eines Beratungsangebots neben der reinen Insolvenzverwaltung muss sichergestellt werden. Hinsichtlich der finanziellen Allgemeinbildung könnten die Schuldnerberaterinnen und Berater ihre Expertise frühzeitig in der Präventionsarbeit einbringen. Folgekosten könnten so für die Gläubiger und auch für den Staat vermieden werden. Soziale Schuldnerberatung und (Verbraucher)Insolvenzberatung - 2 -»Was hat denn Bildung mit Schulden zu tun? Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Familie hat im Jahr 2004 ein Informationspapier zur Überschuldung von privaten Haushalten für die Presse herausgegeben. Darin wird deutlich, dass Überschuldung für Betroffene und ihre Familien Armut und soziale Ausgrenzung zur Folge, sowie Lasten für die Wirtschaft und Gesellschaft hat. Der Begriff Überschuldung wurde hier wie folgt definiert:»ein Privathaushalt, dessen Einkommen über einen längeren Zeitraum nach Abzug der Lebenshaltungskosten trotz Reduzierung seines Lebensstandards nicht zur fristgerechten Schuldentilgung ausreicht, ist überschuldet.«überschuldung ist verbunden mit einer psycho-sozialen Destabilisierung der Betroffenen. Um einer Überschuldung vorzubeugen ist die finanzielle Allgemeinbildung von zentraler Bedeutung. Im Jahr verfügten statistisch ca. 50 % der Ratsuchenden über keine abgeschlossene Berufsausbildung bzw. arbeiteten in prekären Arbeitsverhältnissen. Wobei Bildung grundsätzlich die zentrale Ressource für eine eigenverantwortliche Lebensführung und für eine verantwortungsvolle Teilhabe an der Gesellschaft ist. Schulische Bildung und berufliche Qualifizierung erhöhen die Chancen auf dem Arbeitsmarkt erheblich. Finanzielle Allgemeinbildung befähigt, die zur Verfügung stehenden Mittel zielgerichtet einzusetzen. In der schulischen und außerschulischen Bildung ist die finanzielle Allgemeinbildung von zentraler Bedeutung. Aufklärung, Information und Rechtsschutz (Verbraucherschutz) tragen zur Vermeidung von Überschuldung bei. Aufklärung und Informationen werden und wurden durch Präventionsmaßnahmen, zum Beispiel in Schulen, durch Verbraucherzentralen und Schuldnerberatungen angeboten und werden nicht zuletzt auch als Aufgabe der Finanzdienstleister gesehen. Es gab verschiedene gesetzliche Veränderungen die zu einem verbesserten Rechts- und Verbraucherschutz beigetragen haben. So wurden die Pfändungsfreigrenzen 2011 angepasst. Seit 2010 besteht ein Rechtsanspruch auf Umwandlung eines vorhandenen Girokontos in ein Pfändungsschutzkonto. Es erlangte mit Beginn 2012 einen noch höheren Stellenwert, da bisherige Schutzmaßnahmen für Eingänge auf dem Girokonto aufgehoben wurden. Prävention Neben der Einzelfallberatung wäre die Präventionsarbeit ein Aufgabenspektrum von Schuldnerberatungsstellen. Sie müsste zusätzliche Fördermittel bekommen, damit anerkannte Schuldnerberatungsstellen dauerhafte Präventionsangebote vorhalten könnten. Die Präventionsangebote der Schuldnerberatungsstellen wären ein wichtiges außerschulisches Bildungsangebot, das sich vornehmlich an Heranwachsende und junge Erwachsene richten würde. Erreicht werden sollte dabei u.a. die Stärkung der allgemeinen Wirtschaftskompetenz die Stärkung der Eigenverantwortlichkeit die Stärkung der Planungs- und Handlungskompetenz ein Reflektieren eigener Konsumwünsche das Anstoßen einer Wertediskussion.

4 Nur ein ausreichendes Maß an kontinuierlichen Bildungsangeboten kann mit dazu beitragen, dass eine Überschuldungssituation nach Möglichkeit erst garnicht entsteht. Statistik Erwerbsstatus: Den größten Anteil an den Überschuldeten stellen die Bezieher von Arbeitslosengeld II dar: Ledig 10 Verheiratet / eheähnliche Gemeinschaft 17 Geschieden oder getrennt lebend 6 Verwitwet 3 Arbeitslosengeld II 13 Erwerbseinkommen 10 Sonstige Einkommen 9 Rente 6 Pfändbares Einkommen, das im Bereich eines außergerichtlichen Einigungsversuchs und im gerichtlichen Verbraucherinsolvenzverfahren von großer Bedeutung ist, stand unseren Klienten nur noch in wenigen Ausnahmefällen zur Verfügung. Dementsprechend bescheiden fallen auch die außergerichtlichen Einigungsversuche aus. Selbst wenn wir über pfändbares Einkommen reden, fallen die Beträge häufig so gering aus, dass häufig die Gläubiger einen außergerichtlichen Einigungsversuch ablehnen, weil die Rückzahlungsquote für sie zu gering ist. Gläubigertypen Kreditunternehmen aus unserem Einzugsgebiet sind als Gläubiger nicht mehr die Ausnahme. Als Gläubigertyp treten überregionale Teilzahlungsbanken auf: Telekommunikationsunternehmen, in der folgenden Tabelle unter Sonstige Gläubiger aufgeführt, sind sehr häufig vertreten. Banken / Sparkassen 31 Versicherungen 19 Versandhäuser 20 Vermieter 12 Versorgungsunternehmen 18 Öffentliche Gläubiger 28 Verwandte / Bekannte 10 Sonstige Gläubiger 28 Ergebnisse der außergerichtlichen Schuldenregulierungsbemühungen waren unter anderem: Forderungsverzichte 12 Vergleiche 2 Ratenvergleiche 0 Stundungen 0 Umschuldung 1 Abwendung von Zwangsvollstreckungsmaßnahmen 5 Die Gesamtzahl der Fälle verteilt sich wie folgt: Schuldnerberatung insgesamt Stadt Duderstadt 15 SG Gieboldehausen 16 SG Radolfshausen 5 Sonstige (JVA Duderstadt) 0 Nationalität der betroffenen Schuldner Deutsche 30 Land Niedersachsen

5 ...wir helfen weiter! Caritasverband für die Stadt und den Landkreis Göttingen e.v. Schuldner- und Insolvenzberatung Schützenring Duderstadt Telefon: / Fax: / Internet: www. Caritas-Goettingen.de Caritas ein starkes Stück Kirche

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