Erfolg in neuen Märkten

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1 Das Unternehmer-Magazin der Deutschen Bank Energie Strom selbstgemacht Gespräch Was tun für Gründer? Antriebstechnik Neue Impulse Erfolg in neuen Märkten Der Gang auf den Weltmarkt hat wenig mit Größe zu tun aber viel mit der richtigen Planung und Finanzierung

2 Deutsche Bank maxblue Jetzt zum Besten Broker wechseln und bis zu Euro Prämie erhalten.* maxwissen maxtrading Außerbörslich handeln über Direct Trade Günstig handeln schon ab 7,90 Euro pro Transaktion der Online-Broker der Deutschen Bank. (maximal Euro, unterliegt dem Steuerabzug). Die genauen Teilnahmebedingungen können Sie unter

3 Deutsche Bank_results Editorial_Wilhelm von Haller 3 Eine Königsdisziplin für jeden Unternehmer FOTO: THORSTEN JANSEN Wilhelm von Haller ist Leiter der Privat- und Firmenkundenbank der Deutschen Bank WENN VON WELTWEIT TÄTIGEN UNTERNEHMEN DIE REDE IST, denken viele Menschen zuallererst an große Konzerne. Dabei genügt meist schon ein kurzer Blick auf das nächste Unternehmen in der Nachbarschaft, um den Irrtum zu erkennen. Rund 1,3 Millionen deutsche Firmen sind heute im Ausland aktiv und 99,9 Prozent davon gehören zum klassischen Mittelstand. Der Gang über die Grenzen ist eine Königsdisziplin für jeden Unternehmer. Denn er muss sich alle wichtigen Fragen ganz neu stellen: Verstehe ich den Markt und meine Kunden? Habe ich das richtige Produkt? Finde ich das richtige Team für die Umsetzung meiner Ideen? Und er muss darüber hinaus bereit sein, sich neuen, oft unerwarteten Herausforderungen zu stellen: Wie finanziere ich mein neues Tochterunter nehmen, wie sorge ich für Liquidität, welche rechtlichen Besonderheiten muss ich berücksichtigen? Unser Beitrag ab Seite 16 zeigt, mit welch unterschiedlichen Strategien Mittelständler im Ausland erfolgreich sind. Er zeigt auch: Das richtige Netzwerk aus international erfahrenen Partnern und Beratern kann viele Hindernisse schon vor dem Start aus dem Weg räumen. Globalisierung ist eine Erfolgsgeschichte, ganz besonders für Deutschland. Und es ist eine der spannendsten Aufgaben, an der Fortsetzung dieser Geschichte mitzuschreiben. PS: Eine Portion Ungewissheit gehört zum Unternehmerleben dazu. Dennoch wagen wir eine Prognose: Das kommende Jahr wird Unternehmern im Inland wie im Ausland wieder Chancen bieten. Lesen Sie unseren ökonomischen Ausblick auf 2015 ab Seite 6.

4 4 Inhalt_4_2014 Deutsche Bank_results 10 Energieversorgung Mit eigenen Kraftwerken wappnen sich Unternehmen gegen steigende Energiepreise. Das kann sich auch nach der EEG-Novelle lohnen 24 Automotive Neue Antriebstechniken bei Autos geben dem Markt Impulse: Mittel ständische Elektronikunternehmen werden zu Autozulieferern und müssen sich mitunter ganz schön umstellen Das Unternehmer-Magazin der Deutschen Bank Research 6 Was bringt 2015? Ausblick und Einschätzungen von Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank Management 10 Energieautonomie Warum das eigene Kraftwerk vor den Unsicherheiten der Energieversorgung in Deutschland schützt 12 Best Practice Drei Mittelständler und ihre Strategien für die Versorgungssicherheit 15 Literatur Neue Managementbücher Finanzierung 16 TITELTHEMA Auslandswachstum Wie mittelständische Unternehmen den Gang ins Ausland planen und finanzieren 21 Interview Deutsche Bank Finanzierungsexperte Patrik Pohl über die Begleitung von Unternehmen in andere Länder 23 Grafik Zahlen und Fakten zum Gang über die Grenzen

5 Deutsche Bank_results Inhalt_4_ Round Table Was und wie kann der Mittelstand von Start-ups lernen? Ein Gespräch mit der Berliner Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer sowie Harald Eisenach und Frank Gilly von der Deutschen Bank 34 Sammlung Burda in Berlin Zum Jubiläum zeigt die Deutsche Bank KunstHalle eine Auswahl der schönsten Papierarbeiten. Die Schau gibt Einblick in eine der aufregendsten Kunstsammlungen Deutschlands FOTOS: FOTOLIA, ISTOCKPHOTO, DOMINIK BUTZMANN, ESTATE SIGMAR POLKE / VG BILD-KUNST, BONN, 2014, YUJI SAKAI/GETTY IMAGES. TITELFOTO: YUJI SAKAI/GETTY IMAGES Märkte 24 Antriebstechnik Welche Auswirkungen der Aufstieg der Elektromotoren für mittelständische Elektronikunternehmen hat 28 Gespräch Wie Berlin die eigene Gründerszene fördert ein Diskurs zwischen der Berliner Wirtschaftssenatorin und Vertretern der Deutschen Bank 33 Agenda Termine für Unternehmer; Impressum Perspektiven 34 Kunst Als Ergänzung zur Baden-Badener Jubiläumsausstellung sind Höhepunkte der Sammlung Burda in Berlin zu sehen 35 Sammler mit Leidenschaft Seit 40 Jahren sammelt der Unternehmer Frieder Burda Kunst 38 Fragebogen GEZE-Chefin Brigitte Vöster-Alber über Sparsamkeit, Maracuja-Tee und ignorierte Telefone 16 TITELTHEMA Firma mit Fernweh Jedes dritte Unternehmen ist im Ausland aktiv. So wird das Engagement zum Erfolg

6 6 Research_Ausblick 2015 Deutsche Bank_results 10 Prognosen Chef-Anlagestratege Ulrich Stephan glaubt: Im nächsten Jahr geben die wirtschaftlich starken USA den Ton an. Aber auch Schwellenländer bieten Chancen für Anleger, die dem Niedrigzins-Umfeld zu Hause entfliehen wollen 1 Die Welt wächst uneinheitlich Während die US-Wirtschaft nach unserer Einschätzung noch deutlich stärker zulegen könnte als schon 2014, rechnen wir für die Eurozone nur noch mit einem Miniwachstum. Auch in Deutschland deuten wichtige Stimmungsindikatoren wie der ifo-geschäftsindex trotz der jüngsten Aufhellung insgesamt auf ein schwächeres Jahr 2015 hin: Mehr als 0,8 Prozent dürfte die Wirtschaft nicht zulegen. Neben dem schwierigen Umfeld in der Eurozone könnte es erneut zu geopolitischen Verwerfungen kommen. Ein Lichtblick ist der wiedererstarkende deutsche Konsum. Chinas Wirtschaft befindet sich weiter im Umbruch hin zu einer moderateren, stärker auf Binnenkonsum und Nachhaltigkeit ausgerichteten Wirtschaftspolitik dürfte China daher weniger stark wachsen als die Jahre zuvor wenn auch nach wie vor auf einem vergleichs - weise hohen Niveau. Wirtschaftswachstum im Vergleich in Prozent 2014 erwartet 2015 erwartet QUELLE: DEUTSCHE BANK GLOBAL MARKETS, STAND: ,3 7,0 5,5 6,5 Anlageexperte Ulrich Stephan ist optimistisch: Ende 2015 sehen wir den DAX bei Punkten. Grund dafür ist neben dem Wachstum der Weltwirtschaft der weiter sinkende Kurs des Euro gegenüber dem Dollar 3,6 3,1 2,3 3,5 0,8 0,7 1,4 0,8 0,5 1,4 Welt USA Euroland Deutschland Japan China Indien

7 Deutsche Bank_results Research_Ausblick für das Jahr Das Ende der Nullzinspolitik Geldpolitisch wird 2015 aller Voraussicht nach das Jahr der zwei Wege werden: Während die englische und die US-Notenbank aufgrund positiver Konjunkturtrends in ihren Ländern bereits im Sommer beziehungsweise Herbst möglicherweise die Leitzinsen anheben dürften, könnten in Japan und der Eurozone weitere unkonventionelle Maß nahmen zur Ausweitung der Geld politik eingeleitet werden etwa durch den Ankauf von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank (EZB). Ob die EZB damit ihr Ziel erreichen wird, die Konjunkturflaute in der Euro zone zu beenden, bleibt abzuwarten. 2,00 1,50 1,00 0, Wechselkurs Euro/Dollar QUELLE: DEUTSCHE BANK Der US-Dollar wertet weiter auf Bereits im abgelaufenen Jahr hatte der US- Dollar gegenüber den wichtigen Währungen weltweit zum Teil deutlich aufgewertet. Diese Tendenz sollte sich 2015 unvermindert fortsetzen, auch weil durch die zunehmende Zinsdifferenz zwischen den USA und der Eurozone beziehungsweise Japan vermehrt Kapital in US-Renten und -Aktien fließen dürfte. Während diese Entwicklung die Eurozone und Japan in ihren Inflationsbemühungen unterstützt und die USA aufgrund ihrer starken Binnenorientierung nicht schädigt, dürfte der zumeist in Dollar notierte Rohstoffmarkt durch eine starke US-Währung 2015 weiter unter Preisdruck bleiben. 4 Steigende Zinsen bei Staatsanleihen Die vermeintlich positive Nachricht für Rentenanleger 2015 lautet: Die Zinsen für Staatsanleihen guter Bonität könnten leicht steigen. Allerdings: Selbst wenn dies eintritt, dürften sie nach wie vor sehr niedrig bleiben. Neben Bundesanleihen trifft das in erster Linie auf Papiere der Peripherieländer zu. Zudem ist jederzeit mit Schwankungen zu rechnen. Im Vergleich zu Europa bieten US-Staatsanleihen etwas höhere Renditen. Dies führt zur Nachfrage nach US-Staatsanleihen aus Niedrigzinsregionen wie Europa oder Japan. Daher dürfte auch der Zinsanstieg in den USA trotz starker Konjunkturdynamik moderat ausfallen. Mehr Rendite? Vielleicht im Ausland FOTOS: MARIO ANDREYA

8 8 Research_Ausblick 2015 Deutsche Bank_results Zur Person Ulrich Stephan (49) ist als Chef-Anlagestratege für 28 Millionen Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank tätig. Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler studierte an der Universität Köln und dem MIT in Boston/USA und beschäftigt sich seit fast zwei Jahrzehnten mit dem Vermögensmanagement. Sein täglicher Newsletter Perspektiven am Morgen kann kostenlos abonniert werden: 5 Schwellenländer werden interessant Auf der Suche nach interessanten Renditen am Anleihenmarkt müssen Anleger im neuen Jahr eine entsprechende Risikobereitschaft mitbringen. Fündig werden sie fast nur noch bei Schwellenländer- Anleihen in lokaler Währung. Dabei sollte auf eine ausreichende Diversifizierung geachtet werden, etwa indem bonitätsschwache Länder wie Brasilien und die Türkei und stärkere Länder wie Malaysia und Polen gleichermaßen berücksichtigt werden. 6 Immobilien bleiben interessant Mit Blick auf ein adäquates Rendite-Risiko- Verhältnis bleiben Immobilien für Anleger im neuen Jahr eine interessante Anlageklasse auch weil mögliche Alternativen im Rentenbereich aufgrund der nach wie vor vergleichsweise niedrigen Kapitalmarktzinsen kaum zu finden sind. Im Mittelpunkt stehen erstklassige Büro- und Einzelhandelsimmobilien in den Metropolen der USA, aber auch an ausgewählten Standorten in Europa und Asien. Auch in Deutschland sind Immobilien interessant. Eine gute Binnenkonjunktur sowie ein robuster Arbeitsmarkt sollten den Immobiliensektor stützen. Transaktionsvolumen Gewerbeimmobilien in den USA in Mrd. Dollar QUELLE: DEUTSCHE ASSET & WEALTH MANAGEMENT, STAND: FEBRUAR Volatile Aktienmärkte in Europa und USA Die Schwankungsbreite an den internationalen Aktienmärkten hat zuletzt wieder zugenommen ein Trend, an den sich Anleger 2015 vermutlich weiter gewöhnen müssen. In Europa zum Beispiel befinden sich die Aktienmärkte im Spannungsfeld zwischen zuletzt guten Zahlen zum Gewinnwachstum der Unter nehmen und vergleichsweise günstigen Aktienbewertungen sowie einem schwachen Euro auf der einen Seite und Unsicherheiten in Bezug auf die Ukraine oder das europäische Wirtschaftswachstum auf der anderen Seite. Für den US-Aktienmarkt schätzen wir die Lage stabiler ein. Hier könnten 2015 vor allen Dingen der zunehmende Konsumhunger und die starke US-Konjunktur für vergleichsweise Ruhe sorgen.

9 Deutsche Bank_results Research_Ausblick China, Indien & Co. im Aufwind China hat es vorgemacht, nun ziehen andere asiatische Schwellenländer nach: Sie reformieren ihre Wirtschaft. In China betrifft das neben vielen kleineren Reformen auch die Öffnung des Aktienhandels für auslän dische Investoren. Die neugewählten Regierungen in Indien und Indonesien streben ebenfalls eine Liberalisierung ihrer Märkte an: In Delhi setzt man dafür auf die Lockerung von Investitionsvorschriften und eine unterstützende Geldpolitik, während Jakarta zunächst die traditionell hohen Subventionen für Kraftstoffe angeht. Sollten diese langfristig angelegten Umbaumaßnahmen wie bisher vorangetrieben werden, könnten sie sich weiterhin positiv auf die jeweiligen Aktienmärkte auswirken. 9 Alte Risiken bleiben, neue kommen hinzu Die hohe Schwankungsbreite der Aktienmärkte sowie die Auswirkungen geopolitischer Spannungen in der Ukraine oder dem Nahen Osten werden Anleger im kommenden Jahr vermutlich weiter begleiten. Neue Herausforderungen ergeben sich zum Beispiel durch eine mögliche Ausweitung der Ebola- Epidemie. Auch die zunehmende Stärke des US-Dollars könnte zum Risiko werden: Aber nur, wenn Euro und Yen zum Dollar deutlich zu stark und zu schnell abwerten und die US-Politik auf den Plan rufen. 10 Das Portfolio macht den Unterschied aus Aufgrund der vielen potenziellen Einflussfaktoren sollten Anleger die Märkte im Jahr 2015 stets sehr genau im Blick behalten. Um nicht von plötzlichen Entwicklungen überrascht zu werden, empfiehlt sich von vornherein eine breit angelegte Mischung im Depot. Das betrifft nicht nur die Diversifikation über Anlage klassen wie Aktien und Renten, sondern auch die Einbeziehung regionaler Vielfalt und unterschiedlicher Währungsräume. Anleger, denen reine Aktieninvestments zu riskant erscheinen, könnten in über alle Anlageklassen streuenden Multi-Asset-Fonds interessante Anlagealternativen finden. FOTO: MARIO ANDREYA Ulrich Stephan rät zu Diversifikation: Die wenigen Perlen sind immer schwerer zu finden. Es ist wichtig, Anlagen breit zu streuen und die Märkte im Jahr 2015 genau im Blick zu behalten

10 10 Management_Energieautonomie Deutsche Bank_results

11 Deutsche Bank_results Management_Energieautonomie 11 Aus eigener Kraft Mit eigenen Kraftwerken wappnen sich Unternehmen gegen steigende Energiepreise. Zwar hat die Bundesregierung im Zuge der EEG-Novelle jüngst die Bedingungen für industrielle Selbstversorger verschlechtert. Dennoch können Investitionen weiterhin lohnenswert sein auch dank staatlicher Förderungen FOTO: SHUTTERSTOCK Der Rohstoff wurde schlicht verkannt. Über Jahre fackelte der schwäbische Lebensmittelhersteller Hengstenberg die Faulgase aus der werkseigenen Kläranlage am Standort Fritzlar einfach ab. Bis zu zwei Meter Höhe erreichte die Flamme regelmäßig. Doch in diesem Sommer wurde sie gelöscht. Ende Juli nahm der Familienbetrieb ein Blockheizkraftwerk in Betrieb, das bei der Gasverbrennung nun Strom für die Produktion und Wärme für die Wasseraufbereitung in den Faultürmen liefert. Gurken, Essig, passierte Tomaten, in Gläsern oder Dosen, das sind Spezialitäten von Hengstenberg. Im hessischen Fritzlar betreibt das Unternehmen eine der größten Sauerkrautfabriken weltweit. Benötigt wird die Energie des neuen Kraftwerks vor allem zur Erntezeit. Wir sind ein Saisonbetrieb, sagt Fertigungsleiter Anton Baur. Sechs Monate pro Jahr sei die Anlage am Netz und mache sich dennoch bezahlt. Strom wird immer teurer, wir wollen von den Preisschwankungen unabhängiger werden. Die Energiewende zwingt die Wirtschaft zum Umdenken. Angesichts der seit Jahren stark steigenden Energiekosten produziert eine wachsende Zahl von Firmen ihren Strom lieber in Eigenregie. Seit einigen Jahren steigt die Anzahl der Unternehmen mit Eigenerzeugung wieder an, stellte der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) im März in einer Studie fest. Danach versorgen sich in Deutschland rund Unternehmen schon selbst im Einsatz sind überwiegend Anlagen mit Kraft-Wärme-Kopplung (KWK). Und noch einmal Betriebe bereiten den Einstieg vor. Speziell der industrielle Mittelstand hat den notwendigen Wärme- und Strombedarf für einen sinnvollen Einsatz von Kraft-Wärme-Kopplung und plant erhebliche Investitionen. Mit der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) verschlechterte die Bundesregierung zwar jüngst die Bedingungen für die Selbstversorger für neue Anlagen muss seit August ein Teil der EEG-Umlage gezahlt werden. Es ist ein Rückschlag für den industriellen Mittelstand, weil es nun länger dauert, bis sich solche Projekte amortisieren, sagt Peter Hintz, Greentech-Experte der Deutschen Bank. Er glaubt jedoch, dass Unternehmen mit hohem Wärme- und Strombedarf dennoch gut beraten sind, Investitionen in die eigene Erzeugung zu prüfen. Energiepreise und auch die Belastung durch Abgaben werden mittel- und langfristig voraussichtlich weiter steigen. Über die EEG-Umlage wird in Deutschland der Ausbau der erneuerbaren Stromerzeuger finanziert. Sie ist zuletzt stark gestiegen und beträgt aktuell 6,24 Cent pro Kilowattstunde, ab 2015 sinkt sie erstmalig, jedoch nur marginal, auf 6,17 Cent pro Kilowattstunde. So wird die Differenz zwischen der vom Staat festgelegten Vergütung für regenerative Energiequellen und den tatsächlichen Erlösen aus dem Verkauf von Ökostrom ausgeglichen. Bislang musste die Umlage nicht für selbsterzeugten Strom gezahlt werden ein zusätzlicher Thesen Kosten: Die Energiewende treibt die Preise für Strom und Wärme weiter in die Höhe. Sicherheit: Durch eigene Erzeugung machen sich Unternehmen unabhängiger. Doch ob der Einstieg lohnt, hängt von der Energiebilanz ab. Sauberkeit: Wer investiert, verbessert oft zugleich die Effizienz und entlastet damit auch die Umwelt.

12 12 Management_Energieautonomie Deutsche Bank_results Hengstenberg: Neue Stromquelle Der schwäbische Lebensmittelhersteller nutzt Faulgase aus der eigenen Kläranlage, die lange nicht verwertet wurden. Heute befeuern sie ein Blockheizkraftwerk, das Strom und Wärme für die Produktion liefert. Am 31. Juli 2014 ging die Anlage in Betrieb einen Tag später, und das Unternehmen wäre anteilig mit der EEG-Umlage belastet worden. Aktuell baut man ein System für das Energiemonitoring auf, um weiteres Effizienzpotenzial zu erschließen. Bei Hengstenberg ist das ein fortlaufender Prozess. SHW: Breit gefächerter Energiemix Der international führende Hersteller von Werkzeugmaschinen für das Bohren und Fräsen deckt 85 Prozent des Strombedarfs über eigene Anlagen zur Stromerzeugung ab ging ein Blockheizkraftwerk in Betrieb. Neben Gas kann das Aalener Unternehmen auch Öl und Pellets zur Energieerzeugung nutzen so federt Geschäftsführer Christian Hühn Engpässe bei einem fossilen Rohstoff ab. Zudem hat SHW Solaranlagen auf dem Werksgelände installiert, die zusätzlichen Strom liefern. FOTOS: ALEXANDER FISCHER FOTO: SHW Anreiz für den Bau von Kraftwerken auf dem Betriebsgelände. Damit ist es nun zumindest teilweise vorbei. Für alle Anlagen, die seit dem 1. August in Betrieb genommen wurden, sind zunächst 30 Prozent der Umlage fällig, ab 2016 erhöht sich die Abgabe auf 35 Prozent, ab 2017 gar auf 40 Prozent der EEG- Umlage. Scharfsinnige Unternehmer werden sich jedoch durch die Einführung der neuen Abgabe auf den Eigenstrom nicht lange schrecken lassen, so Hintz. Im Gegenteil, dem enormen Nachfrageboom nach KWK-Anlagen vor August dürfte sich eine Phase deutlich abgekühlter Nachfrage anschließen. So wäre es gar nicht verwunderlich, wenn sich 2015 durch niedrige Kapazitätsauslastung des einen oder anderen Anlagenherstellers so manches Schnäppchenangebot für unverdrossene, darauf vorbereitete Investoren böte. Beim Nahrungsmittelhersteller Hengstenberg mit seinen 500 Beschäftigten startete der Betrieb des Blockheizkraftwerks am 31. Juli. Das war auf den letzten Drücker, sagt Fertigungsleiter Baur. Doch selbst bei einer Belastung mit der EEG-Umlage wäre das Projekt noch sinnvoll gewesen. In Energie zu investieren rechnet sich nicht in zwei oder drei Jahren, sagt Baur. Wir denken langfristig und wollen unabhängiger werden auch von fossilen Brennstoffen. Das rund Euro teure Kraftwerk finanzierte Hengstenberg komplett über ein zinsgünstiges Darlehen aus dem Energieeffizienz-Programm der staatlichen Förderbank

13 Deutsche Bank_results Management_Energieautonomie 13 Firmenkraftwerke stützen Energiewende KfW. So ließ Hengstenberg vor zwei Jahren an einem weiteren Produktionsstandort in Bad Friedrichshall einen Abgaswärmetauscher einbauen. Das spart 20 Prozent bei Brennstoffen ein, sagt Baur. Künftig will das Unternehmen nach weiteren Möglichkeiten für Effizienz und die Nutzung eigener Kapazitäten forschen. Wir sind dabei, ein Energiemanagement aufzubauen. Der hohe Einsatz ist nötig. Das EEG hat einen Kostenberg geschaffen, der auf die Wettbewerbs- und Leistungsfähigkeit der Unternehmen in Deutschland drückt, heißt es im DIHK-Papier. Betroffen ist insbesondere der Mittelstand. Besserung sei nicht zu erwarten, glaubt Deutsche Bank Experte Hintz. Dass die Politik den Mittelstand künftig schont, ist illusorisch. Die Energiekosten werden in Zukunft für kleine und mittelständische Unternehmen in Deutschland tendenziell noch weiter an Bedeutung gewinnen, mit entsprechenden Konsequenzen für die Wettbewerbsfähigkeit. Wer nicht darauf setze, dass Deutschland aus der Energiewende aussteigt, der komme gar nicht umhin, sich strategisch auf die Konsequenzen der Energiewende einzustellen, so Hintz. Und richtig, das ist eine kontinuierliche Aufgabe. Denn wenn wir eines gelernt haben aus der Energie politik der letzten fünf bis zehn Jahre: Wir können uns nicht darauf verlassen, dass Politik morgen noch das tut, was sie heute als sinnvoll und nötig deklariert. Im Gegenzug unterstützt die Bundesregierung den Aufbau eigener Erzeugungsanlagen. So gewährt die KfW über das Programm Erneuerbare Energien zinsgünstige Darlehen für Unternehmen, die sich über regenerative Quellen wie Solar, Wind oder Biomasse selbst versorgen. Nach dem gleichen Prinzip funktioniert das Energieeffizienz- Programm der KfW, das Anreize für Kraft-Wärme- Kopplung- oder Blockheizkraftwerke setzt. Zusätzlich gibt es weitere Förderangebote von Bund und Ländern, die auf diese Themen einzahlen, sagt Sabine Tieves, Leiterin für Öffentliche Fördermittel bei der Deutschen Bank. Vor dem Start Bereitschaft steigt Zwei Umfragen zwischen Oktober 2012 und Juni 2013 zeigen einen starken Anstieg der Bereitschaft zur Eigen erzeugung. Fast jedes zweite Unternehmen hat bereits Kraftwerke, baut daran oder plant den Bau. Aufbau eigener konventioneller Energieversorgungskapazitäten % 4% 8 % % 4% 8 % Aufbau eigener erneuerbarer Energieversorgungskapazitäten % 8 % 13 % % 5 % 13 % realisiert laufend geplant DIHK/VEA 2014, UMFRAGE UNTER MEHR ALS 2000 DEUTSCHEN UNTERNEHMEN eines Projekts sei es wichtig, den Status quo im Betrieb genau zu ermitteln und bei Bedarf einen Energieberater dazuzuholen. Jedes Unternehmen muss seine Energiebilanz prüfen, sagt Tieves. Ob eine Investition sich rechnet, hängt immer vom Einzelfall ab. Zusammenarbeit mit Stadtwerken Möglich sind auch direkte Zuschüsse. Beim größten europäischen Textillohnveredler Lindenfarb trägt ein staatlicher Bonus spürbar dazu bei, dass sich die eigene Energieerzeugung rascher lohnt. Diesen April ging dort ein neues Blockheizkraftwerk in Betrieb. Bis 2018 gibt es jeden Monat einen festen Förderbetrag der sich auf 1,6 bis 1,7 Millionen Euro addieren wird. Das funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie früher die Eigenheimzulage, erläutert Ronald Eiser, Leiter Umwelt/Energie bei Lindenfarb. Jedoch habe das Unternehmen mit Sitz in Aalen nachweisen müssen, dass die Anlage hocheffizient arbeitet so verlangt es das KWK-Gesetz. Das gelingt bei Lindenfarb dank eines Wirkungsgrads von über 85 Prozent. Das Kraftwerk bei dem Familienbetrieb mit 400 Beschäftigten ist an das Stromnetz angeschlossen, um Überschüsse einspeisen zu können. Dafür beziehen wir in Phasen mit hohem Bedarf wiederum Energie, sagt Eiser. Mittelfristig könnten Kraftwerke von Unternehmen so einen Beitrag dazu leisten, die Energiewende zum Erfolg zu führen. Sie sind in der Lage, Schwankungen auszugleichen, die es bei der Erzeugung mit Windrädern oder Solaranlagen gibt. Die Investition in Höhe von vier Millionen Euro hat Lindenfarb gemeinsam mit den örtlichen Stadtwerken gestemmt. Die Margen sind in unserer Branche nicht so üppig. Wir hätten das allein nicht tragen können, sagt Eiser. Betreiber des Blockheizkraftwerks, das auch Dampf liefert, um etwa in der Färberei Wasser zu erwärmen, ist eine eigene Gesellschaft. Lindenfarb hält knapp 25 Prozent der Anteile und pachtet die Anlage. Die Kapazität ist mit 19,9 Megawatt etwas niedriger als bei der Vorgängervariante, die in den neunziger Jahren gebaut worden war. Es war uns wichtig, unter 20 Megawatt zu

14 14 Management_Energieautonomie Deutsche Bank_results Lindenfarb: Investition trotz Risiko Bei der Nummer 1 der Textillohnveredler in Europa hilft ein staatlicher Bonus: Das im Frühjahr dieses Jahres fertiggestellte Blockheizkraftwerk wird bis 2018 mit insgesamt 1,6 bis 1,7 Millionen Euro gefördert. Dafür musste das Aalener Unternehmen höchste Effizienz nachweisen, sagt Ronald Eiser, Leiter Umwelt/Energie. Der Wirkungsgrad von über 85 Prozent überzeugte. FOTOS: LINDENFARB bleiben, um wieder aus dem Emissionshandel herauszukommen, sagt Eiser. Denn der gilt ab dieser Leistung. Kosten senken und die Umwelt schützen beide Ziele hat Lindenfarb im Blick. Mit Investitionen in die Effizienz beispielsweise von Maschinen hat das Unternehmen den Bedarf an Primärenergie binnen zehn Jahren um 30 Prozent gedrückt und sich damit gegen unsichere Rahmenbedingungen gewappnet. Die Energiepolitik ist nicht berechenbar, sagt Eiser, der lange in einem Ausschuss des Bundesverbands der Deutschen Industrie zum Thema Energie- und Klimapolitik aktiv war. Selbst nach der jüngsten Belastung von neuen Kraftwerken mit der EEG-Umlage ist er sicher: Investitionen von Unternehmen werden sich weiter rentieren. Kritisch steht Christian Hühn, kaufmännischer Geschäftsführer beim ebenfalls in Aalen ansässigen Werkzeugmaschinenhersteller SHW, der EEG- Reform gegenüber. Die Umlage sei Willkür, sagt er. Das Unternehmen hält trotzdem an seinem Leitbild in Energiefragen fest: Wir wollen die Abhängigkeit von einem Energieträger vermeiden, erläutert Hühn. 300 Mitarbeiter hat das Unternehmen bei einem Jahresumsatz von 65 bis 70 Millionen Euro bei Werkzeugmaschinen für das Bohren und Fräsen sei man weltweit führend, so Hühn. Rund eine Viertelmillion Euro hat SHW in ein Blockheizkraftwerk investiert und kam dabei dank hoher Finanzkraft ohne zinsgünstige Förderkredite aus. Wir haben bar bezahlt, Klimafreundlich Fast sechzig Prozent des Stroms aus Eigenerzeugung wird in Kraft-Wärme- Kopplung-Anlagen erzeugt und ist damit wegen des höheren Wirkungsgrades deutlich klimafreundlicher als Strom aus dem öffentlichen Netz. Bei den Energieträgern liegt Erdgas vorn. 10 % 15 % 1 % 8 % 3 % Anlagen mit mehr als 1 Megawatt Erdgase Steinkohle raffinierte Mineralöle erneuerbare Energien sonstige Energien Braunkohle QUELLE: DIHK/VEA 2014, STAND % so Hühn. Die Anlage liefert Strom und Wärme zum Heizen der Produktionshallen mit einem Wirkungsgrad, den Hühn auf 98 Prozent veranschlagt. Der Betrieb des Kraftwerks ist mit verschiedenen Rohstoffen möglich. Selbst wenn Gas knapp oder teurer werden sollte, haben wir immer noch Liter Öl und können das gesamte Gebäude auch mit Pellets heizen, sagt Hühn. Parallel hat das Unternehmen Fotovoltaikanlagen mit einer Leistung von einem Megawatt errichtet mit der üblichen staatlichen Förderung. Bis zu Kilowattstunden Strom liefert das Blockheizkraftwerk pro Jahr. Der Bedarf von 2,1 Millionen Kilowattstunden wird auch dank Fotovoltaik zu 85 Prozent selbst erzeugt. Den Schlingerkurs der Regierung bei Abgaben und Steuern im Zuge der Energiewende verfolgt Hühn mit Skepsis. Dabei hat er nicht nur betriebseigene Interessen, sondern die Lage der gesamten Industrie im Blick und warnt vor weiteren Belastungen: Energiekosten sind in Deutschland schon jetzt zum Standortnachteil geworden. THOMAS MERSCH WEITERE INFORMATIONEN Kontakt: Expertenteam Greentech. Peter Hintz, Felix Holz, Web: Infos zu Fördermitteln unter oeffentliche-foerdermittel

15 Deutsche Bank_results Management_Literatur 15 Einkauf ohne Grenzen Sourcing muss nicht länger Chefsache sein. Ein erfahrener Logistiker gibt Ratschläge für globale Strategien Es ist mehr als nur ein Vorurteil: Familienunternehmen richten ihre Sourcingstrategie auf die sie umgebenden Märkte aus. 80 Prozent der Mittelständler, so eine Untersuchung, konzentrieren ihre Einkäufe sogar ausschließlich auf den eigenen Postleitzahlenbereich. Doch diese Wirklichkeit ist im Wandel. Die Globalisierung mit ihrem wachsenden Konkurrenz- und Kostendruck fordert auch für regional verwurzelte Unternehmen ein Umdenken. Welche Chancen und Risiken dieses Global Sourcing birgt, hat der deutsch-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und Logistikexperte Markus Diederichs untersucht. In einem wissenschaftlich fundierten Buch zum Thema liefert er zahlreiche Strategien, damit auch kleinere Unternehmen die Vorteile des weltweiten Einkaufs nutzen können. Diederichs rät nicht zu Hals-über-Kopf-Aktionen. Nicht nur sei eine vorzeitige Potenzialanalyse hinsichtlich der eigenen Kapazitäten und Anforderungen für eine globale Beschaffung unabdingbar, es müsse auch das Verständnis erworben werden, dass die Chancen und Risiken des Global Sourcing von mittelständischen Unternehmen anders angegangen werden müssen als von großen Konzernen. Gerade einmal jedes zwölfte mittelständische Unternehmen betreibt laut Diederichs zurzeit Global Sourcing. Und das, obwohl gerade Mittelständler immer wieder nach kostensenkenden Strategien im Einkauf Ausschau hielten. Oft fehle den Unternehmen eine eigene Beschaffungsabteilung, die eine systemische Marktforschung im internationalen Rahmen vorantreiben könne. Markus Diederichs rät dazu, Organisation, Kommunikation und Mitarbeiter auf die Herausforderungen einer globalen Beschaffungsstrategie frühzeitig vorzubereiten. Nur so könne Global Sourcing wirklich gelingen. Ein Strategiewechsel, der im besten Fall Kosten-, Synergieund Technologiepotenziale freisetzt. Markus Diederichs: Global Sourcing. Igel, ISBN , 124 Seiten, 44,99 Euro Neu erschienen Daniela Jäkel-Wurzer u. a.: Töchter in Familienunternehmen Dieses erste Werk zur erfolgreichen Unternehmensnachfolge durch Töchter bietet nicht nur 28 mutmachende Porträts von Unter - nehmensnachfolgerinnen, es gibt auch praktische Tipps für den anstehenden female turn im Mittelstand. Denn, so die Autorinnen, Töchternachfolge sei etwas Besonderes. Sie könne ganze Unternehmenskulturen zum Positiven verändern. Springer Gabler, ISBN , 180 Seiten, 39,99 Euro Hermut Kormann: Die Arbeit der Beiräte in Familienunternehmen Beiräte unterliegen keiner Normierung. Statt einen unverrückbaren Ratgeber für die Beiratsarbeit zu verfassen, gibt der Autor lieber zwanzig praxisnahe Wegleitungen an die Hand. Er liefert einen verständlichen Abriss über das gesamte Spektrum der Beiratsarbeit vom theoretischen Überbau bis hin zum konkreten Ablauf einzelner Sitzungen. Springer Gabler, ISBN , 198 Seiten, 44,99 Euro FOTOS: OLIVER TJADEN/LAIF, PR (4) Rotterdams Hafen ist eine Drehscheibe des internationalen Sourcings auch für Mittelständler Thomas Funke (Hg.): Abseits von Silicon Valley Mit der Wirtschaft ist es wie mit der Natur: Jedes Wachstum braucht ein passendes Ökosystem. Das Rationalisierungs- und Innovationszentrum der Deutschen Wirtschaft hat sich in seiner Reihe Mittelstand im Fokus ausgiebig mit dem guten Unternehmensstandort auseinandergesetzt. Was braucht es für ein gutes ökonomisches Ökosystem? Wo finden sich in Deutschland und international erfolgversprechende Musterbeispiele? Frankfurter Allgemeine Buch, ISBN , 267 Seiten, 29,90 Euro

16 16 Finanzierung_Auslandswachstum Deutsche Bank_results Firma mit Fernweh Zu klein für den Weltmarkt? Das gibt es fast nicht mehr. Deutsche Familienunternehmen sind global erfolgreich ganz unabhängig von ihrer Größe. Doch dafür müssen sie Herausforderungen bei der Finanzierung überwinden

17 Deutsche Bank_results Finanzierung_Auslandswachstum 17 Thesen Präsenz: Die Nähe zu Märkten und Kunden ist bei deutschen Mittelständlern entscheidend für den Erfolg. Auch kleinere Unternehmen brauchen deshalb eine Strategie für den Gang ins Ausland. Hindernisse: Jedes Land stellt Unternehmen vor andere Besonderheiten, doch viele Probleme müssen grundsätzlich angegangen werden, etwa das Ausbalancieren der Kräfte zwischen deutscher Zentrale und Auslandstochter oder die Steuerung der Zahlungsströme. Berater: Viele typische Fehler lassen sich durch rechtzeitige Planung vermeiden. Drei Berater sind deshalb beim Gang ins Ausland Pflicht: der Rechtsanwalt, der Steuerberater und die Bank. ILLUSTRATIONEN: PICFOUR, SHUTTERSTOCK Eigentlich kennt man das nur aus dem Agentenfilm. Politiker oder Konzernchefs fahren in abgedunkelten Limousinen vor, das Ziel: eine Konferenz in einem abhörsicheren Raum, damit die Gegner nicht mithören. Realität ist: Es gibt tatsächlich Unternehmen, die derartige Abschirmungen entwickeln. Etwa Albatross Projects im schwäbischen Nattheim. Albatross baut nicht nur abhörsichere Räume, sondern schirmt Mensch und Umwelt überall dort vor Strahlung ab, wo Strahlung entsteht vom Mobiltelefon bis zum Kernspintomografen. Die Strahlenschützer von Albatross kümmern sich um die auch gesetzlich geforderte elektromagnetische Verträglichkeit das Handy soll nicht die Sitzheizung starten, das Abstands radar des nachfolgenden Fahrzeugs nicht den Airbag auslösen. Nix rein, nix raus, nennt das Firmenchef Timo Greiner auf gut Schwäbisch. Der Markt ist speziell und überschaubar, doch Albatross Projects, zur Jahrtausendwende aus einem Siemens-Management-Buy-out entstanden, ist in seiner Hightech-Nische als deutscher Qualitätsanbieter munter gewachsen. Heute macht das Unternehmen global mit 170 Mitarbeitern rund 35 Millionen Euro Umsatz, der Auslandsanteil liegt bei 80 Prozent. Albatross gehört damit zur Top 3 der Branche weltweit. 35 Millionen Euro? Kann man da schon in ferne Märkte gehen? Man kann. Und zwar so: Greiner, einer der Firmengründer, erkennt von Anfang an, dass er in einem so kleinen Markt nur bestehen kann, wenn er seinen Strahlenschutzservice auf der ganzen Welt verkauft. Video

18 18 Finanzierung_Auslandswachstum Deutsche Bank_results Albatross Projects: Strahlenschutz Einen Auslandsumsatz von 80 Prozent traut man eher größeren Unternehmen zu. Doch der schwäbische Ingenieurs-Mittelständler spielt in seinem Marktsegment weltweit ganz vorn mit. Albatross schützt Mensch und Umwelt vor technisch erzeugten elektromagnetischen Strahlen und ist damit weltweit mächtig erfolgreich. In China und den USA läuft längst eine eigene Produktion, ergänzt durch ein Netz weltweiter Verkaufsniederlassungen. Oberste Regel des Chefs Timo Greiner für Erfolg im Ausland: nur mit Einheimischen arbeiten. 47 % der befragten Unternehmen wollen mit dem Gang ins Ausland für mehr Kundennähe sorgen QUELLE: IFM BONN 2012 FOTOS: TOM ZIORA, ALBATROSS Keine zwei Jahre nach dem MBO baut er einen Vertrieb in China auf, fünf Jahre später eine eigene Produktion für den chinesischen Markt. Es sollte sich lohnen. Heute ist Albatross Projects Marktführer in China. Vertrieb und Produktion in den USA folgen. Die Schwaben verkaufen weltweit, mit eigenen Niederlassungen oder Vertriebspartnern vor Ort. So ist das mittelständische deutsche Unternehmen in vielen Ländern schnell beim Kunden, und das ist neben der Qualität entscheidend, sagt Greiner. Doch wie zieht man etwa in China mit begrenzten Mitteln ein Geschäft auf? Und vor allem: mit wem? Null Deutsche vor Ort, heißt Greiners Strategie, nicht in China, nicht in Indien, nicht in den USA. Rund 70 ausschließlich chinesische Mitarbeiter hat Albatross für Produktion und Vertrieb in Schanghai. Es muss uns gelingen, gute Einheimische zu gewinnen, sagt er, der in den chinesischen Aufbaujahren fast jeden Monat vor Ort war. Heißt es nicht, chinesische Mitarbeiter seien untreu? Greiner lacht. Bei ihm liege die Fluktuation praktisch bei null. Häufigen Mitarbeiterwechsel sieht er auch in China als Zeichen schlechter Führung. Sein Rat: Besucht euch häufig! Denn um eine Strategie durchzusprechen, reiche keine Telefonkonferenz. Doch warum sollte man sich das alles antun? Was treibt und motiviert Unternehmen überhaupt zu solchen Anstrengungen wie dem Aufbau eigener Tochtergesellschaften fern der Heimat? Absicherung vor schwankenden Wechselkursen, kürzere Lieferzeiten und günstigere Produktionskosten sind die meistgenannten Argumente. Aber auch: Risikostreuung über viele verschiedene Märkte hinweg. Das sagt zum Beispiel Steffen Schaaf, Vertriebsleiter Export der SOMMER Antriebs- und Funktechnik aus Kirchheim unter Teck südlich von Stuttgart. Das 1980 gegründete Unternehmen entwickelt und baut mit rund 400 Mitarbeitern weltweit höchst erfolgreich Antriebe und Steuerungen für Garagentore, Rollläden, Markisen, Industrietore oder Schranken. Des Weiteren werden über die internationalen Tochterunternehmen Groke und Doco hochwertige Aluminiumhaustüren hergestellt, und es wird mit Hardware für Garagentore gehandelt. SOMMER produziert mehrheitlich in Deutschland und ein wenig in China, der Exportanteil liegt wie bei Albatross bei rund 80 Prozent. In Deutschland produzieren und weltweit vor Ort verkaufen gehört heute zur DNA von SOMMER: All business is local, heißt es, und mit Vertriebsniederlassungen und Exklusivhändlern in über 20 Ländern ist SOMMER Antriebs- und Funktechnik inzwischen nah am lokalen Kunden. Die erste Auslandstochter startete das Familienunternehmen in Ungarn, wenige Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Die Internationalisierung war für uns ein eindeutiger Erfolgsfaktor, sagt Schaaf, denn wir können jetzt in jedem Markt schnell reagieren. Schaaf weiß um den Beratungsbedarf seiner Produkte, er weiß auch, dass schnelle Lieferfähigkeit und Service vor Ort entscheiden. In fast jedem Land arbeiten heimische Mitarbeiter mit eigenem Service und Auslieferungslager, bei Problemen hilft eine Technik-Hotline in Landessprache. Fachkräfte dringend gesucht Globalisierung, das bedeutet immer auch ein Ausbalancieren der Kräfte und Interessen zwischen den Kontrollwünschen der Zentrale in Deutschland und der um Eigenständigkeit bemühten Tochter vor Ort. Wer darf was und wann? Wer zahlt, schafft an, heißt es so schön, doch was bedeutet das für die Steuerung der weltweiten Finanzströme im Unternehmen? Bei SOMMER etwa hat jede Niederlassung ein eigenes Auslandskonto vor Ort, aber Finanzchef Marcus Rausch gibt keiner Tochter eine eigene Kre-

19 Deutsche Bank_results Finanzierung_Auslandswachstum 19 56,2 % der befragten Unternehmen sehen Korruption in Schwellenländern als Risiko an. Für Deutschland liegt der Wert immerhin noch bei 16,8 Prozent QUELLE: IFM BONN 2012 ditlinie. Die Finanzierung erfolgt über die Muttergesellschaft zentral. Die weltweite Liquidität steuert Rausch über die Verrechnungskonten. Und gut die Hälfte des Fremdwährungsvolumens sichert er ab. Im Grunde, so der SOMMER-Finanzchef, steuern wir unsere weltweiten Finanzen sehr klassisch. Klingt alles ganz einfach und selbstverständlich, doch das ist es nicht. Pleiten, Pech und Pannen warten beim Gang in fremde Märkte. Eine typische Fehleinschätzung etwa ist es zu glauben, dass qualifizierte Mitarbeiter so wie in Deutschland immer zu haben sind. Sind sie nicht. Wer etwa in den USA einen Schweißer oder Dreher sucht, sagt Hans Ackermann, Direktor bei der Deutschen Bank in New York City, tut sich schwer, ausgebildete Fachkräfte zu bekommen. Und wer in den US-Markt per Übernahme einsteigt und ein Unternehmen übernimmt, übernimmt oftmals eine recht muntere Gewerkschaft gleich mit. Zudem gibt es gerade in den USA einen ausgeprägten Minderheitenschutz. Einer schwarzen alleinstehenden Mutter Mitte 40 zu kündigen wird da nicht allzu einfach. Ungeduldig in fremde Märkte stürmen, sagt SOMMER-Exportchef Schaaf, ist ein Riesenfehler. Er selbst geht das grundsätzlich sehr vorsichtig an, checkt Kundenstrukturen und sucht als ersten Schritt einen selbständigen Vertreter als Anlaufpunkt in neuen Märkten. In den Vereinigten Arabischen Emiraten etwa müsse man supersensibel und superzuvorkommend sein, ein ganzes Jahr Funkstille sei mitunter auch normal. Und überall gilt: Fünf Jahre kann es dauern, bis sich eine neue Niederlassung trägt. Geduld im Ausland ist wirklich einer der wichtigsten Faktoren für Erfolg. Gute Führung aber auch, sagt Albatross-Chef Timo Greiner. Was das heißt? Lokale Verantwortung geben, Freiräume lassen, klare Regeln definieren, anständig bezahlen. Stimmungen wahrnehmen mit allen Antennen, empfiehlt der Albatross-Mitbegründer. Wir Deutschen glauben schnell, die anderen bremsen aus purem Trotz. Tatsächlich aber ticken die Menschen woanders einfach anders. Und: Wir sind hierzulande ziemlich nüchtern, kurz angebunden und faktenfokussiert. Doch die meisten Kulturen und Menschen weltweit sind beziehungsorientiert. Und in Deutschland könne man vielleicht mal im eigenen Laden rumbrüllen, in Asien würde man damit zwei Jahre zurückfallen, samt Kündigung des betroffenen Mitarbeiters. Klingt eigentlich alles sehr eingängig, doch gerade kulturelle Unterschiede würden noch immer massiv unterschätzt, weiß auch Arnd Weckes, leitender Mitarbeiter der Deutschen Bank in Singapur. Weckes, zuständig für Firmenkunden in 13 Ländern Südostasiens, muss viel reisen und kennt daher schon aus eigener Erfahrung die Riesenunterschiede zwischen den Ländern in diesem Wirtschaftsraum. Denn während innerhalb der EU alles schön definiert und vereinheitlicht ist bis zur gemeinsamen Währung, sei in Südostasien schon von Land zu Land alles anders, die Rechtslage oftmals unklar. Korruption ist in vielen Ländern ein Thema, das kommunistisch regierte Viet nam ist hochgradig reglementiert, Indien ziemlich büro kratisch. Und Gewinne aus den Philippinen holen? Das allein ist ein Thema nur für Experten. Kontrolle schützt vor Fehlern Viele Fehler deutscher Familienunternehmen im Ausland ließen sich vermeiden, sagt Kristina Koehler-Coluccia, Direktorin bei der auf mittelständische Auslandsinvestoren spezialisierten Unternehmensberatung Koehler Group in Schanghai. So würden deutsche Mittelständler etwa in China gern mal auf die hemdsärmlige Art Mitarbeiter einstellen, ohne zuvor ein Unternehmen vor Ort gegründet zu haben. Leider komplett illegal. Andere stellten einen Geld für Auslandstöchter Umbrella Facility beschafft grenzüberschreitend Liquidität Ein Problem beim Gang ins Ausland ist für viele Unternehmen die Finanzierung des Tochterunternehmens. Dabei hilft die Umbrella Facility, eine noch relativ neue Form eines global wirksamen Kreditvertrages, der von vielen Firmenkunden genutzt werden kann. Abgeschlossen wird er in Deutschland von der deutschen Muttergesellschaft, profitieren können zahlreiche Auslandstöchter weltweit. Es ist ein Kreditvertrag, der dem Unter nehmen mit all seinen Töchtern weltweite Finanzierung ermöglicht. Denn die Töchter können den großen Kreditschirm der Mutter mitbenutzen. So können sie in den meisten Ländern, in denen die Deutsche Bank präsent ist, direkt vor Ort Kredite im Rahmen des deutschen Umbrella- Vertrages ziehen. Damit profitieren die Landesgesellschaften vom günstigen Rating der starken deutschen Mutter und können sich so vergleichsweise unkompliziert in ihrem Markt finanzieren.

20 20 Finanzierung_Auslandswachstum Deutsche Bank_results SOMMER: Die Antriebsspezialisten Mit ihren Schließsystemen und Garagentorantrieben ist die SOMMER Antriebs- und Funktechnik weltweit erfolgreich. Die Internationalisierung gehört zur DNA des Unternehmens und war, so Exportleiter Steffen Schaaf, ein eindeutiger Erfolgsfaktor. Denn gerade bei beratungsintensiven Produkten müssen Menschen vor Ort in der jeweiligen Sprache präsent sein. So arbeiten in fast jedem Land Mitarbeiter mit eigenem Service und Lager, bei Problemen hilft eine Hotline in der Landessprache. Doch für SOMMER gibt es noch einen anderen Erfolgsfaktor im Ausland: Der heißt ganz einfach Geduld. FOTOS: SOMMER 72,4 % der befragten Unternehmen sehen in Deutschland administrative Hemmnisse als großes Problem. In Schwellenländern steht dagegen die unzureichende Rechtssicherheit auf Platz 1 QUELLE: IFM BONN 2012 chinesischen Geschäftsführer ein, den sie gerade mal acht Wochen kennen. Koehler-Coluccias Rat, und damit unterscheidet sie sich von Timo Greiners Führungsstil: eine deutsch-chinesische Doppelspitze. Und dann passieren auch nicht Fälle wie die mit der chinesischen Buchhalterin, die jahrelang gefälschte Kontoauszüge nach Deutschland schickte. Als die Deutschen endlich den geleerten Kassenstand bemerkten, war die Frau längst über alle Berge. Der Ruf der fernen Märkte, er klingt dennoch verlockend. Allein USA und Kanada kommen zusammen auf rund 350 Millionen potenzielle Käufer. Das ist vielversprechend, doch bei näherer Betrachtung zerbröseln viele Hoffnungen. So sind Qualität und Langlebigkeit für deutsche Unternehmen die USP schlechthin, für eher kurzfristig denkende Amerikaner kommt das bei der Kaufentscheidung weiter hinten. Die Dollarnation USA gilt als Weltfinanzzentrum, doch schon der Zahlungsverkehr läuft völlig anders: Rechnungen werden auch 2014 noch immer physisch per Scheck und Briefpost bezahlt. Lasst euch nicht blenden von einem scheinbar großen Markt, rät Ackermann von der Deutschen Bank in New York potenziellen Neuankömmlingen. Denn: Wer hier starten will, braucht einen langen Atem. Schon das Konto kann ein Problem sein Ein langer Atem ist auch für das Auslandsgeschäft von Sibylle Pessall entscheidend hatte die Finanzchefin der Kratzer Automation selbst einen Ableger im englischen Nottingham gestartet. Das 1980 vom Vater im Raum München gegründete Unternehmen bietet maßgeschneiderte prozessnahe Softwarelösungen und ist mit fast 300 Mitarbeitern schon so etwas wie ein Hidden Champion in der Softwarebranche. Gerade bekam das Unternehmen den Großen Preis des Mittelstands der Oskar-Patzelt-Stiftung verliehen. Kratzer Automation entwickelt die Programme für Motoren- und Komponenten-Prüfstände in den Entwicklungsabteilungen der Auto- und Zuliefererindustrie und schreibt sogenannte operative Transportmanagement-Systeme für Logistikkonzerne, mit deren Hilfe die gesamte Transportkette überwacht und berechnet werden kann. Wir folgen unseren Kunden weltweit, sagt Sibylle Pessall. Und das müssen sie auch. Denn die Kunden wollen keine Ansprechpartner im fernen Deutschland, sondern einheimische Ingenieure vor Ort. Produktentwicklung und Verwaltung erfolgen zentral aus Deutschland heraus, doch das Familienunternehmen hat bei 60 Millionen Euro Umsatz schon Auslandstöchter für Vertrieb und Service in Großbritannien, Frankreich, Tschechien und Schanghai. Wie also wählt man die ersten Schritte für einen nachhaltigen Erfolg im Ausland? Bei der Diplom- Mathematikerin und Kratzer-Automation-Finanzfrau Pessall gehören drei Dienstleister unbedingt in jedes Starterpaket: Steuerberater, Rechtsanwalt, Bank und alles vor Ort. Pessall weiß das aus eigener Erfahrung, passende Steuerberater in den jeweiligen Ländern musste sie lange suchen, passende lokale Banken auch. Denn was daheim als selbstverständlich

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