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1 Seite 1 von 5 «SIG sollte flexibler sein» Yves Kugelmann, 14. März 2014 Mit Shella Kertész, der Co Präsidentin der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich, sprach tachles über die Masseneinwanderungsinitiative und darüber, was die Gemeinde aktuell und in Zukunft beschäftigen wird. <strong>für Offenheit </strong>shella Kertész möchte die nicht jüdischen Partner besser integrieren TACHLES: Sie stammen aus Rumänien und sind in die Schweiz eingewandert. Was haben Sie nach dem «Ja» zur Masseneinwanderungsinitiative gedacht? SHELLA KERTÉSZ: Mir war schon im Vorfeld klar, dass es eng würde, aber ich dachte trotzdem, dass die Leute weitsichtiger wären. Die Einwanderer haben sich doch positiv für die Schweiz engagiert. Selbst werde ich in irgendeiner Form hier wohl immer eine Ausländerin bleiben, dafür sorgt der Akzent in meinem Deutsch. Diesen Akzent teilen Sie mit vielen Jüdinnen und Juden in der Schweiz, zu grossen Teilen eine Einwanderungsgemeinschaft. Und dennoch war die jüdische Stimme vor der Abstimmung nicht präsent. Ja, überhaupt nicht. Ich glaube, dass dies ein riesiges politisches Fiasko gewesen ist.

2 Seite 2 von 5 Hat sich die Israelitische Cultusgemeinde Zürich (ICZ) überlegt, gegen innen und aussen aufzuklären? Wir haben kurz darüber gesprochen, sind aber davon ausgegangen, dass dies nicht unsere Aufgabe ist. Wenn wir Empfehlungen geben, wird uns dies oft vorgeworfen. Aber im Nachhinein weiss jeder, wie der Krieg zu gewinnen ist. Das nächste Mal werden wir uns anders positionieren müssen, zumindest als Vorstands mitglieder unsere persönliche Meinung vertreten. Viele der Wähler wussten offenbar gar nicht genau, worum es ging. Deshalb hätte man doch innerhalb der Gemeinde und speziell auch bei Jugendlichen aufgeklären sollen Ja, absolut. Aber unsere politische Vertretung ist immer noch der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG). Er wäre die geeignete Stelle gewesen, um in Zusammenarbeit mit den Gemeinden Position zu beziehen. Erst am Freitag vor der Abstimmung, als die Sache schon fast gelaufen war, kam eine kurze Mitteilung. Sie vertreten die ICZ im Centralcomité (CC) des SIG. Diskutiert wurde an der letzten Sitzung die anstehende Statutenrevision. Diese möchte die Zweidrittelmehrheitsklausel zu einer eigentlich üblichen absoluten Mehrheit. Es geht dabei mehr um Kosmetik und vor allem die Zweidrittelmehrheit. Im CC entschied man sich zugunsten der einfachen Mehrheit. Aber ich habe Bedenken, ob diese an der DV angenommen wird. Mit ihr wären in Zukunft Reformen möglich. Was tut das CC, um die einfache Mehrheit an der Delegiertenversammung (DV) durchzubekommen, die doch Basis für wichtige Änderungen im Verband wäre? Wir können nicht mehr tun, als unsere Delegierten dafür zu sensibilisieren. Die Tragik ist, dass die meisten Leute sich gar nicht für die Geschehnisse im SIG interessieren auch unsere Mitglieder nicht. Sie sehen nur einen riesigen Ausgabenposten zugunsten des SIG. Was dies abdeckt, ist den meisten nicht klar. Was bietet denn der SIG der ICZ für dieses Geld? Grundsätzlich finde ich es wichtig, dass es eine Dachorganisation gibt, und sich nicht jede Gemeinde selbst profiliert. Als sehr grosse Gemeinde bieten wir ja aber alles selbst an. Wir könnten uns also sehr gut alleine organisieren, auch lokalpolitisch sind wir bestens positioniert. Mit ein paar Ausnahmen ist die Sache mit dem SIG für uns eine Art platonische Liebe man kennt sich, man respektiert sich, man hat sich gern. Und man erwartet, dass die andere Seite ein Zeichen von sich gibt. Aber da dies fehlt, haben wir einen Stillstand, und das bedeutet faktisch einen Rückschritt. Wir werden nun sehen, was an der DV passiert. Ist die Aufnahme der Liberalen im CC noch ein Thema? Ja, ein grosses, aber die Liberalen haben jetzt eigentlich gar keinen Grund mehr, dem SIG beizutreten. Sie können mit der Plattform auf Augenhöhe mit dem SIG kommunizieren. Weshalb sollten sie quasi einen Schritt zurück machen? Umso mehr verstehe ich die Angst der

3 Seite 3 von 5 religiösen Gemeinden bezüglich der Zweidrittelmehrheit nicht. Wobei diese ja auch mit den Kleingemeinden zu tun hat. Ja, aber da stellt sich doch die Frage, was überhaupt als Gemeinde bezeichnet werden kann. Natürlich haben sie alle das Recht, dabei zu sein, aber ich finde, dass wir einen gemeinsamen Nenner suchen sollten, um den Weg zu bereiten, statt uns gegenseitig auszuspielen. Die Kleingemeinden können doch sehr wohl von den Grossgemeinden profitieren, und das möchten wir doch auch. Wir möchten vermehrt eine Zusammenarbeit statt ein Gegeneinander. Wir sollten im CC ausführlich behandeln, was wir füreinander tun können, um ohne Angst voreinander leben zu können. Das wäre für mich der Grundsatz. Wird die ICZ auch in Zukunft im SIG verbleiben? Es braucht eine Organisation, aber sie sollte viel flexibler sein. Der SIG ist irgendwo stehen geblieben. Ich wünsche mir eine Dachorganisation die klar Posi tion bezieht. Mir persönlich fehlt das manchmal man positioniert sich so, dass sich jeder wohl fühlt, aber keiner zu wohl. Der Aufruf der orthodoxen Gemeinden im Umfeld der Debatte «Militärpflicht für Orthodoxe in Israel» zeigte einmal, dass innerhalb des SIG der Wertegraben zwischen Einheits und religiösen Gemeinden zusehends auseinandergeht. Müssten Sie jetzt nicht die Diskussion um aufgeklärte und Verfassungswerte im politischen Verband SIG führen? Solche Aktionen stossen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft auf Unverständnis. Es ist für mich ein «no go» als jüdische Gemeinde gegen die Innenpolitik des Staates Israel in dieser Form Stellung zu beziehen. Dies sollte zu einer Grundsatzdiskussion innerhalb des SIG führen. Sie und André Bollag haben als Co Präsidium einiges bewegt: den Umbau, die Klärung personeller Fragen oder etwa die Umsetzung programmatischer Punkte. Was sind derzeit für den Vorstand noch grössere Vorhaben? Im Moment sehe ich keine grossen Baustellen, wir sind auf dem guten Weg. Aber wir haben natürlich Ziele in Bezug auf die Zukunft der ICZ. Ein grosses Thema dabei ist die Mischehe. Wir möchten gerne die Jungen, die ja heute in die Welt gehen und dort oft nicht jüdische Partner finden, in irgendeiner Form weiterhin an die Gemeinde binden. Wird einer der beiden jungen Rabbiner, Josh Ahrens oder Noam Hertig, welche die ICZ derzeit hat, später Gemeinderabbiner, oder wird es eine Ausschreibung geben? Wir werden die Regelung unseres Rabbinats für die Zukunft zum gegebenen Zeitpunkt mit Rabbiner Marcel Yair Ebel und den beiden jungen Rabbinern aufgleisen. André Bollag und ich würden dies gerne noch während unserer Amtszeit anpacken, weil wir keine Baustellen hinterlassen möchten. Die ICZ geht das Thema gemischtkonfessionelle Beziehungen praktisch als

4 Seite 4 von 5 einzige Gemeinde proaktiv an. Wie wollen sie da weitergehen? Wir wollen die nicht jüdischen Partner besser integrieren innerhalb der Gemeinde und teilhaben lassen. Und wie will die ICZ mit einem orthodoxen Rabbinat das Thema Mischehen, auch innerjüdischer Art, angehen? Eine Lösung gibt es noch nicht, aber jeder kann dazu beitragen. Man kann so etwas nicht per Dekret verkünden, sondern es muss gelebt werden. Es liegt an jedem von uns, ein wenig mehr Herzlichkeit, Offenheit und Toleranz zu zeigen. Also Integration von nicht jüdischen Partnern ins Gemeindeleben? Absolut. Wir haben eine Gruppe «Zukunft» gebildet, und wir möchten mit einem Mediator Probleme definieren und Lösungen suchen, die der GV präsentiert werden können. Aber es ist klar, dass jeder von uns einen Schritt Richtung Herzlichkeit und freundlicher Aufnahme machen muss, die man einfach zu wenig spürt bis jetzt. Jeder sollte bereit sein, dem anderen das zu erweisen, was er selbst erwartet, und neue Wege zu gehen. Andernfalls werden wir sehr viele Leute verlieren statt neue gewinnen. Ein Problem besteht auch mit den Kindern aus Mischehen, die Zugang zum Kindergarten und Unterricht haben. Sie sind auch beim Bar und Bat Mizwa Unterricht dabei, aber dann kommt der Knackpunkt. Was würden Sie sich persönlich für diese Kinder wünschen? Ich plädiere für einen vereinfachten Übertritt, wenn beide Elternteile einverstanden sind. Somit könnten diese Kinder mit zwölf oder 13 Jahren Bar oder Bat Mizwa machen, sie würden ein Teil der Gemeinde bleiben und auch die Schule Noam besuchen. Weniger mitgliederfreundlich sind allerdings die Öffnungszeiten des gemeindeeigenen Restaurants Olive Garden. Ausgerechnet an Feiertagen und Schabbat ist dieses geschlossen. Ja, das ist richtig. Aber nehmen wir Pessach: Sehr viele verreisen über diese Tage, und der Bedarf nach dem Restaurant ist klein. Von ausländischen Gästen spüren wir auch wenig. Oft stellt sich eben die Frage von Kosten und Nutzen, und auf gut Glück zu öffnen, lohnt sich meist nicht. Aber ein Thema ist dies auf jeden Fall. Das Restaurant ist eine grosse Aufwertung der Gemeinde, aber bis es zahlenmässig in einem guten Bereich angekommen sein wird, können wir es uns nicht erlauben, der Gemeinde noch mehr Kosten aufzubürden, weil wir auf Gäste warten, die nicht kommen. Erlauben unterdessen die anderen orthodoxen Gemeinden auf dem Platz Zürich ihren Mitgliedern, das Olive Garden zu besuchen? Es kommen viele, denn der Koscher Standard ist absolut klar und wird hoch eingeschätzt. Aber in Massen zu kommen, trauen sie sich noch nicht, auch wenn es sich herumgesprochen hat, dass es ein wunderbarer Ort ist. Wir zählen darauf, dass die Vernunft siegen wird.

5 Seite 5 von 5 Ein weiterer offener Punkt ist die Bibliothek. Niemandem ist klar, was da geschehen soll, und wer sich um was kümmert: Vorstand, Initiativgruppe oder Bibliothek. Was ist Sache? Niemand hat das Thema richtig verstanden. Es ging eigentlich immer um den wissenschaftlichen Teil der Bibliothek, der eine spezielle Betreuung braucht, aber von den Gemeindemitgliedern schwach benutzt wird. Aber es gibt ja auch einen grossen anderen Teil. Die Frage war, ob der wissenschaftliche Teil an die Zentralbibliothek gehen soll, damit er einem grösseren Publikum zugutekommt er ist ja ein wahrer Schatz. So würde er von Fachleuten richtig betreut. Nun gibt es diesen Verein, über den wir froh sind. Aber wir wissen noch nicht, was geschehen wird. An der GV im Juli werden wir hören, was erreicht wurde. Hat der Vorstand ein eigenes Konzept? Ja, wir haben es präsentiert, aber es wurde nicht verstanden. Wir können als Vorstand nicht entscheiden, nur Vorschläge machen. Entscheiden muss die GV, und erfahrungsgemäss kommen nur etwa sieben bis zehn Prozent der Mitglieder. Eine jüdische Gemeinde soll und kann aber sicher eine Bibliothek haben, aber man muss sich gut überlegen, wie sie positioniert ist. Aber es ist wichtig, dass wir als das Volk des Buches Bücher zur Verfügung haben. Und vielleicht in Zürich auch wieder eine jüdische Buchhandlung.

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