Predigt zu Lukas 18, 1-8 am 10. November 2013 (drittletzter Sonntag des Kirchenjahres) Wetzlar, Dom 1

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1 Predigt zu Lukas 18, 1-8 am 10. November 2013 (drittletzter Sonntag des Kirchenjahres) Wetzlar, Dom 1 Ihr Lieben, für gewöhnlich betet Gilbert Mendoza nicht, bevor er zu Bett geht. Doch in den bangen Stunden vor Ankunft des Super Taifuns Haiyan auf den Philippinen kniet sich der Familienvater mit seinen vier Kindern hin. Es gibt nichts anderes, was wir tun konnten außer beten, dass wir verschont bleiben. sagt der 49 jährige aus der Provinz Sorsogon vorgestern am Telefon. Inzwischen ist die Katastrophe über die Inselwelt im Pazifik hergezogen und viele sind nicht verschont worden. Beten wir, wenn wir nicht mehr weiter wissen? Wenn wir von Gott etwas erwarten? Gerade Männer lassen sich ja angeblich nicht gerne helfen. Männer fragen nicht nach dem Weg. Die kommen alleine klar meinen wir. Aber angenommen, wir brauchen wirklich einmal Hilfe. Wie beten wir dann? Beten wir einmal in der Überzeugung: Gott weiß ja schließlich Bescheid. So haben wir es doch eben im Evangelium gehört: Macht Euch keine Sorgen! Euer Vater im Himmel weiß, was Ihr braucht. Also: Eigentlich brauchen wir gar nicht zu bitten. Es ist gesorgt. Oder? Angenommen, seit 60 Jahren würde in unserem Land eine heidnische Regierung herrschen. Die würden Gesetze erlassen, die Christen benachteiligen. Es gäbe eine klare Zwei-Klassen Gesellschaft. Wie würden wir dann beten? Angenommen, wir hätten unsere Familie verlassen, kein geregeltes Einkommen mehr, sondern wären ständig unterwegs angewiesen auf Geschenke und Gastfreundschaft von Fremden. Wie würden wir dann beten? Angenommen, unser Kind hätte eine schlimme Krankheit und Ärzte sind ratlos. Wie würden wir dann beten? Angenommen, ein Mensch, dem wir unbedingt vertrauen, würde von der Polizei gesucht. Man nennt ihn Verräter und will ihn vor Gericht stellen.

2 Predigt zu Lukas 18, 1-8 am 10. November 2013 (drittletzter Sonntag des Kirchenjahres) Wetzlar, Dom 2 Wie beten wohl Edward Snowden oder seine Mitstreiter? Uns geht es äußerlich besser als Jesus und seinen Leuten. Keine Frage. Unser Leben ist nicht gerade aufregend, wenig bedroht normal eben. Und auch unser glauben und beten ist so: unaufregend, nicht besonders engagiert, wenig bedroht. Normal eben. Jesus erzählte den Jüngern ein Gleichnis, um ihnen klar zu machen, wie wichtig es war, dass sie ausdauernd beten und nicht aufgeben. Da gab es in einer Stadt einmal einen Richter, der keinen Gedanken an Gott verschwendete und der sich auch nicht im Geringsten um die Menschen kümmerte. Eine Witwe, die ebenfalls in dieser Stadt lebte, suchte ihn auf und beklagte sich: Ich werde von jemandem um mein Recht gebracht. Bitte nehmt euch meiner Sache an. Der Richter hatte nicht die geringste Lust, sich um diese Angelegenheit zu kümmern, aber als sie immer wieder auftauchte und ihm überhaupt keine Ruhe mehr ließ, sagte er zu sich selbst: Mich interessiert nicht, was Gott davon hält, auch nicht, wie die Leute darüber denken. Doch weil diese Witwe nicht aufhört, mir ständig auf die Nerven zu gehen, werde ich besser etwas tun und zusehen, dass sie zu ihrem Recht kommt. Denn sonst kommt es noch so weit, dass sie mich eines Tages tätlich angreift. Jesus machte eine Pause, dann fügte er hinzu: Habt ihr gehört, was dieser Richter, der sich um nichts kümmerte, gesagt hat? Was glaubt ihr wohl, wird Gott tun, wenn die Menschen, die ihn lieben, Tag und Nacht zu ihm flehen? Wird Er ihre Bitten auf die lange Bank schieben? Ich versichere euch: Er wird zur rechten Zeit für sie eintreten. Aber wird der Menschensohn, wenn er wiederkommt, auf der Erde überhaupt noch auf Menschen treffen, die sich mit einem solchen Vertrauen an Gott wenden? Um unser Beten geht es. Um Beharrlichkeit, Ausdauer und Erwartung. Das ist schon heftig:

3 Predigt zu Lukas 18, 1-8 am 10. November 2013 (drittletzter Sonntag des Kirchenjahres) Wetzlar, Dom 3 Jesus klingt so, als vergleicht er Gott mit einem schlechten Richter. Mit einem, der nur an seinen Vorteil denkt? Wie offenbar jener Franz von Papius, der hier in Wetzlar Assessor am Reichskammergericht war. Der hat sich offenbar bestechen lassen. Von dem Geld kaufte und erweiterte er das Palais Papius. So soll Gott sein? Nein, natürlich nicht! Der Vergleich, den Jesus hier zieht, funktioniert gerade mit dem Kontrast: Wenn selbst so ein Richter sich bewegen lässt wie viel mehr dann Gott! So ist es gemeint. Jesus ist sicher: Gott lässt sich bewegen durch unser Beten! Wow! Beten kann die Welt verändern. Als im August das militärische Eingreifen der USA in Syrien drohte da rief Papst Franziskus zum Gebet für Syrien auf. Und tatsächlich: die drohende Eskalation des Krieges wurde abgewendet. In wenigen Verhandlungen fand sich eine Lösung. Die Regierung Syriens willigte ein, ihre Chemiewaffen zu vernichten. Damit ist die Not nicht zu Ende aber es hätte noch schlimmer werden können. Die Erhörung vieler drängender Gebete? Wir sind nicht gerade in einer Kultur beharrlichen Betens aufgewachsen. Wir scheuen uns, so direktes Eingreifen Gottes zu benennen. Das ist nicht unsere Art und muss es auch nicht werden. Aber eine starke Ermutigung zum Beten die hören wir heute doch. Was hindert uns eigentlich daran, so zu beten? Viele machen es uns doch vor ständig. Beten verändert die Lage! Es gibt einen Gebetskreis, da wird gebetet mit großer Treue. Und es stimmt: wer betet, macht die Erfahrung, die Jesus hier verspricht. Es vergeht kein Tag, an dem nicht Menschen hier im Dom Kerzen anzünden als sichtbare Bekräftigung ihrer Gebete.

4 Predigt zu Lukas 18, 1-8 am 10. November 2013 (drittletzter Sonntag des Kirchenjahres) Wetzlar, Dom 4 Andere tragen etwas ein in unser Gebetbuch, das unter der Kanzel ausliegt. In den Themengottesdienste sind nicht wenige gerade davon angerührt, dass sie Steine oder Kerzen zum Altar bringen können. Das ist ihre Form des Betens. Viele beten, wenn eine Not sie drängt. Eine Witwe damals ist geradezu der Inbegriff der Recht- und Schutzlosigkeit. Eine Frau ohne Mann oder Familie die stand im Kampf ums nackte Überleben. Vielleicht wurde sie aus ihrem Haus gejagt und suchte Hilfe. Vielleicht forderte jemand alte Schulden bei ihr ein. Was auch immer es sein mochte ein Gefühl von Hilflosigkeit erfüllte sie. So etwas kann lähmen oder Mut in einem wecken. Die Witwe bei Jesus gibt nicht auf. Er beschreibt sie als starke, mutige Frau. Sie durchbricht alle Konventionen schiebt alle Einwände beiseite. Und geht hin zu dem Richter. Immer wieder. Bis sie ihr Recht bekommt. Wie Abraham, der für die Stadt Sodom eintrat. Der regelrecht mit Gott feilschte weil er Gnade für die Stadt wollte. Und das, obwohl Gott zehnmal im Recht war mit seinem Urteil. Und Gott lässt sich bewegen! Damals und bis heute immer wieder. Jesus ruft uns zu: So schwer ist es doch gar nicht bei Gott! Er hat sich doch längst entschlossen, gnädig zu sein. Er schenkt Euch viel mehr als Gerechtigkeit. Vertraut nur. Er ist gerne gnädig. Er hört jedes Gebet. Was für ein Versprechen! 2. Ja, aber wir glauben trotzdem nicht, dass unser Gebet etwas bewirkt. Weil wir meinen, unsere Erfahrungen sprechen dagegen. Weil eben nicht jedes Gebet erhört wird nicht so, wie wir wollten. Weil es doch immer noch so unendlich viel Elend und Leid gibt. Weil wir bis an die Grenze unserer Kräfte belastet sind. Was nun?

5 Predigt zu Lukas 18, 1-8 am 10. November 2013 (drittletzter Sonntag des Kirchenjahres) Wetzlar, Dom 5 Das Gleichnis von der bittenden Witwe gibt uns kein Rezept. Auch keine Garantie, dass alles gut wird. Was tut es dann? Es deutet ein Wunder an. Das Wunder, dass Vertrauen nicht stirbt. Gestern haben wir an die Opfer der Verfolgung und Ermordung jüdischer Bürger gedacht. Und manche, die Zeitzeugen begegnet sind, berichten, dass Überlebende trotzdem auch wieder fröhlich sein konnten. Wie geht das? Kann das sein? Darf das sein? Das Klage und ausgelassene Freude nebeneinander stehen? Ja, es geht vielleicht nur gerade so: dass Tränen geweint werden damit dann auch wieder gelacht werden kann. Und doch bleibt es ein Geheimnis das von Gott her kommt. Wer Ihm vertraut, der wird nicht enttäuscht. Der kann erleben, wie Gott Lösungen schenkt. Oder die Kraft zum Weitermachen. Ihr Lieben, wer so betet wie diese Witwe, der versteckt sich damit nicht. Der teilt seine Erfahrungen. Auch dazu ermutigt Jesus uns heute. Dass wir einander unsere Geschichten erzählen. Damit unser Beten nicht an Kraft verliert. Nur für heute. Amen.

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