INVESTITION UND BESTEUERUNG Investitionsneutralität

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1 Univ.-Prof. Dr. Stefan D. Josten Öffentliche Finanzen E.1 Investitionsneutralität Kapitalwerte vor Steuern: K 1, K 2, Kapitalwerte nach Steuern: Investitionsneutralität der Besteuerung verlangt, dass: bei K 1 > K 2 auch gilt (Rangfolgenerhalt) positive Kapitalwerte positiv bleiben und negative negativ (Vorzeichenerhalt) hinreichende Bedingung: Investitionsneutralität ist kein makroökonomisches, sondern ein mikroökonomisches Ziel: Es kommt nicht darauf an, ob das Investitionsvolumen insgesamt steigt oder sinkt, sondern darauf, ob die Entscheidungen zwischen verschiedenen Investitionsprojekten steuerlich verzerrt werden

2 Univ.-Prof. Dr. Stefan D. Josten Öffentliche Finanzen E.2 Kapitaltheoretisches Standardmodell Annahmen/ Notation: vollkommener Kapitalmarkt; Zinssatz r; Zinsfaktor R = 1+r > 0 Anschaffungsausgabe I; Vermögen V Zahlungsüberschüsse: z i ; i = 1,2,,n Kapitalwert: Maximierung des Kapitalwerts ist äquivalent zur Maximierung des Endkapitals Ist der Kapitalwert positiv, so lohnt sich die Investition; Investitionen mit negativem Kapitalwert sollten hingegen unterbleiben Fall K = 0: Grenzinvestition Ertragswert = Barwert der Zahlungsüberschüsse z 1 bis z n : Kapitalwert einer Investition: Eine Investition ist demnach vorteilhaft, wenn der Ertragswert die Anschaffungsausgaben übersteigt

3 Univ.-Prof. Dr. Stefan D. Josten Öffentliche Finanzen E.3 Fundamental Equation of Yield A sei ein Investor und B ein potentieller Käufer, der in Periode i an den Investor herantritt Welchen Preis wird B maximal für die Investition zahlen, wenn A die Anschaffungsausgaben getragen und die Zahlungsüberschüsse der Perioden 1 bis einschließlich i entnommen hat? Ertragswert in Periode i: Wertzuwachs: Fundamental Equation of Yield ökonomischer Gewinn kalkulatorische Eigenverzinsung im Gleichgewicht stimmt der ökonomische Gewinn mit der kalkulatorischen Eigenkapitalverzinsung überein

4 Univ.-Prof. Dr. Stefan D. Josten Öffentliche Finanzen E.4 Johansson-Samuelson-Steuer Allgemeine Einkommensteuer, Steuersatz τ Nettozinsfaktor Nettozahlungsüberschuss: Ertragswert in Periode i: Besteuerung hat 2 gegenläufige Wirkungen: einerseits mindert sie den Ertragswert, indem sie die periodische Zahlungsüberschusse kürzt; andererseits erhöht sie ihn, weil der Zahlungsstrom nunmehr mit dem kleineren Nettozinsfaktor diskontiert wird im Gleichgewicht: Johansson-Samuelson-Theorem: Bei einer Besteuerung des ökonomischen Gewinns mit dem Satz in den Perioden i = 1,,n bleiben alle Ertragswerte unverändert [Johansson (1961), Samuelson (1964)]. Ertragswertzuschreibung: = Ertragswertabschreibung Investitionsneutralität besteht nach dem J-S-Theorem, wenn die Steuerbemessungsgrundlage dem um Ertragswertabschreibungen verminderten Zahlungsüberschuss entspricht:

5 Univ.-Prof. Dr. Stefan D. Josten Öffentliche Finanzen E.5 Das Steuerparadoxon Steuern haben 2 gegenläufige Wirkungen auf den Ertragswert: (i) Nettozahlungsüberschüsse (ii) Nettozinsfaktor der Investition misst) ebenfalls (der die Opportunitätskosten Steuerparadoxon: Ist die Steuerbemessungsgrundlage geringer als der ökonomische Gewinn, d.h. gilt, dann wird eine Steuererhöhung den Ertragswert einer Investition steigern und nicht etwa, wie man landläufig annimmt, mindern.investitionen werden folglich bei einer Steuererhöhung attraktiver! Erklärung: bei enger Steuerbemessungsgrundlage treffen Erhöhungen des Steuersatzes die betrachtete Investition nur in geringem Maße, während die Alternative, also die Kapitalmarktanlage, voll getroffen wird. Damit nimmt die relative Vorteilhaftigkeit der Investition zu. Implikation: Eine als Investitionsförderung gedachte Kombination von beschleunigter Abschreibung und Senkung des Steuersatzes mindert den Ertragswert einer Investition, i.e. macht eine Realinvestition weniger attraktiv.

6 Univ.-Prof. Dr. Stefan D. Josten Öffentliche Finanzen E.6 Besteuerung der Reingewinne Reingewinn: Der gesamte Reingewinn entsteht in Periode 0 Reingewinnsteuer mit Satz τ Kapitalwert nach Steuern: investitionsneutral Die sofortige Besteuerung des Reingewinns sichert Investitionsneutralität

7 Univ.-Prof. Dr. Stefan D. Josten Öffentliche Finanzen E.7 Cash-Flow-Steuer Cash-flow Steuer = eine Unternehmenssteuer, die in jeder Periode allein auf die Zahlungsüberschüsse (cash-flows) zugreift [E.C. Brown (1948); auch Brown-Steuer] Perioden i = 1,,n: Steuerzahlungen Periode i = 0: Steuererstattung, d.h. Sofortabschreibung von Inv.en Kapitalwert einer Investition nach Steuern (Finanzanlagen steuerfrei): Auch die Cash-flow-Steuer vermindert alle Kapitalwerte um einen konstanten Faktor und ist damit investitionsneutral Die Cash-flow-Steuer belastet ausschließlich den in Periode 0 entstehenden Reingewinn; die späteren Gewinne bleiben ebenso wie Zinserträge bei einer Anlage am Kapitalmarkt steuerfrei Allerdings gilt das Neutralitätsergebnis nur bei konstantem Steuersatz; bei zeitlich variierenden Steuersätzen ist die Cash-flow-Steuer im Gegensatz zur Johansson-Samuelson-Steuer nicht investitionsneutral

8 Univ.-Prof. Dr. Stefan D. Josten Öffentliche Finanzen E.8 Zinsbereinigte Einkommensteuer Eine zinsbereinigte Einkommensteuer gestattet dem Unternehmer den Abzug der kalkulatorischen Eigenkapitalzinsen vom traditionell ermittelten ökonomischen Gewinn Korrigiert man die Bemessungsgrundlage der Johansson-Samuelson- Steuer um kalkulatorische Eigenkapitalzinsen, verbleibt: Die zinsbereinigte ESt erbringt in den Perioden 1,,n kein Steueraufkommen, weil sie wie die Cash-flow-Steuer nur den in Periode 0 entstehenden Reingewinn belastet Auch die zinsbereinigte ESt ist (selbstverständlich) investitionsneutral

9 Univ.-Prof. Dr. Stefan D. Josten Öffentliche Finanzen E.9 Zusammenfassende Beispielsrechnung I = 200 ; z 1 = 110 ; z 2 = 121 r = 10 % Steuerbemessungsgrundlagen Zinsen Johansson- Cash-flow zinsbereinigte Samuelson ESt 0 1 2

10 Univ.-Prof. Dr. Stefan D. Josten Öffentliche Finanzen E.10 UNTERNEHMENSFINANZIERUNG UND BESTEUERUNG Grundlagen Hauptformen der Unternehmensfinanzierung: Einlagen bzw. Ausgabe von Gesellschaftsanteilen (Beteiligungsfinanzierung) Thesaurierung von Gewinnen (Selbstfinanzierung) Aufnahme von Fremdkapital (Fremdfinanzierung) Modigliani-Miller-Theorem: Die Finanzierungsstruktur eines Unternehmens ist für den Unternehmenswert irrelevant. Moderne Finanzierungstheorie: Anreizprobleme und asymmetrische Informationsverteilung Finanzierungsstruktur relevant Finanzierungsneutralität der Besteuerung = unternehmerische Entscheidungen über die Finanzierungsstruktur bleiben steuerlich unverzerrt

11 Univ.-Prof. Dr. Stefan D. Josten Öffentliche Finanzen E.11 UNTERNEHMENSFINANZIERUNG UND BESTEUERUNG Finanzierungsneutralität Sicht des Schuldners: Finanzierung als eine Investition mit negativem Vorzeichen z.b.: Aufnahme eines Kredits über 100 zu 10% Zinsen und Rückzahlung nach einer Periode: -I = 100, z 1 = -110 K = 0, V 0 = -100 Sicht des Gläubigers: Finanzinvestition unterscheidet sich analytisch nicht von Realinvestitionen Finanzierungsneutralität besteht demnach, wenn Schuldner und Gläubiger nach dem Muster der Johansson-Samuelson-Steuer besteuert werden Bei allgemeiner Erhebung einer Johansson-Samuelson-Steuer wird die Finanzierungsneutralität weder durch zeitlich schwankende noch durch persönlich differenzierte Steuersätze beeinträchtigt Finanzierungsneutralität setzt aber voraus, dass jede Einkommensminderung, die der Schuldner geltend macht, beim Gläubiger sofort in gleicher Höhe berücksichtigt wird (Korrespondenzprinzip) alle Finanzierungsformen dem gleichen Steuersatz unterliegen (Syntheseprinzip)

12 Univ.-Prof. Dr. Stefan D. Josten Öffentliche Finanzen E.12 UNTERNEHMENSFINANZIERUNG UND BESTEUERUNG Differenzierte Steuersätze Werden verschiedene Finanzierungsformen mit unterschiedlichen Steuersätzen belegt, kommt es im Allgemeinen zu Verletzungen der Finanzierungsneutralität üblicher Steuersatz τ, Finanzierungsform X: spezieller Steuersatz τ x Anleger ist indifferent zwischen Finanzierung X und anderen Anlagen, wenn: Rendite, die ein Unternehmen den Anlegern bieten muss, wenn es Finanzierungform X verwendet = Kapitalkosten: Die Kapitalkosten sind um so höher, je höher die betrachtete Finanzierungsform besteuert wird Bei synthetischer Besteuerung entsprechen die Kapitalkosten stets dem Marktzins

13 Univ.-Prof. Dr. Stefan D. Josten Öffentliche Finanzen E.13 UNTERNEHMENSFINANZIERUNG UND BESTEUERUNG Klienteleffekte Wenn Gesetzgeber eine Anlage völlig steuerfrei stellt, d.h. τ x = 0 Kapitalkosten: i) Verzerrungen ii) Klienteleffekte: der Steuervorteil nimmt mit wachsendem persönlichem Steuersatz zu solche begünstigten Anlagen werden vornehmlich von Personen mit hohem Steuersatz gewählt

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