Kapitel 2 Zwischen Nest und Internet Das Haus steht in der Schleiermacherstraße. Ein bunter Betonklotz mit roten Metallfenstern.

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1 Kapitel 2 Zwischen Nest und Internet Das Haus steht in der Schleiermacherstraße. Ein bunter Betonklotz mit roten Metallfenstern. Die Autos parken dicht aneinander, die Straßen sind eng und klein. Wie alle Nebenstraßen in Frankfurt. Vor der Tür des benachbarten Jugendhauses stehen drei ausländische Jugendliche und rauchen. Aus dem Inneren ertönt laute Musik. Medien wie Fernsehen, Computer und Internet nehmen in der Kindheit immer mehr an Einfluss zu, erklärt Gabi Mankau im ersten Stock vom Frankfurter Kinderbüro. Mankau leitet das Frankfurter Kinderbüro und hat es mit aufgebaut. Es wurde 1991 gegründet, um den in der Stadt lebenden Kindern eine Lobby zu bieten. Denn Kindheit verändert sich ständig. Die 12jährigen im Jahre 2001 sind wesentlich weiter als die 12jährigen aus dem Jahre Das Kinderbüro bot als erste Einrichtung in Deutschland eine Rechtsberatung für Kinder an, hilft ihnen in der Not rund um die Uhr und realisierte bisher mit Kindern viele Projekte. Das Büro gehört zur Stadt Frankfurt, kann aber schnell und unabhängig agieren und reagieren, wenn es drauf ankommt. Seit Mitte der 90er Jahre bietet das Kinderbüro auch Software und Computer für Kinder, Eltern und Pädagogen an. Im Jahr 2000 initiierte Mankau die zwischen Nest und Internet auf der Zeil. In Dutzenden von Interviews erzählten Kinder, wie sie sich die Zukunft vorstellen. Durch die zunehmende Medienpräsenz verändert sich auch die Wissenssituation zu Hause, erklärt die Leiterin des Kinderbüros. Eltern haben nicht mehr länger allein den Wissensvorsprung inne. Heute holen die Kinder ihre Infos am Kiosk, im Fernsehen oder aus dem Internet. Wir wollen ihnen ja früh genug jeglichen Zugang bieten. Dann sollen sie selbst entscheiden. Doch viele Kinder sehen sich überhaupt nicht in der Lage ständig Entscheidungen zu treffen. Das können ja nicht

2 einmal Erwachsene. Damit geben Eltern oft die Verantwortung ab und sagen: Du hattest die Chance. Du konntest dich entscheiden, wir haben dir den Freiraum gelassen. Mankau stellte fest, dass genau die Pädagogen, die früher vor der Macht des Computers warnten, heute die unkritischsten Nutzer sind. Früher hieß es noch: Der Computer macht einsam. Dabei sind meistens mehrere Kinder vor einem Rechner. Wir können es im Computerclub sehen. Sie spielen und plaudern angeregt miteinander. Kinder sind deswegen besonders gerne im Internet, weil sie dort unkontrolliert und unkommentiert sind. In der realen Welt wurden alle Claims abgesteckt und lassen kaum noch Freiräume für Kinder und Jugendliche. Das war früher anders. Da stromerten Kinder noch durch verwilderte Naturgrundstücke und kamen ganz gut alleine zurecht. Heute soll es immer ein TÜV-gerechter Spielplatz sein. Die Kontrolle geht nachmittags weiter. Spielen, Dösen, Rumalbern, draußen spielen bis es dunkel wird darin wird heute keine sinnvolle Freizeitbeschäftigung mehr gesehen. Zu Hause scheint sich aber niemand für die Erlebnisse der Kinder im Internet zu interessieren. Normalerweise erzählen Kinder unverblümt ihre Medienerlebnisse. Sie haben einen Film gesehen und berichten auf- und angeregt von einzelnen Szenen. So etwas findet beim Medium Internet zu Hause nicht statt. Beim Film sind Eltern offensichtlich kompetente Ansprechpartner, und das nur, weil sie auch Filme sehen. Beim Internet kennen sie sich nicht aus. Deshalb schotten sich Kinder dann zwangsläufig ab und bleiben lieber unter sich. Wenn Kinder am Computer spielten, im Internet waren, fremde Identitäten im Netz einnahmen, sehnen sie sich noch mehr nach einem intakten zu Hause, nach einer Familie, Nähe und Wärme. Doch das bekommen Eltern gar nicht so recht mit. Die Leiterin des Frankfurter Kinderbüros teilt diese Meinung: Es ist wahr. Kinder werden immer konservativer. Sie wollen klare Ansagen. Sie fordern genau die Rituale, die uns früher zum Hals raushingen: Hort, Mittagessen und Sonntags was

3 zusammen machen. Sie spüren, dass es ein Schutz ist, wenn jemand Verantwortung übernimmt. Versagen sie Eltern? Nein, noch nie waren Eltern so bemüht alles richtig zu machen. Jährlich geben sie Milliarden für Erziehungsratgeber aus und werden dabei immer unsicherer. Verzweifelt versuchen sie das langgeplante Einzelkind rundum zu fördern, es soll schön, schlau, kommunikativ sein, seine Eltern cool finden und auf jeden Fall Abitur machen. Es gibt so viele Ratschläge, spezialisiertere Hilfs- und Beratungsangebote, bei denen niemand mehr durchblickt, so dass Eltern am Ende überhaupt nicht mehr wissen, wie sie sich verhalten sollen. Eltern haben immer das Gefühl, sie machen etwas falsch. Je unsicherer sie sind, desto misstrauischer werden sie gegenüber eigenen Gefühle und Reaktionen. Und das schwappt auch auf die Kinder über. Neulich hörte ich folgenden Dialog: Du hast tolle Eltern, du darfst abends immer lange weg. Meine Eltern lassen mich nur bis 22 Uhr raus. Kurzes Nachdenken. Dann antwortet die Freundin: Na ja, ich finde das Vertrauen schon okay, aber vielleicht ist es meinen Eltern auch einfach nur egal, wann ich nach Hause komme. Gabi Mankau sieht die aktuelle Wertedebatte, die durch die Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf ausgelöst wurde mit Vorbehalt: Erwachsene sind wachsam, erklärt sie. Besonders neuen Entwicklungen und Trends gegenüber. Jetzt haben sie gerade den Konsum und das Getue um die Kleinen satt. Werte sollen wieder vermittelt werden, Grenzen gesetzt und auch Strenge sei vonnöten. Nicht Strenge, aber Werte fordern Kinder und Jugendliche schon seit geraumer Zeit, ohne dass es die Eltern groß interessiert hätte. Kinder wollen Familie, sie wollen sich nicht scheiden lassen oder dauernd neue Väter, die beliebtesten Lehrerinnen und Lehrer sind die, die gerecht sind, die gut erklären können und den Unterricht spannend gestalten, die Schüler nicht lächerlich machen und auch nach dem Unterricht noch Zeit für ein Gespräch haben. Kinder interessieren sich für die Umwelt und den Schutz der Tiere, ihre Lieblingsbegriffe sind korrekt und Respekt. Die Jugenduntersuchungen der vergangenen Jahre zeigen, dass Kinder ihre eigene Werteskala haben. Sie wünschen sich für die Zukunft eine Familie, nette Freunde

4 und einen guten Job. Dieses Bild der Kinder und Jugendlichen lässt sich aber nicht entsprechend spektakulär vermarkten weder für hippe Produkte noch für die Presse. Demnach sind Kinder also Spießer... Vorsicht, warnt Gabi Mankau. Das ist der große Trick der Erwachsenengeneration. Sie bezeichnen Kinder als spießig, konsumfixiert, unpolitisch und angepasst. Dann sind sie fein raus, weil sie sich auf diese Weise distanzieren können. Gleichzeitig halten sie weiter das Bild von sich aufrecht, die tolle Generation geblieben zu sein, die offen und fortschrittlich ist. Das passt so überhaupt nicht zum Bild der vermeintlichen Freundschaft zwischen Eltern und ihren Kindern. Die Erwartungen von Eltern hält Mankau für überzogen: Schon pränatal wollen Erwachsene von Kindern gehuldigt werden. Neulich sah ich eine Seite im Internet, da schrieben die werdenden Eltern im Namen des vier Monate alten Fötus Max wahre Lobeshymnen: Meine Mama ist wunderschön und klug und mein Papa kann toll mit dem Computer umgehen. Die Generationen sind anders. Die Alten sind alt, aber nicht mehr so alt wie früher. Die Jugend hat es schwer sich gegenüber den ewig Jungen von gestern Raum zu verschaffen. Das war bei jedem Generationenwechsel so, aber es scheint, dass heute Erwachsenen besonders eifersüchtig und clever darauf achten die kritischeren, fortschrittlicheren, politischeren, kreativeren und besseren, Jungen zu sein. Wir sagen heute mit einem Lachen: Ich hab auch ein Handy, ich habe auch einen Computer zu Hause. Bei den Senioren ist das mittlerweile auch schon so. Oder in der Werbung. Wer hat Glück? Der eine Oma mit PC hat. Die schreibt jetzt immer E- Mails. Die moderne Oma, der moderne Opa zieht mit. Kinder wollen aber Großeltern, die Zeit für sie haben, und ohne pädagogisches Getue, Wärme und Sicherheit geben und ihnen auch mal bei schrägen Ideen und Schulkatastrophen zur Seite stehen. Während die alten Werte bei Kindern hoch im Kurs

5 sind, wurden sie bei den Erwachsene längst von Einkaufen und Konsum abgelöst.

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