Analyse ausgewählter kommunaler Einzel und Gesamtabschlüsse

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1 RUHR UNIVERSITÄT BOCHUM Professor Dr. Bernhard Pellens Analyse ausgewählter kommunaler Einzel und Gesamtabschlüsse Bochum, 27. Juni 2013 Technologiezentrum Ruhr

2 Agenda Kommunale Einzel und Gesamtabschlüsse Kennzahlenanalyse als Beurteilungsinstrument Untersuchungsergebnisse 2

3 Der NRW Gesetzgeber verpflichtet Kommunen zur Aufstellung von Einzel und Gesamtabschlüssen Pflicht zur Aufstellung eines... Einzelabschlusses (Jahresabschluss) für alle Kommunen ( 95 Abs. 1 GO) Aufstellungsfrist: des Folgejahres Frist zur Feststellung durch Rat: des Folgejahres Anschließend öffentliche Auslage bis zur Feststellung des nächsten Jahresabschlusses Gesamtabschlusses für bestimmte Kommunen mit Beherrschungsmöglichkeit oder einheitlicher Leitung über verselbständigte Aufgabenbereiche ( 116 Abs. 1 S. 1 GO; 50 Abs. 1, 2 GemHVO) Aufstellungsfrist: des Folgejahres Frist zur Bestätigung durch Rat: des Folgejahres Anschließend öffentliche Auslage bis zur Feststellung des nächsten Gesamtabschlusses 3

4 Formen von Unternehmensverbindungen Unternehmensverbindungen lassen sich in Abhängigkeit von der Beeinflussung rechtlicher und wirtschaftlicher Selbständigkeit gliedern: Formen von Unternehmensverbindungen Rechtl. Selbständigkeit, wirtschaftliche Selbständigkeit eingeschränkt Rechtl. Selbständigkeit, wirtschaftliche Unselbständigkeit Rechtl. und wirtschaftliche Unselbständigkeit Rechtl. Unselbständigkeit, Wirtschaftliche Selbständigkeit eingeschränkt Strategische Allianz Gemeinschaftsunternehmen/ Joint Venture Konzern Regiebetrieb Eigenbetrieb Assoziiertes Unternehmen Faktischer Konzern Vertragskonzern 4

5 Abgrenzung des Konzernbegriffs Keine einheitliche und rechtsübergreifende Begriffsdefinition Konzern, sondern unterschiedliche Abgrenzungen in den verschiedenen Rechtsgebieten und Rechtsräumen. Konzerndefinitionen Handels und gesellschaftsrechtliche Abgrenzung Steuerliche Abgrenzung Aktienrechtliche Abgrenzung ( AktG) Bilanzrechtliche Abgrenzung Steuerliche Organschaft 290 HGB GemHVO IAS 27 / IFRS 10 5

6 Konzernbegriff nach GemHVO Die Pflicht zur Aufstellung eines Gesamtabschlusses (= Konzernabschluss) knüpft entsprechend der handelsrechtlichen Regeln (vor BilMoG) an das Bestehen eines Mutter Tochter Verhältnisses an. Dieses besteht nach 50 Abs. 2 GemHVO, wenn eine Gemeinde die Beherrschungsmöglichkeit bzw. die einheitliche Leitung über mindestens einen verselbständigten Aufgabenbereich innehat. Eine un bzw. mittelbare Beherrschungsmöglichkeit liegt vor, bei Stimmrechtsmehrheit, Recht zur Bestellung der Mehrheit des Leitungsorgans oder Beherrschungsvertrag bzw. entsprechender Satzungsbestimmung. 6

7 Zwecke des kommunalen Einzelund Gesamtabschlusses Rechnungslegungszwecke Einzelabschluss Gesamtabschluss Rechtsfolgen Feststellung des Periodenergebnisses: Pflicht zur Aufstellung eines Haushaltssicherungskonzepts bei bestimmte Schwellenwerte überschreitender Minderung der allgemeinen Rücklage Dokumentation der Ordnungsmäßigkeit des Haushaltsvollzugs Information an Verwaltungsspitze an Kommunalpolitiker Rechenschaft Dispositionshilfe an Bürger/Steuerzahler Rechenschaft Entscheidungshilfe bei Wahlen an sonstige Dritte 7

8 Arbeitsschritte der Gesamtabschlusserstellung 1. Prüfung der Pflicht zur Aufstellung eines Gesamtabschlusses Steht die Kommune an der Spitze einer wirtschaftlichen Einheit Konzern? ( 116 Abs. 1 GO; 50 Abs. 1, 2 GemHVO) 2. Abgrenzung des Konsolidierungskreises Welche weiteren verselbständigten Aufgabenbereiche gehören zur wirtschaftlichen Einheit Konzern? Keine Einbeziehung unwesentlicher verselbständigter Aufgabenbereiche (Wahlrecht nach 116 Abs. 3 S. 1 GO); Einbeziehungsverbot für Sparkassen ( 1 Abs. 1 S. 2 SparkG NRW i.v.m. Gesetzesbegründung NKFG). 3. Vereinheitlichung der einzubeziehenden Abschlüsse Sind Bilanzansatz und Bilanzbewertung ggf. anzupassen? ( 50 Abs. 1 GemHVO i.v.m. 300 und 308 HGB) 4. Währungsumrechnung Sind Abschlüsse in Fremdwährung umzurechnen? Wenn ja, ggf. wie? ( 50 Abs. 1 GemHVO i.v.m. 308a HGB) 5. Summenabschluss Horizontaladdition der einzelnen Abschlusspositionen ( 50 Abs. 1 GemHVO i.v.m. 300 HGB) 6. Konsolidierung Eliminierung konzerninterner Transaktionen aufgrund des Einheitsgrundsatzes ( 50 Abs. 1 GemHVO i.v.m. 301 ff. HGB) 8

9 Agenda Kommunale Einzel und Gesamtabschlüsse Kennzahlenanalyse als Beurteilungsinstrument Untersuchungsergebnisse 9

10 Zwecke der Jahresabschlussanalyse Der Jahresabschluss dient u.a. der Informationsfunktion. Aber: Die Informationsgewinnung wird erschwert durch Ansatz, Bewertungs und Ausweiswahlrechte die Menge der präsentierten Daten Ziel der Bilanzanalyse ist die Gewinnung von entscheidungsrelevanten Informationen über die aktuelle wirtschaftliche Lage, um daraus Erwartungen über die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens oder der Kommune, zu bilden, die dem Jahresabschluss nicht direkt zu entnehmen sind. 10

11 Adressaten einer Kennzahlenanalyse... Beispielsweise: bei Unternehmen Management (Steuerung & Kontrolle) Eigenkapitalgeber (Rechenschaft, Anlageentscheidung) Fremdkapitalgeber (Bonitätsprüfung bei Kreditvergabe) Arbeitnehmer (Tarifverhandlungen) Kunden, Lieferanten, Öffentlichkeit bei Kommunen Beispielsweise: Verwaltung (Steuerung & Kontrolle) Kommunalpolitiker (Kontrolle, Dispositionshilfe) Aufsichtsbehörden (Kontrolle, Genehmigung von Haushalt & Kreditaufnahme) Bürger/Steuerzahler (Rechenschaft, Entscheidungshilfe bei Wahlen) Arbeitnehmer (Tarifverhandlungen) Kreditgeber (Kreditwürdigkeit) Andere Kommunen (Benchmarking) 11

12 Agenda Kommunale Einzel und Gesamtabschlüsse Kennzahlenanalyse als Beurteilungsinstrument Untersuchungsergebnisse 12

13 Untersuchungsgegenstand Betrachtet wurden Kommunen in NRW, die nicht kreisangehörig sind (22 Städte) und deren Einzel als auch Gesamtabschluss für das Jahr 2010 vorlagen (30 Städte). Sieben Städte erfüllen beide Kriterien: Dortmund, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Leverkusen, Mülheim an der Ruhr und Oberhausen. 13

14 Bilanzsumme Einzel vs. Gesamtabschluss Einzelabschluss Gesamtabschluss in: Mio Bilanzsumme als Indikator für den Grad der Ausgliederung von Aufgabenbereichen. 14

15 Ordentliche Erträge im Einzelund Gesamtabschluss in: Mio Einzelabschluss Gesamtabschluss Ordentliche Erträge als Indikator für den Grad der Ausgliederung von Aufgabenbereichen. 15

16 Eigenkapital und Jahresergebnis in Einzelund Gesamtabschluss EK JF Dortmund EA Dortmund GA Duisburg EA Duisburg GA Essen EA Essen GA Gelsenkirchen EA Gelsenkirchen GA Leverkusen EA Leverkusen GA Mülheim a.d.r. EA Mülheim a.d.r. GA Oberhausen EA Oberhausen GA in: Mio Jahresfehlbeträge zehren teilweise schon das Eigenkapital auf. 16

17 Cash Flow aus laufender Verwaltungstätigkeit Einzelabschluss Gesamtabschluss 50 in: Mio Dortmund Duisburg Essen Gelsenkirchen Leverkusen Mülheim a.d.ruhr Oberhausen Fast alle Kommunen haben einen negativen Cash Flow aus laufender Verwaltungstätigkeit. 17

18 Struktur der Passivseite Eigenkapital Sonderposten Verb.+ p. RAP + sonst. Rst. Pensionsrückstellungen in: Mio Pensionsrückstellungen reagieren sehr sensibel auf Zinssatzänderungen. 18

19 Investitionsquote* im Einzel und Gesamtabschluss 140% 120% 100% 80% 60% 40% 20% 0% Einzelabschluss Gesamtabschluss Viele Städte reinvestieren weniger als die Abschreibungen und erfahren damit einen Substanzverlust. * Investitionsquote = (Zugänge AV + Zuschreibungen AV) / (Abgänge AV + Abschreibungen AV) Leverkusen fehlt in dieser Auswertung, da aufgrund fehlender Angaben im GA eine Berechnung nicht möglich war. 19

20 Zusammenfassung / Fazit Kommunen kommen ihren Aufstellungspflichten für den Einzel und Gesamtabschluss bisher nur unzureichend nach. Viele Besonderheiten bei der Erstellung des kommunalen Einzel und Gesamtabschlusses gegenüber privatwirtschaftlichen Unternehmen. Kennzahlenwerte differieren je nach Betrachtung von Einzel oder Gesamtabschluss teils erheblich: Periodenergebnis: im Durchschnitt im Gesamtabschluss um rd. 5% geringer Verschuldung: Durchschnittlich im Gesamtabschluss um 42% höher Gesamtabschluss besitzt höheren Informationswert als der Einzelabschluss. Zusammenführung von öffentlichen und privatwirtschaftlichen Aktivitäten beeinträchtigen den Aussagegehalt des kommunalen Gesamtabschlusses. Ggf. könnte der Informationsgehalt steigen, wenn verschiedene Abschlüsse für rein öffentliche Aufgaben und private Beteiligungen erstellt würden

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