Predigt am 20. Sonntag nach Trinitatis 2013, 13. Oktober, Amanduskirche Freiberg

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1 Predigt am 20. Sonntag nach Trinitatis 2013, 13. Oktober, Amanduskirche Freiberg Text: Markus 2, Liebe Gemeinde, die Jünger raufen Ähren am Sabbat, um ihren Hunger zu stillen, begehen Mundraub am Tag des Herrn --- und werden dabei beobachtet. Schon alleine dieser Vorgang jagt mir einen kalten Schauer über den Rücken. Fromme Menschen, die andere Fromme auf ihren Lebenswandel hin kontrollieren, das ist ein hässliches Gesicht der Religion. Das hat etwas Inquisitorisches, das riecht nach Machtausübung im Namen eines Gottes, der wie ein Diktator über seine Untergebenen wacht. Wer will mit einer solchen Religion schon zu tun haben? Andererseits, wenn wir nicht mir heutigen Augen urteilen, sondern wirklich in die Geschichte uns hineindenken: Ist das nicht auch verständlich, dass die Pharisäer wissen wollen, was für ein Mensch dieser Jesus ist, der aus dem Nichts auftaucht und einen solchen Erfolg bei den Menschen hat? Wenn einer so viel Wind macht, soviel Wirbel verursacht, da will man schon wissen, woran man ist: ist er ein Scharlatan, ein Trickser, der für mit seinen Reden für Aufsehen sorgt, aber heimlich fragwürdige Praktiken anwendet? Machen wir es nicht ebenso, wenn eine neue christliche Gemeinde entsteht, dass wir erst einmal sagen: mal sehen, was die taugen? Ob die auch wirklich in Ordnung sind? Oh ja, wenn ich recht sehe, läuft das heute kein bisschen anders ab. Wenn irgendwo eine Freikirche entsteht, sind wir misstrauisch und skeptisch natürlich auch deswegen, weil wir fürchten, das Eigene könnte möglicherweise verlieren, die anderen Erfolg haben. Wenn ich an die Diskussionen denke, die man zb in Heidenheim mit der Brückengemeinde hatte, als die vor 20 Jahren aus den Reihen der evangelischen Kirche und freikirchlichen Leuten entstand --- solche Dinge sind immer mit Schmerzen und Verletzungen verbunden, und grade Christen können dann untereinander sehr fies sein. Nicht anders damals bei Jesus und seinen jüdischen Brüdern, den Pharisäern. Sie neiden ihm seinen Erfolg, sein neues Konzept. Sie stellen ihn darum auf den Prüfstand, wollen wissen, ob man ihm vertrauen kann und hier versagt er offenbar.

2 Denn siehe, seine Jünger reißen am Sabbat, dem heiligen Tag, Ähren ab und ernähren sich von den Körnern. Das kann doch nicht im Sinne Gottes sein, nein, das ist nicht im Sinne Gottes! Denn der hat doch den Sabbat zu seinem Ruhetag gemacht und dadurch zum Ruhetag auch für den Menschen! Da ist keinerlei Arbeit erlaubt! Wenn schon Gott, der große Gott, ruhte, wie kann sich dann der Mensch erlauben, in irgendeiner Form zu arbeiten. Nicht wahr, diesen Gedanken müssen wir klar sehen: in den Augen der Pharisäer war Gottes Arbeit, seine umwerfende Schöpfung, viel wichtiger, viel bedeutsamer als jede menschliche Arbeit. Völlig unvergleichlich! Wenn nun aber Gott seine so wichtige Arbeit am siebten Tag ruhen lässt, wenn er selbst den Sabbattag segnet als einen Tag des Aufhörens, des Ruhens, wie kann da der Mensch seine verhältnismäßig unwichtige Arbeit wichtiger nehmen als dieses Gebot? Wie kann er fleißiger sein wollen als Gott? Das ist eine große Anmaßung. Das kann man nicht einfach durchgehen lassen, sagen sich die Pharisäer, die es seit jeher besonders genau nehmen mit dem Gesetz. Hier öffnet Jesus eine Tür zum Fehlverhalten auch wenn es nach außen hin nur ein kleines ist. Doch wie immer gilt: wehret den Anfängen! Wir sehen also: zwar ist die Kontrolle der Pharisäer wirklich unschön, keine Frage. Der dahinter liegende Gedanke aber ist an und für sich wertvoll: der Mensch soll und braucht nicht fleißiger zu sein als Gott. Darum soll er diesen Tag achten, für sich selbst und für Gott. Jesus aber erkennt, dass der wertvolle Gedanke jedes Gesetzes dann verloren geht, wenn man es über die Grundbedürfnisse der Menschen stellt. Und darum widerspricht er den Pharisäern mit dem Beispiel Davids und sagt: Wenn man Hunger hat oder in einer anderen Notlage ist, darf man sich über Gesetze, auch über religiöse Gesetze hinwegsetzen. Es darf keine religiöse Pflicht größer sein als die Grundbedürfnisse eines Menschen! Und darum lenkt er ihren Blick auf David zurück, der damals noch kein König war, sondern auf der Flucht war vor Saul, der ihm nach dem Leben trachtete. David, sagt Jesus, aß damals mit seiner kleinen Truppe die Schaubrote, weil er Hunger hatte und auf Ernährung angewiesen war. Er stahl die Brote auch nicht, sondern fragte eigens den Priester Ahimelech um Erlaubnis und der gab sie ihm, offensichtlich weil bei ihm die Menschlichkeit siegte. Jesus sagt mit diesem Beispiel den Pharisäern: Die Bedeutung der Schaubrote als religiöse

3 Ausstattung in einem heiligen Raum steht auf einer geringeren Stufe als ihr Nährwert im Notfall. (Wdh) Ein Brot muss zuallererst ein Brot sein und der Ernährung dienen können, dann erst ein Schaubrot, das der Verehrung Gottes dient. (Mir fällt dazu Reinhard Mey ein mit seiner Ballade von der Eisenbahn, in der es heißt, nach dem Krieg, als der Hunger herrschte, ich zitiere, habe manch ehrlicher Mann einen Kohlenzug beraubt ). Ja, genau das ist gemeint; es gibt Situationen, wo die eigene Not ein an und für sich richtiges Gesetz umgehen darf. Zugespitzt formuliert: Manchmal, in besonderen Fällen, darf man gegen ein Gebot verstoßen und handelt dadurch richtiger als dann, wenn man es beachtet. Das heißt praktisch: wir können auch keinen Gottesdienst in Ruhe feiern, wenn vor der Tür ein Bettler läge und Hunger hätte. Dann müssten wir ihn zuerst versorgen, bevor wir Gottesdienst feiern. (Das war zb auch die Kritik des Propheten Amos an den Religionsführern seiner Zeit, der sagte, es kann doch nicht sein, dass ihr tolle Gottesdienste feiert und draußen die Menschen leiden). Jede Religion, die jüdische, die muslimische, die christliche, fordert ihre Mitglieder dazu auf, erst nach der Not unserer Nächsten zu sehen, bevor wir Gott die Ehre geben. Wir können auch nicht gute Christen sein, wenn wir die Not der vielen Flüchtlinge übersehen, die nach Europa kommen. All diese Menschen gehen uns etwas an! Damit rückt Jesus die Maßstäbe neu zurecht. Er sagt: Der Mensch hat immer Vorrang vor dem Recht der Religion. Der Sabbat ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat. Der Sabbat oder auch der Sonntag soll dem Menschen dienen, nicht umgekehrt. Das ist natürlich eine Kritik an der Betrachtung, dass der Sabbat die Krone der Schöpfung sei, wie man aus dem ersten Schöpfungsbericht in 1. Mose 1 und 2 herauslesen kann, wo ja am Schluss aller Schöpfung der Sabbat steht, das Ausruhen Gottes, mit den vorhin genannten Folgen. Doch Jesus lässt das nicht gelten. Erst kommt der Mensch, sagt er, dann der Sabbat.--- Liebe Gemeinde, Jesus ist damals angetreten gegen eine zu strenge, eine letztlich am Menschen vorbeigehende Sabbatpraxis. Allerdings habe ich heute eher den Eindruck, dass wir auf der anderen Seite vom Pferd herunterfallen. Ich bin mir sicher, heute würde er die Verwahrlosung des Sonntags beklagen. Denn

4 die Ruhe, die besondere Chance des Sonntags einzuhalten ist offenbar kein Ziel mehr. Wir sind tatsächlich viel fleißiger als Gott es war und ehren ihn damit nicht. Der Sonntag wird nach Strich und Faden verzweckt, das dritte Gebot nicht mehr ernstgenommen. Ich benenne einfach mal die Unterschiede zu meiner Kindheit, wie ich den Sonntag erlebt habe und überlasse ihnen die Bewertung. Vielleicht haben Sie auch gar kein Problem damit, dann will ich Ihnen wirklich kein schlechtes Gewissen machen. Also: Montags werden heutzutage in der Schule Klassenarbeiten geschrieben, darum lernen die Schüler am Sonntag genauso wie an allen anderen Tagen. Das kam bei mir praktisch nicht vor. Auf dem Frühstückstisch standen am Sonntag Brot, Hefezopf oder Marmorkuchen, den die Mutter am Tag vorher gebacken hatte, keine frische Wecken vom Bäcker. Am Sonntag lief keine Waschmaschine und wurde keine Wäsche auf - oder abgehängt. Erst recht gab es keine Umzüge, auch keine Wohnung wurde aus - und eingeräumt, technische Arbeiten bei uns zuhause nicht vorgenommen, es sei denn im Notfall. Arbeiten im Garten gab es auch keine. Der Sonntag gehörte dem Kirchgang, mit ein oder zwei Ausnahmen im Jahr. Andere Freizeitaktionen fanden am Nachmittag statt. Wie gesagt, die Bewertung überlasse ich Ihnen. Ich komme mittlerweile auch mit vielem zurecht, möchte aber folgendes sagen: Wir sind als Menschen Herren über den Sabbat, den Sonntag. Diese Freiheit hat uns Jesus erkämpft. Doch für mich ist vieles, was heute veranstaltet wird, längst kein Freiheitsgewinn mehr, und wenn, dann auf Kosten anderer. Wir regen uns schnell auf, wenn irgendwo das fünfte, siebte oder achte oder sonst ein Gebot gebrochen wird. Dann urteilen wir schnell und scharf. Die Missachtung des dritten Gebots dagegen ist allgemeiner Volkssport geworden. Arbeiten, lernen,

5 vorbereiten am Sonntag, all das ist längst normal. So normal wie nicht in die Kirche zu gehen und Gott zu ehren. Aber vergessen wir nicht: was Jesus gegenüber den Pharisäern fordert, ist nur, dass kein Gebot größer sein darf als die Beseitigung menschlicher Not. Niemals aber hätte er dazu aufgerufen, den Sabbat, den Sonntag der Wertlosigkeit preiszugeben. Amen.

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