Furchtappelle in der Gesundheitsförderung

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1 Furchtappelle in der Gesundheitsförderung Jürgen Bengel Abteilung für Rehabilitationspsychologie und Psychotherapie Institut für Psychologie, Universität Freiburg 26. Jahrestagung Fachgruppe Psychologie in der Rehabilitation Berlin-Erkner, Ausgangsfrage Sind sog. Furchtappelle geeignet, Patienten oder die Bevölkerung dazu zu bewegen, sich gesundheitsbewusst und präventiv zu verhalten? Wie müssen solche Furchtappelle gestaltet werden? Gibt es empirisch begründete Aussagen zu Zielgruppen, Maßnahmen oder Zeitpunkten? 2 1

2 Psychologische Perspektive: Thesen 1. Gesundheits- und Risikoverhalten hat eine komplexe Lerngeschichte. 2. Wahrnehmung und subjektive Bewertung eines gesundheitlichen Risikos ist ein wichtiger Faktor. 3. Warnhinweise schaffen / vertiefen das Wissen über gesundheitliche Risiken 4. Ein Warnhinweis kann das Risikoverhalten verändern. 3 Psychologische Perspektive: Thesen 5. Warnhinweise sind nötige und sinnvolle, aber in der Regel nicht hinreichende Elemente. 6. Ohne Warnhinweise kommt die Gesundheitsförderung nicht aus 7. Der differentielle Einsatz von Warnhinweisen oder Furchtappellen muss noch weiter untersucht werden 4 2

3 Rauchen verursacht Lungenkrebs! 5 Rauchen führt zu Herz- und Gefäßerkrankungen! 6 3

4 Rauchen führt zu Gefäßkrankheiten und zu Blindheit 7 Rauchen kann tödlich sein! 8 4

5 Rauchen macht abhängig! 9 Rauchen macht unschöne Krankheiten! 10 5

6 Rauchen macht impotent! Alternative Warnhinweise 11 Rauchen schadet ihren Kindern! 12 6

7 Warnhinweise zu Alkohol WARNING DRINKING ALCOHOL DURING PREGNANCY CAN CAUSE BIRTH DEFECTS GOVERNMENT HEALTH WARNING Alcohol can increase the risk of getting cancer including breast cancer and liver cancer

8 Was sind Warnhinweise? Informationen zu gesundheitl. Risiken (Risikokommunikation) Warnungen vor gesundheitlichen Gefahren Sie sollen zu gesundheitsförderlichem Verhalten anregen und Risikoverhalten vermeiden 15 Wirkung von Warnhinweisen Kriterien für die Wirkung / Zielgrößen Aufmerksamkeit Verständnis / Wissen über gesundheitliche Konsequenzen Erinnerung / Wiedergabe Risikowahrnehmung / Bewertung des Risikos Emotionale Reaktion Einstellungsänderung Verhaltensänderung 16 8

9 17 Verarbeitung der Risikoinformation I Warnhinweise lösen eine komplexe psychophysische Reaktion aus. Personen verfügen über ein (Laien-) Wissen zu den Gesundheitsbedrohungen Die Botschaft wird auf der Basis der Erfahrungen, Überzeugungen und der aktuellen Lebenssituation aktiv kognitiv und emotional verarbeitet Die Wirkung einer Bedrohung hängt von verschiedenen Faktoren wie u. a. Vorwissen, Lerngeschichte, Kontext ab 18 9

10 Verarbeitung der Risikoinformation II Neue Fakten werden bekannt (Herzinfarkt; Schädigung des Fötus) Wissen / Bewusstsein über gesundheitliche Risiken wird intensiviert Grafische und große Warnhinweise werden eher wahrgenommen Negativeres Image der Raucher Wahrnehmung auf einstellungskongruente Information ausgerichtet Optimistischer Fehlschluss ist häufig 19 Warnhinweise lösen Angst aus Was wir wissen: Angst motiviert Verhalten Chronische Angst lähmt Botschaften lösen nicht bei jeder Person Angst aus Als Reaktion auch Ekel möglich Was wir nicht wissen: Wieviel Angst ist optimal für eine Verhaltensänderung? Sollte mehr Angst gemacht werden? Sollte weniger Angst gemacht werden? 20 10

11 Warnhinweise: Angst und Kompetenz MOTIVATION Ich habe Angst und möchte mich schützen Beispiel Ich habe Angst so zu sterben wie mein Onkel, der geraucht hat KOMPETENZ Ich weiß nicht, wie ich mich schützen kann Kompetenzen vermitteln Ich rauche bereits Wer kann mir helfen aufzuhören Ich rauche nicht Wer kann mir helfen, nicht anzufangen Neben der Motivation braucht es auch Kompetenzen und Verhaltensoptionen sowie die Möglichkeit zum Einüben. 21 Wirkung von Warnhinweisen Erzeugte Furcht beeinflusst Einstellungen (r=.15) 1 2 Verarbeitung von Informationen bei starker Furcht detaillierter 3 1 Witte & Allen 2 Barth & Bengel, 1998; Barth

12 Motivationale Stadien im kognitiven Modell Wissen, Bewußtsein Motivation (Antrieb) Volition (Willensstärke) Intention (Verhaltensabsicht) Verhalten (einmalig, dauerhaft) Konsequenz: Berücksichtigung der Stadien, Einsatz von spezifischen Maßnahmen aber auch nicht stadiengerechte Warnhinweise 23 Einstellungsänderung durch Warnhinweise Warnhinweise wirken für die beiden Geschlechter unterschiedlich gut Rauchen schädigt Ihr Baby Rauchen kann Dich impotent machen 24 12

13 Wahrnehmen des Warnhinweises > Die Botschaft muss wahrnehmbar sein > Die Botschaft muss verstanden werden > Die Botschaft darf nicht zu stark emotionalisieren > Die Botschaft muss immer wieder verändert werden > Die Botschaft muss immer wieder erneuert werden > Die Botschaft sollte umfangreich sein > Die Botschaft muss glaubwürdig erscheinen

14 Probleme der Wahrnehmung von Warnhinweisen Text ist auf der Packung versteckt Abhilfe: Größe auf Vorder- und Rückseite ist festgelegt Text ist immer derselbe und wird langweilig Abhilfe: regelmäßige Veränderung der Warnhinweise; grafische Warnhinweise Text wird nicht verstanden Rauchen kann die Spermatozoen schädigen und schränkt die Fruchtbarkeit ein Text ist nicht glaubwürdig Problem: Gesundheitskonsequenzen treten spät ein. Abhilfe: Aktuelle Einschränkungen nach Tabakkonsum

15 Wann wirken Furchtappelle? Bedrohungen wirken stärker > je akuter, stärker, neuer, schrecklicher und seltener sie sind > wenn Handlungsalternativen vorhanden sind Bedrohungen wirken geringer > wenn deren Auswirkungen erst in ferner Zukunft eintreffen > wenn Konkurrenz zu wichtigen Aktivitäten im Alltag besteht > wenn sie nicht in das eigene Gesundheitskonzept passen Vorsicht: Funktion und Stabilität von kognitiven Irrtümern 29 Wirkung von Furchtappellen Gute Wirksamkeit bei Personen ohne Risikoverhalten und gleichzeitiger Darstellung einer hohen Effektivität des präventiven Verhaltens. Bei Personen mit Risikoverhalten sind die Effekte von Furchtappellen u. a. konfundiert mit: Dissonanzreduktion Defensiver Optimismus, Verleugnung Selektive Informationsverarbeitung 30 15

16 Wirkungen von Warnhinweisen Was wir nicht wissen Mechanismus der Wirkung Gibt es Überdosierungen? Differentieller Einsatz Liegt es nur an den Warnhinweisen? Rauchen wird teurer Rauchen ist nicht überall erlaubt Wie wirken Warnhinweise auf Kinder und Jugendliche? Wie wirken Warnhinweise langfristig? 31 Zusammenfassung Keine Gesundheitsförderung ohne Warnhinweise Information über (neue) Risiken Motivation wird erhöht Sie induzieren Kognitionen und Emotionen Beachten: Vorerfahrung und Zielgruppe Furchtinduktion ohne Handlungsalternativen Fehlschluss und Verleugnung Abnutzung Art der Darbietung / Kontext 32 16

17 Prof. Dr. Dr. Jürgen Bengel Abteilung für Rehabilitationspsychologie und Psychotherapie Institut für Psychologie, Universität Freiburg Engelbergerstraße 41, D Freiburg Tel.: , Fax: -3040, 33 17

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