Eine Studienpionierin

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1 Eine Studienpionierin Also das hat mir auch geholfen, zu sehen, dass man eben so stark sein kann und sich durchsetzen kann und für sich sorgen kann und all das, obwohl man eine innere Putzfrau hat und das hatte ich eben vorher nicht. [ ] Also ihre Mutter hat für ihren Lebensunterhalt geputzt und [ ] ihr ganz viel Bescheidenheit immer beigebracht, über die sie sich aufregt. Meine Mutter auch, immer bescheiden sein, nie zu viel verlangen, immer zurückhaltend sein, weil wir haben keinen Anspruch auf diese Sachen.[ ] wo sie aber dann irgendwann ausgebrochen ist, also meine Betreuerin jetzt, und hat gesagt: Nein, Bescheidenheit ist blöd, weil da kommt man nicht weiter im Leben. [ ] und hat [mich] dann eben auch aufmerksam gemacht darauf, dass das bei mir aber auch nicht anders aussieht, weil ich bin tatsächlich eine Weile lang herumgerannt und habe immer gesagt: Bescheidenheit ist eine Tugend! (lacht) Und dann irgendwann nein, ist mal gut jetzt. [ ] [I]ch will ein bisschen was im Leben auch schaffen und ich will nicht immer, dass alle anderen die Kekse kriegen und ich nicht. Also dementsprechend, ich habe es immer noch. Die Putzfrau ist bescheiden. Sie hat es auch immer noch. Es hilft einem ja auch, auf dem Boden zu bleiben und nicht irgendwie größenwahnsinnig zu werden, aber es muss auch nicht überhand nehmen (Studentin Soziale Arbeit aus Studienpioniere-Projekt)

2 HSD Yes we can! Bedingungen für den Erfolg von Studienpionieren zwischen Ressourcen, Habitus und Strukturen Prof. Dr. Lars Schmitt

3 Yes, we can! Bedingungen für den Erfolg von Studienpionieren zwischen Ressourcen, Habitus und Strukturen 1. Einstiegszitat 2. Studium und Habitus-Struktur-Konflikte 2.1 Studium und Ungleichheitsstrukturen 2.2 Studium, Habitus und Habitus-Transformation 3. Bedingungen und Habitus-Struktur-Reflexivität 3

4 2. Studium und Habitus-Struktur-Konflikte 2.1. Studium und Ungleichheitsstrukturen Der Sozialraum und seine Strukturen (Bourdieu 1982) Soziale Herkunft als Variable => Soziale Herkunft beeinflusst verschiedene Aspekte des Studiums auf der Wahrscheinlichkeitsebene (quantitativ), aber sie wird auch erlebt (qualitativ). 4

5 2. Studium und Habitus-Struktur-Konflikte 2.2. Studium, Habitus und Habitus-Transformation Der Habitus verinnerlichte Strukturen (Bourdieu 1982) Studium und Habitus-Struktur-Konflikte (Schmitt 2010) Auf dem Boden bleiben Selbstgesteuertes Lernen/Informieren / Anerkennung Habitusbestätigung vs. Habitustransformationswunsch? 5

6 2. Studium und Habitus-Struktur-Konflikte Beispiel Auf dem Boden bleiben Ja, mein Bruder is da halt auch einfach der total andere Mensch, das is so'n typischer Arbeiter. Hin und wieder wird da auch hin- und hergeneckt, der eine is der faule Student, der andere der blöde Bauarbeiter und aber es is wirklich interessant und mer sieht da ne andere Welt auch vom Freundeskreis her. Er hat 'n Freundeskreis, mit dem ich mich sehr gut verstehe, aber es sind alles Handwerker und ja da gibt's interessante Einblicke und es hält einem auch so'n bisschen auf'm Boden [...]. Äh ich bin 'n working-class Kind, insofern würde ich, glaube ich meine Eltern, wenn ich mich wirklich so Standesdünkel mäßig verhalten würde, einfach verhöhnen damit, das wär einfach 'n unheimlicher Schlag für die, wenn ich meine Wurzeln leugnen würde und, und würde sagen, ich bin jetzt was Besseres [...] (Tobias, Student, 3. Semester, Lehramt Geographie und Chemie; Schmitt 2010, 253). 6

7 2. Studium und Habitus-Struktur-Konflikte 2.2. Studium, Habitus und Habitus-Transformation Der Habitus verinnerlichte Strukturen (Bourdieu 1982) Studium und Habitus Auf dem Boden bleiben Selbstgesteuertes Lernen/Informieren / Anerkennung Habitusbestätigung vs. Habitustransformationswunsch? => Es gibt für Studienpioniere typische Habitus- Struktur-Konstellationen, die von verschiedenen Seiten bearbeitbar sind => Yes, we can! 7

8 3. Bedingungen und Habitus-Struktur-Reflexivität Habitus = Yes, I can! Erfolgreiches Studium Ressourcen = Yes, you can! Strukturen = Yes, we can! 8

9 3. Bedingungen und Habitus-Struktur-Reflexivität Ein erfolgreiches Studium spielt sich im Spannungsfeld von Ressourcen, Habitus und Strukturen des Studierens ab Alle drei Faktoren können als Stellschrauben betrachtet werden Ressourcen: adäquate Angebote seitens der Hochschule Habitus: Ermöglichung von (Selbst-)Reflexivität mit Blick auf das eigene Studium (etwa in Mentoring-Programmen) Strukturen des Studierens: Ermöglichung von (Selbst-)Reflexivität bei Angehörigen der Hochschule (Lehrende, sonstige Mitarbeiter*innen) => Yes, we can! 9

10 Dankeschön! Quellen: Bourdieu, Pierre (1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt a.m. Bremer, Helmut (2004): Der Mythos vom autonom lernenden Subjekt. Zur sozialen Verortung aktueller Konzepte des Selbstlernens und zur Bildungspraxis unterschiedlicher sozialer Milieus, in: Engler, S./B. Krais (Hg.): Das kulturelle Kapital und die Macht der Klassenstrukturen. Sozialstrukturelle Verschiebungen und Wandlungsprozesse des Habitus, Weinheim und München, El-Mafaalani, Aladin (2012): BildungsaufsteigerInnen aus benachteiligten Milieus. Habitustransformation und soziale Mobilität bei Einheimischen und Türkeistämmigen, Wiesbaden. Lange-Vester, Andrea und Christel Teiwes-Kügler (2004): Soziale Ungleichheiten und Konfliktlinien im studentischen Feld. Empirische Ergebnisse zu Studierendenmilieus in den Sozialwissenschaften, in: Engler, S./B. Krais (Hg.): Das kulturelle Kapital und die Macht der Klassenstrukturen. Sozialstrukturelle Verschiebungen und Wandlungsprozesse des Habitus, Weinheim und München, Schmitt, Lars (2015): Studentische Sozioanalysen und Habitus-StrukturReflexivität als Methode der Bottom-Up-Sensibilisierung von Lehrenden und Studierenden, in: Rheinländer, K. (Hg.): Ungleichheitssensible Hochschullehre. Positionen, Voraussetzungen, Perspektiven, Wiesbaden, Schmitt, Lars (2010): Bestellt und nicht abgeholt. Soziale Ungleichheit und Habitus-Struktur-Konflikte im Studium, Wiesbaden. 10

11 Habitus-Struktur-Reflexivität als Heuristik ermöglicht als empirisch-gehaltloser Rahmen (Kelle/Kluge 1999) eine Offenheit für die Erfassung von Passungsfragen jenseits von Feldkämpfen siedelt die Ursache/Verantwortlichkeit für Passungs-Probleme nicht ausschließlich auf der Habitus-Seite an sensibilisiert für Transformationsprozesse und universalisiert nicht die Herstellung von Passungen als Allheilmittel ermöglicht das Erfassen von Privilegien ohne Defizitperspektive bzw. Diskriminierung/Stigmatisierung durch einen Akt der Benennung kann helfen, nicht verschiedene Diversity-Dimensionen gegeneinander auszuspielen, sondern für den Einzelfall in einer jeweiligen Situation jeweils einschlägige Dimensionen und/oder Intersektionalitäten zu erfassen kann emanzipatorisch wirken (Bsp. studentische Sozioanalysen) 11

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