BÜCHER. und Einkommensverteilung. Wirtschaftswachstum

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1 35. Jahrgang (2009), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft BÜCHER Einkommensverteilung und Wirtschaftswachstum Rezension von: Stefan Ederer, Einkommensverteilung und gesamtwirtschaftliche Nachfrage in Österreich und den Niederlanden, Metropolis, Marburg 2008, 183 Seiten, 34,80. Im Konjunkturaufschwung der Jahre 2005 bis 2007 haben Fragen der Verteilung von Einkommen und Vermögen ein etwas größeres Interesse seitens der Wirtschaftspolitik in Österreich und anderen EU-Ländern erfahren als zuvor. Dies stand vor allem im Zusammenhang mit dem Phänomen, dass die Früchte des Aufschwungs überwiegend bei den Beziehern von Vermögens- und Unternehmenserträgen anfielen und nur in geringem Maß den Beschäftigten zugekommen sind. Die Bezieher von Lohneinkommen haben vom Wirtschaftswachstum sehr eingeschränkt und fast nur in Form einer steigenden Zahl an Arbeitsplätzen, kaum jedoch durch höhere Reallöhne profitiert. Eine grundlegende Debatte über die Zusammenhänge zwischen Wirtschaftswachstum und Einkommensverteilung kann sich jedoch nicht auf die Auswirkungen der Ausweitung des BIP auf die Einkommen beschränken. Fast noch wichtiger erscheinen die Effekte der Verteilung der Einkommen auf die wirtschaftliche Entwicklung. Diesem Thema widmet sich Stefan Ederer in seiner Dissertation, die im Rahmen der Hochschulschriften des Metropolis- Verlages veröffentlicht wurde. Den Ausgangspunkt der Analyse bildet die keynesianische Überlegung zur Doppelrolle der Löhne. Diese stellen einerseits Kosten für die Unternehmen dar und haben damit Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit und die Investitionstätigkeit, zum anderen bilden sie Einkommen der Beschäftigten und bestimmen damit die Konsumnachfrage der privaten Haushalte. Auf dieser Grundlage lässt sich ein profitgetriebenes Modell, in dem das Wirtschaftswachstum von Export und Investitionen getragen wird, von einem lohngetriebenen Modell, in dem das Konsumwachstum dominiert, unterscheiden. Seit den 1980er-Jahren überwiegt in den EU-Ländern wirtschaftspolitisch die Vorstellung, dass über Lohnzurückhaltung Wirtschaftswachstum und Beschäftigung gefördert werden kann. Sie wird prominent sowohl von der OECD und der Europäischen Kommission als auch von großen Teilen der akademischen Ökonomie vertreten und wurde wirtschaftspolitisch zunächst in kleinen Ländern wie den Niederlanden, seit dem Jahr 2000 vor allem auch in Deutschland in die Praxis umgesetzt. Das Ergebnis war ein anhaltender Rückgang des Lohnanteils am Volkseinkommen. Ederer stellt die Frage, ob diese auf neoklassischen Überlegungen basierende Wirtschaftspolitik tatsächlich den erwünschten Erfolg hatte. Die Beantwortung dieser Forschungsfrage erfolgt auf Basis eines kaleckianischen Modells, das die Untersuchung der Auswirkungen einer Verschiebung der Einkommensverteilung von den Löhnen zu den Pro- 283

2 Wirtschaft und Gesellschaft 35. Jahrgang (2009), Heft 2 fiten auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und Produktion ermöglicht. Nach einer kompakten Darstellung der theoretischen Grundlagen erfolgt die empirische Untersuchung in Fallbeispielen für zwei Länder, Österreich und die Niederlande. Dabei werden die Auswirkungen der Verschiebung der Einkommensverteilung auf die Konsumnachfrage, die Investitionen, den Export und den Import ökonometrisch geschätzt. Die Teileffekte werden schließlich zu einem Gesamteffekt zusammengeführt. Dabei zeigt sich für Österreich, dass die Auswirkungen der Verschiebung der Einkommensverteilung auf die Konsumnachfrage deutlich negativ, jene auf die Investitionen schwach und jene auf den Export stark positiv sind. Für die jeweiligen Anteile an der Gesamtnachfrage auf Basis des Jahres 1960 errechnet sich insgesamt ein negativer Nachfrageeffekt auf das Wirtschaftswachstum. Seither hat sich allerdings die Gesamtnachfrage markant zulasten des Konsums und zugunsten des Exports verschoben. Auf Basis der Nachfrageanteile des Jahres 2005 ist der Gesamteffekt der Verschiebung der Verteilung eindeutig positiv. Eine Erhöhung des Profitanteils am Volkseinkommen um einen Prozentpunkt führte im Jahr 2005 zu einem Anstieg der Gesamtnachfrage um 0,3 Prozentpunkte. Der enorme Anstieg des Anteils von Export und Importen am BIP seit den 1960er-Jahren (von unter 30% auf 60%) bewirkt, dass in Österreich die Begünstigung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit durch Lohnzurückhaltung deutlich stärker wirkt als die damit einhergehende Dämpfung der Konsumnachfrage. Die Auswirkungen der Lohnzurückhaltung auf die privaten Investitionen sind hingegen relativ gering. Recht ähnlich fallen die empirischen Ergebnisse für die Niederlande aus. Die Arbeit Stefan Ederers bestätigt also die Erkenntnis, dass die in Österreich in den letzten drei Jahrzehnten in Relation zum gesamtwirtschaftlichen Produktivitätsfortschritt nur recht verhalten gestiegenen Löhne (Rückgang der Lohnquote) insgesamt positiv auf das Wirtschaftswachstum gewirkt haben. Doch welche Schlussfolgerungen sollen daraus für die Wirtschaftspolitik gezogen werden? Ederer handelt diese Fragestellung nur knapp ab und sieht die Antworten in folgenden Bereichen: Erstens spielen Verteilungsfragen eine wesentliche Rolle für die Entwicklung der Gesamtwirtschaft. Zweitens hat Lohnzurückhaltung in kleinen Ländern zwar positive Gesamtwirkungen auf das BIP, allerdings auf Kosten der Handelspartner und nur so lange als nicht auch die großen Länder Lohnzurückhaltung üben und es zu keinem Lohnsenkungswettlauf kommt. Drittens würde eine koordinierte Lohnpolitik im EU-Binnenmarkt, bei der die Löhne überall im Ausmaß des Produktivitätsfortschritts steigen, insgesamt positive Wachstumseffekte in allen Ländern mit sich bringen. Angesichts der guten theoretischen Kenntnisse und der sorgfältigen empirischen Arbeit des Autors wäre eine ausführlichere Behandlung der wirtschaftspolitischen Implikationen seiner Untersuchung von größtem Interesse gewesen. Diese bleibt aber offensichtlich dem weiteren Forschungsprogramm Ederers vorbehalten. Interessant wäre etwa die Fragestellung, wie die Beschäftigungswirkungen der Einkommensverteilung in Österreich aussehen. Es ist offensichtlich, dass die Beschäftigungsintensität der Konsumnachfrage deutlich höher als jene der Exportnachfrage ist, ins- 284

3 35. Jahrgang (2009), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft besondere wenn die Exporterfolge wie in den letzten Jahren nur noch in sehr geringem Ausmaß in Investitionen und Beschäftigung weitergegeben werden. Aktuell (und wohl auch in den kommenden Jahren) von besonderer Relevanz wäre die Frage, wie die exportorientierte wirtschaftspolitische Strategie Österreichs in Zeiten der Weltwirtschaftskrise einzuschätzen ist. Eine stärkere Orientierung auf die Binnennachfrage hätte wohl stabilisierende Wirkungen gehabt. Von besonderem Interesse wäre natürlich auch die Frage, wie wirtschaftspolitische Koordination auf EU-Ebene auf der Basis der Erkenntnis aussehen kann, dass Lohnzurückhaltung für die meisten Länder individuelle positive Wachstumseffekte, insgesamt in der EU aber negative Folgen hat. Schließlich wäre es spannend, der Frage nachzugehen, welche gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen das Aufgehen der Einkommensschere innerhalb der unselbstständig Beschäftigten zwischen gut verdienenden höheren Angestellten mit hoher Sparneigung und schlecht bezahlten Frauen und Jugendlichen mit hoher Konsumneigung hat. Mit der vorliegenden Arbeit qualifiziert sich Stefan Ederer jedenfalls als einer der empirischen Wirtschaftsforscher, denen man vernünftige Antworten auf diese drängenden Fragen zutraut. Markus Marterbauer 285

4 WIRTSCHAFT UND GESELLSCHAFT 35. Jahrgang (2009), Heft 2 Inhalt Editorial Vom Krisenbudget zur Budgetkrise? Rainer Bartel Weltwirtschaftskrise und Politikwechsel René Böheim, Florian Wakolbinger Mehr Lohn bei betrieblicher Weiterbildung? Eine empirische Analyse österreichischer Unternehmen Irene Mandl, Karin Gavac, Kerstin Hölzl Ein-Personen-Unternehmen in Österreich Christoph Hermann Die Liberalisierung des österreichischen Postmarktes, neue Unternehmensstrategien und die Folgen für Beschäftigung und Arbeitsbedingungen Berichte und Dokumente Michael Mesch Gewerkschaften und Lohnverhandlungen in der Tschechischen Republik Kommentar Franz Nauschnigg Preiseffekte der Agrartreibstoffproduktion Bücher Stefan Ederer, Einkommensverteilung und gesamtwirtschaftliche Nachfrage in Österreich und den Niederlanden (Markus Marterbauer) Max Laimböck, Die Zukunft des österreichischen Gesundheitssystems (Oskar Meggeneder) Max Haller, Die österreichische Gesellschaft. Sozialstruktur und sozialer Wandel (Michael Mesch)

5 Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Fünfter Band. Bundesrepublik und DDR (Martin Mailberg) Andrea Wagner, Die Entwicklung des Lebensstandards in Deutschland zwischen 1920 und 1960 (Andreas Weigl) Richard Sennett, HandWerk (Alexander Schneider) Stefan Karner u. a. (Hrsg.), Prager Frühling. Das internationale Krisenjahr 1968 (Klaus-Dieter Mulley) Wolfgang Neugebauer, Der österreichische Widerstand (Klaus-Dieter Mulley) Robert Schediwy, Ein Jahrhundert der Illusionen (Georg Kovarik) Unsere AutorInnen: Rainer Bartel ist a. o. Universitätsprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Johannes-Kepler-Universität Linz und derzeit wissenschaftlicher Referent beim Amt der Oberösterreichischen Landesregierung. René Böheim ist Universitätsassistent am Institut für Volkswirtschaftslehre der Johannes-Kepler-Universität Linz. Karin Gavac ist Mitarbeiterin von KMU Forschung Austria in Wien. Christoph Hermann ist Mitarbeiter der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA) in Wien. Kerstin Hölzl ist Mitarbeiterin von KMU Forschung Austria in Wien. Irene Mandl ist Mitarbeiterin von KMU Forschung Austria in Wien. Michael Mesch ist Mitarbeiter der Abteilung Wirtschaftswissenschaft und Statistik der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien. Franz Nauschnigg ist Leiter der Abteilung für Integrationsangelegenheiten und Internationale Finanzorganisationen der Oesterreichischen Nationalbank in Wien. Florian Wakolbinger ist selbstständiger Volkswirt und Partner bei 3E in Innsbruck. 134

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