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1 responsability Newsletter Ausgabe 3/2012 Liebe Leserinnen und Leser Haben Sie sich auch schon gefragt, welches die grundlegenden Gemeinsamkeiten so unterschiedlicher Anlagethemen wie Finanz, Landwirtschaft, Gesundheit oder Bildung bei responsability sind? Ob es einen gemeinsamen Nenner gibt, der über den geografischen Fokus auf Entwicklungs- und Schwellenländer sowie Menschen an der Basis der globalen Einkommenspyramide hinausgeht? Solche Fragen drängen sich auf, wenn sich scheinbar zusammenhanglose Anlagebereiche in ähnlicher Weise auffällig entwickeln, zum Beispiel besonders robust in einem sonst eher volatilen Umfeld. Gibt es ein Muster? Ein Muster, das vielleicht wichtige Erkenntnisse für Anleger birgt? Unsere Antwort ist Ja. Dieses Muster gibt es tatsächlich. Es heisst: hoher Kundennutzen durch innovative Produkte und Dienstleistungen, die helfen, die Grundbedürfnisse einer möglichst grossen Anzahl von Menschen zu decken und deren Lebensumstände zu verbessern. Ein bekanntes Beispiel für ein Geschäftsmodell, welches seine Dienstleistungen auf die Bedürfnisse der Menschen an der Basis der Einkommenspyramide ausrichtet, ist Mikrofinanz: An die Stelle von hunderten von Prozenten Kreditzinsen in einem informellen, von Willkür und fehlendem Kundenschutz geprägten Umfeld tritt ein massiv günstigeres Angebot in einem sichereren, formalen Rahmen. Der Kundennutzen ist substanziell. Kann das Angebot massiv ausgeweitet werden, ist die Basis für eine erfolgreiche Geschäftstätigkeit gelegt die Grundvoraussetzung für attraktive Investitionen. Gleiches lässt sich bei den anderen Anlagethemen von responsability beobachten. Ihnen ist diese Ausgabe des gewidmet. Die Themen reichen von einem innovativen Geschäftsmodell im Business-Process-Outsourcing bis zur Finanzierung von Fair-Trade-Kooperativen. Sie alle zeigen: Ein hoher Kundennutzen führt nicht nur zu Wachstumspotenzial, sondern ermöglicht auch eine stabile langfristige Entwicklung. In dieser Ausgabe Entwicklungsrelevante Infrastruktur Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung im ländlichen Indien 2 Investment Highlight Teekultur mit grosser Tradition und Zukunft 2 Research Insight Studie zum Investitionspotenzial des indischen Gesundheitsmarktes 4 Netzwerk Geschäftsleiterin von Max Havelaar im Interview zur Wirkung von Fairtrade 4 Fair Trade Credit Suisse Studie: Fair Trade im Mainstream angekommen 6 Editorial Klaus Tischhauser Co-Founder & CEO responsability Social Investments AG Ich lade Sie ein, nach dem Muster, das sich hinter den responsability Anlagethemen verbirgt, zu suchen. Es ist die Suche nach dem Schatz an der Basis der globalen Einkommenspyramide. Ich wünsche Ihnen bei der Suche viele zukunftsweisende Erkenntnisse und darauf aufbauend viel Anlageerfolg. Klaus Tischhauser

2 Entwicklungsrelevante Infrastruktur Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung im ländlichen Indien 75% der indischen Bevölkerung lebt auf dem Land, häufig in Armut. Der Mangel an Beschäftigungsmöglichkeiten treibt die Menschen in die Städte. Die fortschreitende Urbanisierung führt zu einer Überlastung der städtischen Infrastruktur und zunehmenden Engpässen bei Grundbedarfsleistungen wie der Wasser-, Stromoder sanitären Versorgung. Die von Saloni Malhotra gegründete und vom Rural Technology & Business Incubator (RTBI) von IIT Madras zur Marktreife gebrachte DesiCrew fördert die wirtschaftliche Entwicklung in Indiens ländlichen Regionen. DesiCrew ist ein Anbieter von Business Process Outsourcing (BPO), der aktuell mit mehr als 250 Mitarbeitern vier Servicezentren in ländlichen Gebieten im südlichen Indien betreibt. Einwohner aus umliegenden Dörfern werden geschult und eingestellt, um Back-Office-Prozesse für grosse Unternehmenskunden abzuwickeln zum Beispiel in den Bereichen Versicherung, neue Medien oder betriebliche Dienstleistungen. Im August 2012 hat der Social Venture Capital Fonds von responsability DesiCrew eine Finanzierung zur Unterstützung der eigenen Wachstumspläne bereitgestellt. Im folgenden Interview erläutert der CEO von DesiCrew, Ramesh Maganti, was ländliche BPO-Anbieter wie DesiCrew in den lokalen Gemeinschaften bewirken können. responsability: Herr Maganti, wie trägt die responsability-finanzierung zur Geschäftsentwicklung von DesiCrew bei? R. Maganti: Die Mittel fliessen hauptsächlich in die Einrichtung neuer Servicezentren und die Ausweitung unseres Serviceangebots, um mit den Bedürfnissen unserer Kunden Schritt zu halten. Ausserdem begrüssen wir responsability in unserem Verwaltungsrat. Wir freuen uns auf eine enge strategische und operative Zusammenarbeit mit responsability in den kommenden Jahren. Wie fördert DesiCrew die wirtschaftliche Entwicklung im ländlichen Raum? Und was bewirkt das Unternehmen im sozialen Bereich? DesiCrew fördert die wirtschaftliche Entwicklung im ländlichen Raum, indem es Beschäftigungsmöglichkeiten für die Menschen vor Ort schafft. Dadurch verbessern sich die Einkommensaussichten der Menschen und ihre Möglichkeit, Rücklagen zu bilden. Letztlich dämmt das die Landflucht ein. Als Arbeitgeber bekennt sich DesiCrew zur Stärkung der Unabhängigkeit der Frauen und damit der ländlichen Gemeinschaft. Traditionell ist es für die Frauen auf dem Land schwerer als für junge Männer, in die Stadt umzusiedeln. Darüber hinaus leistet das Unternehmen einen Beitrag zur Schaffung neuer Beschäftigungsmöglichkeiten für junge Menschen und zur Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen. Insgesamt führt dies zu einer verbesserten Einkommenssituation und besseren Möglichkeiten, Rücklagen zu bilden beides wichtige Voraussetzungen für eine lokale Wertschöpfung und die Entwicklung der regionalen Wirtschaft. Welche Vorteile haben ländliche BPO-Anbieter gegenüber städtischen Anbietern? Sie profitieren von mehreren Vorteilen: Die Mitarbeiter der lokalen Anbieter sind sehr engagiert, da ihnen die Arbeitsplätze in den Servicezentren eine einzigartige Beschäftigungsmöglichkeit direkt vor der eigenen Haustür bieten. Dementsprechend gross sind auch die Begeisterung für die Arbeit, die Lernbereitschaft und der berufliche Ehrgeiz. Dadurch ist die Mitarbeiterfluktuation geringer als in traditionellen, städtischen BOP-Zentren. Ein weiterer Unterschied liegt in der Grösse der Zentren: Während grosse BPO-Anbieter gewöhnlich Servicezentren mit oder mehr Plätzen betreiben, setzt DesiCrew auf deutlich kleinere Zentren mit einer hohen Leistungsqualität und guten Arbeitsbedingungen. Schliesslich profitieren ländliche BPO-Anbieter wie DesiCrew von einer geringeren Kostenbasis, was sie zu einem interessanten Dienstleister für eine Vielzahl grosser in- und ausländischer Unternehmenskunden macht. Wie rekrutieren und schulen Sie die Mitarbeiter der DesiCrew-Zentren? DesiCrew rekrutiert vorwiegend College-Absolventen aus der näheren Umgebung und Schulabgänger aus den umliegenden Dörfern. Kandidaten durchlaufen das 45-tägige Trainingsprogramm DTOUCH, wobei etwa 60% bis 70% aller Schulungsteilnehmer im Anschluss übernommen werden. Mehr als 50% der Beschäftigten sind Frauen. Aufgrund der langen Anfahrzeiten hätten diese ansonsten Schwierigkeiten, eine Arbeit zu finden. Auf diese Weise können sie einer Arbeit nachgehen und einen Beitrag zum Haushaltseinkommen leisten. Das Durchschnittsalter der Beschäftigten liegt bei etwa 29 Jahren. Wie ist Ihr Fünfjahresausblick für DesiCrew? Unser Ziel ist es, DesiCrew in ganz Indien als erfolgreichen Anbieter ländlicher BPO-Dienstleistungen für in- und ausländische Kunden mit einer positiven Entwicklungswirkung zu etablieren. Anhand des Wachstums dieses Unternehmens wollen wir zeigen, dass ländliche BPO-Leistungen ein wirtschaftliches Modell darstellen, das einen sehr effektiven Beitrag zur Schaffung von Arbeitsplätzen in ländlichen Regionen leistet. Das Interview führte Kerstin de Carvalho, Marketing & Communications, responsability 2

3 Investment Highlight Teekultur mit grosser Tradition und Zukunft Jahrhundertealte Tradition und modernes Marketing sind für das Teeunternehmen Runa kein Widerspruch. Ganz im Gegenteil: Mittels gut organisierter Lieferketten- und Distributionsstrukturen vermarktet und exportiert das Unternehmen ein von einem Amazonas-Volk entdecktes Getränk mit einzigartigen Eigenschaften und fördert so Kleinbauern, kulturelle Traditionen und den Schutz des Regenwalds. Ein responsability Fonds unterstützt Runa bei der Skalierung seines Geschäftsmodells. Im Kichwa-Dialekt bedeutet «Runa» so viel wie «wirklich lebendiges menschliches Wesen». Über Tausende von Jahren hat dieses grösste von acht in der ecuadorianischen Amazonas-Region ansässigen Völkern einen ganz besonderen, auf natürliche Weise stimulierenden Tee aus Guayusa-Blättern gebrüht. Der Guayusa-Baum ist eine im Amazonas-Gebiet heimische Pflanze. Jetzt hat ein Unternehmen diese Tradition in eine neue Dimension gehoben. Die 2008 gegründete Runa hat es sich zum Ziel gemacht, die Lebensbedingungen der eingeborenen Bauern in der Amazonas-Region zu verbessern. Dazu hat das Unternehmen betriebliche Strukturen geschaffen, um den traditionellen Guayusa-Tee auch ausserhalb der Region zu vermarkten und zu exportieren. Die von einem responsability Social Venture Capital Fonds bereitgestellten Mittel werden eingesetzt, um die Umsätze mit Runa-Tee in den USA zu erhöhen und die Verarbeitungskapazität in Ecuador auszubauen. Starker Marktauftritt für Guayusa-Tee Als Getränk, das mehr Koffein und zwei Mal so viele Antioxidantien enthält wie jeder andere Tee wird Guayusa traditionell eingesetzt, um den Stoffwechsel anzuregen und dem Körper neue Energie zu geben. Aufbauend auf diesen einzigartigen Eigenschaften hat Runa die erste kommerzielle Lieferkette für Guayusa aus Ecuador aufgebaut. Inzwischen vermarktet Runa Guayusa in den USA als trinkfertiges Teegetränk sowie in Teebeutelform. Dabei profitiert das Unternehmen vom stetigen Wachstum des Marktes für gesunde, natürliche und stimulierende Nahrungsmittel und Getränke. Verbesserung der Lebensbedingungen und des natürlichen Umfelds Runa kultiviert und vorverarbeitet Guayusa vor Ort über ein Netzwerk von Kleinbauern in Ecuador, die von einem Team von Ingenieuren, Agronomen und Produktionsmanagern unterstützt werden. Durch den Verkauf von Guayusa können die Bauern vor Ort ihre Einnahmeströme stärken und auf eine breitere Basis stellen. Runa geht davon aus, in fünf Jahren die Guayusa-Ernte von rund Bauern mit grösseren durchschnittlichen Anbauflächen unter Vertrag zu haben. «Runa gibt Kleinbauern die Möglichkeit, ihre eigene nachhaltige Entwicklung proaktiv zu gestalten.» Tyler Gage, Mitgründer und Co-CEO, Runa Runa garantiert den Bauern einen fairen Preis und unterstützt die Entwicklung von Agrargemeinschaften. Darüber hinaus profitieren die Bauern von gezielten Schulungen und Beratung zu Bio-Landbau, Wiederaufforstung oder dem Guayusa-Anbau. Wiederholung der Rooibos-Story? ACNielsen hat Energie- und Sportgetränke sowie Tee als wachstumsstärkste Segmente des Getränkemarktes identifiziert (15%, 14% bzw. 9%), während die NPD Group in ihrem Bericht für 2008 eine zunehmende Verlagerung der Verbrauchernachfrage auf gesündere, umweltfreundlichere und exotischere Produkte beobachtet perfekte Voraussetzungen für Runa, ein neues Getränk, dass all das in einem Produkt vereint. Manche prognostizieren bereits eine Wiederholung der Rooibos-Erfolgsstory: Nachdem Rooibos-Tee den meisten Verbrauchern noch vor zehn Jahren kein Begriff war, hat sich daraus seither eine florierende Branche entwickelt, die Tausende von Menschen beschäftigt und eine dünn besiedelte Region ins Rampenlicht der internationalen Teeindustrie gerückt hat. In den zehn Jahren von 1997 bis 2007 haben sich die Nachfrage nach Rooibos-Tee verdreifacht und die Anbaufläche verdoppelt. Bis Anfang 2011 ist die Rooibos-Industrie mit durchschnittlichen Raten von rund 6% pro Jahr gewachsen. (Quelle: World Intellectual Property Organization; 3

4 Research Insight Studie zum Investitionspotenzial des indischen Gesundheitsmarktes Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern geben jährlich etwa fünf Billionen USD aus, um ihren Grundbedarf an Nahrung, Bildung, Gesundheit, Energie und Information zu decken. Unternehmen, die effiziente Marktlösungen in diesen Sektoren anbieten, sind gut positioniert, auch in Zukunft vom robusten Wirtschaftswachstum dieser Regionen zu profitieren. Ein Bereich mit enormen Potenzial ist der Gesundheitsbereich. In unserer aktuellen Studie untersuchen die Ökonomen von responsability die gesellschaftliche und wirtschaftliche Wirkung von Investitionen in den indischen Gesundheitsmarkt. Indiens stark wachsende und zunehmend kaufkräftige Bevölkerung sorgt für einen anhaltend steigenden Bedarf an erschwinglichen Gesundheitsleistungen. Mit mehr als 1.21 Milliarden Menschen steht das Land unter den bevölkerungsreichsten Nationen der Welt an zweiter Stelle. Bis 2025 soll Indien sogar China überholen und damit auf den ersten Platz vorrücken. Gleichzeitig hat heute ein Grossteil der Bevölkerung Indiens keinen oder nur sehr begrenzten Zugang zu Leistungen der medizinischen Grundversorgung. Attraktive Wachstumsperspektiven für Unternehmen Bis 2015 sollen Haushalte in Indien etwa 9% ihrer Gesamtausgaben für Gesundheit aufwenden, bis 2025 dürften es bereits 13% sein. Die steigende Nachfrage nach medizinischen Leistungen in den Ballungsgebieten und den bislang unterversorgten ländlichen Regionen bietet grosses Potenzial für Unternehmen. Dabei stehen vor allem wenig kosten- und investitionsintensive Geschäftsmodelle im Vordergrund, welche medizinische Leistungen anbieten, die auch für Menschen an der Basis der Einkommenspyramide bezahlbar sind. Diese Bevölkerungsgruppe umfasst derzeit etwa 835 Millionen Menschen, die über ein nominales Haushaltseinkommen von weniger als 4.26 USD pro Tag verfügen. Im Schnitt gibt sie für die Gesundheitsversorgung insgesamt rund 25 Milliarden USD pro Jahr aus. Die Ökonomen von responsability erwarten, dass in den kommenden Jahren die Nachfrage nach medizinischen Leistungen in diesem Bevölkerungssegment, gleich dem landesweiten Durchschnitt, um mindestens 15% pro Jahr zunehmen wird. Finanzielles und gesellschaftliches Renditepotenzial Der indische Gesundheitsmarkt bietet bereits heute über praktisch alle Segmente hinweg eine grosse Vielfalt an Investitionsmöglichkeiten mit Eigenkapital in verschiedenen Stadien der Unternehmensentwicklung. So wurden im Gesundheitsmarkt allein in den Jahren 2009 und 2010 mehr als 400 Millionen USD an Private- Equity-Investitionen sowie Fusionen und Übernahmen im Wert von insgesamt 7 Milliarden USD getätigt. Durch die damit verbundene Ausweitung von effizienten und kostengünstigen medizinischen Angeboten erhalten die Menschen an der Basis der Einkommenspyramide besseren Zugang zur Gesundheitsversorgung, was einen massgeblichen Beitrag zur Verbesserung ihrer Lebensqualität leisten kann. Damit bietet sich Investoren die Möglichkeit, eine finanzielle Rendite zu erzielen und gleichzeitig einen positiven Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen zu nehmen. Das vollständige Research Insight «Gesundheit in Indien: Eine Investition mit Zukunft» ist abrufbar unter Netzwerk Geschäftsleiterin von Max Havelaar im Interview zur Wirkung von Fairtrade Viele Produzenten und Kooperativen, die durch Anlageprodukte von responsability finanziert werden, sind gemäss den internationalen Fairtrade-Standards der Fairtrade Labelling Organizations International (FLO) zertifiziert einer Label- und Netzwerkorganisation, die den fairen Handel mit Entwicklungs- und Schwellenländern fördert. Inwieweit sich die Erfolgsgeschichte von Fairtrade-Produkten 1 in den Konsumentenländern auf die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung in den Produktionsländern überträgt, untersucht eine von Max Havelaar in Auftrag gegebene Studie, die demnächst publiziert wird (siehe Infobox). Im folgenden Interview spricht Nadja Lang, Geschäftsleiterin der Max-Havelaar-Stiftung (Schweiz), über das Fairtrade- Label in der Schweiz unter Max Havelaar bekannt und darüber, welche Trends diesen Markt weiter prägen könnten. responsability: Frau Lang, fair gehandelte Produkte erfreuen sich grosser Nachfrage, was nicht zuletzt auf die beachtliche Angebotsvielfalt und Qualität zurückzuführen ist. Max Havelaar hat diesen Erfolg massgeblich geprägt. Was waren wegweisende Ereignisse und Trends, die diese Entwicklung gefördert haben? 1 Fairtrade ist der von Max Havelaar verwendete Zertifizierungsstandard 4

5 Nadja Lang: Sie haben Recht, der faire Handel ist eine Erfolgsgeschichte sowohl in der Schweiz als auch international. Die Umsätze in der Schweiz kletterten in den zwanzig Jahren seit der Gründung von Max Havelaar (Schweiz) von 13 Millionen auf 300 Millionen CHF. Besonders erfolgreich sind bei uns die Bananen und Rosen, in anderen Ländern ist es der Kaffee. Wegweisend für den Erfolg war sicher die grundlegende Pionierarbeit von Organisationen wie claro und gebana in den ersten Jahren. Heute ist es vor allem das grosse Engagement des Detailhandels, der für eine gute Bekanntheit, wachsende Absätze und ein immer umfassenderes Sortiment an Fairtrade-zertifizierten Produkten sorgt. Es gibt in Schweizer Läden und Gastronomiebetrieben bereits über Produkte mit dem Fairtrade-Label zu kaufen. Wir haben Partner im Detailhandel, die ganze Sortimente auf Fairtrade umgestellt haben. Dieses Wachstum ist wichtig, wenn Fairtrade mehr sein will als nur ein Signal. Wenn wir die Lebens- und Arbeitsbedingungen möglichst vieler Bauern und Landarbeiter in den Produzentenländern im Süden verbessern wollen, müssen auch möglichst viele ihrer Produkte den Weg zu den Kunden finden, und zwar in noch grösseren Mengen als bisher. Fair Trade ist ein wichtiges Investitionsgebiet für responsability, weil es eine positive gesellschaftliche Wirkung in den Produzentenländern entfaltet und gleichzeitig substanzielles wirtschaftliches Potenzial hat. Können Sie uns aus Ihrer Erfahrung schildern, welche Bedeutung Fair Trade für die Produzentenländer hat? Eine ganze Reihe von Studien belegen, dass Fairtrade funktioniert und die Entwicklung in den Produzentenländern positiv beeinflusst, und zwar oft auch über die eigentlichen Produzentenorganisationen hinaus. Je mehr die Produzenten unter dem Fairtrade-Label produzieren können, desto stärker und breiter wirkt der faire Handel. Das Fairtrade-Netz umfasst heute weltweit fast tausend Produzentenorganisationen oder anders gesagt etwa 1.2 Mio. Kleinbauern und Arbeiterinnen in 66 Ländern. Mit ihren Familien sind das 5 Millionen Menschen. Die Produzenten erhalten einen garantierten Mindestpreis für die Rohstoffe und eine sogenannte Fairtrade-Prämie, die im Endverkaufspreis von jedem Faitrade-Produkt enthalten ist konnten 65 Millionen EUR Fairtrade-Prämien an die Produzentenorganisationen überwiesen werden, welche dieses Geld in Entwicklungsprojekte wie Schulen, den Ausbau von Transportwegen oder in Gesundheitsprojekte investieren. Über die Projekte entscheiden die Bauern in den basisdemokratisch organisierten Produktionsgemeinschaften selbst. Der Mindestpreis für die Rohstoffe und die langfristigen Handelsbeziehungen, die Fairtrade vermittelt, führen bei den Produzenten zu besserer wirtschaftlicher Stabilität. Die Fairtrade Labelling Organizations International (FLO) regelt die Standards für entsprechende Produkte. Wie läuft die Kontrolle der Einhaltung dieser Standards ab? Die Einhaltung der Standards bei den Produzenten und in der ganzen Handelskette wird von der unabhängigen Kontrollstelle FLO-CERT gemäss ISO-65-Richtlinien sichergestellt. Dies bedeutet regelmässige Audits vor Ort, aber auch eine Kontrolle des gesamten Geld- und Warenflusses von Fair-Trade-Rohstoffen. Die gesamte Handelskette ist transparent. Damit ist garantiert, dass der Mindestpreis und die Prämie bei den Produzenten ankommen. Welchen Einfluss haben die anhaltend hohen Rohstoffpreise auf die Produzenten und Kooperativen? Die hohen Preise bedeuten nicht immer auch mehr Profit für die Kleinbauern. Gleichzeitig stiegen nämlich in den letzten Jahren ihre Produktionskosten: Etwa die Energiekosten, das Saatgut aber auch die Lebensmittelpreise sind deutlich teurer geworden. Dazu kommt, dass oft Zwischenhändler den Mehrwert der Rohstoffpreise abschöpfen und den Bauern davon kaum etwas übrig bleibt. Deshalb ist bei Fairtrade auch der direkte Marktzugang ohne Zwischenhandel so wichtig. Der direkte Marktzugang und die stabilen Preise sind in Zeiten hoher und vor allem volatiler Rohstoffpreise entscheidende Vorteile für Fairtrade-Produzenten. Im Jahr 2011 stieg der Umsatz mit Fairtrade-zertifizierten Produkten um 8% auf Millionen CHF. Wie erklären Sie sich die enorme Dynamik trotz schwierigem Wirtschaftsumfeld? Mit einem Wachstum von 8% konnte Fairtrade 2011 an den Wachstumstrend der Vorjahre anknüpfen. Dieser Ausbau gelang dank neuer oder neu auf Fairtrade umgestellter Produkte. Mit den Vollumstellungen seiner Eigenmarkenprodukte Kaffee, Reis und Schokolade auf Fairtrade hat Coop einen Meilenstein gesetzt. Auch bei den umsatzstärksten Produkten Bananen und Rosen gelang trotz bereits sehr hohen Marktanteilen ein Wachstum. Unsere 180 Handelspartner in der Schweiz führen heute wie bereits gesagt über Fairtrade- Produkte in ihrem Sortiment. Dieses hat sich in den letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt. Nachhaltiger Konsum ist heute ein grosses Bedürfnis der Konsumentinnen und Konsumenten, aber auch im Handel und in der Industrie, und zwar unabhängig von der konjunkturellen Lage. 5

6 Die Konsumentinnen und Konsumenten haben hohe Ansprüche, auch ethische. Sie wollen wissen, woher ein Produkt kommt und wie es den Menschen dahinter geht. Hier bietet das Fairtrade-Label von Max Havelaar die beste Lösung. Wie schätzen Sie die langfristige Entwicklung des Fair-Trade-Marktes ein? Das Thema Nachhaltigkeit wird mittel- bis langfristig auf dem Markt weiter an Bedeutung gewinnen. Sämtliche Marktakteure müssen sich in Zukunft vermehrt mit dem Thema Rohstoffknappheit und mit Fragen der sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Verantwortung auseinandersetzen und dazu Stellung nehmen. Ebenfalls werden das Bedürfnis und die Notwendigkeit nach nachhaltigen und zuverlässigen Lieferketten steigen. Fairtrade setzt sich bereits seit zwanzig Jahren für die Anliegen der Kleinbauern im Weltsüden ein und betreibt ein aktives Stakeholder-Management, um immer mehr fair gehandelte Produkte aus den Entwicklungsländern in den Handel und zu den Menschen im Norden bringen zu können. Fairtrade-Wirkungsstudie Eine unabhängige Studie, die von Max Havelaar in Auftrag gegeben wurde, untersucht den Einfluss von Fairtrade auf ländliche Entwicklung und Armutsreduktion. Dabei wird von Bananenkooperativen in Lateinamerika über Blumenfarmen in Ostafrika bis zur Baumwollproduktion in Indien ein breites Spektrum an Produkten und Organisationsformen abgedeckt. Die Studie beleuchtet die Wirkung von Fairtrade hinsichtlich verschiedener Dimensionen wie «Bildung», «Gesundheit», «Soziale Strukturen und Gender», «Wirtschaftliche Faktoren», «Umweltaspekte» und «Organisation ländlicher Gebiete». Ein Ergebnis der Studie ist, dass Fairtrade-zertifizierte Bauern über höhere und stabilere Einkommen verfügen als nicht zertifizierte Bauern. Zudem weist die Studie positive Auswirkungen wie eine bessere Verhandlungsposition und Empowerment von Kleinbauern nach, die durch die Organisation der Bauern in Produzentenorganisationen ein Kernbestandteil von Fairtrade entstehen. Weitere Informationen zur Studie, die demnächst publiziert wird, erhalten Sie unter: Das Interview führte Kerstin de Carvalho, Marketing & Communications, responsability Fair Trade Credit Suisse Studie: Fair Trade im Mainstream angekommen Credit Suisse hat vor kurzem eine Studie zu Fair Trade veröffentlicht. Der Bericht «Fair Trade Vom Solidaritätsladen in den Mainstream» beschreibt die Veränderungen, die in der Branche zu beobachten sind. Die Autoren beleuchten die Entwicklung der Fair-Trade-Bewegung von den alternativen Handelsorganisationen der 1940er Jahre bis zum Ende der 1990er Jahre entwickelten Definition von Fair Trade und der Errichtung des heutigen Fair-Trade-Systems. Ihr Fazit: Fair Trade hat den breiten Markt längst erreicht. Entsprechend zertifizierte Produkte sind heute in immer mehr Supermarktsortimenten zu finden. Allein von 2010 bis 2011 ist der Umsatz mit Fair-Trade-Produkten um 12% auf 4.9 Milliarden EUR gestiegen. Die höchsten Umsätze werden weiter in Grossbritannien und den USA verzeichnet. Die Pro-Kopf-Ausgaben hingegen sind nirgends höher als in Irland und der Schweiz, wo zum Beispiel mehr als die Hälfte aller Bananen das Fair-Trade-Siegel tragen. Lösung für die Bedürfnisse der Kleinbauern Im Hinblick auf die Entwicklungswirkung beschreibt die Studie die Ziele des Fair-Trade-Modells wie folgt: «die Stabilisierung der Einkommen von Kleinbauern und eine gerechtere Verteilung der wirtschaftlichen Gewinne, Chancen und Risiken aus der Produktion und dem Verkauf der produzierten Güter.» Weitere Themen sind die besonderen Herausforderungen, mit denen Produzenten zu kämpfen haben, zum Beispiel im Transport oder im Hinblick auf die Infrastruktur, Preisinformationen und Qualitätsanforderungen. Zugleich beleuchtet die Studie die Schwierigkeiten, denen Kooperativen begegnen, wenn sie Zugang zu den Finanzmärkten suchen genau dieses Problem wollen Fair-Trade-Investmentvehikel lösen. Durch die Stärkung der Beziehung zwischen Produzenten und Käufern, garantierte Mindestpreise und Fair-Trade-Prämien sowie die Sicherstellung von Mindeststandards kann Fair Trade Kleinbauern unterstützen und mit Organisationen zusammenbringen, die ihre Anlagegelder so investieren möchten, dass sie auch eine gesellschaftliche Wirkung entfalten. In der Folge erreichte 6

7 Fair Trade im Jahr 2011 insgesamt 1.2 Millionen Kleinbauern in 991 Kooperativen und 66 Ländern. Die 65 Millionen EUR an Einnahmen aus «sozialen Prämien» (einem festen preislichen Bestandteil, der für Investitionen in Gemeinschaftsprojekte an die Kooperativen zurückfliesst) wurden in Krankenhäuser, Schulen, Infrastruktur und diverse sonstige Projekte vor Ort investiert. Fair Trade in der Zukunft Die Weiterentwicklung des Fair-Trade-Modells eröffnet «enorme Potenziale», so die Autoren der Studie. Ihnen sind die Herausforderungen, vor denen die Fair-Trade-Bewegung steht, bewusst, allen voran die Frage nach der Ausweitung der Produktpalette und Marktabdeckung. Dennoch sind sie sicher: Die Fair-Trade-Bewegung hat den Sprung von den Eine-Welt-Läden in die Supermarkt-Ketten geschafft dank ihrer «Fähigkeit, visionäre soziale Ziele mit praktischem Engagement zu verbinden.» Die vollständige Studie finden Sie unter: Rechtlicher Hinweis Dieses Dokument wurde von der responsability Social Investments AG (nachfolgend responsability ) erstellt. Die in diesem Dokument enthaltenen Informationen (nachfolgdieses Dokument wurde von der responsability Social Investments AG (nachfolgend responsability ) erstellt. Die in diesem Dokument enthaltenen Informationen (nachfolgend Informationen ) basieren auf Quellen, die als verlässlich betrachtet werden, jedoch besteht keine Garantie hinsichtlich Richtigkeit und Vollständigkeit derselben. Die Informationen könnten jederzeit geändert werden, ohne dass eine Verpflichtung besteht, den Empfänger darüber zu informieren. Ist nichts anderes vermerkt, sind alle Zahlen ungeprüft und nicht garantiert. Sämtliche Handlungen aufgrund der Informationen erfolgen auf eigene Haftung und Gefahr des Empfängers. Das Dokument dient ausschliesslich Informationszwecken. Die Informationen entbinden den Empfänger nicht von seiner eigenen Beurteilung. Dieses Dokument darf ohne schriftliche Genehmigung von responsability weder auszugsweise noch vollständig in irgendeiner Form oder durch irgendein Mittel elektronisch, mechanisch, fotokopiert oder sonst wie vervielfältigt, in einem Archivierungssystem aufbewahrt oder weitergeleitet werden. Zusätzliche Informationen sind auf Wunsch erhältlich. Copyright responsability Social Investments AG, Alle Rechte vorbehalten. responsability Social Investments AG Josefstrasse 59, 8005 Zürich, Schweiz Telefon , Fax

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