Pubertät eine spannende Zeit

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1 Peter Schipek

2 Mädchen & Jungen wie verschieden sind sie? In vielen Sachbüchern wird uns erklärt, warum Männer nicht nach dem Weg fragen und nicht über ihre Gefühle sprechen und warum Frauen weder logisch denken noch einparken können. Das erklärt jedoch nichts. Wie unterschiedlich sind denn die Gehirne von Mädchen und Jungen? Das männliche Gehirn ist im Durchschnitt etwas größer und hat weniger Furchen. Die Verbindung zwischen den beiden Hirnhälften, der Balken, ist dünner und beide Hemisphären sind stärker lateralisiert, d. h. die beiden Hirnhälften sind stärker für bestimmte Aufgaben spezialisiert. So ein Hirn funktioniert dann auch anders. Männer sind eigentlich das schwache Geschlecht. Denn männliche Babys sind schon im Mutterleib einem viel höheren Risiko ausgesetzt. Das starke Geschlecht kommt schwächer auf die Welt und stolpert von Anbeginn über Schwierigkeiten. Was macht uns denn schon so früh zum schwachen Geschlecht? Dass die Jungs das schwächere Geschlecht sind, hängt damit zusammen, dass ihnen ein zweites X-Chromosom fehlt. Sie sterben häufiger schon vor der Geburt ab und sind als Babies und Kleinkinder auch noch empfindlicher und anfälliger als Mädchen. Bewusst ist ihnen das freilich nicht. Aber sie suchen stärker nach etwas, was ihnen Halt bietet, was selbst stark und mächtig ist. Wenn man als Mann sein Gehirn lange genug und mit viel Begeisterung für etwas benutzt hat, was einer typischen Männerrolle entspricht, z. B. als Rennfahrer, als Tüftler, als Naturwissenschaftler, als Fußballfan oder Computerfreak, dann passen sich die dabei benutzen Nervenzellverschaltungen immer besser an diese Art der Nutzung an. Dann hat man irgendwann ein Gehirn, mit dem man genau das immer besser, alles andere aber schlechter kann, z. B. Gespräche führen, zuhören, Wäsche bügeln etc. Männer neigen immer stärker dazu, solche spezifischen Rollen zu übernehmen und sich die dazu erforderlichen Fähigkeiten ins Hirn zu bauen als Frauen, sie fangen als kleine Jungen auch schon früher damit an, weil sie anfangs noch konstitutionell schwächer sind und stärker im Außen nach Halt suchen. Sie wollen immer irgendwie bedeutsam sein, mehr als die Mädchen, jedenfalls im Durchschnitt. 2

3 Wegen Umbaus vorübergehend geschlossen Gehirnentwicklung in der Pubertät Sie denken, das Thema ist schnell abgehandelt - das kenne ich. Keine Lust mehr auf Schule, kein Zutritt mehr für die Alten in ihr Zimmer. Im Gehirn der Jugendlichen sind nur Handys, Games, Partys oder das andere Geschlecht drinnen - und die Hormone spielen verrückt. Hormone spielen nur eine Nebenrolle. Neue Erkenntnisse über den Hirnumbau bei Jugendlichen liefern immer bessere Erklärungen für deren Verhalten. Das Teenager-Gehirn ist kein Erwachsenengehirn im Hormonrausch. Die drastischen Änderungen im Verhalten der Jugendlichen beruhen auf einem systematischen Umbau ihrer Gehirnstruktur. Neue Erkenntnisse der Gehirnforschung zeigen, dass unser Gehirn diese heikle Phase unbedingt braucht, um zum selbständigen Denken fähig zu sein. Was passiert nun mit den pubertierenden Jugendlichen während der Wachstumsund Neuordnungsprozesse im Gehirn? In den ersten Jahren des Lebens wächst das Gehirn in rasantem Tempo. Ständig bilden sich neue Nervenverbindungen. Vielmehr, als überhaupt benötigt werden. Aufgrund dieser "Überproduktion sind Kinder so enorm lernfähig, können alles aufnehmen, problemlos verschiedene Sprachen und Musikinstrumente lernen. In der Pubertät kommt es dann zu einer rigorosen Aufräumaktion, das Gehirn setzt Schwerpunkte. Nervenverknüpfungen, die häufig benutzt werden, bleiben bestehen, alles andere wird entrümpelt. Trotzdem bleibt in dieser jugendlichen Abbauphase von Synapsen das Gesamtvolumen des Gehirns konstant. Wo kommt aber die neue Gehirnmasse her? In dem Maße, in dem graue Hirnmasse im Cortex schwindet, entsteht weiße Substanz. Diese weiße Substanz besteht in erster Linie aus dicht gepackten Nervenkabeln, die durch eine spezielle Hülle (die Myelinscheide) elektrisch isoliert sind. Diese Isolierung beschleunigt die Übertragung neuronaler Impulse und macht sie zuverlässiger. 3

4 Wegen Umbaus vorübergehend geschlossen Gehirnentwicklung in der Pubertät Die Leitungsgeschwindigkeit steigt auf etwa 360 Stundenkilometer. Im Zuge des Umbaus werden also überflüssige Verbindungen gekappt, die Verbleibenden arbeiten dafür umso schneller und zuverlässiger. Die Umbauvorgänge in den verschiedenen Arealen laufen in einer festen Reihenfolge ab. Zunächst bilden sich die Bereiche aus, die für Sprache und räumliches Denken zuständig sind. Dann beginnt eine massive Umgestaltung des Belohnungssystems, das am Entstehen angenehmer Gefühle beteiligt ist. Etwa 30 Prozent der Rezeptoren des Glücksbotenstoffes Dopamin gehen verloren. Das Leben wird jetzt zunehmend anstrengender. Viele kleine Freuden des Alltags verlieren auf einmal an Bedeutung und andere Dinge wie Sport, Musik und das andere Geschlecht werden interessant. Gleichzeitig entwickelt sich das Urteilsvermögen weiter und die Fähigkeit zum abstrakten Denken wird verbessert. Der letzte Bereich, der ausreift ist der präfrontale Cortex. Der präfrontale Cortex ist der Bereich, wo Vernunft, Impulshemmung und wo - wenn man so sagen will das Gewissen sitzt. Ab dem 12. Lebensjahr verlieren Jugendliche zeitweise die Fähigkeit, die Gefühle anderer Menschen zu verstehen. Geben Sie Jugendlichen zwischen 10 und 18 Jahren Bilder mit unterschiedlichen emotionalen Gesichtern. Fragen Sie, was die Kinder oder Jugendliche sehen. 10 jährige sind ziemlich gut darin, die Gefühle anderer Menschen aus dem Gesicht zu lesen 11 jährige sind nicht mehr so gut und mit 12 bricht die Kurve ganz ein. Es dauert weitere 6 Jahre bis sie wieder auf dem Wert von 10 jährigen sind. Wenn sie also zeitweise von Jugendlichen hören ich versteh dich nicht, so ist das nicht immer eine Ausrede. 4

5 Was Kinder & Jugendliche brauchen Unsere Kinder brauchen uns Die Pubertät ist eigentlich eine großartige und spannende Zeit voller Möglichkeiten. Doch wenn man Eltern, Lehrer und Pädagogen fragt, hört man meistens etwas anderes: Stöhnen... Haben es die Jugendlichen von heute schwerer? Viele noch in der Entwicklung befindliche junge Menschen verlieren nach und nach jeden Halt - zu Hause, in der Schule und in sonstigen Gemeinschaften. Vielen fehlt es an Selbstkontrolle. Sie sind schwerer zu unterrichten und schwieriger zu lenken als die Kinder noch vor wenigen Jahrzehnten. Viele sind nicht mehr fähig, sich anzupassen, aus negativen Erfahrungen zu lernen und zu reifen. Mehr Kinder und Jugendliche als je zuvor bekommen auf Grund von Depressionen, Ängsten oder einer Vielzahl anderer Diagnosen Medikamente verordnet. Die Kluft, die sich zwischen Jugendlichen und Erwachsenen auftut, scheint manchmal unüberbrückbar. Wenn wir als Eltern oder Lehrer die gewünschten Ergebnisse nicht erzielen, reden wir unseren Kindern gut zu, bestechen, belohnen oder bestrafen sie. Wenn wir unsere Ohnmacht nicht länger ertragen, suchen wir nach schnellen Lösungen und greifen auf simple, autoritäre Verhaltensweisen zurück. Doch Jugendliche gewähren uns nicht automatisch die Autorität, einfach weil wir Erwachsene sind, weil wir zu wissen glauben, was gut für sie ist. Wenn wir also nicht automatisch Autorität haben - wenn erzieherische und pädagogische Fähigkeiten nicht ausreichen, was ist es dann? Beziehung und Bindung! Es gibt eine unerlässliche, besondere Art der Beziehung, ohne die der Erziehung die feste Grundlage fehlt. Psychologen, die sich mit der Entwicklung des Menschen befassen, sprechen von einer Bindungsbeziehung. Damit Kinder oder Jugendliche für die Erziehung, für die Begleitung und für den Unterricht durch einen Erwachsenen offen sind, müssen sie sich aktiv an den Erwachsenen binden, Kontakt und Nähe zu ihm wollen. Das Geheimnis besteht nicht darin, was Eltern oder Lehrer tun, sondern vielmehr darin, wer sie für Kinder und Jugendliche sind. Alle pädagogischen und erzieherischen Fähigkeiten der Welt können das Fehlen einer Bindungsbeziehung nicht ausgleichen. 5

6 Einfach zum Nachdenken... Einfach zum Nachdenken Kinder brauchen Gemeinschaften, in denen sie sich geborgen fühlen, Aufgaben, an denen sie wachsen und Vorbilder, an denen sie sich orientieren können. Prof. Dr. Gerald Hüther 6

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