Benjamin Brückner Johannisallee Leipzig Fon: 0176/ Wettmaitresse

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1 Wettmaitresse Es muss einen Gott geben. Denn nur so kann ich mir erklären, warum die neue Kneipe namens S-Bar eröffnete. Sie bot nicht nur frisches Bier und leckere Kartoffelgitter, sondern veranstaltete darüber hinaus ständig 99-Cent- Partys. Es war, als sprachen die Kneipenmauern zu uns wie einst der brennende Busch zu Moses: Lasset euch nicht in alle Winde zerstreuen. Not musstet ihr gar viel auf kalten Rennbahntribünen und Parkbänken leiden. So höret meine Worte: Dieses Haus sei euer Haus, darinnen Speis und Trank für jedermann, egal wie abgebrannt ihr seiet! Und so geschah es. In die frisch eröffnete S-Bar, deren S für das Wort Sport stand, verschlug es uns an diesem Abend eher zufällig. Der Schnee rieselte schon wieder vom 1

2 schwarzen Himmel hinab und schien sich mit dem in die Gesichtshaut schneidenden Wind gegen uns verbrüdert zu haben. Anders als in den bisher von uns besuchten siffigen Schuppen wurden wir von einer echt scharfen Bardame begrüßt. Ihre braunen Augen strahlten wach und klar und sie war des Lächelns mit Zähnen mächtig. Auch ihre warme, einladende Engelsstimme bestätigte meinen Eindruck, dass dies hier Gottes Werk war: Hallo Jungs! Was wollt ihr denn trinken? Wir quetschten uns an den kurzen Tresen und bestellten einen halben Liter vom Fass. Links von uns saß ein Mann mit knittriger brauner Lederjacke. Er wirkte müde und nippte von Zeit zu Zeit an einem Chantré- Flachmann. Paul sprach ihn an, doch er war wie Zement: Ich will euch nich kennenlernen! raunte er nur herüber und widmete sich wieder 2

3 seinem hochprozentigen Freund. Zu unserer Rechten saß ein Kerl, der ein Jeansbasecap, eine dazugehörige ärmellose Weste sowie eine Hose aus demselben Stoff trug. Alles in allem wirkte er ziemlich abgehalftert und war bei genauerem Hinsehen nur augenscheinlich in das vor ihm liegende Wurstblatt Berliner Kurier vertieft. Er sprach uns in verschwörerischem Ton und mit gesenktem Kopf an. Genauso als hätte er vor dem Rest der Kneipe ein wichtiges Geheimnis zu wahren, das er ausschließlich uns anvertrauen wollte. Mit feuchter Aussprache erzählte er von Taschenspielertricks, deren zweifelhaftes System er begeistert auf einige Bierdeckel kritzelte. Sonny, so war sein Name, verlangte für seine geistigen Schätze nur ein Entgegenkommen: Sollten wir mit seinen Tricks Geld verdienen, 3

4 wollte er 13 Prozent des Gewinns selbst einbehalten. Wie er nun ausgerechnet auf solch eine Zahl kam, war mir nicht klar. Dennoch akzeptierten wir diese Kondition mit dem Hinweis, dass wir unserer Meinung nach wohl nicht zu sonderlich viel Schotter kommen würden. Wenige Tage später kehrten Paul und ich in die Bar zurück. Sonny saß genauso angewurzelt auf demselben Stuhl wie an jenem Abend, an dem wir mit ihm Bekanntschaft schlossen. In einem Bruchteil von Sekunden registrierte er unser Erscheinen und winkte uns zu sich. Na Jungs?, fragte er mit einem Siegerlächeln, Wie lief s mit meinen Wetten? Paul zerstörte seine Hoffnungen mit der Holzhammermethode: Sonny, wir haben kein Geld damit gemacht. Niemand wollte sich auf die Wetten einlassen. Die Miene des zuvor so 4

5 brüderlich-freundlichen 5 Mechanikers verfinsterte sich. Jetzt war er ein wirklicher Kinderschreck. Leute, hielt er inne, was hab ich von euch verlangt? Mir kam das Ganze langsam eine Ecke zu mafiös vor. In Goodfellas läuft das auch so. Der dicke Polly sagt es immer wieder zu seinem erfolgreichsten Zögling: Jimmy, verarsch mich nicht, dann ist alles gut. Und was macht Jimmy natürlich? Verarscht den guten Polly. Kriegt den Hals nicht voll. Und wohl so musste sich Sonny sich gerade gefühlt haben. Nur war er dünner als Polly und wir im Gegensatz zu Jimmy ehrliche Kerle. Trotzdem schienen wir aus der Nummer nicht mehr so leicht herauszukommen: 13 Prozent, Jungs! Mehr will ich doch gar nich! Na gut, kann ja verstehen, dass ihr das Meiste behalten wollt. Gebt mir einfach 10 Prozent und

6 gut is! Sonny, wirklich wir haben nix gewonnen!, erwiderte ich. Gut, dass das wirklich nicht Goodfellas war. Sonst hätte mich wohl sein neben ihm stehender Schlägerfreund Tommy DeVito mit einer Revolvermündung bekannt gemacht. Sonny senkte den Kopf und schaute geknickt auf den Tresen. Als wir dachten, nun sei das Verhör endlich vorüber, wiederholte er noch einmal energisch seine Sätze und bekräftigte sein Misstrauen mit einem wuchtigen Faustschlag auf den hölzernen Tresen. Sein Verhalten war zu viel für die wohlbusige Engelswirtin. Kurzerhand warf sie den Jähzorn aus der Kneipe. In der Sansibar wäre das wahrscheinlich nicht einmal registriert worden. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass Sonny einen verfrühten Abgang durchleben musste. Wenige Wochen später auf der 6

7 Weihnachtsfeier der S-Bar kam er auf die glorreiche Idee, seine Hose vor unseren Mädels herunterzuziehen. Der Kellner Fabi reagierte prompt und zerrte den Lüstling vor die Spelunkentür. Sonny ward seitdem nie mehr gesehen. Und auch für uns sollte die S-Bar nicht von Dauer sein. Es lag wohl an den niedrigen Preisen und der fragwürdigen Kundschaft, dass der Laden schon wenige Monate später die Schotten dicht machte. Gottes Wege sind eben unergründlich. 7

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