Wie lernen Kinder mehrere Sprachen und wie kann die KiTa sie dabei unterstützen?

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1 Ingrid Weis Wie lernen Kinder mehrere Sprachen und wie kann die KiTa sie dabei unterstützen? Vortrag im Rahmen der Tagung Alltagsintegrierte Sprachförderung und Beobachtung Jugendamt Bielefeld

2 Inhaltsübersicht 1. Vorbemerkungen 2. Welches Sprachförderkonzept ist das richtige? 3. Was ist Sprache? 4. Vielen Sprachen in der KiTa 5. Erste Schritte in die Sprache(n) 6. Sprachförderung: Was soll wie gefördert werden? 7. Reflexion

3 1. Vorbemerkungen

4 Mehrsprachigkeit im Kontext institutioneller Bildung Zwei- und Mehrsprachigkeit ist weltweit in größerem Ausmaß vertreten als Einsprachigkeit. Zweisprachig aufwachsende Kinder benötigen beide Sprachen, um in ihrer zweisprachigen Lebenswelt handlungsfähig zu sein und partizipieren zu können. Die Unterstützung einer kontinuierlichen sprachlichen Entwicklung in Elementarbereich und Schule sollte für mehrsprachige Kinder möglichst unter Einbezug all ihrer Sprachen gewährleistet werden.

5 Mehrsprachigkeit im Kontext institutioneller Bildung Kinder werden weder durch den simultanen Erwerb zweier Sprachen noch durch den frühen Zweitspracherwerb überfordert. Durch Zweisprachigkeit werden Erwerb der Mehrheitssprache und kognitive Entwicklung des Kindes nicht gefährdet. Erfolgreiche aktive Mehrsprachigkeit bedarf keines monolingualen Sprungbretts, wohl aber eines möglichst kontinuierlichen und regelmäßigen Sprachangebots in den beteiligten Sprachen. Vgl. Tracy,R. (2011): Mehrsprachigkeit: Realität, Irrtümer, Visionen. in: Eichinger, L. (Hrsg.) Sprache und Integration. Tübingen: Narr Veralg, S

6 2. Welches Sprachförderkonzept ist das richtige?

7 Welches Sprachförderkonzept ist das richtige? Es gibt bisher nur wenige Untersuchung zur Wirksamkeit von Sprachförderprogrammen. Studie in Baden-Württemberg (Schöer & Roos 2010) zur Wirksamkeit unterschiedlicher Sprachförderansätze: Neue Wege der sprachlichen Frühförderung von Migrantenkindern (Penner 2003) Sprache macht stark (Tracy/ Lemke 2009) Deutsch für den Schulstart (Kaltenbacher & Klages 2007) Ergebnis der Studie: Kinder, die nach unterschiedlichen Ansätzen gefördert worden waren, unterscheiden sich nicht hinsichtlich ihrer Sprachkompetenz. Sie unterscheiden sich jedoch auch nicht von Kindern, die keine spezielle Förderung (lediglich unspezifische sprachliche Bildung) erhalten haben. (Ruberg/Rothweiler 2012,19)

8 Konsequenzen Nicht das Sprachförderprogramm sondern die Sprachförderkraft fördert das Kind.? Kompetenz in den Bereichen: Sprache - Spracherwerb Sprachdiagnostik - Sprachförderung

9 3. Was ist Sprache?

10 Was ist Sprache? Das Sprachpaket eine geballte Ladung Information Phonologie (Klang) Prosodie (Sprachmelodie) Semantik (Wortbedeutung) Syntax (Satzbau) Morphologie (Formenlehre) Pragmatik (Sprachverwendung im Kontext) (Quelle: Tracey, R.(2008): Wie Kinder Sprache lernen. Narr Verlag :Tübingen, 25) Was ist Schrift? Schrift kodiert diese Informationen durch Buchstaben/ Buchstabenverbindungen/Zeichen/Bilder.

11 Ein Beispiel rechnen ausrechnen Ich rechne eine Aufgabe. Du rechnest keine Aufgabe. Ich rechne eine Aufgabe aus. Du rechnest keine Aufgabe aus. kaufen abgeben Du kaufst ein Buch. Du kaufst kein Buch. Ich gebe deinem Bruder etwas ab. Ich gebe deinem Bruder nichts ab.

12 4. Viele Sprachen in der KiTa

13 Viele Sprachen in der Kita Muttersprache Herkunftssprache(n) Alltagssprache - Bildungssprache

14 Die Alltagssprache Elif und Johanna spielen Memory E: Mach mal, du bist. J: Ja, ich nehm jetzt die. Oh, Mond, wo ist das? Schade, nichts. E: Ich weiß wie das geht. So, hier und da, - fertig. J: Ich weiß auch, ich such jetzt was. Siehst du, ich krieg auch viele.. E: Ich hab ganz viele, 10. J: Ich hab auch ganz viele, hab mehr. 14

15 Alltagssprache: Mittel der Kommunikation Mimik/ Gestik unvollständige Sätze (Ellipsen) geringer Wortschatz unvollständigen Sätze deiktische Begriffe (ich, hier, da ) direkte Intervention möglich 15

16 Die Bildungssprache Fatma berichtet Die Erzieherin fragt Fatma: Was haben Elif und Johanna gemacht? Fatma berichtet: Elif und Johanna haben Memory gespielt. Das war gut. Die beiden haben sich gut vertragen. Ich glaube, dass Johanna gewonnen hat. (Johanna hat gewonnen) Sie hat gesagt, sie hätte mehr Karten. Glaube ich jedenfalls. E: Mach mal, du bist. J: Ja, ich nehm jetzt die. Oh, Mond, wo ist das? Schade, nichts. E: Ich weiß wie das geht. So, hier und da, - fertig. J: Ich weiß auch, ich such jetzt was. Siehst du, ich krieg auch viele.. E: Ich hab ganz viele, 10. J: Ich hab auch ganz viele, hab mehr. 16

17 Die Bildungssprache Eine Erzieherin berichtet Elif und Johanna haben heute zusammen Memory gespielt. Beide Kinder kannten das Spiel schon und deckten nacheinander die Karten auf. Johanna gelang es nicht, das Kartenpaar, auf dem ein Mond abgebildet ist, aufzudecken. Elif dagegen fand dieses Kartenpaar. Wahrscheinlich hat Elif verloren, denn sie sagte, dass sie 10 Kartenpaare hätte. Johanna erklärte, dass sie mehr Kartenpaare als Elif hätte. E: Mach mal, du bist. J: Ja, ich nehm jetzt die. Oh, Mond, wo ist das? Schade, nichts. E: Ich weiß wie das geht. So, hier und da, - fertig. J: Ich weiß auch, ich such jetzt was. Siehst du, ich krieg auch viele.. E: Ich hab ganz viele, 10. J: Ich hab auch ganz viele, hab mehr. 17

18 Bildungssprache Die bildungsrelevante Form der schulischen Kommunikation besitzt ( ) tendenziell die konzeptionellen Merkmale der Schriftlichkeit, und zwar auch dann, wenn sie sich mündlich vollzieht. (vgl. Gogolin 2008) Wichtige Grundlagen dazu werden in der KiTa gelegt. 18

19 5. Erste Schritte in die Sprache(n)

20 Varianten zwei- und mehrsprachigen Spracherwerbs Doppelter Erstspracherwerb (bilingualer Erwerb - simultaner Erwerb) L2 ist nicht die zweite Sprache Sukzessiver Zweitspracherwerb (nachzeitiger Erwerb) Später Fremdspracherwerb 20

21 Spracherwerb hat viele Facetten Der Erwerbserfolg des kindlichen sukzessiven Erwerbs wird von äußeren Faktoren beeinflusst. Solche Faktoren sind: Der Zeitpunkt des Erwerbsbeginns Die Eindeutigkeit des Inputs (z.b. die Situations- oder Personengebundenheit oder das eine Person eine Sprache - Prinzip) Die Qualität und der Umfang des Inputs, Lebensweltliche Relevanz und Wertigkeit der Sprache, Die Motivation zum Spracherwerb Aus: Monika Rothweiler: Bilingualer Spracherwerb und Zweitspracherwerb. In: Steinbach, Markus (2007): Schnittstellen der germanistischen Linguistik, S

22 Phonologie/Prosodie 1. Wörter aus dem Lautstrom isolieren 2. Prosodische Eigenschaften erkennen und nutzen trochäische Sprachmuster betonte Silbe unbetonte Silbe Hase, laufen, lila 3. Aufbau des Lautsystems

23 Laute/ Phoneme hören und unterscheiden Babys können alle Laute hören und bilden Diese Fähigkeit verliert sich nach und nach Nur die Laute der eigenen Sprache werden wahrgenommen (gehört, gesprochen, gespeichert) Phonologische System des Deutschen wird durch das Wahrnehmungssieb der Erstsprache erfasst (Dahmen 2012, 144)

24 Die arabische Schrift und Sprache Arabisch hat nur 6 Vokalphoneme (a,i,u) gegenüber 18 deutschen Vokalphonemen Im Unterschied zum Deutschen gibt es kein e und o, andere Umlaute (kein ä, ö, ü) und keine Diphtonge 28 arabische Konsonantenmorpheme stehen 22 deutschen gegenüber, mit nur 15 Übereinstimmungen Im Arabischen gibt es weder ng noch den ich-laut Es gibt keinen mehrkonsonantigen Wortanlaut und keine Konsonantenhäufung, weswegen arabische Deutsch- Lerner mitunter Vokale einschieben

25 Wortschatz und Syntax Wortschatz Aufbau eines mentalen Lexikons Begriffe mit vielfältige Informationen präsentieren (Kontext, Stimmlage, Satzmelodie, morphologische Markierungen) Syntax 5 Stufen Stufe 1: Einwortäußerungen. Stufe 5: Nebensatzkonstruktionen

26 Sprachvergleich Deutsch: Ich beherrsche die deutsche Sprache, aber sie gehorcht mir nicht immer. Türkisch: Deutsch weiß-ich, aber diese Sprache mich jede Zeit hör- (nicht)-t- Polnisch: Beherrsche Sprache deutsche, aber er nicht immer sich mich gehorcht. Russisch: Ich beherrsche deutsche Sprache, aber er gehorcht(sich) mich nicht immer. Quelle:

27 6. Sprachförderung Was soll wie gefördert werden?

28 Didaktische Prinzipien Das Kind versteht die Sprache, spricht sie, denkt in ihr, denkt aber nicht an sie. Die Sprache ist das Medium für seine Ziele, nicht aber das Ziel selbst. (Wieczerkowski, 1995, S. 18.In Ruberg/ Rothweiler 2012, 45) Sprachförderung erfolgt in Situationen, in denen Kinder Sprache als Instrument zum Erreichen persönlicher Ziele einsetzen können (Dialoge), erfolgt in Situationen, die zum Sprechen anregen und an der Lebenswelt des Kindes anknüpfen (handlungsbegleitendes Sprechen, ritualisiertes Sprechen), nutzt implizite Sprachlernstrategien (Bilderbücher, Lieder, Reime, Sprachspiele, Zungenbrecher)

29 Sprachförderung immer und für alle Kinder Sprachvorbild der Erzieher/innen Muttersprache(n) entwickeln anknüpfen an Vorhandenes Bedeutungen erzeugen vom Konkreten zum Allgemeinen von der Umgangssprache zur Bildungssprache 29

30 Sprachförderung mit einem Bilderbuch

31 Hören und Sprechen Sprachlehrtechniken/ Modellierungen Quelle: Ruberg,T.; Rothweiler, M. (2012): Spracherwerb und Sprachförderung in der KiTa. Stuttgart: Kohlhammer, S. 68

32 Freunde ein Bilderbuch Korrektives Feedback Morphosyntaktische Ebene L/E: Was siehst du? K: die Schwein L/E Ja, das stimmt, da ist ein Schwein Phonetisch-phonologische Ebene K: Das ist Taus. L/E: Ja, dass ist eine Maus Semantisch-lexikalische Ebene K: Das ist ein Kickereki. L/E: Ja, das ist ein Hahn. K: Das ist eine Maus. L/E: Oh ja, das ist eine kleine, niedliche Maus. K: Das ist ein Hahn. L/E: Hm, ein Hahn ist das. K: Hahn, Kikerekie L/E: Ja, der Hahn ist laut. L/E: Was machen die Tiere? K: Die fahren Fahrrad.

33 Implizites Lernen in Zusammenhängen Das Sprachpaket eine geballte Ladung Information Phonologie / Klang: Freunde, Heuschober Prosodie / Sprachmelodie: helfen einander Semantik / Wortbedeutung: Heuschober, Schiffsplanken Syntax / Satzbau: Am Dorfteich rasten sie, wo es Morphologie / Formenlehre: Mägen, wecken, fahren Pragmatik / Sprachverwendung im Kontext: ins Bett gehen Aus: Tracey, Rosemarie: Wie Kinder Sprache lernen Narr Verlag Tübingen. S. 25

34 Sprachförderung mit einem Bilderbuch Generative Textproduktion Wenn ich ein Löwe wäre, würde ich brüllen, damit.

35 Von der Umgangssprache zur Bildungssprache - vom dialogischen zum monologischen Sprechen Quelle: Neugebauer, Cl. (2010) netzwerk sims 35

36 6. Literatur

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39 6. Literatur Bainski, C./Krüger-Potratz, M. (2008) (Hrsg.): Handbuch Sprachförderung. Verlag der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft NRW: Essen. Beese, M./ Benholz,Cl. u.a. (2014): Sprachbildung in allen Fächern. München: Klett- Langenscheidt Belke, G. (2007): Mit Sprache(n) spielen.textkommentar: Poesie und Grammatik. Kreativer Umgang mit Texten im Deutschunterricht mehrsprachiger Lerngruppen. Schneider Verlag. Hohengehren Hoffmann, R. / Weis, I. (2011): Zweitsprache Deutsch. Alle Kinder Lernen Deutsch. Berlin: Cornelsen Scriptor Krifka,M u.a. (Hrsg.) (2014): Das mehrsprachige Klassenzimmer. Springer: Heidelberg Neugebauer,Cl./ Nodari,Cl. (2012): Förderung der Schulsprache in allen Fächern.Zürich: Schulverlagplus Tracy, R. (2008): Wie Kinder Sprachen lernen. Tübingen: Narr Verlag Weis,I. (2013): Sprachförderung PLUS Mathe. Stuttgart: Klett Verlag Weis,I. (2013): Daz im Fachunterricht. Mühlheim: Verlag an der Ruhr Weis,I. (2014): Sprachentdecker und Textzauberer. Stuttgart: Klett Verlag

40 Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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