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1 Wir brauchen Haltelinien nach unten" Soziologieprofessor Klaus Dörre über Dumpinglöhne, Leiharbeiter und die wachsende Erpressbarkeit von Arbeitnehmern Nicht nur bei Gebäudereinigern gibt es immer mehr prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Die Entwicklung hat erhebliche soziale Folgen. Die Arbeitswelt in Deutschland hat sich nach Ansicht des Soziologen Klaus Dörre in den vergangenen Jahren massiv verändert. Neben teilweise drastisch sinkenden Löhnen und Gehältern beklagt er die wachsende Unsicherheit für Beschäftigte. Im Gespräch mit Bettina Langer erklärt Dörre aber auch, dass Beschäftigte von einer flexibleren Arbeitswelt durchaus profitieren könnten. Klaus Dörre hat unter anderem Soziologie und Volkswirtschaftslehre an der Philipps-Universität in Marburg studiert und im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften promoviert. Heute arbeitet der 49-jährige Vater eines Kindes als Professor für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie an der Friedrich-Schiller- Universität in Jena. Die jüngsten Meldungen vom Arbeitsmarkt klingen erfreulich. Die Arbeitslosenquote sinkt, und die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten steigt wieder. Ist die Wende jetzt endgültig erreicht? Schön wäre es. Es stimmt zwar, dass wieder neue Arbeitsplätze entstehen, aber in vielen Fällen sind dies keine Normarbeitsplätze. Die Leih- und Zeitarbeitsunternehmen boomen, und wir haben in unseren Untersuchungen herausgefunden, dass die Zahl der Aufstocker derzeit erheblich zunimmt. Aufstocker sind Beschäftigte, die zusätzliche Leistungen vom Staat erhalten? Ja, das sind Menschen, die im Niedriglohnbereich beschäftigt sind und so wenig verdienen, dass sie zusätzliche Hartz-IV-Leistungen in Anspruch nehmen müssen. Der Anteil dieser Aufstocker ist allein im Arbeitsamtsbezirk Jena innerhalb weniger Monate von zehn auf 30 Prozent gestiegen. Alle Artikel des Dossiers Arbeitsmarkt Ist das eine Entwicklung, die vor allem den Osten Deutschlands betrifft? Nein, hier ist die Situation zwar ernster als anderswo, aber nach aktuellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit sind inzwischen auch deutschlandweit fast eine halbe Million Vollzeitbeschäftigte zusätzlich auf Arbeitslosengeld II angewiesen. Die Lohndrift nach unten ist in manchen Branchen dramatisch. Als Negativbeispiel wird immer wieder die Friseurin im Osten genannt, die kaum mehr als drei Euro pro Stunde verdient. Es geht inzwischen noch weiter. Im Friseurhandwerk gibt es die so genannten Stuhlmieter. Diese müssen erst einmal etwas bezahlen, um

2 als Selbstständige oder vielmehr Scheinselbstständige einen Stuhl im Friseursalon zu bekommen. In einem Fall, den wir dokumentiert haben, hat die Mitarbeiterin mit einem Negativkonto von 1500 Euro angefangen. Den Betrag musste sie abarbeiten, bevor das erste Geld überwiesen wurde. Von Niedriglohnbeschäftigung hört man auch bei den privaten Postdienstleistern. Ja. Die Briefträger dort werden nach der Anzahl der Briefe bezahlt, die sie befördern. Das heißt, ihr Einkommen schwankt mit dem Briefeingang, und die Entlohnung liegt teilweise bei unter zwei Cent pro Stück. Das sind eindeutig Lohndumping-Strategien. Versuche von Unternehmen wie der Deutschen Telekom, ganze Geschäftsbereiche auszugliedern und damit das Lohnniveau zu senken, sind eine Folge solcher Konkurrenzsituationen. Man könnte aber, zum Beispiel im Fall der Telekom-Mitarbeiter, argumentieren: lieber einen schlechter bezahlten Arbeitsplatz als gar keinen mehr. Es geht nicht nur um die Bezahlung. Fakt ist, dass viele Beschäftigungsverhältnisse heute als prekär zu bezeichnen sind. Was genau verstehen Sie darunter? Das sind Beschäftigungsverhältnisse, die erstens oberhalb eines kulturellen Minimums nicht existenzsichernd sind. Es geht hier wohlgemerkt nicht um ein absolutes Minimum, nicht nur um eine physische Existenz, sondern auch um Bildung, um Partizipationsmöglichkeiten wie die Repräsentation durch einen Betriebsrat und die Möglichkeit, Interessen in der politischen Öffentlichkeit wirksam zu platzieren. Und es geht auch um Anerkennung. Leiharbeiter zum Beispiel, die durchschnittlich nur drei Monate in einem Betrieb sind, müssen sich die Achtung ihrer Kollegen und Vorgesetzten ständig neu erarbeiten. Zweitens sind prekäre Beschäftigungsverhältnisse in der Regel befristet, was keine Planungssicherheit bietet. Aber ist diese Entwicklung wirklich neu? Befristete Arbeitsverträge gab es doch auch früher schon. Ja, aber die Zahl hat stark zugenommen. In Deutschland war es außerdem über Jahrzehnte lang so, dass Lohnarbeit verbunden mit sozialen Schutzmechanismen so etwas garantierte wie eine Art Bürgerstatus in der Arbeitswelt. Darauf haben viele ihre Identität und ihre längerfristige Lebensplanung begründet. Baden-Württemberg ist da ein gutes Beispiel. Die Arbeiter und Angestellten bei Ihnen im Land haben sich auf Basis ihrer Lohnarbeit um das bemüht, was für sie das gute Leben ausmacht. Das hieß in vielen Fällen eben auch...

3 ... das eigene Häuschen? Ja, einen Kredit aufnehmen, sich ein Eigenheim bauen. Voraussetzung dafür war aber ein Mindestmaß an Planungssicherheit. Und für große Teile der abhängig Beschäftigten stellt es sich heute so dar, dass genau diese Planungssicherheit ihnen entzogen wird. Das ist die einschneidendste Veränderung, die wir derzeit in der Arbeitswelt erleben. Wie hoch ist der Anteil der Arbeitnehmer in prekären Beschäftigungsverhältnissen? Wenn man alle Formen prekärer Beschäftigung einschließlich Niedriglöhner in Vollzeitbeschäftigung zusammenzählt, kommt man auf knapp ein Drittel aller Arbeitsplätze. Das heißt, zwei Drittel arbeiten nach wie vor in normalen" Jobs. Formal ja, aber auch diese verändern sich. Denn wir sehen verstärkt Abstiegsängste bei den formal noch gesicherten Arbeitnehmern. Das sind die Beschäftigten, die neben dem Leiharbeiter im Unternehmen tätig sind und feststellen, dass der die gleiche Arbeit für weniger Geld macht. Und jetzt - die prekär Beschäftigten vor Augen - wird die Stammbelegschaft erpressbar. Das bekommen auch schmerzhaft Gewerkschaften und Betriebsräte zu spüren. Es hieß immer, Leiharbeitnehmer werden vor allem am Anfang eines Aufschwungs eingestellt, um Auftragsspitzen abzufangen. Wenn Unternehmer dann Vertrauen in den Wirtschaftsaufschwung gefasst haben, stellen sie Mitarbeiter auch wieder unbefristet ein. Das stimmt so nicht mehr. Nehmen sie das BMW-Werk hier in Leipzig, dort liegt der Leiharbeitnehmeranteil seit Längerem bei 30 Prozent. Diese Menschen sind nicht mehr einfach nur eine Flexibilitätsreserve, sondern besetzen Kernfunktionen in dem Unternehmen. Und sie werden nach Tarif des Branchenverbands BZA bezahlt, das heißt, sie bekommen für die gleiche Arbeit 30 bis 50 Prozent weniger Geld. Warum wird heute dauerhafter auf Leiharbeitnehmer zurückgegriffen? Gegenfrage: Warum sollte ein ökonomisch denkender Unternehmer auf das viel billigere Instrument der Leiharbeit verzichten? Wenn die Möglichkeit da ist, Kosten zu sparen, wird sie natürlich auch genutzt. Die Politik hat mit Maßnahmen der Deregulierung die Grundlagen hierfür geschaffen - zuletzt mit mehreren Reformen des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes. Einmal abgesehen davon, was es für die Beschäftigten heißt - mehr Flexibilität stärkt tendenziell ja tatsächlich die

4 Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen. Einerseits ja. Andererseits geraten durch diese Form der Flexibilisierung, wie wir sie derzeit erleben, Standards für gute Arbeit unter Druck. Unter anderem dadurch wird die Loyalität der Arbeitnehmer gegenüber dem Unternehmen geschwächt. Mit welchen Folgen? Ich halte das vor allem mit Blick auf den Wettbewerbsfaktor Innovationfähigkeit, der ja in entwickelten Industrienationen wie Deutschland eine entscheidende Rolle spielt, für verheerend. Man kann nicht argumentieren, man setze auf innovative und kreative Beschäftigte, wenn man gleichzeitig die Unsicherheit dieser Beschäftigten erhöht und damit ihre Leistungsfähigkeit und - bereitschaft vermindert. Flexibilität muss doch aber nicht per se schlecht sein, oder? Keineswegs, sie wird in Zukunft sogar wichtiger sein denn je. Auch weil die technischen Voraussetzungen heute einfach andere sind als vor 20 Jahren. Der Dienstleistungssektor hat massiv an Bedeutung gewonnen. In vielen Beschäftigungsverhältnissen ist Schichtarbeit und der Nine-to-five-Job daher inzwischen kein taugliches Arbeitsmodell mehr. Gerade im hoch qualifizierten Bereich nutzt man die Arbeitskraft dann, wenn die Arbeit anfällt was bei vielen zu Überlastung führt, weil ein Projekt auf das nächste folgt... Deshalb muss die Flexibilität auch mit Rücksicht auf den Arbeitnehmer gestaltet werden. Der Mitarbeiter muss beispielsweise nach der Fertigstellung eines Projekts eine mehrwöchige Auszeit nehmen können, um eine Weile etwas ganz anderes machen zu können. Mit positiv gestalteten Modellen der Flexibilität könnten wir insgesamt ein ganz anderes Arbeits- und Lebensmodell haben. Wie könnten diese Modelle aussehen? Es käme Arbeitnehmern entgegen, wenn sich beispielsweise Phasen der Arbeit auch besser mit Phasen der Kinderbetreuung oder der Weiterbildung verzahnen ließen als bisher. Ich glaube, dass es hier noch sehr viel Gestaltungsspielraum gibt, sowohl für die Unternehmen als auch für die Tarifparteien und die Politik. Dieser Gestaltungsspielraum wird bis jetzt nur unzureichend genutzt. Zumindest der Druck auf die Unternehmen, sich zu bewegen, dürfte wegen des Fachkräftemangels in Deutschland aber zunehmen, oder? Hier sind in der Tat zumindest in manchen Branchen und auf

5 manchen Qualifikationsebenen gewisse Gegentendenzen zu sehen. Und die Alterung der Gesellschaft hier zu Lande wird das Arbeitskräfteangebot weiter verknappen und damit die Verhandlungsbasis der Arbeitnehmer stärken? Das ist zu vermuten. Allerdings darf man den Einfluss des demografischen Wandels auch nicht überschätzen. Denn vom Jahr 2011 an gilt die Freizügigkeit der Arbeitnehmer in Europa. Es gibt viele qualifizierte Arbeitskräfte in den osteuropäischen Ländern, die dann auch hier zu Lande arbeiten können. Wir wissen nicht, in welchem Maß die Entspannung am Arbeitsmarkt durch den Zustrom aus dem Ausland wieder relativiert wird. Was kann denn die Politik tun, um eine flexible Arbeitswelt sinnvoll zu gestalten? Vor allem müssen die sozialen Sicherungssysteme so justiert werden, dass Übergänge zwischen den verschiedenen Lebensphasen nicht in den Absturz führen. Das ist die Voraussetzung. Die Flexibilität des hoch qualifizierten Freiberuflers in der IT-Industrie ist natürlich eine ganz andere als die eines Leiharbeitnehmers, der sich irgendwie über Wasser halten muss. Deshalb muss man sich vor allem um Gruppen kümmern, die unter die Schwelle der Respektabilität zu sinken drohen. In welcher Form? Mit Mindestlöhnen, zum Beispiel, darüber wird jetzt ja zumindest diskutiert. Man kann darüber hinaus auch über ein Grundeinkommen für bestimmte Gruppen sprechen, die man auf keinen Fall mehr in den ersten Arbeitsmarkt bekommt. Wir brauchen für alle Haltelinien nach unten, die - bei aller Flexibilität - ein Minimum an sozialer Sicherheit garantieren.

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