Bedarf pflegender Kinder und Jugendlicher aus der medizinischen Perspektive

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1 Bedarf pflegender Kinder und Jugendlicher aus der medizinischen Perspektive Christine Gäumann Bereichsleiterin Adoleszentenpsychiatrie, Integrierte Psychiatrie Winterthur ipw - Zürcher Unterland 46 Bedarf pflegender Kinder und Jugendlicher aus der medizinischen Perspektive Christine Gäumann Bereichsleiterin Adoleszentenpsychiatrie Integrierte Psychiatrie Winterthur Zürcher Unterland Dr. med. Kurt Albermann Chefarzt Sozialpädiatrisches Zentrum Winterthur (SPZ) Departement Kinder- und Jugendmedizin Kantonsspital Winterthur 1

2 Schweizerische Stiftung zur Förderung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen Angebote 2

3 Prävalenz I Psychische Störungen zählen zu den häufigsten Leiden im Erwachsenenalter (zusammen mit Herz-Kreislauf- und Tumorerkrankungen) Höchste Krankheitslast und häufigste Invaliditätsursache in der Schweiz Zunahme der IV-Neuberentungen bei Jugendlichen / jungen Erwachsenen aufgrund psychischer Erkrankungen Ca Kinder haben im Kanton Zürich einen Elternteil mit einer psychischen Erkrankung (konservative Schätzung) 30% der betroffenen Kinder zeigen dauerhafte Störungen im emotionalen bzw. im Verhaltensbereich Ravens-Sieberer et al. 2007, Bürli et al. BAG 2014, Gurny et al. 2006, Rutter et al «Pflegeleistungen» durch Kinder im Kontext einer psychischen elterlichen Erkrankung Parentifizierung: Das Kind übernimmt über längere Zeit oder dauerhaft elterliche Verantwortlichkeiten, Aufgaben und Pflichten anstelle des Elternteils (Bsp. gegenüber den Geschwistern) Das Kind wird als Eltern-und/oder Partnerersatz in einer ganz nahen Position zum erkrankten Elternteil festgehalten (Beispielsweise als Klagemauer und Problembesprecher) Einbindung ins elterliche Krankheitssymptom Beispielsweise ins Angst-oder Zwangssystem. Das Kind wird dadurch in seiner altersgemässen Entfaltung gehemmt und mit angstvollen Gefühlen belastet Projektionsfläche für elterliche Gefühlsregulationsprobleme 3

4 «Effekte» auf das Kind Pseudo Positiv Das Kind wird «aufgewertet» und erhälteine hohe Position in der Familie Negativ Das Kind fühlt sich überfordert, belastet und seines altersgemässen Gestaltungsraums enthoben Das Kind entwickelt in der Familie angepasste soziale Fähigkeiten und fühlt sich wichtig Das Kind übernimmt in der Familie das «Schaltpult» und gibt gegenüber den anderen Geschwistern den «Tarif» durch Das Kind kommt täglich an seine körperlichen und psychischen Grenzen und fühlt sich ohnmächtig Das Kind ist nach innen orientiert und verliert seine altersgemässen Aktivitäten und Freundschaften mit Gleichaltrigen Die Folgen der Überforderungen Wichtig: nicht jedes Kind reagiert gleich belastet auf die Überforderungen. 30 % aller belasteter Kinder entwickeln sich gut! Das Alter, die Entwicklungsphase, familiäre heikle Übergänge sowie die individuelle Widerstandsfähigkeit des Kindes/Jugendlichen sind mitentscheidend, wie beeinträchtigend die Stressoren auf das Kind einwirken. Mitentscheidend für die Folgen der Überforderungen ist die Dauer und Schwere der Inanspruchnahme der Kinder in elterliche Leistungen. (Handelt es sich um eine einmalige, zeitlich beschränkte Krankheitsepisode oder um sich wiederholende, chronische Krankheitsausfälle des Elternteils) Entscheidend ist auch die Art und Weise der familiären Krankheitsbewältigung. 4

5 Prävalenz II Psychosomatische Symptome / Störungen Rezidiv. Kopfschmerz (Kinder/ Jugendliche) 10-70% Rezidiv. Bauchschmerzen 10-25% Muskel- und Skelettschmerzen 5-20% Gefühl der Mattigkeit (Jugendliche) 15% Somatoforme Störungen (Jugendliche, junge Erw.) 2.7% Asthma bronchiale 10% Neurodermitis % Enuresis nocturna 8 J 7.4% diurna 4% Enkopresis 2.3% Haller et al. (2015), Steinhausen (2006), Herpertz-Dahlmann et al. (2003) Bio-psycho-soziales / Bioökologisches Modell mod. für psychosomatische Störungen Psychosomatische Störung Dr. med. Kurt Albermann Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ) Departement Kinder- und Jugendmedizin Bronfenbrenner 1979, Steinhausen

6 Fit (Zürcher FIT-Konzept) Thomas & Chess (1977) Kagan (1986) Largo, Jenni (2007) Wohlbefinden Eigenaktivität Selbstwertgefühl Misfit Individuelle Disposition Alter Fehlendes Wohlbefinden Verminderte Aktivität Beeinträchtigtes Selbstwertgefühl Verhaltensauffälligkeiten Psychosomatische Erkrankung Entwicklungsstörung 6

7 Schutzfaktoren Individuum Autonomie, sicheres Bindungsverhalten Soziale und kommunikative Kompetenz, Temperament Problemlösungsfertigkeiten, Selbstwirksamkeit Reflexivität / Impulskontrolle Anpassungsfähigkeit Selbstwert Hohe Intelligenz, höheres Bildungsniveau Emotionale Intelligenz Sensibilität / Empathie Fähigkeit der raschen Regeneration nach Belastung Schutzfaktoren Familie, Umfeld Stabile emotionale Beziehung zu mind. einem Elternteil oder verlässliche Bezugsperson, Fürsorge, Zuwendung Emotionale und soziale Unterstützung ausserhalb der Familie (z. B. erwachsene Vertrauensperson, wie Gotte/Götti, Grosseltern, Nachbarn, Verwandte, Lehrpersonen) Transparente und konsistente Strukturen, Regeln Positive Rollenvorbilder, Normen und Werte (Familie, Peergroup und Gesellschaft) Ressourcen auf kommunaler Ebene 7

8 Zusammenhang Resilienz multiple Stressoren Wahrscheinlichkeit kindlicher Resilienz gegenüber Misshandlung als Funktion individueller Stärken und der Exposition von familiären und umgebungsbedingten Stressoren Jaffee et al. Child Abuse Negl Ungünstige Lebensbedingungen / Einflüsse (Risikofaktoren) Elterliche Konflikte / Scheidung Wenig unterstützendes / ungünstiges Familienklima Häusliche Gewalt Mangelnde elterliche Aufsicht/Vernachlässigung Sozioökonomische Benachteiligung/Armut/Arbeitslosigkeit Schwere Erkrankung eines Kindes / Familienmitglied Peer-Probleme Schulische Frustrationserlebnisse 8

9 Negative Lebensereignisse (einmalig) Elterliche Scheidung / Trennung Neues Familienmitglied (z.b. Stiefelternteil) Elterlicher Verlust der Arbeit Schwere Erkrankung / Unfall des Kindes Schwere Erkrankung eines Familienmitglieds Grösseres schulisches Frustrationserlebnis Tod eines Elternteils, Geschwister, Grosseltern, Haustier Familiäre / soziale Belastungen (chronisch) Umzug / Immigration Elterliches / mütterliches Bildungsniveau Wohnverhältnisse Ökonomische Benachteiligung / soziale Unterstützung Abweichende Familiensituation Unzureichende elterliche Aufsicht und Steuerung Junge Mutterschaft (<19 J) 9

10 Bedarf Früherkennung von Belastungen / Überforderung Soft signs wahrnehmen, ernst nehmen: Schlafstörungen Psychosomatische Symptome Störungen Aufmerksamkeit / Konzentration Schulleistungsprobleme Verhaltensauffälligkeiten (aggressives und disziplinarisches Verhalten) Vermehrte Traurigkeit, emotionaler Rückzug, Erregbarkeit, Zynismus (Destruktive) Parentifizierung Depressive Stimmung, soziale Isolation, Suizidgedanken Dr. med. Kurt Albermann Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ) Departement Kinder- und Jugendmedizin 64 Zusammenfassung Psychische und somatische Symptome sowie soziale Verhaltensauffälligkeiten können durch psychosoziale, familiäre Belastungen ausgelöst und /oder verstärkt werden Aufklärung von Kindern, Jugendlichen, Eltern (Krankheitsmodell) Abklärung integrativ > parallel veranlassen (Haus-/ Kinderarzt) Modell: no wrong door Zusammenhang offen ansprechen, keine Tabuisierung Partnerschaftliche Arzt-Patient-Familie-Beziehung Umfeld einbeziehen, stufengerecht informieren (z.b. Kindergarten, Schule) Geeignete Behandlungsmassnahmen einleiten 65 10

11 Dr. med. Kurt Albermann Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ) Departement Kinder- und Jugendmedizin 66 Vielen Dank! Kontakt: iks Geschäftsstelle, Stiftung und Institut c/o Sozialpädiatrisches Zentrum SPZ Kantonsspital Winterthur Albanistrasse 24 Postadresse: Brauerstr. 15, Postfach Winterthur Tel Schweizerische Stiftung zur Förderung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen 11

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