Morphologie & Syntax

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1 Morphologie & Syntax SS 2010 Wiederholungsklausur ame, Vorname Matrikelnummer 1. Morphologische Struktur (3 P.) Geben Sie die morphologische Struktur des Stamms Bundesausbildungsförderungsgesetz durch ein Baumdiagramm an. Bezeichnen Sie dabei die Wortart jeder Wurzel und jedes Stamms (außer den auf ein Fugen- bzw. Flexionselement endenden Konstituenten). Komp Komp Komp V R FE FE FE Adv V V R R V Bund -es aus bild -ung -s förder -ung -s ge- setz FE: Fugenelement R: ominalisator komp : (als Determinans) komponierter ominalstamm 2. Zur Allomorphie Stellen Sie sich vor, Sie müssten Deutsch als eine unbekannte exotische Sprache analysieren. Sie stoßen auf folgende Morphe: B1. a. /ig/, z.b. in /vɔlk-ig-ə/ "wolkige" b. /iç/, z.b. in /vɔlk-iç/ "wolkig" B2. a. /t/, z.b. in /yb ɚ'le:k-t/ "überlegt" (Partizip Perfekt) b. /ən/, z.b. in /yb ɚ'fa: ʁ-ən/ "überfahren" (Partizip Perfekt) 1. (4 P.) Zeigen Sie, daß die Morphe in B1 Allomorphe eines Morphems sind, und ebenso die in B2. 2. (4 P.) Zeigen Sie, daß die Allomorphe kombinatorische Varianten sind. Welches sind die bedingenden Kontextfaktoren? 3. (2 P.) Wieso spricht man in einem Fall von morphologisch, im anderen von phonologisch konditionierter Allomorphie?

2 Morphologie und Syntax, Wiederholungsklausur 2 1. In beiden Fällen ergibt eine Substitutionsprobe, daß sie nicht im selben Kontext füreinander einsetzbar sind (B1: es gibt kein [volkig] bzw. [volkiçe]. B2: es gibt kein /y:ber'le:gen/ bzw. /y:ber'fa:rt/ als PPP), sondern in komplementärer Verteilung stehen (s. Frage 2). Außerdem haben sie, wie die Übersetzungen ausweisen, je dieselbe Funktion. Also müssen es Allomorphe eines Morphems sein. Korrektur: In der Aufgabe geht es darum, bestimmte morphologische Verhältnisse zu beweisen. Das ist nicht dasselbe wie eine Definition solcher Verhältnisse zu zitieren. Synonymie ist kein (hinreichender) Grund für Allomorphie. Die Derivationssuffixe -ung und -t sind synonym, aber keine Allomorphe. Allomorphie ist ein strukturelles Verhältnis. In einigen Varietäten stehen /ig/ und /iç/ nicht in komplementärer Verteilung. Das ist aber nicht (das in solchen Aufgaben als Default angenommene) Hochdeutsch. 2. Bei B1: {ig} ist am Silbenende /iç/, sonst /ig/. Weitere Beispiele: heiligt, Heiligung. Bei B2: {Part.Perf.} ist nach schwachen Verben /t/, nach starken Verben /ən/. Korrektur: Hat nichts damit zu tun, daß ein Flexionssuffix folgt (dies wäre eine morphologische Bedingung!). Die beiden Umgebungen müssen nicht ad hoc nach den gegebenen Beispielen, sondern logisch komplementär formuliert sein. Strukturverhältnisse einer Sprache können sich nicht dadurch unterscheiden, daß das eine historisch begründet ist, das andere nicht. 3. Die erste Alternation ist phonologisch konditioniert, weil die dafür verantwortliche Kontextbedingung (Silbenende) eine phonologische ist. Die zweite Alternation ist morphologisch konditioniert, weil die dafür verantwortliche Kontextbedingung (Konjugationsklasse) eine morphologische ist. Korrektur: Phonologische vs. morphologische Konditionierung hat nichts mit (fehlender) Wiedergabe in der Schrift zu tun. Außerdem war die Aufgabe gerade, keine Schrift vorauszusetzen. 3. Derivation Die Kombination der Bestandteile eines Derivatums läßt sich nach folgendem Schema analysieren: [ ] V [ [X] V ].f

3 Morphologie und Syntax, Wiederholungsklausur 3 Wandl -ung (4 P.) Kategorisieren Sie ein Beispiel mit dem Derivationssuffix -ig nach diesem Schema. [ ] V [ [X] V ] A [ ] [ [X] ] A irr- -ig wolk- -ig 4. Morphologie des Swahili I 1. (6 P.) Zerlegen Sie die folgenden Verbformen des Swahili in Morphe: r. Form Bedeutung 1 alipita er ging weiter 2 tuliwapenda wir liebten sie 3 utanipiga du wirst mich prügeln 4 waliondoka sie brachen auf 5 niliwapika ich kochte sie 6 utawauza du wirst sie verkaufen 7 nitaondoka ich werde aufbrechen 8 alikupiga er prügelte dich 9 watamlipa sie werden es bezahlen 10 tutapita wir werden weitergehen 11 nilimlipa ich bezahlte es 12 nitakupenda ich werde dich lieben 13 ich verkaufte dich 2. (4 P.) Stellen Sie eine Schablone für die syntagmatische Struktur der Verbform auf. 3. (1 P.) Füllen Sie Zeile 13 aus. 1., 3. r. Form Bedeutung 1 a-li-pit-a er ging weiter 2 tu-li-wa-pend-a wir liebten sie 3 u-ta-ni-pig-a du wirst mich prügeln 4 wa-li-ondok-a sie brachen auf 5 ni-li-wa-pik-a ich kochte sie 6 u-ta-wa-uz-a du wirst sie verkaufen 7 ni-ta-ondok-a ich werde aufbrechen 8 a-li-ku-pig-a er prügelte dich 9 wa-ta-m-lip-a sie werden es bezahlen 10 tu-ta-pit-a wir werden weitergehen

4 Morphologie und Syntax, Wiederholungsklausur 4 11 ni-li-m-lip-a ich bezahlte es 12 ni-ta-ku-pend-a ich werde dich lieben 13 ni-li-ku-uz-a ich verkaufte dich Sbj. Tempus Obj. Stamm Suffix Person + umerus Person + umerus? 5. Rektion und Modifikation 1. (4 P.) Bilden Sie zu jedem der folgenden Wörter ein Syntagma, das aus dem Wort und seinem Komplement besteht. Eröffnung, unter, überdrüssig, willfahren 2. (4 P.) Bilden Sie zu jedem der folgenden Wörter ein Syntagma, das aus dem (nötigenfalls flexivisch angepaßten) Wort und seinem Modifikatum besteht: unten, eigen, gebacken, überaus Die Wörter in Funktion des Komplements bzw. Modifikatums sind frei zu wählen und müssen nur semantisch passen. 1. Eröffnung der Ausstellung, unter dem Berg, des Studiums überdrüssig, seinem Lehrer willfahren 2. unten liegen, eigenes Vermögen, gebackene Ziegel, überaus vernünftig 6. Syntaktische Ambiguität B1. Wir haben den Bundeskanzler im Fernsehen gesehen. B2. Wir haben den Mann im Mond gesehen. (2 P.) Worin besteht der syntaktische Unterschied zwischen B1 und B2? Das Adverbial ist in a) Konstituente (nämlich Adjunkt) des Verbalsyntagmas, in b) Konstituente (nämlich Attribut) des direkten Objekts. 7. Semantische Rollen und syntaktische Funktionen (4 P.) Erläutern Sie die Begriffe 'Agens' und 'Patiens', 'Subjekt' und 'direktes Objekt' an B1 und B2. B1. Erna bedient sich der Putzfrau. B2. Erna braucht die Putzfrau. 1. Das Agens ist der Partizipant, der die Situation kontrolliert. In B1 ist das Subjekt Agens; in B2 gibt es kein Agens.

5 Morphologie und Syntax, Wiederholungsklausur 5 2. Das Patiens ist der Partizipant, der durch die Situation kontrolliert wird. In B1 ist das Genitivobjekt Patiens; in B2 gibt es kein Patiens. 3. Das Subjekt ist derjenige Aktant des Satzes, der bei Transformation des letzteren in eine Infinitivkonstruktion unterdrückt und stattdessen anaphorisch von Matrixverben wie sich schämen kontrolliert wird. Das ist Erna sowohl in B1 als auch in B2. 4. Das direkte Objekt ist derjenige Aktant des Satzes, der bei seiner Transformation ins Passiv Subjekt wird. Das gilt für die Putzfrau in B2. In B1 gibt es kein direktes Objekt. Es gibt also keine biunike (sondern allerhöchstens eine tendentielle) Zuordnung von Agens zu Subjekt oder von Patiens zu direktem Objekt. (Die Frage, was die semantischen Rollen der Aktanten von B2 sind, bleibt unbeantwortet.) 8. Periphrastische Diathese Ich kriege vom Verlag einen Vertrag zugeschickt. (8 P.) Beschreiben Sie die Bildung der in dem Beispiel vorliegenden periphrastischen Diathese. Die vorliegende periphrastische Diathese ist das Rezipientenpassiv. Sein Zweck ist es, einen Partizipanten in Subjektsposition zu bringen, welcher typischerweise Rezipient ist und in der aktivischen Version jedenfalls weder als Subjekt noch als direktes Objekt, sondern typischerweise als indirektes Objekt konstruiert wird. Dem Beispielsatz entspricht die aktivische Version Der Verlag schickt mir einen Vertrag zu. Die Bildung des Rezipientenpassivs kann durch folgende Transformation beschrieben werden: Aktiv [ X S.om Y V.fin Z S.Dat W ] S Rezipientenpassiv [ Z S.om krieg- V.fin (von X S.Dat ) W Y Part.Perf ] S Punkte ote von bis , , , ,9 5 Unterschrift

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