Jeder. und jedem. Robert Pawelke-Klaer

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1 Robert Pawelke-Klaer Jeder und jedem Immer wieder taucht in den ökonomischen Debatten der Grundsatz auf: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen. Leider wird dieser Grundsatz oft gründlich missverstanden und so seiner Kraft beraubt. In der Regel wird der Grundsatz für ein formales (!) Prinzip gehalten, das es zu installieren gilt, damit die Menschen selbstbestimmt entscheiden können, was sie zur gesellschaftlichen Arbeitsteilung beitragen und was sie von der gesellschaftlichen Arbeitsteilung in Anspruch nehmen wollen. Dieser Gedanke wird als eine Art Befreiungsschlag gegen die kapitalistischen Arbeitszwänge verstanden. Doch ein kapitalistischer Arbeitszwang darf nicht mit der natürlichen Notwendigkeit, für sein tägliches Brot sorgen zu müssen, in einen Topf geworfen werden, um schließlich das Kind mit dem Bade auszuschütten. Das Gegenteil einer Fremdbestimmung ist nicht notwendigerweise immer die Selbstbestimmung. Es kann auch die Beziehungsfähigkeit sein. Sie ist der größte ökonomische Mangel. Gesellschaftliche Arbeitsteilung bedeutet, dass wir sowohl in der Frage der individuellen Arbeit als auch in der Frage der individuellen Versorgung mit anderen eine Beziehung eingehen. An die Stelle eines selbstbestimmten Wirtschaftslebens tritt ein beziehungsbestimmtes. Darin wird sowohl die eigene Arbeit als auch die eigene Versorgung Gegenstand von menschlichen Beziehungen, was von uns Beziehungsarbeit verlangt. Frei sein heißt, sich als Teil eines Ganzen erleben zu können und mit allen und jedem in Beziehung treten zu können. Die formale Sichtweise des Grundsatzes Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen führt dazu, dass die einen diesen Grundsatz für eine Utopie halten und die anderen für ein Ideal, das erst dann realisiert werden kann, wenn bestimmte menschliche, gesellschaftliche und ökonomische Bedingungen erfüllt sind. So hat zum Beispiel Karl Marx in seiner Kritik des Gothaer Programms behauptet: In einer höheren Phase [...], nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch ihre Produktivkräfte gewachsen und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen - erst dann kann [Hervorhebung von

2 mir] der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahne schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen! (MEW Bd. 19, S. 21) Somit scheint der Übergang von einem leistungsbezogenen Einkommen zu einem bedürfnisorientierten von bestimmten Umständen abzuhängen und kein Grundsatz der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zu sein. Solange die angeblich notwendigen Bedingungen zur Einführung dieses Grundsatzes nicht erfüllt sind, gelte weiterhin der Grundsatz: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung. Damit wären wir einmal mehr bei der leistungsbezogenen Befriedigung der individuellen Bedürfnisse durch die gesellschaftliche Arbeitsteilung angelangt, für die sich letztlich schon Aristoteles ausgesprochen hat. Der Grundsatz Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen wird nicht als ein unveräußerlicher Grundsatz der gesellschaftlichen Arbeitsteilung begriffen, weil er als ein Selbstbestimmungsrecht missverstanden wird. Dieser Grundsatz ist in Wirklichkeit ein Verhandlungsgrundsatz, der dem Wesen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung entspricht. Dieser Verhandlungsgrundsatz besagt, dass über die Verteilung des arbeitsteilig produzierten gesellschaftlichen Reichtums entsprechend den Bedürfnissen und nicht entsprechend der Leistung verhandelt werden kann, weil man einerseits die Arbeit eines Schuhmachers nicht mit der Arbeit eines Symphonikers vergleichen kann und es andererseits darum geht, die Schuhe und die Konzertbesuche miteinander zu teilen. Beim Selbstversorger hängt die Befriedigung seiner Bedürfnisse von seiner Leistung ab. Doch auch hier gilt, dass seine Leistung zum Beispiel als Schreiner nichts darüber aussagt, wie groß seine Versorgung mit Kleidern ausfallen wird. Diese hängt einzig und allein von seiner Leistung als Weber bzw. Schneider ab. Jede Arbeit hat ihre Leistung und keine Leistung lässt sich mit einer anderen vergleichen. Das gilt auch und vor allem für die gesellschaftliche Arbeitsteilung. Hier produzieren wir, was andere konsumieren, und konsumieren selber, was andere produziert haben. Unsere Versorgung hängt nicht von unserer Leistung, sondern von der Leistung der anderen ab, die nicht mit unserer Leistung verglichen werden kann. Das Tauschbewusstsein behauptet dagegen, dies fände statt, doch es kann bis heute kein Maß dafür benennen und nennt aus Verzweiflung die Bewertung ein Messen. Das hat der Tausch so lange getan, bis die Menschen angefangen haben, 2

3 das Bewerten für ein Messen zu halten. Das menschliche Bewusstsein ist ebenso eine Wirklichkeit wie die Wirklichkeit selber. Und so drehte sich für die Menschen viele Jahrhunderte die Sonne um die Erde, obwohl die Berechnungen auf dieser Basis nicht aufgingen. Der Bau von Möbeln durch den Schreiner steht in keinem sachlichen Zusammenhang zur Herstellung der übrigen Güter und Dienstleistungen, die dem Schreiner als Lebensunterhalt dienen. Es ist sachlich unmöglich, aus der Leistung des Schreiners ableiten zu wollen, wie viele Kleider, Lebensmittel, Wohnraum usw. ihm aus der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zustehen. Dies ist eine gesellschaftliche Verhandlungssache. Wer von einem leistungsorientierten Einkommen des Schreiners spricht, der versucht die heute übliche gesellschaftliche Versorgung der Schreiner für ein objektives Maß zu verkaufen. Der Lebensunterhalt des Schreiners hängt davon ab, was seine Mitmenschen produzieren und wie viel sie davon mit ihm zu teilen bereit sind. Die Befriedigung seiner Bedürfnisse steht in keinem sachlichen Zusammenhang zu seiner eigenen Leistung. Das heißt nicht, dass nicht über seine Leistung verhandelt werden dürfte. Doch hat das eine nichts mit dem anderen zu tun. Es ist eine ausschließlich menschliche Verhandlungssache, wie wir den arbeitsteilig produzierten gesellschaftlichen Reichtum miteinander teilen bzw. wie wir die gesellschaftliche Arbeitsteilung gestalten wollen: welche Leistung wir vom Einzelnen erwarten und welche Bedürfnisse wir dem Einzelnen befriedigen wollen. Vor dieser Freiheit schreckt das Tauschbewusstsein zurück, das immer und überall vergleicht und misst, wo es nichts zu vergleichen und zu messen gibt. Wir können und dürfen sagen, dass wir mit einer Leistung nicht zufrieden und daher vielleicht nicht bereit sind, ihm den einen oder anderen Wunsch zu erfüllen, doch wir können niemals behaupten, dass wir aufgrund der Leistung eines Menschen seine Wünsche oder gar Grundbedürfnisse nicht erfüllen können. Dazu müssten wir fähig sein zu beweisen, dass die Mittel und Möglichkeiten hierzu fehlen. Dies dürfte in einer Welt, die systematisch Waren verschrottet oder frisch für den Müll produziert, damit das Geld fließt, kaum zu beweisen sein. Die Ansprüche auf gesellschaftliche Versorgung müssen innerhalb der gesellschaftlichen Arbeitsteilung gewährt werden. Sie können nicht leistungsbezogen erworben werden, schon gar nicht über den Tausch, der es jedem erlaubt, bei jedem einzelnen Geschäft seinen Vorteil zu suchen, das heißt einen hohen Preis zu fordern und einen niedrigen Preis zu zahlen nach dem Motto Ich bin doch nicht blöd. 3

4 Warum der arbeitsteilig produzierte gesellschaftliche Reichtum erst entsprechend der individuellen Leistung verteilt werden muss (!) und erst später entsprechend den individuellen Bedürfnissen und Wünschen verteilt werden kann (!), obwohl es sich beide Male um gesellschaftliche Arbeitsteilung handelt, das bleibt ein ewiges Geheimnis des Tauschbewusstseins. Und das Argument von Karl Marx, dass dazu erst die Springquellen des Reichtums üppiger fließen müssen, läuft auf das bekannte Argument der Gier hinaus, dass der Mangel keine Gerechtigkeit zulässt. Inzwischen wissen wir allerdings, dass der Überfluss erst recht blöd macht. Nehmen wir an, wir hätten es mit einer zehnfachen gesellschaftlichen Arbeitsteilung zu tun. Das heißt, wir betreiben zehn unterschiedliche Produktionen. Alle zehn Produzenten wenden die gleiche Menge Arbeitszeit auf. Am Ende der Arbeitswoche kann es nur darum gehen, den arbeitsteilig produzierten gesellschaftlichen Reichtum entsprechend den Bedürfnissen zu verteilen. Welchen Sinn sollte es haben, ihn entsprechend der Arbeit/Leistung zu verteilen? Die arbeits- bzw. leistungsbezogene Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse ist ein gedanklicher Zirkelschluss. Er führt dazu, dass wir keine bedürfnisorientierte gesellschaftliche Arbeitsteilung vornehmen, sondern dass die Arbeit über die gesellschaftliche Arbeitsteilung entscheidet. Theoretisch ist das ein Widerspruch in sich, praktisch eine Machttheorie, weil darin immer die qualifizierten Führungskräfte das Sagen haben. Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen - das ist der Verhandlungsgrundsatz innerhalb der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, an dem wir nicht vorbeikommen, an dem wir uns nur gedanklich mit viel theoretischem Aufwand vorbeimogeln können, um uns auf Kosten der Bedürfnisse anderer zu bereichern. Eine leistungsbezogene Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums war und ist immer eine Fiktion bzw. eine Rechtfertigungslehre für bestimmte Berufsstände. Eine leistungsbezogene Verteilung ist sachlich nicht möglich, weil die Leistung einer Putzfrau nichts mit der Leistung zu tun hat, von deren Früchten sie ihren Lebensunterhalt bestreitet. Wir können viele Argumente vorbringen, warum eine Putzfrau mit ihrer Arbeit keinen Porsche verdient, doch wir können nicht beweisen, dass wir nicht frei sind, der Putzfrau mit Hilfe der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zu einem Porsche zu verhelfen. Die Verteilung der in einer gesellschaftlichen Arbeitsteilung produzierten Sportwagen unterliegt dem freien gesellschaftlichen Willen der Menschen. Solange wir nicht gewillt sind, diese Freiheit anzuerkennen, werden wir auf 4

5 dem Markt, auf dem über die Fähigkeiten und die Bedürfnisbefriedigung verhandelt wird, keine humanen Entscheidungen treffen können. Eine humane Wirtschaft kann nur aus der Einsicht in die ökonomischen Freiheiten entstehen. Solange wir an die so genannten ökonomischen Zusammenhänge glauben, werden wir der Ökonomie hinterherlaufen. Auch kann kein humanes Wirtschaftssystem errichtet werden, denn alles Menschliche unterliegt dem freien Willen der Menschen. Und es gibt keine Gerechtigkeit, denn aufgrund unseres freien Willens müssen wir entscheiden, was wir für gerecht halten wollen. Der Kapitalismus ist die Summe aller unerkannten und nicht wahrgenommenen ökonomischen Freiheiten, die nur Schritt für Schritt und nur von unten zurückerobert werden können. Der erste und wichtigste Schritt ist der Schritt von dem Ort aus, wo das Leben uns hingestellt hat, damit wir das Leben bezeugen. Ein freundliches Lächeln oder ein geduldiges Warten. Und einen Euro mehr zu bezahlen ist keineswegs immer blöd, sondern kann dem anderen äußerst hilfreich sein. Sie dürfen jeden Artikel als Ganzes oder auszugsweise frei kopieren und privat weitergeben. Dann muss jedoch immer mein Name, der Quellenachweis sowie meine Webadresse angegeben sein.* Kommerzielle Veröffentlichungen bedürfen einer vorherigen schriftlichen Erlaubnis Robert Pawelke-Klaer;Im Wolfacker 19; D Staufen; 5

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