DFG-Thesen zur künftigen Ingenieurausbildung an deutschen Universitäten

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1 DFG-Thesen zur künftigen Ingenieurausbildung an deutschen Universitäten Gerhart Eigenberger Institut für Chemische Verfahrenstechnik Vizepräsident der Universität Stuttgart Deutschen Forschungsgemeinschaft

2 DFG-Thesen: Ausgangspunkt In der deutsche Ingenieurausbildung sind zwei unterschiedliche Ausbildungsprofile etabliert, bewährt und notwendig: Profil 1 ( anwendungsorientiert ): sichere Beherrschung abgrenzbarer fachlicher Grundlagen kompetente Nutzung eines aktuellen, fachspezifischen Anwendungswissens in den etablierten Erkenntnisgrenzen Zweckmäßige Stoffvermittlung: klar umgrenzte Stoffgebiete klassenähnliche Verbünde, limitierte Teilnehmerzahl, enge Betreuung und Führung Inhärente Vorteile: Zügige, zielgerichtete Vermittlung einer vollen Berufsfähigkeit auf konkretem Arbeitsgebiet Profil 2 ( grundlagenorientiert ): breite theoretische Basis und exemplarische fachliche Vertiefung Befähigung, bestehende Erkenntnisgrenzen in Theorie und Anwendung mit neuen methodischen Ansätzen zu erweitern breites Fächerspektrum Selbständige Strukturierung und Selbstkontrolle Einbindung in innovative Forschungsprojekte mit offenen Fragestellungen Breite ingenieurwissenschaftliche Grundlagen als Basis für schnelle fachliche Spezialisierung und Neuorientierung

3 Ausgangspunkte: Begabungsprofile und Studienerfolg Diplom Vordiplom - eingeschränkte Durchlässigkeit zwischen FH und Universität, - insbes. für hochqualifizierte FH-Absolventen MB: 9.1 Sem. Ungeeignet 25% 83 % Anwendungsbegabt 17 % 17 % 75% 3 (?) % Promotion 15 % - hohe Quote von Studienabbrechern - lange Studiendauer - Frustration anwendungsbegabter Studienanfänger nger Anwendungsbegabt 63 % Theorie- und Anwendungsbegabt Ungeeignet 30% 40% 30% MB: 12.7 Sem. 20% FH (mit Zulassungsbeschränkung) Univ. (ohne Zulassungsbeschränkung)

4 Bologna-Prozess: staatliche Sicht Europaweite Harmonisierung der Ausbildungsstrukturen Doktor Erhöhung des Anteils der Hochschulabsolventen auf % eines Jahrgangs. Ergänzung (oder Ersatz?) der vielgleisigen deutschen Ausbildungsstrukturen von - Lehre, - Techniker-, Meister-, BA-, FH-, Univ.-Ausbildung durch einen eingleisigen Hochschulweg: Bachelor mit schneller, zielgerichteter Berufsbefähigung für alle Darauf aufbauend: wissenschaftliche Nachschulung und Spezialisierung für die dafür Befähigten sowie Weiterbildung für qualifizierte Wiedereinsteiger zu Master und ggf. Promotion Deutliche Qualifikationshürde für den Übergang in Profil (2) Qualitätsmanagement durch Akkreditierungsagenturen nach europaweiten Standards Master Bachelor 75 % HS-Reife Profil (2) Profil (1*)

5 Vorgaben und Vorbehalte Ausbildungsziel: 40-50% eines Jahrgangs an die Hochschulen Zunächst Bachelor-Studium für alle Studierende, (außer Lehrer, Juristen, Mediziner!) praxisorientiert und voll berufsqualifizierend nach Profil (1*), Bachelor-Studium im Wesentlichen identisch an BA, FH und Universitäten - wg. Wechselmöglichkeit - wg. eingeschränktem FH-Ausbau Direkter Zugang zum Master-Studium (nach abgeschlossenem Bachelor) nur nach bes. Zulassungsvoraussetzungen und für eingeschränkte Zahl Statt einer direkten Fortsetzung im Master- Studium soll mehr auf eine Weiterstudium nach mehrjähriger Berufstätigkeit hingewirkt werden ( sabbatical ). Verkennt dieses Ziel nicht den inhärenten Wert der deutschen mehrgleisigen Ausbdg. (Lehre, Techniker, Meister, BA, FH, Univ.)? Im Ingenieurbereich ist parallel zu Ausbildungsprofil (1) auch das auf breiteren und tiefen wissenschaftlichen Grundlagen basierende Ausbildungsprofil (2) bereits im Bachelor-Studium erforderlich. Die Wechselmöglichkeit ist wichtig, dafür sind klare Lösungen notwendig. Im Ingenieurbereich sind die FHs laut WR kapazitätsmäßig ausreichend ausgebaut. Die entscheidenden fachlichen Hürden liegen bei Profil (2) bereits im Bachelor- Studium. Eine deutliche Siebung nach bestandenem Bachelor-Examen ist daher hier inhaltlich nicht begründbar. Bedarf bei Berufstätigen? (USA: nur Abendschulen im Ing.-Bereich!) Profil (2) über Weiterbildung nachschulbar?

6 Vorgaben und Vorbehalte: Qualitätssicherung Qualitätssicherung von Bachelor- Master-Studiengängen grundsätzlich durch Akkreditierungsagenturen an Hand (noch zu schaffender) fester Kriterien, unter Beteiligung von Staat, Wirtschaft, Hochschuladministration Eine Qualitätssicherung allein anhand formaler Kriterien erscheint wenig erfolgversprechend (USA: Selbstkontrolle!) Ein wirksames Qualitätsmanagement erfordert: - Auswahl der Studierenden - Festlegung der Ausbildungsstrukturen - Festlegung der Ausbildungsinhalte - Überprüfung der Umsetzung (intern/extern) Zu einer qualitativ hochwertigen Ingenieur- Ausbildung in Deutschland gehört auch eine qualitative Vergleichbarkeit bei der Festlegung und Vermittlung der wesentlichen ingenieurwissenschaftlichen Grundlagen. Daher ist der bewusste Verzicht auf Mitwirkung der Fakultätentage/Fachbereichstage an der Qualitätssicherung im Ing.- Bereich nicht gerechtfertigt.

7 Lösungsvorschlag: zweigleisige Ingenieurausbildung Promotion: Forschungs- Spezialisierung Doktor 15% Master (30-x)% Bachelor 70% Master (MEng): Anwendungsspezialisierung X % Master (MSc): forschungsorientiert Standardwechselmöglichkeit Master 70% Bachelor 15% Profil (2) Profil (1) Bachelor (BEng): praxisorientiert, schlanker HS-Reife Orientierungsprüfungen Auswahlverfahren Bachelor (BSc): grundlagenorientiert, breit HS-Reife

8 Zweigleisige Ingenieurausbildung: Implementierungsalternativen Profil (1) 30% 70% HS-Reife MEng BEng A) Profil 1: nur FH/BA Profil 2: nur Univ. Vorteil: klare Aufgabentrennung B) Profil 1 (BEng): nur BA Profil 1 (und 2): FH Profil 2 (und 1): Univ. Beibehaltung status quo C) Integration von FH und Univ. Vorteil : optimale Nutzung vorhandener Kapazitäten ( Gesamthochschule )? D) Freies Spiel der Kräfte ( die Besten überleben ) Dr.-Ing. MSc BSc 15% 70% 15% HS-Reife Profil (2)

9 Profil (2): Vergleich bisher künftig: Vorpraktikum Grundstudium: Allgemeine naturund ingenieurwiss. Grundlagen 20 Wochen Fachpraktikum Fachwiss. Grundlagen Hauptstudium: Spezialisg. Vertiefung Studienarbeit(en) Diplomarbeit Bisheriger Diplom- Studiengang Dipl.-Ing. Semester Vorpraktikum Bachelor - Studium: Allgemeine naturund ingenieurwiss. Vordiplom Fachwissenschaftliche Grundlagen und Fähigkeiten Bachelor-Arbeit Fachpraktikum Master- Studium: Spezialisg. Vertiefung Master-Arbeit Künftiger Bachelor/ Master- Studiengang MSc. Orientierungsphase BSc.

10 Konsekutives Bachelor-Master-Studium Profil (2): wesentliche vorgesehene Änderungen Semester Vorpraktikum Bachelor - Studium: Allgemeine naturund ingenieurwiss. Fachwissenschaftliche Grundlagen und Fähigkeiten Bachelor-Arbeit Fachpraktikum Master- Studium: Spezialisg. Vertiefung Master-Arbeit MSc. Orientierungsphase BSc. Information, Auswahlverfahren, Orientierungsprüfungen für Studienanfänger Wenige grundständige Bachelor-Studiengänge mit fachwissenschaftlicher Verzweigung ab 4ten Semester Stärkung der Tutor-begleiteten Projektarbeit im Grundstudium - Anwendungsbezug theoretischer Konzepte - soft skills Mögliche Verbindung von Fachpraktikum und Bachelor-Arbeit: Berufsausstieg? Breite Spezialisierungs- und Vertiefungsmöglichkeiten im Master-Studium

11 Lösungsvorschlag: zweigleisige B/M-Ingenieurausbildung BSc MSc Dr.-Ing. Hochschulreife Profil (2) Promotion (als wiss. Mitarbeiter) MEng BEng Profil (1) Schule Bachelor Master

12 Promotionsphase Im Gegensatz zu den meisten Naturwissenschaften promovieren im Ingenieurbereich nur % der Absolventen von Profil (2) Projektorientierte Promotion in festem Beschäftigungsverhältnis, eingebunden in universitäre Lehre und Forschung als bewährter Regelfall: - selbständige wissenschaftliche Arbeit, - Erfahrung in Projektmanagement und -Präsentation, - Erfahrung in wissenschaftlicher Stoffvermittlung, - Erfahrung in Mitarbeiterführung (Hilfsass., Stud.- und Dipl.-Arbeiten) Symbiose zur Sicherung der universitären Ausbildung und Forschung. Promotion in Graduiertenkollegs im Rahmen von interdisziplinären Forschungsprojekten Reserviert gegenüber reiner Industriepromotionen außerhalb des Einflussbereichs der Universität! Graduiertenschulen zur Vereinheitlichung der Promotionsstandards, und für fachübergreifende Doktorandenseminare wünschenswert

13 Welche Kompetenzen verlangt der Arbeitsmarkt? Becker (Bildgspol.-Siemens): Bei Siemens stetiger Trend zu weniger Uni-Ing. und mehr FH/Bachelor, insbes. im Ausland Schmieg (Torkret-Spritzbeton, KMU): Hohe technische Kompetenz aufgrund breiter fachlicher Grundlagen! BSc reicht. Milberg (Akatech): Brauchen wir 4 Abschlüsse? (BEng., MEng., BSc., MSc.) VDMA: Die Angleichung aller Ausbildungsprofile in der Bachelor-Phase ist nicht wünschenswert! Der Bachelor ist als Regelabschluss einer universitären Ingenieurausbildung aus Sicht der Industrie nicht akzeptabel! Industrievertreter: Die Namen der Abschlüsse sind uns egal; wir wollen die gleiche Qualität und die gleichen Profilunterschiede wie bisher.

14 Soft skills Absolventenbefragung (HIS): Defizite der universitären Ausbildung (5 Jahre im Beruf): - Kommunikationsfähigkeit (67%) - Fremdsprachen (44%) - Organisationsfähigkeit (43%) - Verhandlungsgeschick (42%) - mündlicher Ausdruck (39%) Es besteht Handlungsbedarf aber : - Ist es nicht ein ausgezeichnetes Zeugnis für die deutschen Hochschulen, dass keine fachlichen Defizite beklagt werden? - Ist viel von den oben aufgelisteten Fähigkeiten nicht zum entscheidenden Teil Persönlichkeitseigenschaft und nur beschränkt antrainierbar? - Dann käme es umso mehr darauf an, wieder mehr von den Besten abiturienten mit diesen Eigenschaften für das Ingenieurstudium zu gewinnen!

15 Zweigleisige Ingenieurausbildung Schweiz (Prof. Osterwalder, ETH Zürich) Promotion: Forschungs- Spezialisierung Doktor Bachelor 100% Master (MSc): forschungsorientiert Standardwechselmöglichkeit: Scharnier Master Bachelor Profil (2) Profil (1) Bachelor (BEng): praxisorientiert, schlanker Bachelor (BSc): grundlagenorientiert, breit Basisprüfung, Ende 1. Jahr (1xWdhlg.) HS-Reife Kein Auswahlverfahren für CH HS-Reife

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