Leseprobe. Betriebswirtschaftslehre für Ingenieure. Lehr- und Praxisbuch. Herausgegeben von Jürgen Härdler. ISBN (Buch):

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1 Leseprobe Betriebswirtschaftslehre für Ingenieure Lehr- und Praxisbuch Herausgegeben von Jürgen Härdler ISBN (Buch): ISBN (E-Book): Weitere Informationen oder Bestellungen unter sowie im Buchhandel. Carl Hanser Verlag, München

2 8 Finanzwirtschaft 8.1 Studienziele Dieses Kapitel soll dem Leser ermöglichen die betriebliche Finanzwirtschaft als systemimmanenten Bestandteil der Betriebswirtschaft zu verstehen; die differenzierten Finanzierungsarten zuunterscheiden und zucharakterisieren; die beiden klassischen Finanzierungsregeln kennen zu lernen und einzuschätzen; den Zusammenhang von Cashflow und Jahresüberschuss herzustellen; die differenzierten Möglichkeiten der Einlagen- und Beteiligungsfinanzierung für unterschiedliche Unternehmensformen zu erkennen; die Potenzen emissionsfähiger Unternehmen für die Eigenkapitalstärkung aufzuzeigen; Alternativen der langfristigen und kurzfristigen Fremdfinanzierung von Unternehmen zu erkennen und nach Wirtschaftlichkeitskriterien zuvergleichen; grundlegende Aufgaben der finanziellen Führung zuverstehen. 8.2 Einführung in die Finanzwirtschaft Zusammenhang von Investition und Finanzierung Sie haben in den vorangegangenen Kapiteln vielfältige betriebliche Aufgaben kennen gelernt, die finanzielle Voraussetzungen oder finanzielle Auswirkungen haben. Als zwei Seiten eines einheitlichen Prozesses sind zusammenzuführen die Beschaffung der finanziellen Mittel (Kapitalbeschaffung) und die Verwendung der finanziellen Mittel (Kapitalverwendung). Die Beschaffung bzw. Aufbringung finanzieller Mittel kennzeichnet die Finanzierung, die Verwendung finanzieller Mittel die Investition. Investition und Finanzierung stehen in einem engen Zusammenhang. Investitionen sind nur dann realisierbar, wenn eine Finanzierung darstellbar ist. Andererseits erfordern freie finanzielle Mittel eine ertragsbringende, investive Verwendung. Finanzierung und Investition sind den zwei Seiten der Handelsbilanz zuordenbar (vgl. Abschnitt ). Während die Bestandsgrößen der Finanzierung auf der Passivseite der Bilanz dargestellt werden, enthält die Aktivseite die Ergebnisse der Investitionen als Bestandsgrößen. Den Investitionsprozess haben Sie im Kapitel 4kennen gelernt. Der Finanzierung wendet sich das aktuelle Kapitel zu. 8

3 336 Finanzwirtschaft Finanzwirtschaftliche Ziele Finanzwirtschaftliche Ziele sind Bezug nehmend auf die allgemeinen Unternehmensziele (vgl. Abschnitt 2.4.1) die Maximierung des Ergebnisses oder der Rentabilität, die Sicherung der Liquidität, die nachhaltige Sicherheit, ggf. auch Unabhängigkeit des Unternehmens. Dabei gelten folgende Zusammenhänge: Als Ergebnis finden Gewinngrößen und/oder Cashflow-Größen (vgl. Abschn. 8.4) Anwendung. Dabei ergibt sich der Gewinn als Differenz der Erlöse und Kosten bzw. der Erträge und Aufwendungen, der Cashflow als Differenz der Einzahlungen und Auszahlungen. Die Rentabilität stellt den Quotienten einer Ergebnisgröße (Gewinn und/oder Cashflow) und einer Bezugsgröße, wie Kapitaleinsatz und Umsatz, dar. Die Sicherung der Liquidität beinhaltet das existenzielle Postulat der ständigen Zahlungsfähigkeit. Moderne Zielkonzeptionen betonen die Sicht der Kapitaleigner (Shareholder) auf Steigerung des Unternehmenswertes (Shareholder Value). Viele börsennotierte Unternehmen, z. B. Daimler oder RWE, nutzen wertorientierte Konzepte. Danach steigt der Unternehmenswert, wenn das finanzielle Ergebnis höher ist als die Kosten für das Eigen- und Fremdkapital. Anderenfalls findet eine Wertvernichtung statt. (Grundlagenbuch zur wertorientierten Unternehmensführung: Rappaport 1998) Finanzierungsarten Finanzierungsarten entstehen durch Strukturierung der Finanzierung nach praktisch relevanten Kriterien. Für die Systematisierung sind folgende Kriterien bedeutend: Herkunft des Kapitals (Außenfinanzierung und Innenfinanzierung) Rechtsstellungder Kapitalgeber (Eigenfinanzierung und Fremdfinanzierung) Dauer der Finanzierung (unbefristet, langfristig, mittelfristig, kurzfristig) Häufigkeitder Finanzierung (laufend, einmalig, gelegentlich) Anlass der Finanzierung (Unternehmensgründung, Unternehmenserweiterung, Fusion, Umwandlung, Sanierung) Die Abbildung 8.1 zeigt das Ergebnis der Strukturierung nach der Herkunft des Kapitals, die auch der weiteren Gliederung imbuch zu Grunde liegt. Bei der Außenfinanzierung handelt es sich um die Finanzierung aus außerbetrieblichen Quellen. Von außen kommen Einlagen und Beteiligungen sowie Kredite.

4 Einführung indie Finanzwirtschaft 337 Einlagen und Beteiligungen stellen dabei das Gründungs- oder Erweiterungskapital dar, dass betriebliche Eigentümer imallgemeinen unbefristet bereitstellen. Kreditfinanzierung führt hingegen zu Gläubigerkapital. Es wird zeitlich befristet gegen Zahlung von Zinsen genutzt. Finanzierung Außenfinanzierung Innenfinanzierung Vermögenszuwachs Vermögenszuwachs Vermögensumschichtung Kredit- Einlagen- und Finanzierung Finanzierung finanzierung Beteiligungs- von Reinvesti- von Nettoinfinanzierung tionen aus vestitionen aus Umsatzerlösen Umsatzerlösen Finanzierung aus Gewinn (Selbstfinanz.) Finanzierung aus langfristigen Rückstellungen Abbildung 8.1: Gliederung der Finanzierung nach der Herkunft des Kapitals Bei der Innenfinanzierung handelt es sich um eine Finanzierung aus innerbetrieblichen Quellen, vorwiegend aus dem Umsatzprozess. 8 Anzumerken ist, dass die erwirtschafteten Mittel dennoch von außen kommen, die Quellen dafür aber innerhalb des Unternehmens liegen. Beispiel: Ein Unternehmen weist folgende Struktur der Erträge und Aufwendungen auf: Umsatzerlöse Abschreibungen Personalaufwand Materialaufwand Pensionsaufwand Als Differenz der Umsatzerträge und der Aufwendungen entsteht ein Gewinn von Das erklärt die Finanzierung aus Gewinn, die sog. Selbstfinanzierung. Mit ihr ist ein Vermögenszuwachs verbunden.

5 338 Finanzwirtschaft Die Material- und die Lohnaufwendungen müssen zur Fortführung des Leistungsprozesses durch die Umsatzerlöse ersetzt werden. In diesem Maße erfolgt die Finanzierung von Reinvestition aus Umsatzerlösen. Sie führt ausschließlich zu einer Vermögensumschichtung. Die Abschreibungen haben eine Sonderstellung. Sie sind Aufwand, der nicht zu Auszahlungen in der gleichen Periode führt. Der über die Umsatzerlöse zurückfließende Betrag kann zwischenzeitlich investiv eingesetzt werden. Das charakterisiert die Finanzierung von Nettoinvestitionen aus Umsatzerlösen begrifflich auch Finanzierung aus Abschreibungen genannt. Sie führt vorwiegend zu einer Vermögensumschichtung. Unternehmen können im Interesse der Altersversorgung Pensionsaufwendungen bei steuerlicher Anerkennung planen. Der Rückfluss dieser Mittel über die Umsatzerlöse führt zu keinen Auszahlungen in der gleichen Periode. Über die Einstellung in die Rückstellungen werden die vereinbarten Ansprüche künftiger Zeiträume gesichert. Bis dahin können die Mittel als Finanzierungsart genutzt werden. Das erklärt an diesem Beispiel die Finanzierung aus langfristigen Rückstellungen. Sie führt zu einem Vermögenszuwachs. Aus der Rechtsstellung der Kapitalgeber resultiert die Trennung von Eigenkapital und Fremdkapital. Eigenkapital entsteht durch die Einlagen- und Beteiligungsfinanzierung und durch die Selbstfinanzierung. Fremdkapital entsteht durch die Kreditfinanzierung und durch die Finanzierung aus Rückstellungen. Finanzierungen aus Vermögensumschichtungen sind hierbei nicht eindeutig zuordenbar Liquidität Liquidität erklärt die Fähigkeit eines Unternehmens, die fälligen Verbindlichkeiten unter der Voraussetzung des reibungslosen Ablaufs des Betriebsprozesses zu begleichen, d. h. alle Zahlungsverpflichtungen betragsgenau und zeitgenau (fristgerecht) zu erfüllen. Die Liquidität (siehe auch ) ist eine Existenzbedingung des Unternehmens und gehört deshalb zu den finanzwirtschaftlichen Oberzielen. Allgemein gilt, dass unter Einbeziehung des Anfangsbestandes an Zahlungsmitteln (AB an ZM) die Einzahlungen und ggf. eine freie Kreditlinie (Kr-Linie) ausreichend sein müssen, umdie fälligen Auszahlungen jederzeit tätigen zu können.

6 Einführung indie Finanzwirtschaft 339 AB an ZM +Einzahlungen Auszahlungen +freie Kreditlinie 0 Der oben definierte Liquiditätsbegriff wird begrifflich auch als relative Liquidität bezeichnet. Der Liquiditätsbegriff wird aber noch in einem anderen Sinne verwendet, und zwar als absoluteliquidität oder als güterwirtschaftliche Liquidität. Die absolute Liquidität kennzeichnet die Liquidierbarkeit der Wirtschaftsgüter (Olfert 2011). Jedes betriebliche Vermögensgut hat einen bestimmten zeitlichen Abstand zum Geldzustand. Fertige oder halbfertige Erzeugnisse sind z. B. schneller liquidierbar als Materialvorräte oder gar Betriebsmittel. Praktische Bedeutung hat dieser Zusammenhang für das Schaffen einer Liquiditätsreserve (dafür sind nur schnell liquidierbare Vermögensgüter geeignet) und das Beibringen von Kreditsicherheiten (dafür kommen nur Vermögensgüter in Frage, die durch die Kreditgeber verwertbar, also liquidierbar sind). Dem betrieblichen Nachweis der Zahlungsfähigkeit dienen verschiedene Kennziffern und Kennziffernrelationen. Unter Bezugnahme auf die Positionen der Handelsbilanz werden Liquiditätsgrade berechnet. Liquidität 1.Grades ZM = 100 (%) (Barliquidität) kurzfristige Verbindlichkeiten Liquidität 2.Grades ZM+kurzfr. Forderungen = 100 (%) (QuickRatio) kurzfristige Verbindlichkeiten 8 Liquidität 3.Grades (Bankers Rule) ZM+ kurzfr. Forderungen+Vorräte = 100 (%) kurzfristige Verbindlichkeiten Während im Nenner stets die Verbindlichkeiten erfasst werden, die in einer definierten Zeit, z. B. innerhalb von 3 Monaten, zu Auszahlungen führen (z. B. Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen, kurzfristige Bankverbindlichkeiten, aber auch kurzfristige Rückstellungen), werden in den Zähler die Zahlungsmittel (ZM) und die liquidierbaren Mittel des Umlaufvermögens (mit abnehmender Liquidierbarkeit) eingestellt. Als Orientierungen gelten: Die Liquidität 2. Grades sollte möglichst 100 %betragen.

7 340 Finanzwirtschaft Die Liquidität 3. Grades als favorisierte Kennzahl von Banken sollte wesentlich höher als 100 %sein; in der Literatur und in der Praxis finden sich Richtwerte von 130 bis 200 %. Demonstrationsbeispiel: Eine Kapitalgesellschaft weist folgende Strukturbilanz auf (Angaben in 1000 ): Aktiva Passiva t=1 t=0 t=1 t= Anlagevermögen gezeichnetes Kapital Rücklagen Jahresüberschuss Umlaufvermögen Vorräte Forderungen Zahlungsmittel Rückstellungen (kurzfristige) Verbindlichkeiten kurzfristige langfristige Bilanzsumme Die Liquiditätsgrade können für das Berichtsjahr (t = 1)und das Vorjahr (t = 0) ermittelt werden, wodurch Entwicklungstendenzen erkennbar werden Liquidität 1. Grades Liquidität 2. Grades Liquidität 3. Grades t =1 t= =55,56 % ,00 % = =111,11% = 100,00% = 166,67 % 100 = 175,00% Die Aussagekraft dieser bilanzbezogenen Kennziffern ist dadurch begrenzt, dass aus Vergangenheitsdaten Wertungen für Gegenwart und Zukunft abgeleitet werden, keine Kenntnisse über die genaue Fälligkeit der Forderungen und Verbindlichkeiten vorliegen und verschiedene bilanzielle Wahlrechte (vgl. Abschnitt ) Einfluss haben können. Genaue Ergebnisse sind zu erzielen, wenn auf der Grundlage der Stromgrößen Einzahlungen und Auszahlungen betrags- und zeitgenau eine Liquiditätsplanung vorgenommen wird. Damit wird der betriebliche Cashflow ermittelt.

8 Einführung indie Finanzwirtschaft 341 Der Cashflow bezeichnet den Überschuss der Einzahlungen über die Auszahlungen für eine definierte Periode. In der Praxis ist die Kenntnis des Zusammenhanges von Jahresüberschuss (JÜ) und Cashflow (CF) erforderlich. Wesentlich ist zu erkennen, dass der Jahresüberschuss einerseits durch Aufwendungen reduziert wird, die nicht zu Auszahlungen führen (z. B. Abschreibungen, Rückstellungsaufwendungen), andererseits durch Erträge gebildet wird, denen in der Periode keine Einzahlungen gegenüberstehen (z. B. Zielverkäufe, Bestandserhöhungen) Der Praktiker rechnet vereinfacht: CF = JÜ +Abschreibungen ± Veränderung der Rückstellungen Finanzierungsregeln Finanzierungsregeln sind Grundregeln zur Gestaltung der Kapitalstruktur und deren Beziehungen zur Vermögensstruktur als Bedingungen des finanziellen Gleichgewichts. Unter Bezugnahme auf die Bilanz werden folgende Regeln unterschieden : die horizontalen Finanzierungsregeln und die vertikale Kapitalstrukturregel. Die horizontalen Finanzierungsregeln (auch goldene Finanzierungsregel, goldene Bilanzregel genannt) besagen, dass die Fristigkeit des Kapitals der Umschlagsdauer des damit finanzierten Vermögens entsprechen soll. 8 Erkenntnis: Langfristig gebundene Vermögensgüter (wie das Anlagevermögen und Mindestvorräte) sind langfristig (durch Eigenkapital und langfristiges Fremdkapital) zu finanzieren. Langfristiges Vermögen Goldene Bilanzregel= LangfristigesKapital Die vertikale Kapitalstrukturregel bezieht sich auf die Zusammensetzung des Kapitals. Maßgröße ist der Verschuldungsgrad (V). V Fremdkapital = Eigenkapital Die klassische 1:1-Regel sagt aus, dass nur so viel Fremdkapital aufgenommen werden sollte, wie Eigenmittel eingesetzt werden; später erfolgte eine Reduzierung dieser Forderung auf 2:1.

9 342 Finanzwirtschaft Viele mittelständige Unternehmen Deutschlands weisen einen Verschuldungsgrad von 4bis 5auf. Das ist ein Beleg für die Eigenkapitalschwäche. Erkenntnis: Eine angemessene Beteiligung mit Eigenkapital ist für die Stabilität von Unternehmen und für die Begleitung durch Fremdkapitalgeber bedeutend. Der Verschuldungsgrad verdient noch weiter gehende Überlegungen. Eine interessante Beziehung bietet der sog. Leverageeffekt, der den Zusammenhang von Eigenkapitalrentabilität (r EK ), Gesamtkapitalrentabilität vor Abzug von Fremdkapitalzinsen (r GK ), Fremdkapitalzinssatz(i)und Verschuldungsgrad (V)aufzeigt. FK rek = r GK + (rgk i) EK Leverageeffekt Folgender Zusammenhang gilt: Wenn die Gesamtkapitalrentabilität (vor Abzug der Fremdkapitalzinsen) höher ist als der Fremdkapitalzins, steigt mit zunehmender Verschuldung die Eigenkapitalrentabilität. Vergleichen Sie empirische Berechnungen dazu in der Literatur (Wöhe/Bilstein/Ernst/Häcker 2009). Demonstrationsbeispiel: Ein Unternehmen plant eine Investition von mit einem Bruttogewinn (vor Abzug der Fremdkapitalzinsen) von Mit folgender Finanzierung der Investition wird gerechnet: Eigenkapital Fremdkapital mit 8%Zinssatz p.a. Unter Anwendung der genanntenformel ergibt sich der folgende Berechnungsweg: ( 0,08) = 0,12 + (0,12 0,08) 1, r EK = r EK = 0,12 + 0,06 r EK 0,18 = r EK Die Eigenkapitalrentabilität von 18 %setzt sich zusammen aus 12 %Gesamtkapitalrentabilität und 6%Leverageeffekt. Für den Fall, dass eine höhere Verschuldung eingegangen wird, erhöht sich unter den gegebenen Bedingungen die Eigenkapitalrentabilität. Wenn z.b. eine Finanzierungsstruktur von Eigenkapital und Fremdkapital gewählt wird, erhöht sich der Leverageeffekt auf 16 %, die Eigenkapitalrentabilität auf 28 %.

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