Informationsveranstaltung zum hindernisfreien Bauen, 30. August 2013 Referat von Herrn Regierungsrat Markus Kägi Es gilt das gesprochene Wort!

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1 Generalsekretariat Kommunikation Baudirektion Informationsveranstaltung zum hindernisfreien Bauen, 30. August 2013 Referat von Herrn Regierungsrat Markus Kägi Es gilt das gesprochene Wort! Sehr geehrte Damen und Herren Ich danke Ihnen für die Einladung zu dieser Informationsveranstaltung! Wie Sie wissen, ist der aktuelle Anlass für diese Veranstaltung der, dass am 1. Juni 2013 verschiedene Änderungen im Planungs- und Baugesetz, dem PBG, in Kraft getreten sind. Diese Änderungen definieren neue Vorschriften für das hindernisfreie Bauen. Die Gründe, wieso wir das PBG in diesem Bereich angepasst haben, liegen aber schon ein paar Jahre zurück. Der erste Auslöser war, dass der Bund im Jahr 2004 das Behindertengleichstellungsgesetz erlassen hat. Es ist ein sogenanntes Rahmengesetz, welches Mindeststandards definiert. Die konkrete Ausgestaltung haben wir aber im kantonalen Recht genauer umschreiben müssen. Der zweite Auslöser war die neue Kantonsverfassung, die zwei Jahre später, also 2006, in Kraft getreten ist. Im Artikel 11 heisst es dort, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, dass niemand wegen einer körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderung diskriminiert werden darf, und dass Menschen mit Behinderung Anspruch auf Zugang zu öffentlichen Bauten, Anlagen, Einrichtungen und Leistungen haben. Warum braucht es diesen Artikel überhaupt? Weil das, was da drin steht, nicht selbstverständlich ist. Gerade beim Bauen haben sich die Menschen immer von allen möglichen Motiven leiten lassen, aber kaum je von der Idee vom Minderheitenschutz. Es ist eher um Prestige und Repräsentation gegangen, um Abschirmung und Schutz. Oder das Ziel ist gewesen, für möglichst wenig Geld möglichst viele Menschen auf möglichst wenig Platz unterzubringen. Und natürlich ist es immer wieder um Ästhetik gegangen. Sogar als sich die Idee form follows function in der Architektur verbreitet hat, ist mit ihr nicht automatisch auch die Hindernisfreiheit gekommen.

2 Seite 2 Unser öffentlicher Raum wird wesentlich geprägt von historischen Bauten, die zu Recht unter Schutz stehen. Es sind Kulturdenkmäler, und sie sind ein Teil unserer Identität. Wir müssen damit leben, dass sie aus heutiger Sicht funktionale Mängel haben. Das heisst zum Beispiel, dass das Grossmünster und das Rathaus wahrscheinlich nie zu Null-Energie-Häusern werden. Auch wenn das sehr praktisch wäre, gerade jetzt mit der so genannten Energiewende. Auch wenn es um die Hindernisfreiheit geht, kann bei diesen Gebäuden keine Rede sein von form follows function. Es ist eine grosse Herausforderung, die historisch gewachsenen Hindernisse zu neutralisieren. Wir haben Treppen und enge Durchgänge, die sich nicht einfach umbauen lassen. Häufig müssen wir Lifte, Rampen und zusätzliche Eingänge bauen, und es ist nicht befriedigend, wenn wir dafür versteckte Orte wählen müssen. Wer eine Behinderung hat, will ja eben gerade nicht in die Unsichtbarkeit abgedrängt werden. Wie viel schuldet der Staat den Menschen mit Behinderung? Wenn wir Solidarität als ein Wechselspiel von Geben und Nehmen erfassen, dann besteht damit auch die Möglichkeit, von den Menschen mit Behinderung etwas zu verlangen. Im konkreten Fall zum Beispiel die Bereitschaft, einen Umweg auf sich zu nehmen. Eine absolute Hindernisfreiheit kann nicht das Ziel sein. Die Frage ist einfach, wo die Grenzen des Zumutbaren liegen aber auch die Grenzen des Finanzierbaren. Seit kurzem haben wir jetzt eine Kodifizierung, nach der wir uns in diesem heiklen Bereich richten können. Die neuen Vorschriften im PBG legen fest, wann und in welchem Umfang bei Neu- und Umbauten die hindernisfreie Erschliessung und die Benützbarkeit für Menschen mit Behinderung im Innern der Gebäude gewährleistet sein müssen. Bei öffentlich zugänglichen Bauten und Anlagen, zum Beispiel Museen oder Restaurants, müssen die Zugänglichkeit und die Benützbarkeit im Innern gewährleistet sein. In Wohngebäuden mit mehr als acht Wohneinheiten müssen alle Einheiten für Menschen mit Behinderung zugänglich sein, in Neubauten mit fünf bis acht Wohneinheiten mindestens die in einem Geschoss. Im Wohnungsbau stellt die kantonale Regelung damit höhere Anforderungen, als vom Bundesrecht verlangt. Für Gebäude mit mehr als 50 Arbeitsplätzen oder mit mehr als 1000 Quadratmetern Geschossfläche gilt, dass sie für Menschen mit Behinderung zugänglich sein müssen. Das Innere des Gebäudes

3 Seite 3 muss jeweils an die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung anpassbar sein. Bei Gebäuden, die der Erfüllung einer öffentlichen Aufgabe dienen, wird unabhängig von einem Neu- oder Umbau verlangt, dass sie für Menschen mit Behinderung zugänglich und benützbar sind. Ich bin froh darüber, dass wir diese Regelungen haben, und zwar nicht nur, weil sie uns helfen, den Gleichstellungsauftrag in der Kantonsverfassung zu erfüllen. Die Regelungen ermöglichen sehr direkt die Integration der Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft. Das gilt übrigens sogar für die Art, wie die Änderungen im Planungs- und Baugesetz entstanden sind, nämlich in Zusammenarbeit mit Vertretern der Behindertenorganisationen. Es ist uns wichtig gewesen, die Sicht der Direktbetroffenen zu kennen und im direkten Gespräch zu erfahren, ob wir mit den Gesetzesänderungen ihre Bedürfnisse abholen können. Auch das ist Integration, Austausch, Geben und Nehmen. Und es ist die definitive Abkehr davon, in Menschen mit Behinderung nur Objekte des staatlichen Handelns zu sehen. Das Ziel der Regelungen, die der Staat festlegt, muss aber sein, dass wir für alle bauen. Wir können in diesem Bauen für alle den vorläufigen Abschluss einer sprachlichen Entwicklung sehen, wo die beim Invaliden-Eingang angefangen hat und sich dann zum behindertengerechten und später hindernisfreien Bauen verbessert hat. Bauen für alle steht auch dafür, dass die schroffe Unterscheidung von Behinderten und Nicht-Behinderten an Virulenz verliert. Wir alle sind unter Umständen im Alter irgendwann behindert. Die Verbesserungen im Planungsund Baugesetz kommen so gesehen uns allen zugute. Das Bedürfnis nach hindernisfreiem Zugang zu Gebäuden und Räumen wird mit der demografischen Entwicklung nämlich in Zukunft zunehmen. Wenn nach den Grundsätzen der Hindernisfreiheit und der Anpassbarkeit gebaut wird, können auch ältere und kranke Menschen länger in ihren Wohnungen bleiben, bevor sie in ein Heim umziehen müssen. Solche Überlegungen beschäftigen uns in der Baudirektion, und zwar im Rahmen der Raumplanung. Das Amt für Raumentwicklung in meiner Baudirektion erarbeitet momentan eine Strategie zum Thema Wohnmobilität im Alter. Das Ziel ist, sie in die langfristige Raumentwicklungsstrategie des Kantons und des Metropolitanraums Zürich zu integrieren.

4 Seite 4 Der Handlungsbedarf ist da, weil die Altersstruktur unserer Bevölkerung sich deutlich verändert. Die Bevölkerung wächst, und gleichzeitig nimmt vor allem der Anteil der über 80-Jährigen zu. Das Siedlungsgebiet soll aber nicht grösser werden. Es ist darum wichtig, dass wir den bestehenden Wohnraum möglichst bedürfnisgerecht nutzen. Da ist es von grossem Vorteil, wenn ältere Menschen bereit sind, in eine Wohnung zu ziehen, die ihren Bedürfnissen entspricht, statt in einer Wohnung oder einem Haus weiterzuleben, das eigentlich viel zu gross ist. Dass ältere Menschen nach einer Trennung oder nach dem Auszug der Kinder häufig allein in grossen Wohnungen oder Häusern bleiben, ist eine wichtige Ursache dafür, dass die Wohnfläche pro Kopf in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen hat. Dazu gibt es Zahlen: Bis 55 Jahre beträgt die durchschnittliche Wohnfläche einer Person unter 50 Quadratmeter. Nachher steigt sie bis auf knapp 60 Quadratmeter bei den über 85-Jährigen. Besonders auffallend ist der Anstieg bei jenen Personen, die in Einfamilienhäusern wohnen. Dort steigt die Wohnfläche auf über 90 Quadratmeter pro Kopf bei den 85-Jährigen. Neben der Grösse des Haushalts gibt es auch andere Gründe, sich die Frage zu stellen, ob die Wohnform Einfamilienhaus im Alter noch die richtige ist. Da ist das Treppensteigen oder oft auch ein Garten, der mit viel Aufwand verbunden ist. Ausserdem sind Einfamilienhausquartiere häufig weiter weg vom Orts- oder Stadtzentrum und damit von den Einkaufsmöglichkeiten, vom öffentlichen Leben und von den Verkehrsverbindungen. Das erschwert den Alltag der älteren Menschen. Das Ziel unserer Strategie ist, den heutigen und den künftigen älteren Menschen frühzeitig den Umzug in eine altersgerechte Wohnumgebung zu ermöglichen. Das ist günstiger als der Bau von mehr Alters- und Pflegeplätzen. Und die älteren Menschen können so lange wie möglich im eigenen Daheim wohnen. Für das müssen sie allerdings rechtzeitig umziehen. Das setzt Motivation voraus bzw. die Gewissheit, dass die neue Wohnsituation auch wirklich einen Mehrwert mit sich bringt. Sie sehen, meine Damen und Herren, wie weit das Gebiet des Bauen für alle gefasst werden kann und muss. Es geht weit über die Bedürfnisse der Behinderten im herkömmlichen Sinn hinaus. Es setzt auch nicht mehr nur beim einzelnen Gebäude an, sondern bei der gesamten Entwicklung

5 Seite 5 unserer Wohn- und Arbeitsgebiete und der Mobilität. Wir folgen der Vision von einem Lebensraum, in dem es für alle möglich ist, eigenverantwortlich zu leben. Auf dem Weg dorthin sind die Änderungen im PBG ein kleiner, aber wichtiger Schritt vorwärts. Ich hoffe, dass Sie heute viele Informationen mitnehmen, die es Ihnen erleichtern, diese Bestimmungen anzuwenden. Ich danke Ihnen! C:\_Idaplatz9\BKZ\5_B-Politik\Bauen\RevisionPBG2012\Rede Baurechtstagung BKZ_Printversion.docx

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