8 Tage. Christiana Neuwirth

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1 Christiana Neuwirth In 1 Stunde. 60 Minuten. Die letzte Stunde. Sie sitzt auf dem Boden. Gegrätscht. Zwischen Ihren Füßen ein Umzugskarton. Noch offen. Der letzte offene Karton. Letzte Stunde. Greift in die Kiste. Wickelt ein Glas aus dem Zeitungspapier. Stellt es vor sich auf den Boden. Neben der halbvollen Weinflasche. Zieht den Korken raus. Aus dem Reiselautsprecher auf dem ipod: Camille. Die Stereoanlage schon eingepackt in einer der Kisten, die sich bei der Tür stapeln. Eine letzte Stunde in ihrer Wohnung. Noch. Ihrer Wohnung. Und dann kommen sie. Werden eine Kiste nach der anderen nehmen. Das Bett. Den Kasten. Die Couch. Den Esstisch. Die Kredenz. Den Schreibtisch. Die Bücher. Die Kleidung. Ihr Leben. Und fortbringen. In ein Lager. Ihr Leben in einem anonymen Lager abstellen. Fremde Hände werden es angreifen, schupfen, vielleicht auch runterfallen lassen. Ihr Leben. Die neue Wohnung ist noch nicht frei. 3 Tage lang wird sie bei ihrer Schwester unterkommen. Ihr Leben im Lager. In einer Stunde. Sie nimmt einen Schluck vom Wein. Die Musik. Erinnert sie an ihr Leben zwischen München und Wien. An die nebelige Autobahn. An nächtliche Stunden im Projektraum. An ihren Kollegen in der Hotelbar. An die Zeit ohne Heimat. Mit zwei Zuhause. Zwei Leben. Und nun. In einer 1/2 Stunde. Ohne Zuhause für 3 Tage. Sie schenkt den letzten Wein ins Glas. 30 Minuten. Steht auf. Ihre Knie knacksen. Geht in das Vorzimmer und fischt aus ihrer Handtasche ein Zigarettenpackerl. Kramt nach einem Feuerzeug. Findet keines. Geht in die Küche. Beugt sich mit einer Zigarette im Mund zum Gasherd und zündet sie sich mit der blauen Flamme an. Richtet sich auf. Schaut aus dem Fenster. Überlegt. Ob sie in der neuen Wohnung auch Gas hat. Oder einen Elektroherd. Fällt ihr nicht ein. Geht zurück in das Esszimmer. In noch ihr Esszimmer. Holt das Weinglas. Seite 1

2 Zurück in die Küche. Lehnt sich an die Arbeitsfläche. Nimmt einen Schluck aus dem Glas und ascht in die Abwasch. Hier. Ab morgen nicht mehr hier. Nicht mehr hier stehen. Nicht mehr hier kochen. Nicht mehr an den Ex denken. Wie er in Shorts die Zwiebel in exakt quadratische Würfel geschnitten hat. Mit noch größerer Genauigkeit sofort alles geputzt, gewaschen hat. Sie nimmt noch einen Schluck. Den letzten. Einen großen. Dreht sich zur Abwasch. Hält das Glas unter das Wasser. Dann die abgerauchte Zigarette. Lässt die letzten Kalktropfen vom Glas rinnen. Geht zurück. Ins Zimmer. Wickelt das Glas wieder in das Zeitungspapier. Nimmt das breite Klebeband. Schließt die Kiste. Den letzten Karton. Die letzten Minuten. Es klingelt. Die Möbelpacker kommen. Bringen ihr Leben ins Zwischenlager. Nur noch 1 Stunde. 60 Minuten. Eine Stunde. Bis ihr Leben geliefert wird. In ihre neuen Wohnung. Sie sitzt auf dem Boden. Dem neuen Boden. Den sie hat legen lassen. Zwischen den weißen kahlen Wänden. Die nach frischer Farbe riechen. Vermischt mit feinem Staub von abgeschmirgeltem Holz. Mit dem Geruch nach Mörtel, Verputz. Vor ihr ein blau geschliffenes Weinglas. Aus dem kleinen Geschäft direkt gegenüber der Haustür. Ein Einstandsgeschenk von ihr an sich. In ihrer Hand eine Flasche Wein. Eine neue. Hat daran gedacht auf den Schraubverschluss zu achten. Wollte nicht warten bis sie ihre Kisten geliefert bekommt. Mit dem Flaschenöffner. Neben ihr. Ihr ipod. Mit angesteckten Reiselautsprecher. Wieder Camille. In der hallenden Wohnung. Ein Abschied und Neubeginn. In der sentimentalen Musik, die mehrere ihrer Leben überbrückt. Wien. München. Wien. Und nun die Stunde bevor das Leben in ihrer neuen Wohnung beginnt. Mit ihren Möbeln. Ihren Kisten. Seite 2

3 Eine Stunde. Sie schenkt sich ein. Prostet der Stadt vor ihrem Fenster zu. Spürt das Holz unter ihren Beinen. Spürt, wie es sich breit macht. Ausdehnt. Sich streckt zwischen den leeren Wänden. Macht einen Schluck. Steht auf. Stellt sich zum offen Fenster. Noch eine halbe Stunde. Spürt, wie sich langsam ihre Schultern senken. Atmet den Geruch des blühenden Lindenbaumes ein. Es läutet. Ihre Möbel. Ihre Kisten. Ihr Leben. Zurück. 2 Stunden später hat die Wohnung 20 Kisten und ihre Möbel aufgenommen. Der Kasten. Das Bett. Der Schreibtisch. Die Couch. Die Kredenz. Der Tisch. Stehen auf den von ihr angewiesenen Plätzen. Die Wohnungstür. Ihre Tür. Zu. Wieder ruhig geworden. Nur Camille aus dem ipod zwischen den Kisten. Macht ihr klar. Zuerst die Kiste mit der Stereoanlage. Vorgefertigte Aufkleber auf den Kartons. Kiste Wohnzimmer Nummer 3. Die einzige, dessen Inhalt sie sich wirklich gemerkt hat. Ihre Anlage. Sie fischt aus ihrer Hosentasche ein kleines Klappmesser. Fährt mit dem Daumen über die versilberte Biene am Griff. Ein Teil aus ihrem Leben in Frankreich. Früheren Leben. Beugt sich vor und sticht in die Rille zwischen den Kartondeckeln. Hebt sie an. Den rechten. Den linken. Blickt auf eine Wolldecke. Kurz stutzig. Richtet sich auf. Forscht in ihrer Erinnerung. Keine Decke über der Stereoanlage. Beugt sich wieder runter. Zieht die Wolle hoch. Darunter Zeitungspapier. In Presse eingewickelte. Gläser. Doch nicht Nummer 3. Sie geht zur nächsten Kiste. Öffnet sie. Bücher. Zur Nummer 1. Papier. Nummer 4. Tischtücher. Nummer 6. CDs. Nummer 7. Wieder CDs. Bleibt nur mehr Nummer 5. Das Messer teilt das Klebeband. Bücher. Ihr Kopf zuckt zurück. Seite 3

4 Sie geht ins Schlafzimmer. Kiste Ins Vorzimmer. Kiste Küche Keine. Keine Stereoanlage. Keine Kiste. Keine Kiste gehört zu ihrem Leben. Zurück ins Wohnzimmer. Zum Fenster. Sie stemmt die Arme in ihre Hüften. Streckt den Rücken durch. Fixiert den Lindenbaum. Wo. Ist ihr Leben. Küche. Auf der Arbeitsplatte ihre Handtasche. Ihre Zigaretten. Ihr Handy. Die Anrufliste. Wählt. Steckt sich eine Zigarette in den Mund. Sieht, dass sie auch hier einen Gasherd hat. Zündet sie an. Mit einem Feuerzeug. Tabak in der Küche. In ihrem Mund. In ihren Wörtern zu der Angestellten der Übersiedlungsfirma. Bestimmend. Lauter. Schneller. Werdend. Kann nicht sein darf nicht sein wozu teure angeblich Profis wo sind sie die Kisten wo ist ihr Leben? Stille. Dann hektische Recherche im Umzugsbüro. Ja. Sie ist noch dran. Jaaa! Sie wartet noch. Russland? In Moskau? 5 Tage? Nein! Es geht jetzt nicht um Kohle sondern um ihr Zuhause. Ihr Leben. In 20 Kisten in Moskau. Nein. Sie kann. Nicht. Kann keine 5 Tage warten! Tränen pressen sich in ihre Stimme. Legt auf. Lässt das Handy in die Abwasch gleiten. Nimmt die Handtasche. Schlüpft in ihre Turnschuhe. Greift nach den Schlüsseln. Wohnungstür. Knallt. Seite 4

5 2 Stunden. 120 Minuten Ohne ihre Kisten. Ohne ihr Leben. Sie öffnet die Tür. Ihre neue Wohnungstür. Stellt 3 große Einkaufssackerl auf den Boden. Zwischen Vorzimmerkisten. Gefüllt mit fremden Leben. Lässt ihre Handtasche von der Schulter gleiten. Den Schlüssel in die Tasche. Greift nach dem größten Plastiksack. Trägt ihn ins Schlafzimmer. Leert den Inhalt aufs Bett. Auf die nackte Matratze. Reißt die Folien der Verpackungen auf. Bettwäsche. Polster. Keine Decke. Erinnert sich an die Wolldecke in Kiste 3. Unterhosen. T-Shirts. Waschmittel. Sie nimmt das Pulver, ein Shirt und ein einen Slip. Geht zur Waschmaschine. In der Abstellkammer. Zieht ihre Jeans aus. Ihr Hemd. Ihr Höschen. Legt es in die Maschine. Füllt das Pulver in den Schaft. Schaltet ein. Schlüpft ins Gekaufte. Nimmt das gelbe Sackerl vom Vorzimmer. Trägt es in die Küche. Öffnet den Kühlschrank. Füllt ihn. Reißt einen Karton auf. Holt drei Wassergläser heraus. Geht zur Abwasch. Greift auf den Wasserhahn. Sieht ihr Handy. Blinkend. Nimmt es in die Hand. Schaut aufs Display. 4 Anrufe in Abwesenheit. 3 von der Umzugsfirma. Einer mit der Vorwahl 495. Sie lehnt sich an die Abwasch. Wählt die Sprachbox. Ein um Entschuldigung stammelnder Angestellter. Ein um Verständnis bittender Chef. Die falschen Kisten werden übermorgen geholt. Ein unbekannter Wiener in Moskau bittet um Rückruf. Ihr Konterpart der Verwechslung. Eine hektische Angestellte fragt ob es in Ordnung war ihre Telefonnummer weitergegeben zu haben. Sie füllt ihr Glas mit Wasser. Geht ins Wohnzimmer. Setzt sich auf die Couch. Das Telefon in der Hand. Lehnt sich zurück. Hört. Camille aus dem ipod. Noch immer. Schaut. Auf die geöffneten Kisten. Sieht die Wolldecke. Wählt. Die Nummer in Moskau. Seite 5

6 Ja. So ein Scheiß. In seiner Nummer 3 ist eine Decke. Die kann sie sich ausborgen. Und Bücher auch gerne. In seinen Küchenkisten findet sie Teller und Besteck. Danke. In ihrer Schlafzimmer Nummer 5 Gästebettwäsche. Die graue. Gläser in Küche Nummer 2. Auch Flaschenöffner. Ja. Das Ausgeborgte schicken sie sich dann per Post. Und verrechnen es an die Umzugsfirma. Legt auf. Geht zur Nummer 3 und nimmt die Decke. Riecht Männerparfum. Unbekannt. Bringt sie ins Schlafzimmer. Legt sie auf das Bett. Zieht eine der Bücherkisten zur Couch. Nimmt einen Stapel heraus. Kyrillische Schrift. Legt sie auf die Seite. Einen neuen Stapel. Charles Bukowski. Klappt den Buchdeckel auf. Sieht eine Widmung. Macht ihn wieder zu. Hält den Atem an. Hebt ihn langsam wieder hoch. Liest. Für dich. Enttäuscht. Kramt weiter. Unbekannt. Nicht ihr Geschmack. Dann. Zone érogène, Philippe Djian. Sie fährt mit ihrer Hand über den Einschlag. Abgewetzt. Die Folie sich lösend. Welche Widmung? Fick dich doch selbst! S. Verwirrt. Klappt das Buch zu. Das fremde Leben in Moskau blitzt auf. Sie geht zum Fenster. Zum Schreibtisch. Greift nach ihrer Notebooktasche. Öffnet sie. Startet den Laptop. Spürt wie das Buch hinter ihr auf der Couch liegt. Die Widmung zu ihr spricht. Sie erstellt ein neues Dokument und fängt an zu schreiben. Fick dich doch selbst Lässt die Geschichte sie entführen. In ein fremdes Leben. Eine fremde Welt. Gekräftigt durch Begierde und Wut. In Moskau. In der Grelle der Nacht. Der Wiener formt sich. Seite um Seite. Gefällt ihr. Ihre Nacht. Dunkel. Sie geht ins Bett. Lässt Notebook und Camille laufen. Deckt sich mit fremdem Männergeruch zu. Träumt die Geschichte weiter. Seite 6

7 Das Handy läutet. Der Wiener Moskauer. Teekessel ist in Kiste 3. Ja. Gut geschlafen. Nur noch 4 Tage im jeweils anderen Leben. Ja. Sie ruft an, wenn sie was braucht. Sie richtet sich auf. Schiebt die Decke von ihrem Körper. Seinen Geruch. Steht auf. Geht zur Waschmaschine. Nimmt die Jeans raus. Hängt sie über das Waschbecken. Duscht sich. Kramt aus ihrer Reisetasche eine dreckige Jeans. Für 3 Tage gepackt. Nun für 8 Tage. Geht in die Küche. Holt sich aus dem Kühlschrank eine Dose iced coffee. Öffnet sie. Macht einen Schluck. Und geht zum Schreibtisch. Zum Notebook. Die Stimme von Camille läuft noch immer. Nur noch 4 Tage. Sie liest ihr Geschriebenes über Leidenschaft. Den Wiener in Moskau. Switcht zum Internet. aus Russland. Er wünscht ihr einen erträglichen Tag in seinem Leben. Hat entdeckt, dass sie auch gerne lese. Auch Philippe Djian. Sie antwortet. Würde sein Leben gut behandeln. Schließt das Internet und schreibt weiter. Seite 7

8 3 Tage noch. 80 Stunden. Etwas mehr als 3 Tage. Bis ihre Kartons geliefert werden. Ihr Leben. Das noch in der Helligkeit der Moskauer Nacht in Kisten verschlossen ist. Noch 3 Tage in seinem Leben. Hier in Wien. 4 seiner Kisten bereits zugeklebt. Vor ihr die 5. Papier. Hinter ihr das Notebook mit der Geschichte. Über ihn. Mit ihm. Und ihrer Fiktion. Kraftvoll, erotisch, wütend, liebevoll. Ihre Hand wandert über das Papier im Karton. Unter das Papier. Fühlt Briefe. Sie zieht sie wieder zurück. Dreht sich um. Nimmt das Plastikband vom Schreibtisch. Klebt die Kiste zu. Drückt das Band mit ihrer Hand. Presst es an. Lässt sie liegen. Ihre Hand. Auf dem Karton. Ihre Fingernägel spielen mit dem Ende des Klebebandes. Bohren sich unter das frische Plastik. Reißen es wieder auf. Ihre Hand öffnet die Packung Kopierpapier. Nimmt ein paar Bögen heraus. Legt sie auf ihren Schreibtisch. Sie steht auf. Holt die Schachtel mit ihrem Drucker. Stellt ihn auf den Tisch. Schließt ihn an. Und druckt. Ihre Vorstellung. Seine Geschichte. Sie faltet die Blätter. Legt sie in die Kiste. Und klebt sie zu. Den Umzugskarton. Seine Kiste. Mit ruhiger Hand. Seite 8

9 1 Stunde. 60 Minuten. Eine Stunde noch. Bis ihr Leben endlich geliefert wird. Seines hat sie schon vor 3 Tagen abgeben müssen. Doch Teile von ihm sind geblieben. Begleitet von seinen s. Seinen Anrufen. Ihren Gesprächen. Ihrer Fantasie. Zwischen Wien und Moskau. Die Tür schließt sich. Ihre Wohnungstür. Vom Chef der Umzugsfirma zugezogen. Der sich persönlich davon überzeugte. Die richtigen 20 Kartons ins richtige Leben nun geliefert zu haben. Nach n. Nimmt sie ihren ipod. Dreht Camille ab. Räumt Ruhe und ihre Sachen in ihr Leben. Unterbrechung von ihrem Handy. Er. Wiener Moskauer. Hat die Geschichte gefunden. Kommt am Wochenende nach Wien. Bringt ihre Sachen. Die Bettwäsche. Die Teekanne. Die Bücher. Muss sie sehen. Aug in Aug mit ihrer Fiktion. In 4 Tagen. 30 Minuten. 180 Sekunden. In einer halben Stunde. Wird Moskau unten am Kirchenplatz stehen. Verwechselte Leben, die sich treffen. Sie hat sich gerade geduscht. In ihrer neuen wirklich nun ihrer Wohnung. Steht vor dem Spiegel. Fährt mit der schwarzen Tusche über ihre Wimpern. 9 Tage Fiktion. 216 Stunden Traum. In 30 Minuten Realität. Unruhig schminkende Hand. Seite 9

10 1 Stunde. 60 Minuten später. Gesehen. Hände geschüttelt. Höfliches Lachen über das Erlebte. Austausch von Taschen. Enttäuschung. Über die in 5 Minuten verflogene Nähe. Offene Abneigung in den Augen. Verabschiedet. Jeder in sein Leben. Endgültig. Seite 10

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