Tätigkeitsbericht 2009 / Wissen bereitstellen Quellen erschließen Geschichtsverständnis fördern

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1 Tätigkeitsbericht 2009 / 2010 Wissen bereitstellen Quellen erschließen Geschichtsverständnis fördern

2 Tätigkeitsbericht 2009 / 2010 Wissen bereitstellen Quellen erschließen Geschichtsverständnis fördern

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4 Zum Geleit Das Bundesarchiv sichert das Archivgut des Bundes und ermöglicht seine Nutzung durch jedermann. Archivgut ist für unsere Erinnerungskultur und für die nationale Identität von unschätzbarem Wert spiegelt es doch die wechselvolle deutsche und europäische Geschichte authentisch und anschaulich in Schrift-, Druck-, Film-, Bild- und Tondokumenten wider. Ich bin froh und dankbar, dass der vorliegende Tätigkeitsbericht das Thema Bestandserhaltung in den Blickpunkt rückt. Wir dürfen nicht tatenlos zusehen, wie sich unersetzliche Dokumente allmählich auflösen. Wir müssen etwas gegen den schleichenden Papierzerfall tun, wir müssen aber auch dafür sorgen, dass sich Katastrophen wie der Brand in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek oder der Einsturz des Kölner Stadtarchivs nicht wiederholen. Die Erhaltung des kulturellen Erbes ist zunächst einmal die Aufgabe jedes Unterhaltsträgers kultureller Einrichtungen. Die Erhaltungsaufgabe ist jedoch zugleich eine Herausforderung von nationaler Dimension. Deshalb habe ich den an den Bundespräsidenten gerichteten Appell der Allianz Schriftliches Kulturgut erhalten aufgegriffen und Vertreter der großen Archive und Bibliotheken zu einem Runden Tisch ins Bundeskanzleramt gebeten. Unsere Beratungen dienen dem Ziel, den Erhalt des schriftlichen Kulturgutes im digitalen Zeitalter in gesamtstaatlicher Verantwortung unbeschadet der besonderen Verantwortung der Länder effizienter zu organisieren, zu koordinieren und zu fördern. Ein zweites Thema des Kulturguterhalts, das mir besonders am Herzen liegt, ist der Erhalt unseres filmischen Kulturerbes. Auch künftige Generationen sollen sich noch mit den Filmwerken auseinandersetzen und sich daran erfreuen können. Dem Bundesarchiv als zentralem Filmarchiv kommt auch hierbei eine große Verantwortung zu. Derzeit befassen wir uns intensiv mit der Herausforderung, die Filme von nationaler Bedeutung, die noch nicht im Bundesarchiv sind, zu erfassen. Langfristiges Ziel soll die generelle Hinterlegung der Filme im Bundesarchiv sein. Das erfordert beträchtliche finanzielle Aufwendungen. Ich hoffe, dass es trotz weitreichender Folgen der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise gelingen wird, unser Konzept auf den Weg zu bringen. Sehr begrüßt habe ich, dass sich das Bundesarchiv seit Anbeginn an den Vorarbeiten zum Aufbau einer Deutschen Digitalen Bibliothek beteiligt und sich durch digitale Bereitstellung von Erschließungsinformationen und von Archivgut selbst auf eine aktive Teilnahme vorbereitet hat. Die Deutsche Digitale Bibliothek soll im Internet die digitalisierten Bestände von über Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen Deutschlands vernetzen und über ein nationales Portal gemeinsam erreichbar werden lassen. Das ehrgeizige Projekt hat zentrale Bedeutung für die Kultur-, Bildungs-, Forschungs- und Medienpolitik sowie für die internationale Repräsentation Deutschlands. Aufgrund seines nationalen wie internationalen Engagements und seiner Fachkompetenz wird das Bundesarchiv innerhalb des Kompetenznetzwerkes, das Bund und Länder als Träger der Deutschen Digitalen Bibliothek gemeinsam einrichten, die Sichtbarkeit des Reichtums deutscher Archivbestände garantieren. Viele andere der hier bilanzierten Arbeitsergebnisse hätten ebenfalls verdient, besonders hervorgehoben zu werden. Die informative Broschüre gibt in beeindruckender Weise über die vielfältige und verantwortungsvolle Tätigkeit des Bundesarchivs Auskunft. Ich wünsche ihr viele interessierte Leser und eine gute Aufnahme weit über die Fachgemeinschaft hinaus. Berlin, im Mai Bernd Neumann, MdB Staatsminister im Bundeskanzleramt Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien

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6 Vorwort Dem badischen Pfarrer, Volksschriftsteller und Landtagsabgeordneten Heinrich Hansjakob war schon vor mehr als 120 Jahren das zunehmend schlechte Papier aufgefallen und er prophezeite in seinen Tagebuchblättern Im Paradies : Die Archivare kommender Zeiten werden keine große Mühe und keinen Genuss haben, in den Papieren und Urkunden aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zu stöbern. Das Holzstoffpapier wird nur literarische Schutthaufen hinterlassen, und jene Archivare werden bloß Taglöhner brauchen, welche mit Besen und Schaufeln die Sägemehlhügel aus den Archiven wegschaufeln, unserem erfindungsreichen Jahrhundert zur Schande. Mit den Erfindungen waren die Alaun-Harz- Leimung des Papiers und die Verwendung von Holzschliff in mehr oder weniger großen Mengen gemeint. Die Leimung in der Masse war die Voraussetzung für die maschinelle Papierherstellung und mit der Holzschliffzugabe konnte mehr und billigeres Papier hergestellt werden. Im Übrigen hat Heinrich Hansjakob recht behalten: Einem glimmenden Feuer vergleichbar zehrt der durch die zuvor benannten Faktoren verursachte endogene Papierzerfall die Papiere des 19. und 20. Jahrhunderts auf. Erst seit wenigen Jahrzehnten wird ein großer Teil der modernen Zellstoffpapiere vergleichsweise haltbar hergestellt, aber in den meisten Recyclingpapieren lebt der zerstörerische Holzschliff fort. Die Archive müssen sich durch aufwändige nachträgliche Konservierungsmaßnahmen wie die alkalische Pufferung darum kümmern, die Lebensdauer des Archivguts von bleibendem Wert zu verlängern. Besonders gefährdete oder bereits geschädigte Dokumente können nicht mehr dem zusätzlichen Stress der Benutzung ausgesetzt werden. Zu ihrem Schutz müssen Ersatzformen wie Mikrofilme angefertigt werden, damit sie in dieser Form der Nutzung zur Verfügung stehen. In ähnlicher Weise sind auch die Foto- und Bildbestände oder die Filmbestände bedroht: Das ältere Filmmaterial ist nur begrenzt haltbar und die bildgebenden Schichten sind chemischen Veränderungen ausgesetzt, von mechanischen Schäden wie Kratzern ganz zu schweigen. Die Magnetisierung von Ton- oder Videobändern verändert sich im Lauf der Zeit, es beginnt mit einem Rauschen und endet mit dem Informationsverlust. Neue digitale Informationen sind hier keineswegs stabiler. Auch sie sind flüchtig und vor allem an die Lesbarkeit mit Hilfe eines Systems von Hard- und Software gebunden, das erfahrungsgemäß nach relativ kurzer Zeit obsolet wird. Die Archive müssen sich bei ihrem konservatorischen Auftrag ständig großen Herausforderungen an mehreren Fronten stellen. Das Bundesarchiv ist eine Dienstleistungseinrichtung für Forschung, interessierte Bürgerinnen und Bürger sowie für die Verwaltung. Als solche hat es die zentrale Aufgabe, Archivgut bereitzustellen, damit Forschung, interessierte Bürgerinnen und Bürger sowie die Verwaltung Nutzen daraus ziehen können. Dabei hat das Bundesarchiv den Zielkonflikt zwischen dem Schutz und der Nutzung des Archivguts zu lösen: Wenn Archivgut optimal geschützt werden soll, darf es nicht benutzt werden und umgekehrt. Dieser Tätigkeitsbericht widmet sich daher eingangs dem Thema der Bestandserhaltung und zeigt auf, was auf diesem Feld im Bundesarchiv geschieht. Die Erhaltung des Archivguts aller Art ist eine zentrale Aufgabe höchster Priorität und die Voraussetzung für alle weiteren Dienstleistungen und Aktivitäten des Bundesarchivs, über die in der zweijährigen Rückschau ebenfalls berichtet wird. Koblenz/Berlin, im Mai Prof. Dr. Hartmut Weber Präsident des Bundesarchivs

7 Inhalt Im Blickpunkt: Bestandserhaltung... 8 Nationale Bestandserhaltungsinitiativen Sicherungsverfilmung von Archivgut Allianz zur Erhaltung des schriftlichen Kulturgutes Denkschrift ZUKUNFT BEWAHREN Bildung der Arbeitsgruppe beim Kulturstaatsminister Bestandserhaltungsaktivitäten des Bundesarchivs Unterstützung der Stadt Köln bei der Bergung und Restaurierung beschädigten Archivgutes Ausbau von NORA zum europäischen Netzwerk EURANED Magazinneubau in Berlin-Lichterfelde Einzug der Akten in den Ernst-Posner-Bau Massenkonservierung und Mikroverfilmung im Archivcenter Hoppegarten Vergabe einfacher konservatorischer Arbeiten an Behindertenwerkstätten Sicherung und konservatorische Bearbeitung des deutschen Filmerbes Bestandserhaltung von Fotos Sicherung und Nutzbarmachung von Tonüberlieferungen Sicherung des elektronischen Behördenschriftguts Moderner Dienstleister für Öffentlichkeit, Forschung und Verwaltung Erschließung und Bereitstellung Retrokonversion von Findbüchern, Karteien und Verzeichnissen Konversion der Bibliothekskataloge ARGUS archivische Rechercheplattform für Online-Findbücher und Digitalisate Digitalisierungsprojekte Neu erschlossene und durch Online-Findbücher zugängliche Bestände Schlaglichter Neu zugängliches Filmmaterial Editionen Übernahme Übernahmestrategie des Bundesarchivs Zuwachs Übernahme von staatlichem Archivgut Nachlässe und Deposita, persönliche Papiere Schriftgut von Parteien und Verbänden Filme Rückführungen von Archivgut Benutzung Statistik Neue Benutzersaalordnung Neuer zentraler Internetauftritt des Bundesarchivs Einführung in das Online-Angebot des Bundesarchivs Behördenberatung Informationsforen Novellierung der Verschlusssachenanweisung Veröffentlichungen Editionen Neu erschienene Publikationsfindbücher Mitarbeit des Bundesarchivs an Publikationen Schriften des Bundesarchivs Kataloge DVD-Veröffentlichungen

8 Historische Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit Ausstellungen Tag der Archive 2010 Archivpädagogische Arbeit in den Außenstellen Ludwigsburg und Rastatt Vortragsveranstaltungen Filmreihen und Filmveranstaltungen Internet-Galerien IT-Unterstützung für die fachliche Arbeit Weiterentwicklung der Archivverwaltungsanwendung BASYS Einführung neuer Registratursoftware Allianzen und Netzwerke Partner in nationalen Projekten und Kooperationen Netzwerk SED-/FDGB-Archivgut Deutsche Digitale Bibliothek Erstellung der Datenbank zum Central Collecting Point München Kooperationsprojekt des Bundesarchivs mit dem Deutschen Bundestag Abschluss des Projektes nestor Kooperationen mit der Bundesbildstelle und Wikimedia Mitarbeit in DIN-Normungsausschüssen Nationale Zusammenarbeit der Kinematheken Jubiläums-Retrospektive 2009 in Leipzig cinefest 2009 ARK-Arbeitsgruppe Finanzverwaltung Kooperation mit der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung Internationale Zusammenarbeit EURBICA der Europäische Zweig des Internationalen Archivrates European Board of National Archivists (EBNA) Europäische Archivgruppe EAG APEnet Projekt zum Aufbau eines Europäischen Archivportals Europäische Konferenz über digitale Archivierung Informationsportal Zwangsarbeit im NS-Staat Kooperation mit dem Russischen Staatsarchiv für soziale und politische Geschichte SMAD-Projekt Kooperation mit dem United States Holocaust Memorial Museum Commission Internationale d Histoire Militaire (CIHM) Fédération Internationale des Archives du Film (FIAF) ACE Association des Cinémathèques Européennes Europäischer Verbundkatalog filmarchives online Begegnungen Über uns Personal und Organisatorisches Amtswechsel in der Abteilung DDR Archivische Fachausbildung Duale Ausbildung Fort- und Weiterbildung Aufgabenkritik Übergabe der Liegenschaften an die BImA Gesundheitsvorsorge, Gesundheitszirkel, Sport Auszeichnungen

9 Im Blickpunkt: Bestandserhaltung 8 9

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11 Bestandserhaltung Im Blickpunkt: Bestandserhaltung Seine vornehmste Aufgabe, Archivgut für die Forschung, für interessierte Bürgerinnen und Bürger und für Verwaltungszwecke in der Gegenwart und in der Zukunft bereit zu stellen, kann das Bundesarchiv nur erfüllen, wenn es gelingt, dieses Archivgut auf Dauer zu sichern und zu erhalten. Bei dieser zentralen Aufgabe sieht sich das Bundesarchiv vor unterschiedliche Herausforderungen gestellt: Unter dem Begriff des Archivguts werden verschiedene Formen des schriftlichen Kulturerbes wie Urkunden, Akten, Einzeldokumente und Bücher zusammengefasst; aber auch Bilder, Fotografien, Plakate, Karten, Kinofilme oder Tonträger sowie digitale Aufzeichnungen gehören zum Archivgut des Bundes. Diese Aufzählung lässt bereits erahnen, dass es sich bei den Informationsträgern und Schreibstoffen oder fotografischen Schichten um unterschiedliche Materialien mit jeweils unterschiedlichen Eigenschaften hinsichtlich der Dauerhaftigkeit handelt. Dazu kommt, dass, anders als beim Kulturgut, das Museen oder Galerien in Glasvitrinen präsentieren, Archivgut in den Lesesälen in die Hand genommen werden muss, um Nutzen daraus zu ziehen. Im Unterschied zu den Bibliotheken, welche die Bücher druckfrisch erwerben, haben Unterlagen, beispielsweise Behördenakten, bereits eine Nutzungsgeschichte von einigen Jahrzehnten hinter sich, bevor sie als Archivgut ins Bundesarchiv gelangen. Daher müssen die Archive darauf hinwirken, dass auch schon bei den Behörden auf alterungsbeständige Papiere gemäß DIN ISO EN 9706 geachtet wird. Der Begriff Bestandserhaltung steht für alle Maßnahmen, die das Ziel unterstützen, Archivgut auf Dauer zu erhalten und der Nutzung zugänglich zu machen: sachgerechte und materialgerechte Unterbringung von Archivgut, Schutzmaßnahmen durch zweckmäßige Verpackung und Lagerung, lebensverlängernde Maßnahmen der Konservierung oder der Schutzverfilmung, Restaurierung beschädigter Stücke sowie Vorkehrungen gegen die Zerstörung oder Beschädigung von Archivgut durch Katastrophen aller Art. Die existenzielle Gefährdung des schriftlichen Kulturgutes wird in der öffentlichen Wahrnehmung insbesondere mit solchen Katastrophen wie den Hochwasserfluten der Elbe, Oder und Moldau, dem Brand in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek und nicht zuletzt dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs in Verbindung gebracht. Zusätzlich stemmen sich die Archivare jedoch seit Jahren gegen eine noch viel größere Gefahr, die keine spektakulären Bilder zu bieten hat: den unaufhaltsamen Zerfall des Papiers, das seit 1840 unter Verwendung säurebildender Komponenten hergestellt wurde. 70 % des Archivguts auf dem Informationsträger Papier sind von diesem schleichenden Zerfall betroffen. Daneben gibt es aber auch andere höchst problematische Objekte: die frühen Kinofilme sind auf dem begrenzt haltbaren Informationsträger Cellulosenitrat überliefert und die digitalen Aufzeichnungen sind sozusagen noch brüchiger als das brüchigste Papier. Brandschäden an Archivalien aus dem Bestand R 121 Industriebeteiligungsgesellschaft. Durch Grundwasser und Rost stark beschädigte Akten, die 62 Jahre nach Kriegsende in einer vergrabenen Wehrmachtskiste aufgefunden wurden. Sie gehörten Alfred Ingemar Berndt, einem Adjutanten von Generalfeldmarschall Rommel und hochrangigen Mitarbeiter im Reichspropagandaministerium.

12 Nationale Bestandserhaltungsinitiativen Sicherungsverfilmung von Archivgut Um Kulturgutverlusten infolge von möglichen Kriegseinwirkungen und Katastrophen vorzubeugen und den Informationsgehalt der wertvollsten Originale für künftige Generationen zu erhalten, werden seit 1961 im Auftrag des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe national wertvolle Archivalien nach festgelegten Dringlichkeitsstufen auf Mikrofilm gesichert. Jedes Jahr entstehen auf diese Weise in den heutigen 16 Sicherungsverfilmungsstellen des Bundes und der Länder ca. 15 Millionen Mikrofilmaufnahmen, etwa davon in der Sicherungsverfilmungsstelle des Bundesarchivs. Die fachliche Steuerung der Sicherungsverfilmung erfolgt durch ein Expertengremium der Archivreferentenkonferenz (ARK), den Fototechnischen Ausschuss. Schutz- und Sicherungsverfilmung im Bundesarchiv. Edelstahltonnen mit Sicherungsfilmen im Zentralen Bergungsort der Bundesrepublik Deutschland in Oberried bei Freiburg (Foto: Bernhard Preuss). Allianz zur Erhaltung des schriftlichen Kulturgutes In Anbetracht der Notwendigkeit, Sofortmaßnahmen gegen den fortschreitenden Zerfall des deutschen schriftlichen Kulturerbes einzuleiten, gründeten elf deutsche Archive und Bibliotheken mit umfangreichen historischen Beständen im Jahr 2001 die Allianz Schriftliches Kulturgut erhalten. Das Bundesarchiv zählt zu ihren Mitbegründern. Die Allianz will die in ihrer Existenz gefährdeten Originale der reichen kulturellen und wissenschaftlichen Überlieferung in Deutschland sichern und dies als eine nationale Aufgabe im öffentlichen Bewusstsein verankern. Angesichts der großen Mengen der in den Archiven und Bibliotheken verwahrten und vom Zerfall bedrohten schriftlichen Kulturgüter kann deren Erhaltung nicht länger allein von den Trägern der Einrichtungen sichergestellt werden. Hierzu bedarf es vielmehr einer nationalen Anstrengung. Die vom Deutschen Bundestag eingesetzte Enquetekommission Kultur in Deutschland bestätigte diese Einschätzung und empfahl Bund und Ländern im Jahr 2007, gemeinsam eine nationale Bestandserhaltungskonzeption für gefährdetes schriftliches Kulturgut zu erarbeiten Klimatisiert und in Edelstahlfässern verschlossen werden die Filmrollen seit 1975 atombombensicher in einem umfunktionierten Bergwerksstollen in Süddeutschland eingelagert. Der Zentrale Bergungsort der Bundesrepublik Deutschland im Barbarastollen bei Oberried beherbergt rund Kilometer Mikrofilm mit fast einer Milliarde Aufnahmen. Neben den seit Beginn der Sicherungsverfilmung in der Bundesrepublik hergestellten Filmen enthält er auch die umkopierten Sicherungsfilme aus der DDR. Denkschrift ZUKUNFT BEWAHREN Am 28. April 2009 übergab die Allianz Schriftliches Kulturgut erhalten, der auch das Bundesarchiv angehört, Bundespräsident Horst Köhler die Denkschrift ZUKUNFT BEWAHREN. Das Papier fasst in sieben Punkten Handlungsempfehlungen an Bund und Länder zusammen. Der Bund solle die Federführung bei der Erarbeitung einer nationalen Konzeption für die Erhaltung des schriftlichen Kulturerbes übernehmen und zur Umsetzung dieser Strategie gemeinsam mit den Ländern eine Koordinierungsstelle einrichten. Die Länder müssten miteinander abgestimmte Landeskonzepte erarbeiten

13 Übergabe der Denkschrift an Bundespräsident Horst Köhler durch die Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin und Vorsitzende der Allianz Schriftliches Kulturgut erhalten Barbara Scheider-Kempf, den Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar Michael Knoche (1. v. l.), den Präsidenten des Niedersächsischen Landesarchivs Hannover Bernd Kappelhoff und den Generaldirektor der Sächsischen Landesbibliothek Thomas Bürger (Staatsbibliothek zu Berlin, Foto: Jörg F. Müller). und in den Archiven sowie Bibliotheken sollten alle für die nationale Strategie relevanten Daten zusammengetragen werden. Mit Hilfe der Kulturstiftungen von Bund und Ländern sei zudem die Entwicklung neuer nachhaltiger Verfahren zur Sicherung von Archiv- und Bibliotheksgut zu forcieren und die Unterhaltsträger der Bibliotheken und Archive müssten außerdem die finanziellen Mittel für die Bestandserhaltung aufstocken. Bildung der Arbeitsgruppe beim Kulturstaatsminister Um den nationalen Charakter der Aufgabe zu unterstreichen, das schriftliche Kulturerbe zu erhalten, die Kräfte zu bündeln und die knappen Ressourcen gezielt und wirksam einzusetzen, richtete der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Staatsminister Bernd Neumann, MdB, im Bundeskanzleramt einen Runden Tisch ein, an dem sich seit August 2009 wiederholt Vertreter der Archive und Bibliotheken, der Kultusministerkonferenz, des Kulturrats und der Kulturstiftung der Länder zusammenfanden. Auf der Basis der Beschlüsse der Kultusministerkonferenz zur Verbesserung der Erhaltung von Archiv- und Bibliotheksbeständen von 1993 und 1995 wurde erörtert, wie mögliche Synergieeffekte bei Restaurierungs- und Konservierungsprogrammen, bei Projekten der Schutzverfilmung oder bei Digitalisierungsaktivitäten erzielt und nachhaltige Strukturen aufgebaut werden können, um Bestandserhaltungsaktivitäten in Bund und Ländern sowie im nichtstaatlichen Bereich übergreifend zu koordinieren. Flankierend zu diesen Aktivitäten hat die Kultusministerkonferenz eine Zwischenbilanz zur Umsetzung ihrer Beschlüsse im Archivbereich veranlasst. Gemessen an der von der Kultusministerkonferenz aufgestellten Messlatte, wonach Bund und Länder die staatlichen Archive in die Lage versetzen sollen, jährlich 1 % des Archivguts konservatorisch zu bearbeiten und/oder zum optimalen Schutz zu verfilmen, hat das Bundesarchiv trotz großer finanzieller und personeller Anstrengungen bisher nur eine Quote von 0,47 % erreicht. Bestandserhaltungsaktivitäten des Bundesarchivs Das Bundesarchiv misst den Fragen der Bestandserhaltung im eigenen Archiv höchste Priorität bei. Dabei ist ihm das Prinzip der Vorbeugung besonders wichtig. Seine Bemühungen reichen vom Schutz und von der optimalen Lagerung seiner Bestände über die Konservierung und Restaurierung von Papier-, Film-, Bild- und Tondokumenten bis zur Konversion der Informationen auf andere Medien. Neben den Bestandserhaltungsaktivitäten im eigenen Zuständigkeitsbereich leistet das Bundesarchiv auch Hilfe für in Not geratene andere Archive und engagiert sich archivübergreifend für die Notfallvorsorge sowie das Notfallmanagement in Europa.

14 Unterstützung der Stadt Köln bei der Bergung und Restaurierung beschädigten Archivgutes Nach dem verheerenden Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln am 3. März 2009 hat das Bundesarchiv den Kölner Kollegen umfangreiche personelle und materielle Hilfe gewährt. Zwischen März und Mai 2009 waren nicht nur die in Ausbildung befindlichen Archivarinnen und Archivare des Bundesarchivs zusammen mit den Dozenten der Archivschule Marburg über jeweils mehrere Tage nahe der Einsturzstelle in Köln im Einsatz, sondern in mehreren Einsätzen von jeweils einer Woche auch ca. 20 freiwillige Helferinnen und Helfer des Bundesarchivs. Sie leisteten insgesamt mehr als 600 Arbeitsstunden in Schutt und Schmutz bei der Sichtung und Sicherung der geborgenen Unterlagen. Das Bundesarchiv unterstützt das Stadtarchiv Köln Kurz nach dem Einsturz halfen die Referendare und Anwärter in einer Lagerhalle in Köln-Porz bei der Bergung des Archivgutes aus dem mit Lkw antransportierten Schutt von der Einsturzstelle; v. l. n. r.: Sabrina Bader, Michael Weins, Dr. Elisabeth Thalhofer, Hartmut Obkircher, Beatrix Kuchta, Susanne Reick und Sönke Kosicki (Foto: Torsten Kaesler). Luftaufnahme der Kölner Berufsfeuerwehr von der Einsturzstelle des Stadtarchivs Köln (Foto: Jürgen Schütze)

15 Bestandserhaltung zudem durch die Bereitstellung von Magazinlagerfläche zur sachgerechten Unterbringung großer Mengen an geborgenem und verpacktem Archiv- und Bibliotheksgut, für das im Großraum Köln keine geeigneten Magazine gefunden wurden. Insgesamt fanden mehr als laufende Meter Kölner Provenienzen in den Magazinen des Zwischenarchivs in Sankt Augustin und der Abteilung Militärarchiv in Freiburg ein zeitlich befristetes Asyl. Sie können dort in bereitgestellten Arbeitsräumen von Mitarbeitern des Kölner Stadtarchivs sukzessive inhaltlich erfasst und rekonstruiert werden. Archivarin Karoline Meyntz (1. v. l.) und Restauratorin Nadine Thiel (rechts) vom Kölner Stadtarchiv begutachten gemeinsam mit Daniel Jost vom Bundesarchiv das geborgene Archivgut nach seiner Einlagerung im Freiburger Magazin der Abt. Militärarchiv (Foto: Thomas Kunz). Im November 2009 traf in Berlin-Lichterfelde ein erster Transport aus Köln ein, der insgesamt ca. 65 laufende Meter tiefgefrorenes Archivgut beim Bundesarchiv anlieferte. Die wertvollen Unterlagen waren nach dem Einsturz des Stadtarchivs in durchnässtem Zustand geborgen und anschließend direkt schockgefroren worden. Für die nunmehr erforderliche Vakuumgefriertrocknung stellt das Bundesarchiv die Kapazitäten in seiner eigenen Gefriertrocknungsanlage bereit. Anschließend können dann die zusätzlich notwendigen restauratorischen Maßnahmen in Angriff genommen werden. Es ist geplant, dem Stadtarchiv Köln auch weiterhin solche Leistungen des Bundesarchivs zur Verfügung zu stellen. Die weiteren Arbeitsschritte zur Rekonstruierung, Restaurierung, Verfilmung und Digitalisierung der Bestände des Stadtarchivs werden durch einen Fachbeirat unterstützt, in dem der für die Bestandserhaltung zuständige Referatsleiter des Bundesarchivs mitarbeitet. Die Restauratorinnen Claudia von Krieger (links, Bundesarchiv) und Imke Henningsen vom Historischen Archiv der Stadt Köln beim Einlagern des gefrorenen Archivguts in die Kühlkammer (oben) und beim Bestücken des Gefriertrockners (unten).

16 Beim Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln zerstörte mittelalterliche Urkunde (Berufsfeuerwehr der Stadt Köln, Foto: Jürgen Schütze) Ausbau von NORA zum europäischen Netzwerk EURANED Als die Europäische Kommission 2005 in ihrem Bericht die Chancen und Aufgaben der Archive im 21. Jahrhundert skizzierte, sah sie angesichts der erschreckenden Bilder der Moldau-, Elbe- und Oder-Fluten ein wichtiges Handlungsgebiet in einer besser vernetzten Katastrophenvorsorge. Das Bundesarchiv hat diesen Aufruf angenommen und gemeinsam mit Kollegen des Polnischen und Tschechischen Nationalarchivs sowie des Sächsischen Staatsarchivs eine interaktive Internetplattform entwickelt. Unter wird neben vielen Informationen zu den Themen Notfallvorsorge und Notfallmanagement auch eine Weiterentwicklung der deutschen Datenbankanwendung NORA Notfallregister Archive zu finden sein. Diese soll die erwünschte Kommunikation untereinander fördern und zugleich als interaktives Netzwerkinstrument dienen, über das die unterschiedlichen Kapazitäten und Kompetenzen der beteiligten Archive recherchiert werden können findet zudem in Kooperation der beteiligten Archive eine grenzüberschreitende Fortbildungsveranstaltung statt, auf der nicht nur theoretische Grundlagen vermittelt, sondern auch in praktischen Übungen Wege und Verfahren der Bergung von Archivgut eingeübt werden. Arbeitsbesprechung am 23./24. November 2009 im Bundesarchiv, Mitglieder der Europäischen Arbeitsgruppe v. l. n. r.: Anna Czajka, Thomas Huck, Michal Durovic und Sebastian Barteleit.

17 Ernst-Posner-Bau, April 2010 (Foto: Torsten Krause). Magazinneubau in Berlin-Lichterfelde Seit 1995 nutzt das Bundesarchiv das Gelände der früheren preußischen Hauptkadettenanstalt und späteren Andrews Barracks in Berlin-Lichterfelde, um das vereinigungsbedingt hinzugekommene Archiv- und Bibliotheksgut aus 26 aufgelösten Archivstandorten aufzunehmen und zusammenzuführen. Nach 15-jähriger provisorischer Unterbringung des Kulturgutes in Kasernenstuben und Kellerräumen konnte im November 2009 endlich der Magazinbereich des Ernst-Posner- Baus übernommen werden. Insgesamt laufende Meter Archiv- und Bibliotheksgut finden dort in optimal klimatisierten Magazinräumen ein neues Domizil. Der Archivzweckbau beherbergt nunmehr das gesamte Archivgut der Abteilungen Reich und DDR sowie der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv. Einzug der Akten in den Ernst-Posner-Bau Mit der Übergabe der Magazinräume begann im November 2009 der Umzug der Akten in den Neubau. Aus vier Dienststellen im Großraum Berlin sowie aus Koblenz und Rastatt waren Archivalien und Bücher in den Ernst-Posner-Bau nach Berlin-Lichterfelde zu transportieren. Im Zuge der Umzugsvorbereitungen sind zudem in den vergangenen drei Jahren über laufende Meter Akten in säurefreie gepufferte Mappen und Archivkartons umgebettet worden, um das kostbare Gut während des Umzuges zu schützen und seine sachgerechte Lagerung von Anfang an zu gewährleisten. Die Umzugsfirma war gehalten, jegliche Schädigung des Kulturgutes zu vermeiden, es besonders vor der Witterung zu schützen und keine Schäden durch mechanische Beanspruchung der Archivalien und Bücher zu verursachen. Damit ist die Baumaßnahme in Berlin Lichterfelde allerdings noch nicht zu einem Endpunkt gelangt. In den kommenden zwei Jahren werden zwei denkmalgeschützte Gebäude auf der Liegenschaft zum Öffentlichkeits- und Dienstleistungszentrum umgebaut. Sie erhalten großzügige Lesesäle für Archiv- und Bibliotheksgut, Benutzerkabinen für die Filmsichtung und moderne Arbeitsplätze für die Mitarbeiter des Bundesarchivs. Umzug der Archivalien in den Ernst-Posner-Bau, März 2010.

18 Ein GSK-Mitarbeiter legt die zu behandelnden Blätter auf das Transportband der Entsäuerungsanlage. Massenkonservierung und Mikroverfilmung im Archivcenter Hoppegarten Um den schleichenden Zerfall des säurehaltigen Papiers aufzuhalten, wurden von Juni 2001 bis Ende 2009 etwa 13 Millionen Blatt Archivgut aus dem Bundesarchiv im Archivcenter Hoppegarten maschinell oder manuell entsäuert und gefestigt. Zudem durchliefen alle diese Dokumente auch die entsprechenden Vor- und Nachbereitungsarbeiten wie Entfernen von Metallteilen, Foliieren, Ausbessern kleiner Beschädigungen und sachgerechtes Verpacken. Erbracht werden diese Leistungen in den vom Bundesarchiv zur Verfügung gestellten Räumlichkeiten durch die Gesellschaft zur Sicherung von schriftlichem Kulturgut mbh (GSK), seit Mitte 2009 Nachfolgerin des früheren Geschäftsbereichs Archiv der Firma Neschen AG. Mitte 2005 erweiterte sich das Dienstleistungsangebot im Archivcenter Hoppegarten durch die Installation mehrerer Mikrofilm-Schrittschaltkameras, auf denen bis Ende 2009 ca. 7,5 Millionen Mikrofilmaufnahmen entstanden. Die drei tragenden Säulen der Bestandserhaltungskonzeption des Bundesarchivs Konservierung durch präventive Maßnahmen einschließlich der sachgerechten Verpackung, Papierentsäuerung und Mikroverfilmung sind dadurch in einem zusammenhängenden Arbeitsablauf vereint. Vergabe einfacher konservatorischer Arbeiten an Behindertenwerkstätten Da äußere Einflüsse wie Licht, mechanische Belastung oder rostende Metallteile den säure- und altersbedingten Zerfallsprozess des Archivgutes beschleunigen, lässt sich durch vergleichsweise einfache konservatorische, jedoch sehr zeit- und personalintensive Maßnahmen die Lebensdauer sauren Papiers deutlich verlängern. Bei diesem konservatorischen Grundschutz des Archivgutes beschreitet das Bundesarchiv auch neue Wege: Seit nunmehr fünf Jahren unterstützen Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen es bei dieser Herkulesaufgabe. In der Außenstelle Ludwigsburg entfernen Angehörige einer Behindertenwerkstatt der Lebenshilfe Stuttgart in aufwändiger Handarbeit schädigende Metallteile und betten das Schriftgut in säurefreie Archivmappen um. Von der bewährten Zusammenarbeit profitieren beide Institutionen menschlich wie wirtschaftlich: Den Mitarbeitern der Werkstätten gelingt der Sprung in die normale Arbeitswelt, das Bundesarchiv gewinnt zuverlässige und motivierte Arbeitskräfte für die Erledigung vermeintlich eintöniger, aber dringend erforderlicher Aufgaben. Am Dienstort Freiburg ist eine örtliche Behindertenwerkstatt durch kleinere, vorbereitende Projekte inzwischen in die Rolle eines kompetenten Dienstleistungsunternehmens hineingewachsen. In ihrer Werkstatt werden derzeit mehrere tausend Krankenakten, deren konservatorischer Zustand zeitbedingt sehr schlecht ist, zu den Bedingungen des öffentlichen Vergaberechts bearbeitet. Die Beispiele Ludwigsburg und Freiburg zeigen, wie sich der öffentliche Auftrag zum Schutz der Kulturgüter mit karitativen Anliegen vereinbaren lässt Jörg Haustein von der Behindertenwerkstatt der Lebenshilfe Stuttgart bei der Arbeit.

19 Vergleich der Qualität von Positiv- und Negativ-Film am Sichtungstisch (Foto: Maximilian Meisse). Sicherung und konservatorische Bearbeitung des deutschen Filmerbes Das Bundesarchiv übernimmt als zentrales deutsches Filmarchiv die möglichst vollständige Archivierung des deutschen Filmerbes einschließlich der mit bedeutenden deutschen Anteilen erstellten internationalen Koproduktionen. Durch die Vorführung in Kinos, unsachgemäße Lagerung oder natürliche Alterung sind die Filme jedoch oft bereits vor ihrer Ankunft im Archiv so geschädigt, dass nur eine Restaurierung und konservatorische Behandlung sie wieder für die Öffentlichkeit zugänglich machen kann. Anerkannten Werken der Filmkunst gilt dabei ebenso die Aufmerksamkeit wie trivialeren Erscheinungsformen des bewegten Bildes, da beide gemeinsam die deutsche Filmgeschichte repräsentieren. Viragierter Cellulosenitratfilm mit starken Verwerfungen. Das Service-Zentrum des Bundesarchivs in Hoppegarten ermöglicht die Bestandserhaltung von Filmen auf dem neuesten Stand der Technik und im weltweiten Vergleich auf höchstem technischen und fachlichen Niveau. Moderne Filmlager garantieren die längstmögliche Lebensdauer der Filme. Rund 300 Filme können zudem pro Jahr aktiv gesichert werden durch handwerkliche Reparaturen, Pflegemaßnahmen oder den Transfer auf neue, alterungsbeständige Träger. Angesichts der Größenordnung von insgesamt fast Filmen zwingt dies zur Prioritätensetzung.

20 Systematisch bearbeitet werden neben Stummfilmen und frühen Tonfilmen auch zusammenhängende Überlieferungskomplexe wie die Wochenschauen. Absolute Priorität genießen jedoch die seit 1895 bis in die 1960er Jahre auf selbstzersetzender Cellulosenitratbasis gezogenen Filme. Mit fortschreitender Zersetzung erhöht sich die Gefahr einer Selbstentzündung dieses ohnehin feuergefährlichen Materials. Aus diesem Grunde werden die im Bundesarchiv lagernden Rollen Cellulosenitratfilme regelmäßig alle zwei Jahre einer Zustandskontrolle unterzogen, um besonders auffällige Filmrollen zu separieren, so schnell wie möglich umzukopieren und so durch rechtzeitige konservatorische Sicherung vorhersehbaren Inhaltsverlusten vorzubeugen. Während die meisten Filme noch ausschließlich handwerklich und photochemisch bearbeitet werden können, sind einige nur mit digitalen Zwischenschritten in ihren ursprünglichen Zustand zu bringen oder erneut auf filmische Träger zu kopieren. Wegen der unverhältnismäßig hohen Kosten spielt bei der Güterabwägung, ob und wie ein solches Einzeldokument zu erhalten ist, neben dem Schadensbefund auch seine filmhistorische Gewichtung im Bestandskontext eine entscheidende Rolle. Wolfgang Heil bei der digitalen Bearbeitung eines Filmes in Koblenz Neben der kaum öffentlich wahrgenommenen planmäßigen Erhaltung des deutschen Filmerbes gilt es zugleich berechtigte Erwartungen der Öffentlichkeit zu erfüllen, bisher unbearbeitete und gegenwärtig nicht zwangsläufig gefährdete Filme aus dem Bestand des Bundesarchivs kurzfristig für Fernsehproduktionen, zur Auswertung durch die Rechteinhaber, zur Vorführung auf Festivals, Retrospektiven und Ausstellungen oder für filmwissenschaftliche Analysen zur Verfügung zu stellen. In fortgeschrittener Zersetzung befindlicher Cellulosenitratfilm.

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