Zwei Kaiserporträts und ein Sarkophag

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1 Zwei Kaiserporträts und ein Sarkophag Römische Aussenseiter in Maastricht Titus A. S. M. Panhuysen Römische Skulpturen gehören zu den bedeutendsten kulturhistorischen Schatzen Maastrichts, das damit in den Niederlanden eine Sonderstellung einnimmt. Vergleichbare örtliche Sammlungen von internationaler Bedeutung findet man im Römisch-Germanischen Museum in Köln, im Musée Luxembourgeois in Arlon und im Musée Archéologique in Metz. Die aussergewöhnliche Sammlung des Rheinischen Landesmuseums Trier soll in dieser Hinsicht ausser Betracht bleiben. Leider sind die Maastrichter Skulpturen seit einigen Jahren für das Publikum nicht mehr zugänglich,da das provinziale Bonnefantenmuseum seine archeologische Abteilung abgestossen und seine weitberühmte archeologische Sammlung der Stadt Maastricht überlassen hat, die aber kein Museum zu betreiben wünscht. Die Skulpturen werden in den Lagerräumen einer kommerziellen Umzugsfirma verwahrt und zu einem kleinen Teil in einem abgetrennten Teile eines Betriebshofs der Gemeinde Maastricht. In den Maastrichter CSIR-Band, den ich 1996 publiziert habe, sind ganz bewusst die drei bis jetzt bekannten stadtrömischen, aus Carraramarmor gearbeiteten Skulpturen nicht aufgenommen, da sie zu der Fragestellung dieser Publikation nicht gehörten und n ie hts beitragen zur Kenntnis des römischen vicus von Maastricht 1. Es sind zwei Kaiserportrats und ein Sarkophagfragment. Zwei dieser drei Stücke sind bis jetzt in der internationalen Fachliteratur wenig oder gar nicht beachtet worden 2. Das ist der Anlass, sie hier zusammen aufs Neuezu präsentieren. lm Hinterland des Rheinlimes, in den Provinzen Germania inferior und Gallia Belgica sind Marmorbildwerke selten und meist Importstücke, die teilweise lange nach der römischen Herrschaft, in der Karolingerzeit oder der Renaissance, ins Land kamen. Skulpturen, die hier angefertigt wurden, sind weit in der Mehrzahl. Sie sind von den Importen leicht an ihrem Stil, ihrer Ikonographie und an ihrem Steinmaterial zu unterscheiden. An der Maas wird meist ein heller Jurakalkstein vom französischen Oberlauf der Maas oder von der Mosel verwendet; in der Umgebung von Maastricht, Heerlen und Aachen findet man auch weisse Sandsteine aus der Gegend von Herzogenrath, das nur wenig nördlich von Aachen liegt. Vergleichbare helle Steinsorten werden verwendet als Ersatz für den im Süden überall leicht erreichbaren Marmor; zuerst wurden hauptsachlich Kalksteine verwendet, von der Mitte des zweiten Jahrhundertsan auch Sandsteine. Noch später ging man dazu über, auch Kalksteine minderer Qualität und Buntsandstein aus der Region zu verwenden. Der grösste Teil der in Maastricht aufbewahrten römischen Steine stammt aus Maastricht selbst. Es sind Fragmente von Grabmalern, von Weihedenkmalern und einigen öffentlichen Bauten, entstanden zwischen 50 und 250 n. Chr. und errichtet von der römischen und einheimischen Bevölkerung des vicus. Viele dieser Steine wurden 1963/64 bei Baggerarbeiten aus dem Wasser der Maas geborgen, wo sie sekundär bei einer spätrömischen Renovierung der wichtigen Maasbrücke im Verlauf der Reichsstrasse Köln-Bavay verwendet worden waren. Andere Steine wurden bei Bauarbeiten in der Altstadt auf dem linken Flussufer seit dem 19. Jahrhundert entdeckt wurden in einem Heiligtum die Fundamente und einige 1 T. Panhuysen, Romeins Maastricht en zijn beel- tenmuseum. Bonnefans 2, 1986, 48-49; ders., Vreemdeden. CSIR Nederland Germania inferior Maastricht ling in de Sint-Servaasbasiliek. De Sint Servaas, twee- (Maastricht, Assen 1996) 11. maandelijks restauratie-informatie bulletin 31, 2 T. Panhuysen, Vreemdelingen in het Bonnefan- februari 1987,

2 Titus A. S. M. Panhuysen Skulptierte Teile eines kolossalen Juppiterpfeilers in situ gefunden, dazu verschiedene Skulpturen in sekundarem stratigrafischem Kontext. Auch heute noch kommen immer wieder bei baubegleitenden archäologischen Massnahmen römische Steine zutage, z. B in der Havenstraat, im selben Jahr im Klosterhof der Liebfrauenkirche 3 und 2000 bei Dokumentationsarbeiten an der römischen Maasbrücke 4. Aus der ehemaligen Sammlung des Bonnefanten museums In der vormaligen Sammlung des Bonnefantenmuseums befinden sich zwei Skulpturen aus feinkörnigem weissem Marmor, vermutlich Material aus dem italienischen Carrara. In beiden Fällen handelte sich um Porträtköpfe eines Mitglieds des severischen Kaiserhauses. Der eine Kopf ist lebensgross, der andere ist klein und durch sekundare Überarbeitung kaum zu bestimmen. Beide Portrats sind auf völlig verschiedene Weise in die Sammlung gelangt. Das Portrat des Kaisers Septimius Severus (Abb. 1, A-B) Der grössere der beiden Porträtköpfe 5 stellt Septimius Severus dar, der von n. Chr. regierte. Er ist erkennbar an den von Serapis übernommenen ikonographischen Merkmalen, den Korkenzieherlocken auf der Stirn und dem in zwei Spitzen geteilten Bart. Dieser Porträttypus ist gut bekannt und muss in vielen Exemplaren im ganzen römischen Reich ungefähr um 204 n. Chr. verbreitet worden sein 6. Der ehemalige Direktor des Bonnefantenmuseums Prof. J. Timmers (Direktor 1946 bis 1968) sah das lebensgrosse Porträt zu Beginn der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts im Zimmer des Direktors der Städtischen Kunstgewerbeschule (Stedelijke Kunstnijverheidsschool), seines Kollegen A. Scheffers. Timmers und Scheffers einigten sich darauf, dass der beste Platz für dieses schone Stück die Ausstellung im Bonnefantenmuseum sei. Auf welchem Weg es den Kaiserkopf nach Maastricht verschlagen hat, bleibt vorläufig unbekannt. Er war zu Scheffers Zeiten als Modell für den Zeichenunterricht zusammen mit einer Kollektion klassischer Gipsabgüsse verwendet worden, die dieser von dem Direktor P. Smeets der Städtischen Volkshochschule (Stedelijke H.B.S.) (Direktor von 1942/6 bis 1960) für den Zeichenunterricht bekommen hatte. Die Sammlung war aus der Dachkammer des Schulgebäudes an der Maastrichter Helmstraat gekommen, wo im 19. Jahrhundert das Athenaeum logierte. Dieses Athenaeum war 1817 gegründet worden und war ursprünglich in den Flügeln des mittelalterlichen Dominikanerklosters innerhalb der Stadtmauer aus dem 13. Jahrhundert angesiedelt. Das Kloster diente seit der Zeit der französischen Besat- 3 T. Panhuysen, Mosae Traiectum / Maastricht. (Bonnefantensammlung) Nr. 731A. H. 32,5 cm; Br. Eine grabtypologische und ikonographische Fund- 23,5 cm; T. 23 cm. Carraramarmor. Die Nasenspitze grube, in: T. Panhuysen (Hrsg.J, Die Maastrichter Ak- fehlt, ebenso die linke Spitze des Bartes. Sonst in sehr ten des 5. internationalen Kolloquiums über das provin- gutem Zustand. An der Rückseite auf Höhe des Unterzialrömische Kunstschaffen (im Rahmen des CSIR). kiefers ist eine eckige Einarbeitung, deren Flachen mit Typologie, Ikonographie und soziale Hintergründe der einem Flachmeissel aufgeraut sind, um eine gute Hafprovinzialen Grabdenkmäler und Wege der ikonogra- tung des Mörtels bei einer Befestigung des Kopfes auf phischen Einwirkung. Maastricht 29. Mai bis 1. Juni einer Statue oder Büste zu ermöglichen. Unter dem lin (Maastricht 2001) 17-34, bes. 23 Abb u. ken Ohr Mörtelrest. In den gebohrten Furchen in Bart Anm. 26. und Haar sind rote Farbreste erhalten, die als Grundie- 4 A. Vos, Resten van Romeinse bruggen in de rung für eine Vergoldung dienten. Maas te Maastricht. Rapportage Archeologische Mo- 6 A. McCann,The Portraits of Septimius Severus A. numentenzorg 100 (Amersfoort 2004) Fundnr. D Mem. AM. Acad. Rome 30 (1968); D. Soech- RBM 931 Abb (Grabstein des Sevirs Marcus Mo- ting, Die Porträts des Septimius Severus (Bonn 1972) destinius Serotinus). kennt 74 Exemplare. 5 Aufbewahrungsort: Gemeinde Maastricht, BM 7 École centrale f[1798] ); Grundschule 736

3 Zwei Kaiserportrats und ein Sarkophag zung ( ) den verschiedensten schulischen Zwecken 7 Es ist also möglich, dass der Kopf schon vorher als Zeichenmodell gedient hat. Für seine Herkunft ist alles Mögliche denkbar, zum Beispiel dass er aus dem Besitz eines örtlichen Liebhabers der Schönen Künste stammt, vielleicht sogar aus einer älteren Sammlung des 18. Jahrhunderts kommt. Er kann auch von einer Standesperson oder einem Künstler von einer Reise nach Italien oder um das Mittelmeer mitgebracht worden sein. So stammt von Timmers die Nachricht, dass der Kopf im Besitz des klassischen Philologen und Rektors des Städtischen Gymnasiums Dr. J. M. Auguste van Oppen ( ; Rektor seit 1881) war. Laut einer Tochter von van Oppen befand sich der Kopf tatsächlich in seiner Wohnung an der Brusselsestraat in Maastricht. Die wahrscheinlichste Erklärung dürfte dann sein, dass der römische Kopf 1915 nach dem Tode des Rektors des Gymnasiums der Schule geschenkt wurde, wonach das kostbare Stück in Vergessenheit geriet und endlich in der Rumpelkammer der Schule an der Helmstraat landete. Der älteste Sohn van Oppens, der Jahre alt war, konnte sich 1986 aber nicht mehr an einen solchen römischen Kopf erinnern, was sicher nicht seinem hohen Alter zu diesem Zeitpunkt zuzuschreiben ist. Wenn man die Fundplätze römischer Kaiserporträts quer durch das Römische Reich betrachtet, sollte es niemand verwundern, wenn der Marmorkopf des Kaisers irgendwann in heimischem Boden gefunden worden wäre. Dann liegt es aber auf der Hand, dass er auf andere Weise ins Museum gekommen sein muss, zum Beispiel über die Sammlung der lokalen bzw. provinzialen Genootschap voor Geschiedenis en Oudheidkunde'. Aber hatte ein derartiger Fund in diesem Falle nicht doch die Aufmerksamkeit des einen oder anderen schreibenden Zeitgenossen finden müssen? Zurecht war der Kopf jahrelang in der Dauerausstellung der archäologischen Abteilung des Bonnefantenmuseums ausgestellt. Er ist eines der wichtigen antiken Kunstwerke in niederländischem Besitz. Trotzdem hat es bis zum Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts gedauert, bis der Kopf publiziert und in der internationalen Literatur zum Septimiusporträ beachtet wurde 8. Es sind seine Haartracht und die Physiognomie, die den Kopf als ein Porträ des Septimius Severus erkennen lassen. Durch die vier ungleichen Korkenzieherlocken auf seiner Stirn wird er an die Erscheinung des äyptischen Gottes Serapis angeglichen 9. Zu beiden Seiten der breiten, trapezförmigen Stirne fallen dicke Haarstränen über die Schlafen und ringeln sich auf Höhe der Augen nach hinten. Die Ohren sind zur Hälfte von der Haarmasse verdeckt. An Wangen und Kiefer wächst ein langer Bart, der zunächst dünn ansetzt, dann voll wird und sich am Kinn in zwei Spitzen aufteilt. Auf der Oberlippe wachst ein Schnurrbart, der die stark eingezogene Unterlippe überschattet. Kurze gebohrte Furchen beleben die Lo- ( ); Athenaeum ( ); Gymnasium mit Maastricht. 2. Abteilung oder Industrieschule ( ); Gymna- 8 J. Timmers, Spiegel van de Romeinse beschasium ( ); H.B.S. / Volkshochschule (1864- ving. Kalender Staatsmijnen DSM (Heerlen 1966) ); Bürger-Abendschule ( ) und Abb. ; Romer am Rhein. Ausstellungskat. Röm.-Ger wurden die Gebaude erneuert, wodurch nur noch man. Mus. Kol n 1967 (Köln 1967) 142 N r. A 20 Taf. 26 (J. wenig von den alten Klostergebäuden erhalten blieb. Bracker); A. Zadoks Josephus Jitta, Portrait of an Em wurde der ganze Komplex abgerissen, um Platz peror, in: Miscellanea l. Q. van Regieren Altena (Amsterfür ein modernes Einkaufszentrum - Entre-Deux - zu dam 1969) 2-4 (= dies., Portrait of an Emperor [Maasschaffen, das mittlerweile ebenfalls abgebrochen und tricht 1970]). - Soechting (Anm. 4) 54-55; 189 Nr. 81 durch einen Neubau ersetzt wurde (2006). Die Städt- Taf. 9a.b; 280; 289; 294; W. Hornbostel, Severiana, Beische Zeichenschule ( ) war in der säkulari- merkungen zum Porträt des Septimius Severus. Jahrb. sierten Augustinerkirche untergebracht, wurde aber DAI 87, 1972, , bes Abb. 19; Klassieke durch die Einrichtung der Volkshochschule überflüs- kunst uit particulier bezit. Ausstellungskat. Rijksmusig (diese erhielt 1877 eine eigene Sonntagsschule für seum G. M. Kam 1975 (Nijmegen 1975) Nr. 74 Abb. 31. Zeichnen) wurde für sie ein neues Städtisches 9 Soechting (Anm. 6) unterscheidet vier Porträtty- Zeicheninstitut eingerichtet (Augustinerkirche), der pen des Septimius Severus. Sein Typus III ist der Sera- Vorgänger der 1926 gestifteten Middelbare Kunstnijver- pis-typus: a.a. O , bes heidsschool und späteren Städtischen Akademie von 737

4 Titus A. S. M. Panhuysen cken des Bartes; diese Technik wird auch im Haupthaar verwendet, urn die einzelnen Locken voneinander zu trennen. Der Bohrer ist vor allem in den Haarpartien verwendet, die dicht urn das Gesicht liegen, wodurch die Glätte der Haut besonders betont wird. Das Gesicht ist aus grossen, sanft geschwungenen Flächen aufgebaut. Jochbeine und Wangenknochen verleihen ihm seinen Ausdruck, ebenso die Falte auf der Stirne über der leichten Wölbung der Nasenwurzel. Der Nasenrücken ist leicht gebogen, die Augen liegen tief in ihren HöhIen. Die Augenpartie ist lebendig durch die betonten Augenbrauen und das stark geschwungene obere Augenlid. Die dreiviertelkreisförmige Iris ist nur durch eine Linie gekennzeichnet und weist eine herzförmige Pupille auf. Das Porträt wirkt sanftmütig und introvertiert. Die rechte Seite des Gesichtes ist etwas schmaler gearbeitet, woraus man schliessen kann, dass der Kopf nach rechts gewandt war. Das Porträt steht noch in der Tradition des antoninischen Kaiserporträts, was sich aus der kaiserlichen Propaganda erklärt, dass Septimius Severus, der durch Gewalt an die Macht gekommen war, im Frühjahr 195 versuchte, durch eine fingierte Adoption durch Marcus Aurelius, durch Aufnahme in die Familie der Antonine also, sich Legitimität zu verschaffen 10. Andere, neue Stiltendenzen sind aber zu spüren, etwa in der harmonischen Gestaltung der Züge, einer starkeren Charakterisierung des Gesichtes, dem geringeren Kontrast zwischen dem Gesicht und der auffallend plastisch gearbeiteten Haarkalotte, die auf dem Scheitel etwas dichter am Schädel anliegt. Der Serapistypus wurde nach 200 n. Chr. eingeführt, wohl unter dem Einfluss eines Aufenthalts des Kaisers in Ägypten im Winter 199 auf 200. Er blieb bis zum Tode des Kaisers 211 aktuell. Der Maastrichter Kopf gehort zu einer Gruppe von idealisierten Porträts, die etwas später, möglicherweise um 204, einsetzt. Seine Qualitat und die Marmorsorte weisen ihn einem Atelier in Rom zu, das eng mit dem Hofatelier verbunden war. Ein Porträt Caracallas (Abb. 2, A-C; Abb. 3) Weitgehend unbekannt ist der zweite Marmorkopf 11 aus der ehemaligen Sammlung des Bonnefantenmuseums, das Porträt eines römischen Kronprinzen. Der Kopf ist sehr viel kleiner und wurde schon in der Antike absichtlich beschädigt und recycled. Aber dieses Köpfchen kommt ganz sicher aus Maastrichter Boden. Es kam bei Ausschachtungsarbeiten während Restaurierungsmassnahmen von in der Liebfrauenkirche zwischen römischen Schuttablagerungen zutage und wurde als Leihgabe dem damaligen städtischen Museum überlassen. Sehr viel Aufmerksamkeit wurde ihm seither aber nicht zuteil, denn in der archäologischen Literatur oder in den Fundlisten des die Restaurierung leitenden Architekten W. Sprenger findet man keine Notiz von ihm 12. Glücklicherweise ist auf der Unterseite des Köpfchens seine Herkunft vermerkt, die bestätigt wird durch seine erste Beschreibung, die der äusserst gewissenhafte Archivar und Archäologe Dr. W. Goossens in seinen Monumenten van Geschiedenis en Kunst in de provincie Limburg", Maastricht 1926, gab M. Wegner, Die Herrscherbildnisse in antonini- gehöhlt. scher Zeit. Das römische Herrscherbild II 4 (Berlin 12 W. Sprenger, Romeinsche kelder; muurwerken 1939). - Dies war noch deutlicher spürbar bei den Por- en voorwerpen, opgegraven 1903 te Maastricht (Maasträts des sog. Adoptionstypus (Soechting [Anm. 6] 41- tricht 1903); ders., Romeinsche bouwresten te Maas- 48Typus II). tricht. De Maasgouw 36, 1914,41-43; Aufbewahrungsort; Gemeente Maastricht, BM 13 W. Goossens, Voor- en vroeghistorische oudhe- (Bonnefantensammlung) Nr H. 11 cm; Br. 9,5 cm; den in; De monumenten van Gechiedenis en Kunst in T. 10,5 cm; Gewicht 1657 g. Carraramarmor. Beschädi- de provincie Limburg. Geïllustreerde Beschrijving 1: gungen an der Nase, dem linken Auge, der Oberlippe, de monumenten in de gemeente Maastricht ('s Graven- Kinn und Mund. Das Haar ist vollständig überarbeitet hage 1926) 49 Abb. 32; J. Sprenger, Beknopt overzicht und seine ursprüngliche Form ist nicht mehr zu erken- der voor- en vroeghistorische oudheden en hun vindnen. Der Kopf ist dicht unter dem Kinn abgeschnitten plaatsen in de gemeente Maastricht, Oudheidkde. Meund die neu entstandene Unterseite 12,5 mm tief aus- dedel. 39, 1948, 28; A. W. Byvanck, Excerpta Romana. 738

5 Zwei Kaiserportrats und ein Sarkophag Nur selten hat man versucht, das Porträtköpfchen zu benennen 14 ; mehr Aufmerksamkeit h at man seiner sekundären Funktion als Lauf gewicht einer Waage geschenkt 15. In der Ausstellung des Museums - wenn es überhaupt zu sehen war - wurde das Köpfchen vorzugsweise in einer Vitrine mit anderen Gebrauchsgegenstanden wie Gewichten ausgestellt. Schon Goossens hatte bemerkt, dass die ursprüngliche Haarkappe für den sekundären Gebrauch des Köpfchens abgearbeitet und dass auf dem Scheitel ein Loch eingearbeitet worden war, in dem mit Blei ein eiserner Ring eingedübelt ist 16. Trotz dieser absichtlichen Verstümmelung und trotz der kleineren Beschädigungen an Nase, linkem Auge, Oberlippe, Kinn und Mund ist das Porträt gut genug erhalten, um einen Versuch zu wagen, es zu benennen. Das Ergebnis ist überraschend. Abgesehen von den allgemeinen physiognomischen Merkmalen des Gesichtes müssen vor allem Ansatz und Ondulation des Haares berücksichtigt werden, wobei Reste von Bohrrillen über der Stirne, an den Schläfen und rundum die Ohren nützliche Hinweise liefern. lm Katalog der Kölner Ausstellung,,Römer am Rhein" war J. Bracker 1967 schon nahe an der Lösung des Rätsels. 17 Er verglich die Frisur mit Porträts der Prinzen Geta und Caracalla, aber kam von der richtigen Spur ab, da er annahm, dass die Haare nicht fertig ausgearbeitet seien 18. Das Porträt stellt einen jungen Knaben dar. Sein Gesicht ist voll und rundlich, mit breitem, ovalem Unterkiefer und einer trapezförmigen Stirne. Die Flächen des Gesichts gehen in sanften Rundungen ineinander über. Allein die Schläfen- und Jochbeinknochen sind spürbar. Die Brauenpartie, die nicht durch plastisch ausgeführte Brauen betont wird, ist kräftig modelliert. Die Augen liegen nur flach in ihren Höhlen, aber die oberen Lider werden durch starke parallele Hautfalten betont. Die dünnen unteren Lider schmiegen sich dicht am Augapfel an und schwingen nach aussen etwas aus. Die halbkreisförmige Iris ist mit einer dünnen Linie markiert, die Pupille herzförmig gebohrt. In den Augenwinkeln sind die Tranendrüsen und die gebohrten Tränenkanäle erkennbar. Die Nase war breit und ziemlich flach. Der Unterkiefer ist kräftig und die dicke, verspringende Unterlippe gibt dem Mund einen wenig gleichmässigen, groben Verlauf. Die Mundwinkel sind tief eingezogen und die Lippen öffnen sich zu einem hochmütigen Lächeln. Die heutige durch die Abarbeitung entstandene Frisur ist in breiten Lockenbahnen angeordnet, die vom Wirbel strahlenförmig ausgehen, wodurch ein Frisurschema entstent, das an Knabenköpfe der Mitte des driften Jahrhunderts erinnert 19. Aber an den Schläfen und über der Stirn, aber auch am Hinterkopf sind Reste der ursprünglichen Frisur und des Verlaufs der Locken erhalten. Es ist zu erkennen, dass die Haare auf dem Hinterkopf auch in ihrem ursprünglichen Zustand dicht und summarisch wiedergegeben waren, aber hier hat die Überarbeitung wohl viel zerstört. Die Ohren, die ungleich noch sitzen, waren zur Hälfte von Haaren bedeckt. Die wichtigsten Anhaltspunkte für die Benennung des Porträts liefert die Haaransatzlinie von Ohr zu Ohr über die Schlafen und die Stirne. Hier sind insge- De bronnen der Romeinsche geschiedenis van Neder- cker); Panhuysen (Anm. 2, 1986) land 3. Rijks Geschiedkundige Publicatiën 89 ('s Gra- 15 Sein heutiges Gewicht von 1657 Gramm kommt venhage 1947) 3; E. Espérandieu, Recueil général des dem Gegenwert von 5 röm. libra = 1637 Gramm sehr bas-reliefs, statues et bustes de la Gaule romaine 14 nahe. (Paris 1955) Nr Taf. 21; F. van Leeuwen, Romeins 16 Der Ring hatte einen Durchmesser von 4 mm, ist Maastricht. AO Reeks 980 (Amsterdam 1963) 14-15; Rö- aber abgebrochen. mer am Rhein (Anm. 8) 142 Nr. A 22 (J. Bracker); Lente 17 Romer am Rhein (Anm. 8) 142. der christelijke kunst. Ausstellungskat. Maastricht, 18 L. Budde, Jugendbildnisse des Caracalla und Bonnefantenmuseum (Maastricht 1962) 11 Nr. 10; M. Geta (Munster 1951). Verjans (Hrsg.), Synthese. Twaalf facetten van cultuur ls B. M. Felletti Maj, Iconografia romana imperiale en natuur in Zuid Limburg (Heerlen 1977) 65 Abb. 10; da Severo Alessandro a M. Aurelio Carino Panhuysen (Anm. 2, 1986) 48-49; Panhuysen (Anm. 3) d.c. (Roma 1958) Abb. 4; 6; 7; 11; 34; 56-65; 87-88; 104, 19 Abb ; 135; 136; 152; 193; Romer am Rhein (Anm. 8) 142 Nr. A 22 (J. Bra- 739

6 Titus A. S. M. Panhuysen samt 15 charakteristische Bohrfurchen und -löcher und teilweise abgearbeitete Locken zu erkennen (vgl. Auf der Zeichnung von Abbildung 3 die Nummern 1-15). Über dem linken Ohr findet sich der Rest einer auffallenden Haarwelle, die die Form eines auf die Seite gekippten U hat (Abb. 3 Nr. 13). An der linken Schläfe hing eine Haarsträhne mit hervortretenden Spitzen nach unten (Abb. 3 N r. 11,12, 14 und 15). Eine ebensolche Strähne gab es an der rechten Schläfe, wo sich auch vor dem Ohr eine Strähne nach unten ringelte (Abb. 3 Nr. 1-3). Auf der Stirne lag gerade über der Nase eine nach links geschwungene grosse Locke (Abb. 3 Nr. 7; 8), die an eine Locke anschloss, die über der linken Schläfe nach unten führte und wieder nach oben umbog (Abb. 3 N r. 9 u. 10). Es scheint, dass über der rechten Schläfe einige Locken vom Scheitel aus nach rechts gelegt waren, aus denen genau über dem rechten Auge noch ein Haarbüschelchen nach unten hängt (Abb. 3 Nr. 5; 6). Noch immer ist deutlich zu sehen, dass ursprünglich ein deutlicher Kontrast zwischen dem glatt polierten Gesicht und der sehr kontrastreichen Haarmasse bestanden haben muss. Allein auf dem Hinterkopf waren die Haare weniger plastisch ausgeführt und weniger stark aufgebohrt. Für diese Art der Darstellung bieten die nächsten Analogien die Porträtserien der Kaiser der antoninischen Dynastie und ihrer Nachfolger. Bei einem genauen Vergleich zeigt die Physiognomie des Köpfchens präzise Übereinstimmung mit der frühesten Porträtserie des Kronprinzen Caracalla (Abb. 4), dem Typus Argentarierbogen von dem etwa 40 Repliken bekannt sind (oder nach K. Fittschen dem 1. Thronfolgertypus) 20. Das Köpfchen porträtiert den Kronprinzen Caracalla als Zehn- bis Zwölfjährigen. Auch wenn man nicht die charakteristischen Spuren der Frisur einbezieht, kann kein Zweifel an dieser Zuweisung bestehen. Die Form des Gesichtes, des Kinns, der Wangen, die kennzeichnende Wiedergabe der Augenpartie, der Mund mit dem typischen Lächeln liefern ausreichende Beweise 21. Bestätigend kommen dazu dann die Spuren der Frisur und die Anordnung der Locken, wie die Haarwelle über der Nasenwurzel, die U-förmige Haarsträhne über dem linken Ohr und die Welle über der linken Schläfe. Das Porträt des Kronprinzen Caracalla vom Typus Argentarierbogen entstand 198 n. Chr., nach seiner Ernennung zum Augustus (Herbst 197) und es blieb bis ungefähr 204 n. Chr. in Mode 22. Unser Köpfchen ist, so weit ich weiss, das kleinste Exemplar dieses Typus. Qualität und Steinsorte weisen -genauso wie beim Porträt des Septimius Severus, auf eine Entstehung in Italien, vermutlich in einem Atelier in Rom selbst. Aus dem Besitz der Sankt Servatius-Basilika In Maastricht gibt es noch eine dritte stadtrömische Skulptur. Bis in die achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts war sie an der Aussenmauer der romanischen Servatiuskirche links von der Apsis am Vrijthof zu sehen, hoch oben in die Bruchsteinmauer eingelassen und geschützt gegen Regen von einem neugotischen Holzdach. Das Fragment befindet sich jetzt in der östlichen Krypta der Kirche in einer einfachen Präsentation der archäologischen Grabungen, ist aber leider selten zugänglich. 20 Typus Argentarierbogen: H. B. Wiggers - M. auch eine etwas von Wegner/Wiggers abweichende Wegner, Caracalla bis Balbinus. Das römische Herr- Replikenkliste (Hinweis G. Bauchhenß), scherbild III 1 (Berlin 1971) Thronfolgerty- 21 H. v. Heintze, Studiën zu den Porträts des 3. Jhs. pus: K. Fittschen in: K. Fittschen - P. Zanker, Katalog n. Chr. 7. Caracalla, Geta, Elagabal und Severus Aleder römischen Porträts in den Capitolinischen Museen xander. Mitt. DAI Rom 73/74, 1966/67, 190ff. und den anderen kommunalen Sammlungen der Stadt 22 Wiggers - Wegner (Anm. 20) Caracalla Rom 1: Kaiser- und Prinzenbildnisse 2 (Mainz 1994) folgte seinem Vater Septimius Severus 211 auf dem 98ff. Nr. 86, nennt den Typus 1. Thronfolgertypus" Thron nach. Er wurde 217 n. Chr. ermordet. und datiert seine Laufzeit von 196/7 bis 204. Er gibt 740

7 Zwei Kaiserportrats und ein Sarkophag Fragment eines Sarkophags mit Wettkampfszenen 23 (Abb. 5-8) Eine detailreiche Bleistiftzeichnung in den Aufzeichnungen des Maastrichter Historikers der ersten Stunde M. van Heylerhoff ist die älteste Abbildung von dem marmornen Jüngling (Abb. 6) 24. Auf lateinisch gibt van Heylerhoff eine kurz gefasste Information und lässt sich in einem Beilegblatt über die mögliche Deutung des Fragments aus. Seine knappe Beschreibung ist hochinteressant und ich zitiere sie hier in einer freien Übersetzung: Dies ist eine Figur von einem antiken Relief, die in der Aussenmauer der St. Servatiuskirche in einer Höhe von über 20 Fuss links vom südöstlichen Kirchenportal (das ist direkt neben der Apsis) sitzt. Ich meine, dass sie ein Bodenfund ist, der beim Bau des einen oder anderen Teils der Kirche zum Vorschein kam, dass sie schon in schlechtem Zustand war und dass sie öffentlich zur Schau gestellt wurde, um die Kenntnis der Altertümer zu fördern. Das Relief ist über zwei Fuss hoch und scheint mir Hercules darzustellen". In seiner ausführlichen Darstellung geht er dann auf die lkonographie von Hercules ein, mit der, wie sich dann herausstellt, das Relief doch wieder nicht so recht übereinstimmt. Die Gestalt scheint unter anderem zu jung und unerwachsen auszusehen. Über seinen Onkel Matthias, der auch Amateurhistoriker war und ihm viele Notizen hinterlassen hat, kommt er dann zu einer anderen Deutung, nämlich dass das Relief Castor und Pollux darstelle. Damit könne man nach seiner Meinung nachweisen, dass das Fragment von einem Grabmal stamme, das ursprünglich auf dem römischen Friedhof gestanden habe, auf dem gegen Ende des vierten Jahrhunderts Bischof Servatius bestattet wurde publizierte van Heylerhoff den Stein beiläufig in seiner Notice historique", aber ohne Abbildung. Diesmal hielt er sich mit einer Interpretation zurück, bekräftigte aber seine Meinung, dass der Stein von einem römischen Grabmonument stamme, das in der unmittelbaren Umgebung gestanden habe 25. Einige Jahre später erschien die erste seriöse archäologische Abhandlung über das römische Maastricht aus der Feder von C. Leemans, des Direktors des Rijksmuseum van Oudheden in Leiden. Auch er wandte seine Aufmerksamkeit unserem Fragment zu, gelangte aber eigentlich kaum über die Erkenntnisse van Heylerhoffs hinaus 26. Er gab sowohl eine ausführliche Beschreibung des Stücks als auch eine schöne Abbildung auf der Basis einer Zeichnung des Stadtarchitekten M. Hermans. Aber was für Unterschiede sind zwischen der akkuraten Darstellung in der alten Handschrift und der stilisierten (Abb. 7) bei Leemans zu sehen! Dieser schreibt: Es ist in sehr hohem Relief aus einer Platte aus weissem Marmor gearbeitet und stellt einen nackten jungen Mann dar, der einen Balken auf der rechten Schulter tragend, hastig wegläuft. Hinter ihm sieht man einen Teil eines Gebäudes, von dem noch eine korinthische (?) SäuIe vorhanden ist. Der linke Arm der Figur ist dicht neben der Schulter abgebrochen". Zu dieser Zeit hing die Skulptur noch immer mit eisernen Klammern an der Mauer befestigt bei einem der beiden Portale in der Nähe der Apsis wurde der Stein, während der grossen Kirchenrestaurierung von P. Cuypers, von seinem Platz entfernt und vorübergehend im Pfarrhaus untergebracht. Aber 1880 wurde er wieder ungefähr an seinem alten 23 Aufbewahrungsort: St. Servatiuskirche, Maas- Goossens (Anm. 13) 48-49; Byvanck (Anm. 13) 7; Espétricht, Ostkrypta. H. 77 cm; Br. 41 cm (oben 22, unten randieu (Anm. 13) Nr Taf. 21; Panhuysen (Anm. 34 cm); T. 4-5 cm; Reliefhöhe 7 cm. Carraramarmor. - 3) 19 Abb Das Relief wurde zum ersten Mal von B. M. van Heylerhoff, Notice historique sur l'église pri- Andreae in einem Brief vom als Fragment eimaire ci-devant collegiale de St.-Servais à Maestricht. nes Sarkophages mit Athletendarstellungen' gedeutet. Annuaire de la Province de Limbourg 1828, 135; C. Lee- 24 Maastricht Regional-historisch Centrum Limmans, Romeinsche oudheden te Maastricht (Leyden burg (RHCL), Handschriftensammlung GAM (Ge- 1843) Taf. VI,1; J. Habets, Découvertes d'antiqui- meinde Archiv Maastricht), Inv.-Nr. 227, De Reliquiis et tés dans Ie Duché de Limbourg 2. Periode préhistori- SepuIcro St. Servatii, 59 (datiert um 1817). que, âge de pierre, de bronze et de fer. Période ro- 2S Heylerhoff (Anm. 23) 135. maine et franque. Routes, tombeaux, cimetières, 26 Leemans (Anm. 23) Taf. VI, 1. substructions, objets d'art etc. (Ruremonde 1882) 84; 741

8 Titus A. S. M. Panhuysen Platz, an einer neuen Lisene eingemauert und mit einem kleinen Schutzdach versehen - ein frühes Beispiel für archäologische Denkmalpflege -, wo er bis zur jüngsten Restaurierung der Kirche ( ) blieb. Als Goossens das Relief 1926 beschrieb, beklagte er, dass er weder die Dicke des Steines noch die Unterkante des Reliëfs kenne. 27 Auch er denkt beim Inhalt der Darstellung in erster Linie an Hercules, der die Säule trägt, die er an der Strasse von Gibraltar aufstellen will". Aber er erwägt, dass das Stück, wenn es dünnwandig ist, von einem Sarkophag stammen könne und eine frühchristliche Deutung möglich sein könne. Er denkt dabei an eine Darstellung der Heilung des Lahmen, der sein Bett nimmt und geht. Ein solcher Sarkophag müsse importiert worden sein und könne als Grablege für eine wichtige Person gedient haben, die in der frühmittelalterlichen Nekropole unter der Servatiuskirche beigesetzt wurde. Er fährt aber fort: Aber eine andere Frage! Ist dies eine Bildhauerarbeit aus der römischen Zeit? Kann sie nicht aus der Renaissance stammen? Dasobere Profil ist so fremd! Das Fragment scheint nicht vorhanden gewesen zu sein, als im 11. und 12. Jahrhundert die Ostmauer gebaut wurde, da es damals nicht eingemauert wurde, sondern mit eisernen Klammern an einem Stein in der Mauer befestigt war. Warum wurde es dort befestigt? Die Geschichte der St. Servatiuskirche weiss bis jetzt darüber nichts mitzuteilen. Wenn man bedenkt, dass es in früheren Zeiten üblich war, an oder neben Kirchentüren Kuriositäten aufzuhängen oder zu befestigen, die man in der Gegend gefunden hatte oder die aus fremden Ländern von Reisenden mitgebracht worden waren, dann kommt einem unwillkürlich der Gedanke, dass möglicherweise irgendein Kanoniker der Sankt Servatiuskirche das Fragment von einer Reise nach Italien mitgebracht hat". Am 13. November 1986 wurde das Relief aufs Neue von seinem Platz entfernt 28. Nun für immer, denn, während schon Goossens einen Niedergang des Kunstwerks im Vergleich zu den Abbildungen des 19. Jahrhunderts konstatierte, bestand seitdem die Gefahr, dass der feine Marmor mehr und mehr infolge von Wind, Wetter und saurem Regen zu Staub zerfallt. Es sind sogar schon Stücke des Reliëfs, etwa die rechte Ferse des Jungen, abgebrochen. Den Stein an seinem alten Platz wieder anzubringen, wäre unverantwortlich gewesen. Eine Untersuchung ergab, dass das Steinmaterial feinkörniger weisser Carraramarmor ist. Seine Oberflache wurde gereinigt und das Material einer konservierenden Behandlung unterzogen; nach dieser Behandlung konnte das Relief in der Ostkrypta zusammen mit einer Reihe frühchristlicher Grabsteine und spätmerowingischer Sarkophage und mit Informationstafeln zu den Ausgrabungen in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts ausgestellt werden 29. Das Relieffragment stammt von der Vorderseite eines Sarkophags. Seine Höhe betragt 77 cm, die Wandstarke 4-5 cm. Die Reliefhöhe betragt bis zu 7 cm, was der Stärke der Leiste unter der Reliefflache entspricht. Die Rückseite der Steinplatte ist glatt bearbeitet, bis auf den unteren Rand, wo das Fragment vom Boden der Steinkiste abgebrochen wurde. Bedeutet die Zuweisung des Fragments an einen Sarkophag auch, dass Goossens mit seiner christlichen Deutung der Darstellung richtig lag? Nein, und wir können auch begrunden warum. Der junge Mann, den wir sehen, lauft nicht nach links, sondern stemmt seinen rechten Fuss nach hinten auf den Boden. Er trägt auch nichts auf seiner Schulter, sondern ist dargestellt, wie er mit einem bestimmten Ringergriff in direktem Körperkontakt den Gegner, der ursprünglich links zu sehen war, festhalt. Es ist seltsam, dass van Heylerhoff die Haltung des Ringers richtig wiedergegeben, sie aber nicht verstanden hat. Der rechte Arm des Ringers, den er schräg nach vorne unten streckt, ist erhalten. Sein linker Arm ist an der Schulter abgebrochen, aber auf dem Stein zeichnet sich der Schatten des 27 Goossens (Anm. 13) einer 28 Panhuysen (Anm. 2) Die Oberflache wurde mehrere Male mit PVC-Lösung ( Archeoderm") behandelt. 742

9 Zwei Kaiserportrats und ein Sarkophag ganz vom Reliefgrund gelösten und nach vorne abgewinkelten Unterarms ab (Abb. 8). Unter dem Kinn des Ringers ist in Verlängerung seines rechten Armes eine Verdickung zu erkennen, in der man früher den Rest einer SäuIe Hercules - oder eines Bettes - Heilung des Lahmen - sah, die die Figur auf ihrer Schulter trage. Eine undeutliche Linie über dem Kopf der Figur, die die Diagonale von links unten nach oben fortzusetzen scheint, schien diese lnterpretationen zu bestätigen. Dies ist aber eine optische Täuschung, die dem Umstand zuzuschreiben ist, dass man die Figur nach oben gegen die Apsismauer wahrnehmen musste. Der linke Arm des Sparringspartners lag praktisch auf dem rechten Arm des Jungen und dessen Hand lag an seinem Kinn. lm Reliefgrund ist der Rest einer Architekturdekoration zu erkennen. Vergleichbare Ringerszenen sind von einigen so genannten Sarkophagen mit Wettkampfszenen aus Rom bekannt (Abb. 9) 30. Die Athleten sind immer jugendlich, meistens sind sie als kleine, mollige Kinder dargestellt, weswegen sie als Putti oder Eroten beschrieben werden. Der Sarkophag der Octavia Paulina aus Rom beweist, dass derartige Bilder unmittelbar in Bezug zu den Verstorbenen stehen können 31. Sie sollten dann besonders für jung verstorbene Kinder bestimmt sein, aber die Höhe unseres Fragments weist sicher nicht auf einen Kindersarkophag! Eine vollständige Relieffront eines solchen Sarkophags zeigt verschiedene gymnastische Wettkämpfe, die immer von dem Triumph und der Überreichung der Siegespalme an den Sieger gekrönt werden. F. Cumont deutete diese Darstellungen in eschatologischem Sinn als eine Vorbereitung auf die Wonnen des Lebens nach dem Tod mit dem Mittel der körperlichen Ertüchtigung, genau analog zur Heroisierung nach dem Tod mittels des Erwerbs einer hochstehenden geistigen Kultur zu Lebzeiten 32. Die Szenen können aber auch verstanden werden als eine Metapher dafür, dass das ewige Leben erworben wird durch Überwindung in diesem Leben. Die sehr seltenen Wettkampfsarkophage sind frühestens Ende des zweiten oder in der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts nach Christus entstanden. 33 Nochmalszur Herkunft der Stücke Der Fund des Caracallaporträts bei der Restaurierung der Liebfrauenkirche zu Beginn des 20. Jahrhunderts beweist, dass dieses Köpfchen schon in römischer Zeit nach Maastricht gekommen ist - fraglich bleibt dabei naturlich, ob dies vor oder nach seiner Umarbeitung geschah. Wir wissen auch nicht, was der Grund für sein Recycling' war; im Falle Caracallas ist nichts von einer damnatio memoriae bekannt, die eine so gründliche Umarbeitung eines alteren Kaiserporträts erklären könnte. Sie ist möglicherweise schon um die Mitte des dritten Jahrhunderts geschehen, als Caracalla schon Geschichte war und das Köpfchen seine ursprüngliche Funktion endgültig verloren hatte. Aus ihm wurde ein einfacher Gebrauchsgegenstand als Gewicht für eine Waage. Wie und wann es den prächtigen Kopf des Septimius Severus nach Maastricht verschlagen hat, können wir nicht herausfinden ohne eine genauere Recherche in Archivalien aus dem 18. und 19. Jahrhundert, aber es ist klar, dass der Kopf durch die Hände von Sammlern gegangen ist, und so schliesslich in die Vorbildersammlung klassischer Skulpturen der Städtischen Zeichenschule gelangte. Es kann aber nicht gänzlich ausgeschlossen werden, dass der Kopf ursprünglich ein Maastrichter Bodenfund ist. 30 F. Castagnoli, II capitello della pigna Vaticana. F. Cumont, Recherches sur Ie symbolisme funé- Bull. Comm. Arch. Roma 79, 1943/45, Abb. 16- raire des Romains (Paris 1942) 470 Taf. 46,3. 21; W. Helbig, Führer durch die öffentlichen Sammlun- 32 Ebd Abb Taf. 46,2-3. gen klassischer Altertümer in Rom 1 2 (Tübingen 1963) 33 G. Koch - H. Sichtermann, Römische Sarko Nr phage (München 1982) Taf

10 Titus A. S. M. Panhuysen Was das Sarkophagfragment betrifft, ist kaum vorstellbar, dass der originale römische Sarkophag im dritten Jahrhundert im vicus von Maastricht dafür gedient hat, wofür er hergestellt worden ist. Aus dieser Zeit sind zwar reliefverzierte Sarkophage aus dem Norden bekannt, sie sind aber doch sehr selten und in der Regel aus lokaler Produktion 34. Die Möglichkeit, dass das Fragment in der Renaissance oder später durch einen Reisenden oder Sammler nach Maastricht gebracht wurde, wie Goossens vorschlug, kann immerhin nicht ausgeschlossen werden, obgleich es wegen seiner Verwitterung - die heute dem Anschein nach nicht viel abweicht von dem Zustand zu Beginn des 19. Jahrhunderts - kaum ein interessantes Sammelobjekt gewesen sein dürfte. Aber ich finde eine andere Möglichkeit viel interessanter, die von van Heylerhoff vorgeschlagen wurde, nämlich dass das Fragment einst bei Bodenarbeiten in oder bei der Kirche gefunden worden sein könnte und damit aus der unmittelbaren Umgebung stammen dürfte. Dies könnte auch eine Erklärung für den damaligen schlechten Erhaltungszustand bieten! Dann könnte das Fragment auf dieselbe Art und Weise wie viele österreichische Römersteine, wie z. B. die in den Aussenmauern der Marienkirche von Maria Saal aus dem 15. Jahrhundert, bewahrt worden sein. Das kann dann sogar bedeuten, dass ursprünglich an der Fundstelle ein vollständiger Steinsarkophag vorhanden war. Dies lässt auch eine weitere neue interessante Hypothese zu, nämlich dass ein antiker Sarkophag schon in sehr früher Zeit, etwa im neunten oder zehnten Jahrhundert auf Bestellung nach Maastricht gebracht wurde, um als Prunkgrab in der Servatiuskirche für einen der Bischöfe von Maastricht zu dienen - möglicherweise für Servatius selbst -, oder für einen anderen geistlichen oder weltlichen Würdentrager, bei dem wir selbst an Herzog Giselbert von Lothringen ( 939) oder einen seiner Nachkommen, Herzog Karl von Lothringen ( 991) oder Herzog Otto von Lothringen ( 1006), die letzten Karolinger, denken dürfen. Vorbilder dafür, dass antike Sarkophage als Grablegen von Kaiser und Königen dienten, gibt es aus dieser Epoche genug 35. Dr. Titus A. S. M. Panhuysen St. Amandusstraat CM Maastricht Niederlande G. Koch, Sarkophage der römischen Kaiserzeit (Darmstadt 1993) ; eine Ausnahme ist der Jahreszeitensarkophag aus der Grabkammer von Köln - Weiden. 35 J. Nelson, Carolingian Royal funerals, in: F. Theuws-J. Nelson (Hrsg.), Rituals of Power. From late Antiquity to the early Middle Ages. The Transformation of the Roman World 8 (Leiden - Boston - Köln 2000) , bes (Karlmann, 771 in einem Löwenjagdsarkophag des 4. Jhs. in Sankt Remi zu Reims); (Karl der Grosse, 814 in einem aus Italien importierten Proserpinasarkophag in der Palastkapelle [Dom] zu Aachen); (Ludwig der Fromme, 840 in einem frühchristlichen Sarkophag mit alttestamentli- chen Szenen in Sankt Arnulf zu Metz); (Karl der Kahle, nach 877 in einem spatrömischen Wannensarkophag aus rotem Marmor in Sankt Denis); (Ludwig das Kind, nach 876 in einem neuen Sarkophag aus Sandstein in Sankt Nazarius zu Lorsch). - Otto der GroBe (f 973) bekam im Dom von Magdeburg eine Tumba, die aus einem Stucksarg mit Marmorabdeckung bestand, einer antiken Platte die aus Ravenna stammen soll (E. Schubert, Stätten sächsischer Kaiser [Leipzig, Jena, Berlin 1990] 95-97). Ich möchte meinem Freund Dr. Gerhard Bauchhenß und seiner Frau Dr. Christa Bauchhenß-Thüriedl herzlich danken für die Übersetzung bzw. für Ergänzungen meines niederlandischen Textes. 744

11 Abb. 2: A-C Portratkopfchen des Knaben Caracalla, vier verschiedene Ansichten des Kopfes. Maastricht, Städt. Sammlungen (Photo des Verfassers).

12 Abb. 3: Rekonstruktionsmodell des Knabenkopfes aus Maastricht mit 15 ubereinstimmende Spuren der Einzellocken des Frisures (Ilja ten Brink +u Autor). Abb. 4: Buste des Knaben Caracalla. Rom, Vatikanische Museen.

13 Abb. 5: Sarkophagfragment mit Jugendlichem Athlet im Ringkampf Maastricht, jetzt Ostkrypta der St Servatiuskirche (Photo des Verfassers) Abb. 6: Zeichnung aus 1817 eines Reliefs an der Sankt Servatiuskirche in Maastricht (Maastricht, RHCL [Archiv]: Ms. GAM 227, Van Heylerhoff S. 59)

14 Abb. 7: Zeichnung desgleichen Reliefs von M Hermans (in C. Leemans, Romeinsche Oudheden te Maastricht [Leyden 1843] Taf. 6, 1) Abb. 8: Rekonstruktionsvorschlag des Ringkampfes auf dem Maastrichter Sarkophag (Peter Schijns u. Autor) Abb. 9: Athletensarkophag der Via Trionfale, Rom

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