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1 Verschiedene Beispiele für Proteste Protest ist allgegenwärtig. Über die Medien wurde der Streit um den - zugegebenermaßen recht teuren - Umbau eines Regionalbahnhofs als Menetekel auch nicht wenig zelebriert. Aber die Anti-AKW-Menschenkette hatte da längst bewiesen, dass sich in Deutschland Menschen zum Protest aufbieten lassen. Und flankiert wurden diese Großereignisse über das Jahr von vielen kleinen und mittleren Protesten aller Couleur und vielschichtiger Form von den Gegnern der Hamburger Schulreform bis hin zu den Internetprotesten in der Causa Guttenberg. Es ist also wirklich etwas dran am Protest: Sehr viele Menschen beteiligen sich und häufig zeitigt der Protest erstaunliche Wirkung. In Stuttgart wurde ein aufwendiges Schiedsverfahren initiiert, die Schulreform in Hamburg wurde gegen den Willen aller Parteien im Parlament gekippt, Guttenbergs Rücktritt vom Rücktritt erscheint nur noch als Frage der Zeit. Die Bewertung von Protest ist jedoch erstaunlich zwiespältig. Das Bundesverfassungsgericht hat kürzlich entschieden: Demonstrieren geht über Konsumieren. Auch privatisierte öffentliche Orte wie z.b. Flughäfen sind für Demonstrationen freigegeben, weil die ökonomische Interessen der Betreiber nicht so stark wie die Bedeutung der Demonstration für die Demokratie wiegen. 1 Demgegenüber werden z.b. die Grünen vom politischen Gegner gern als Dagegen -Partei verunglimpft, oder Protestierende als egozentrische Wutbürger diffamiert, die der notwendigen Modernisierung Deutschlands entgegenstünden. Zugespitzt steht dahinter ein Kampf um die moralische Deutungshoheit: Wer vertritt wirklich das Interesse der Mehrheit? Sind es die gewählten Vertreter der Parteien in den Parlamenten oder sind es die protestierenden Bürger auf der Straße? Die Geschichte der repräsentativen Demokratie ist eng mit der Entwicklung des Bürgertums als Trägergruppe verbunden. Im 19. Jahrhundert setzte das Bürgertum seine politische Mitbestimmung in den entstehenden Nationalstaaten durch und schuf zugleich eine Reihe öffentlicher Veranstaltungsformen, um diese Gemeinschaft zu stärken Feste und Versammlungen mit einem genau geregelten Ablauf und affirmativem Charakter einer Jubelkulisse. 2 Bis in das frühe 20. Jh. wurden die Unterschichten dagegen z.b. durch Zensuswahlrecht lange von einer angemessenen politischen Mitbestimmung ferngehalten. Ihr Ausdrucksmittel war der Protest auf der Straße insbesondere zum 1. Mai. 3 Diese beiden Traditionsstränge lagen dann in der Weimarer Republik nicht mehr nur parallel, sondern vermischten sich. Im selben Maße, wie die Arbeiter beteiligt wurden indem sie das volle Wahlrecht erhielten, übernahm die Arbeiterbewegung die affirmativen Mechanismen des Protests. Ein gutes Beispiel ist die Ausgestaltung des 1. Mai: Daraus entwickelte sich parallel zur Einbindung der Arbeiterbewegung in die politische Verantwortung ein wiederkehrender Protest mit fester Choreographie und fester Trägergemeinschaft, der ritualisiert die früheren Proteste ins Gedächtnis rief und zugleich die Möglichkeit gab, Stellung zu aktuellen Problemen zu nehmen. In der DDR wurde der Protest zum 1. Mai gar staatstragendes Ritual. Dieses kleine Beispiel verdeutlich: Protest entsteht aus einem Missverhältnis von politischem Anspruch einer Gruppe und ihren tatsächlichen Möglichkeiten in den Strukturen des Gemeinwesens; Protest ist eine fluide Form, bei Erfolg löst er sich auf, bei längerem Andauern hat er die Tendenz, sich zu institutionalisieren und die bestehenden Strukturen einzufließen, um die Wert-Koordinaten des Gemeinwesens zu verschieben. 1 Südwest Presse: Kommentar zum Demonstrationsrecht, Vgl. Andresen, Knud: Schleswig-Holsteins Identitäten, Neumünster Vgl. Goddar, Jeannette: Weithin akzeptierte Form, Interview mit Dieter Rucht, Das Parlament, 3. Januar 2011.

2 Nun ist der 1. Mai heute kein gesellschaftliches Großereignis von Rang mehr, bei dem eine Großgruppe ihre Interessen zum Ausdruck bringt. Die heutige Gesellschaft ist ungleich komplizierter, nicht mehr in starre Klassen gegliedert, sondern in verschiedenste Milieus und durch multiple Identitäten geprägt. Entsprechend ist auch Protest heute vielschichtig. Die Wirksamkeit ist unstrittig, aber: Was ist Protest eigentlich: was verbindet so verschiedene Formen von Menschenkette bis Flashmob? Und welche Funktion, welchen Nutzen und welche Gefahren hat Protest in unserer repräsentativen Demokratie? Wie definiert sich Protest? Protest leitet sich vom lateinischen pro testari als für etwas einstehen her. 4 Die Forscher Hocke/Ohlemacher/Rucht definieren Protest als eine kollektive, öffentliche Aktion nichtstaatlicher Träger, die Kritik oder Widerspruch zum Ausdruck bringt und mit der Formulierung eines gesellschaftlichen oder politischen Anliegens verbunden ist. 5 Dieser Zusammenhang ist recht komplex, wenn man ihn in die notwendigen Schritte zerlegt: - Es muss zunächst eine erhebliche Unzufriedenheit vorliegen. Politik bedeutet die Entscheidung zwischen Alternativen. Wird diese Entscheidung gegen den Willen eines wesentlichen Teils der Bevölkerung getroffen, oder eine Entscheidung als alternativlos verklärt, dann fehlt die Legitimation. In einer repräsentativen Demokratie ist der für Abhilfe zu gehende Weg geregelt. Aus einem trifftigen Grund kommt dieser jedoch nicht in Frage. Eine Möglichkeit ist, dass sämtliche Parteien sich einig sind, wie in Hamburg in Sachen Schulreform geschehen, und dadurch keine politische Alternative vorhanden ist. Zu diesem Komplex muss noch ein Anlass treten, diesen Unmut zu zeigen. Protestbewegungen entstehen in der Regel aus den Ängsten der Menschen, d.h., sie sind stark emotionalisiert. 6 Immerhin muss der Protestierende Energie aufbringen; er ist sich zudem im Klaren darüber, dass er auf Widerstände treffen wird. Und schließlich muss in der Regel der Protest gegen etwas auch mit einer Alternative, durch die es ersetzt werden kann, hinterlegt werden. Trifft diese Situation auf mehrere Individuen zu, müssen sie sich koordinieren, um als Gruppe aufzutreten und asymmetrische Strukturen außerhalb der repräsentativen Demokratie aufzubauen. Es wird zum einen ein tragfähiges Konzept benötigt - und in der Regel Geld. Auf dieser Einsicht basieren Institutionen wie z.b. ATTAC. Zum anderen muss auch optisch eine Gemeinschaft suggeriert werden - auch wenn Teilinteressen nicht deckungsgleich sind und vermutlich auch die Zukunftsprojektionen nicht. Es müssen deshalb gemeinsame Symbole entwickelt Rucht, Dieter: Protest und Protestanalyse: Einleitende Bemerkungen, S in: Ders. (Hrsg.): Protest in der Bundesrepublik. Strukturen und Entwicklungen, Frankfurt 2001, S. 9. Rucht, Dieter: Protest und Protestanalyse: Einleitende Bemerkungen, S in: Ders. (Hrsg.): Protest in der Bundesrepublik. Strukturen und Entwicklungen, Frankfurt 2001, S. 19. Umweltrisiko und Politik (1990), S in: Luhmann, Niklas: Protest. Systemtheorie und soziale Bewegungen, Frankfurt a.m. 1996, S. 169.

3 werden, um die Masse zu integrieren. Hierbei zeigt sich eine große Bandbreite von der Art der Kleidung bis hin zu einer spezifischen Art zu reden. 7 Dieser Gruppe muss es wiederum gelingen, Aufmerksamkeit zu erlangen. Damit ist nicht nur der politische Gegner gemeint. Vielmehr suchen die Protestierenden die Aufmerksamkeit - und möglichst auch Zustimmung - des breiten Publikums. Erst über die Berichterstattung der Massenmedien, insbesondere von Tageszeitungen, Radio und Fernsehen, wird ein Protest für große Teile der Bevölkerung überhaupt wahrnehmbar und in diesem Sinne "existent". 8 Das funktioniert am effektivsten darüber, ihren Protest mit einem Nachrichtenwert zu versehen. Nach der Nachrichtenwerttheorie (Galtung, Johan/Ruge, Marie) sind dafür die Faktoren räumliche Nähe, Kontroverse, Schaden, Elitenbeteiligung, Überraschung, Personalisierung und hohe Reichweite zu berücksichtigen. Die Unterschriftenaktion von Doktorranden gegen Guttenberg zeigt den möglichen Erfolg von Protest, wenn mehrere Aspekte sich beispielhaft verzahnen. Beispielhaft ist der offene Brief einiger Doktorranden in der Causa Guttenberg, der über das Internet verbreitet Unterstützer und die Erwähnung in Zeitungen und Tagesschau fand. Die Massenmedien übernehmen dabei aber keineswegs einfach die Funktion eines Verstärkers. Sie berichten niemals neutral, sondern betonen bestimmte Teile und bewerten die Aktion, ordnen sie in einen größeren Kontext ein. 9 Dabei ist auch die Rezipientenseite einzubeziehen, will man Erfolg haben. Es reicht nicht einfach, dass das eigene Ansinnen in der Zeitung auftaucht. Die Aussage muss auch nachvollziehbar sein, im Rahmen des normalen als vernünftig ansehbar sein. In diesem Kontext steht beispielsweise die große Bedeutung der Frage, ist der Protest gewaltfrei oder nicht. Die Anwendung von Gewalt diskreditiert einen Protest schnell in der Gesellschaft. 10 a.) Standardverfahren in der repräsentativen Demokratie b.) Noch einmal durchklicken, wie das System als Prothese wirkt = Mehrfach gefiltert durch den Aufwand und die symbolische Vermittlung tritt nur Protest in die Öffentlichkeit, der das Anliegen einer offensichtlich relevanten Gruppe trägt. Dabei schafft Protest asymmetrische Strukturen, um ein Problem bzw. den Lösungsansatz für ein Problem wieder in die repräsentative Demokratie einzuspeisen und dabei zugleich den motivierenden emotionalen Überschuss in geordnete Bahnen zu lenken. Parteien haben ihre Struktur komplett auf die Institutionen der Demokratie hin entwickelt: Sie entwickeln und verfolgen langfristige Programme, sie vermitteln Personal in Funktionen und orientieren sich dabei am mehrjährigen Wahlturnus. Protest ergibt sich dagegen aus aktuellen Missständen und ihrer emotionalen Aufladung, ist beweglich der Situation angepasst und nicht auf Dauer, sondern auf die Lösung des spezifischen Problems angelegt. Die Protestbewegung selbst kann keine Politik machen, sie kann nur dem politischen Apparat Anreize schaffen. 7 Vgl. Warneken, Bernd Jürgen: Die Straße ist die Tribüne des Volkes. Ein Vorwort, S. 7-17, in: Ders. (Hrsg.): Massenmedium Straße. Zur Kulturgeschichte der Demonstration, Frankfurt/New York 1991, S Rucht, Dieter: Die medienorientierte Inszenierung von Protest. Das Beispiel 1. Mai in Berlin, S. 9 Ebd. 10 Rucht, Dieter: Protest und Protestanalyse: Einleitende Bemerkungen, S in: Ders. (Hrsg.): Protest in der Bundesrepublik. Strukturen und Entwicklungen, Frankfurt 2001, S. 8f.

4 Es ist ersichtlich: Beide Teile können sich komplementär gut ergänzen. Meine These ist, dass Protest der Stabilität der repräsentativen Demokratie zuarbeitet, in dem er eine Art flexible Prothese der politischen Verhandlungs- und organisationstrukturen bietet. 11 Insofern kann man auch hierarchisieren, je weniger (Möglichkeit zum) politischen Austausch mit dem Gegner, desto stärker ist der Protest symbolisch aufgeladen. Dieser Zusammenhang wird tendenziell abgebaut durch die Gründung von Vereinen und Verbänden, die eine stärkere Symmetrie ermöglichen. Es gilt jedoch, Einschränkungen zu machen: - Die repräsentative Demokratie ist allein durch Wahlen legitimiert. Denn bei der Formulierung des Grundgesetzes besaßen die gerade im Dritten Reich mit Demagogie gemachten Erfahrungen großes Gewicht. Man nahm es lieber in Kauf, dass sich dadurch der Unmut der Bevölkerung gegen die Politik und die Institutionen im Ganzen richten würde, wenn sie Entscheidungen gegen die Mehrheit der Bürger träfe. 12 Die Protestierenden legitimieren sich dagegen indirekt selbst. Ihr erfolgreicher Protest vermittelt eine moralische Überlegenheit, die wirkliche Meinung eben des Mannes (und der Frau) auf der Straße zu vertreten. 13 Ihr Motto ist: David gegen Goliath. Diese Asymmetrie kann fruchtbar sein: Wenn die Institutionen den Protest aufnehmen oder zumindest annehmen, wir ihre Legitimität gestärkt. Diese Asymmetrie beinhaltet potentiell aber auch immer die Gefahr der Radikalisierung: der völligen Delegitimierung der demokratischen Institutionen. Dieses Extremum beginnt mit Krawall und endet mit der Revolution als der völligen Umstürzung der Demokratie. 14 Eine Grauzone ist Populismus. Dieser teilt sich mit dem Protest den Mechanismus, als Triebfeder Empörung über Missstände zu nutzen und gegen die politischen Eliten zu mobilisieren - nach dem Muster die da oben wissen doch gar nichts von der Realität. Ebenso wird er besonders von Angst befördert. Allerdings will der Populismus keine politisch verhandelte Lösung. Er will eine schnelle und einfache Lösung, die er als gesunden Menschenverstand ausgibt. Dafür baut Populismus auf Vorurteile und konstruiert als Feindbilder Gruppen, die in Gegnerschaft zum "guten Volk" stehen und den dort angeblich verankerten sittlichen und moralischen Wertvorstellungen widersprechen oder diese offen bekämpfen wollen Die Protestierenden finden sich zusammen, weil sie sich gemeinsam echauffieren und sich eine bessere Zukunft erwarten. Der Protest zielt dabei nicht nur darauf ab, Außenstehende zu beeindrucken, sondern auch die Trägergruppe des Protests enger aneinander zu binden, sich gegenseitig der gemeinsamen Entschlossenheit, 11 Vgl. dazu auch Lauth, Hans-Joachim: Dimensionen der Demokratie und das Konzept defekter und funktionierender Demokratien, S in: Pickel, Gert/Pickel, Susanne/Jacobs, Jörg (Hrsg.): Demokratie. Entwicklungsformen und Erscheinungsbilder im interkulturellen Vergleich, Frankfurt/O Poeschl, Rainer: Glauben Sie an den Menschen?, Das Parlament, 3. Januar Vgl. Warneken, Bernd Jürgen: Die Straße ist die Tribüne des Volkes. Ein Vorwort, S. 7-17, in: Ders. (Hrsg.): Massenmedium Straße. Zur Kulturgeschichte der Demonstration, Frankfurt/New York 1991, S. 8ff. 14 Vgl. TAZ, 23./ Jahre Krawall Roger Repplinger. 15 Decker, Frank/Lewandowsky, Marcel: Populismus. Erscheinungsformen, Entstehungshintergründe und Folgen eines politischen Phänomens, S.

5 Opferbereitschaft, Einheit, Besonderheit, Massenhaftigkeit usw. zu vergewissern. 16 Symbole integrieren diese Gemeinschaft, in dem sie eine Identität der Interessen behaupten. Aber kann diese heterogene Gruppe, die ggf. aus einer unübersichtlichen Gemengelage (möglicherweise widerstreitender) Interessen entstanden ist, wirklich eine tragfähige Alternative zu den skandalisierten Zuständen bieten? 17 Indem diese Gemeinschaft sich Symbole schafft, gemeinsam empört und selbst bestätigt, verschleiert sie gerade auch die ausdifferenzierten politischen Interessen und kann einer wirklich politischen Beschäftigung im Weg stehen. Es besteht die Gefahr, dass der Eventcharakter von Protest mit Anteilen einer Show, etwas Karnevalesken überhandnimmt. So ist beispielsweise die Verwandlung des Konterfeis von Che Guevara zu einem Konsumartikel instruktiv, oder aber der 1. Mai als freizeitgemäße folkloristische Spezialofferte 18. Bestes Beispiel ist der sog. Schwarze Block: Radikale Proteste werden von den Medien in der Regel ignoriert oder aber negativ kommentiert. Diese medial Unterprivilegierten weichen deshalb häufig aus auf die Störung der "öffentlichen Ordnung", um nach außen die Beachtung zu erzwingen und zugleich die Gruppenidentität als entschlossen und unbeugsam zu bestätigen. 19 Im Ergebnis gibt es kein politisches Ziel mehr, sondern die Gewalt ist das Ziel - Protest benötigt die Messenmedien. Infolgedessen wird die Rolle der Medien bei der Komposition des Protests bereits mitgedacht. Der Protest wird inszeniert; Forderungen und Formen sind immer beeinflusst von den Filtern der Medien. Protest bringt deshalb Pseudo-Ereignisse hervor, die genau darauf zugeschnitten sind, die Interessen der Medien zu befriedigen und ohne diese niemals stattgefunden hätten. 20 Studien haben ergeben, dass insbesondere Indikatoren für starken Normverstoß wie Teilnehmerzahl und Gewalthaltigkeit oder eine interessante Form wie ein bed in oder die KSA, die Aufmerksamkeit erreichen. Prinzipiell ist es deshalb einer kleinen Gruppe mit einem Splitterinteresse möglich, ihre Ziele als Gemeininteresse zu vermitteln, wenn ihr Protest nur spektakulär und zielgruppengerecht kommuniziert werden kann. Populisten sind deshalb in den ökonmisierten Medien bevorteilt. a.) Gruppen b.) Themen = Die Graphiken zeigen, wie gut und wie schnell die repräsentative Demokratie die unterschiedlichsten Gruppen und Themen integriert hat Rucht, Dieter: Die medienorientierte Inszenierung von Protest. Das Beispiel 1. Mai in Berlin, S. Vgl. Alternative ohne Alternative. Die Paradoxie der neuen sozialen Bewegungen (1986), S in: Luhmann, Niklas: Protest. Systemtheorie und soziale Bewegungen, Frankfurt a.m. 1996, S. 75. Korff, Gottfried: Symbolgeschichte als Sozialgeschichte? Zehn vorläufige Notizen zu den Bild- und Zeichensystemen sozialer Bewegungen in Deutschland, S , in: Warneken, Bernd Jürgen (Hrsg.): Massenmedium Straße. Zur Kulturgeschichte der Demonstration, Frankfurt/New York 1991, S. 30. Rucht, Dieter: Die medienorientierte Inszenierung von Protest. Das Beispiel 1. Mai in Berlin, S. Protestbewegungen (1995), S in: Luhmann, Niklas: Protest. Systemtheorie und soziale Bewegungen, Frankfurt a.m. 1996, S. 212.

6 Welche Proteste waren dies? ab 1949 Protest gegen Wiederbewaffnung/1968 APO gegen Notstandsgesetze mit Menschen in Bonn/1975 Besetzung der AKW-Baustelle Whyl/1982 Protest gegen NATO- Doppelbeschluss, Protestierer in Bonn. Außerdem: Nach den rechtsextremen Anschlägen demonstrierten Menschen in Rostock. In ganz Deutschland wurden Lichterketten organisiert/2003 gingen ende Menschen in Deutschland gegen den Golfkrieg auf die Straße. 21 = Dabei weist die Empirie insgesamt einen ausgeprägten Trend zunehmender Protestereignisse aus; zwischen 1950 und 1994 ergibt sich eine Verdreifachung. 22 Die Bedeutung von Protest als Prothese scheint also zuzunehmen. Diese These möchte ich in einem cursorischen Längsschnitt auf die Geschichte des Protests in der Bundesrepublik und ihre wechselnde Gestalt und jeweilige Funktion überprüfen. Bereits kurz nach Etablierung der Bundesrepublik kam es zu vielfältigen Protesten: Damals breit rezipiert wurde die Befreiung der Insel Helgoland aus den Händen der britischer Besatzer, die sie als Übungsziel für Bomber nutzten und den Einwohnern die Heimreise verboten. Zwei Studenten aus Heidelberg landeten dort mit einem Boot und zugleich einen PR-Coup, in dem sie ihre Aktion einer überregionalen Zeitung verkauften und so gezielt Aufmerksamkeit für ihr Husarenstück schufen. Auch das Thema Atombombe trieb Menschen um. Diese beiden Beispiele waren jedoch nur Vorläufer des Protests wie wir ihn heute kennen, weil sie nur von Eliten getragen wurden. Mittelschicht und Krawall des Randes Die Geschichte des bundesrepublikanischen Protests als Massenphänomen beginnt Ende der 1950er Jahre ist Ergebnis einer zweischneidigen Entwicklung: Seit Beginn des Jahrzehnts boomte in der Folge des Korekrieges die deutsche Exportwirtschaft und das sogenannte Wirtschaftswunder setzte ein. Es kam zu einem Fahrstuhleffekt der gesamten Gesellschaft (Ulrich Beck). Durch die Herausbildung des Wohlfahrtsstaates lösten sich alte Sozialstrukturen auf: Zum einen jene, die sich um den Haushaltsvorstand als Ernährer gruppierten und ihrerseits wieder abhängig vom Arbeitgeber waren. 23 Zum anderen differenzierten sich auch die Klassengegensätze aus in Schichten und Milieus. Mit ihnen schwanden die scharfen politischen Gegensätze zugunsten einer Institutionalisierung der Interessensgegensätze in politischen Verhandlungsverfahren. Der Soziologe Helmut Schelsky überhöhte diese Entwicklungen gar als Geburt einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft. Es gab nun eine breite Mitte der Gesellschaft, die ökonomisch abgesichert war und Anteil an der Politik nehmen konnte und wollte. 24 Diese Mittelschicht wurde Träger des Gemeinwesens. Sie konnte sich darauf verlassen, dass ihre Interessen von den Parteien in der repräsentativen Demokratie gehört und anerkannt würden. Diese Entwicklung schuf jedoch auch Absteiger bzw. Ausgeschlossene am Rand: Die sogenannten Halbstarken waren Arbeiterjugendliche, denen eine Assimilierung an die neuen gesellschaftlichen Formen und damit der Aufstieg nicht gelang Müller-Brandes, Jörg: 60 bewegte Jahre in Ost und West, Das Parlament, 3. Januar Neidhardt, Friedhelm/Rucht, Dieter: Protestgeschichte der Bundesrepublik Deutschland Ereignisse, Themen, Akteure, S in: Rucht, Dieter (Hrsg.): Protest in der Bundesrepublik. Strukturen und Entwicklungen, Frankfurt 2001, S. 35. Mayer, Karl-Ulrich/Müller, Walter: Lebensverläufe im Wohlfahrtsstaat, S in: Berger, Peter A./Hradil, Stefan: Lebenslagen, Lebensläufe, Lebensstile, Göttingen Vogel, Berthold: Wohlstandskonflikte. Soziale Fragen, die aus der Mitte kommen, Hamburg 2009, S. 133f.

7 Was zeichnet den Halbstarken aus? Ihre Abstiegsängste waren Motor des Protests gegen die Ausgrenzung. Sie wurden von den Parteien der Mitte nicht vertreten und mussten sich folgerichtig auf Gewalt stützen, um die Wahrnehmung zu erzwingen. Die Krawalle der Halbstarken blieben eine Episode, weil der Wohlstand in den 1960er Jahren genügend Umverteilung bot. 25 Seinerzeit nahm man die Krawalle der Halbstarken als ziellos wahr. Bei genauerer Betrachtung waren sie jedoch der eigentliche Ursprung des Massenprotests in der Bundesrepublik. = Sie basierten auf materieller Sicherheit einhergehend mit mangelnder politischer Vertretung/Repräsentation. 4. Avantgarde für eine Alternative Ende der 1960er Jahre ergab sich gerade aus dem relativen gesellschaftlichen Wohlstand ein neuer diesmal gerichteter Protest. Die einsetzende Bildungsexpansion zog eine eine Verlängerung der Adoleszenzzeit v.a. durch das Studium nach sich. An diese Strukturen lagerten sich wiederum förderliche Milieus für eine Avantgarde an. 26 Es entstand eine Avantgarde. Diese erste postmaterialistisch geprägte junge Generation war zwar abgesichert, aber sie fand sich in der Gesellschaft nicht ein und engagierte sich diesmal für einen umrissenen alternativen Gesellschaftsentwurf. 27. Weil ihr der Einfluss fehlte, brachte sich ihren Wunsch nach einer Alternative zur konservative Regierung und der folgenden großen Koalition als Protest gegen die repräsentativen Strukturen eben als APO ein. Diese Avantgarde gegen die herrschende Ordnung drückte sich symbolisch mit neuen Mitteln aus: Diese Unordnung zeigte sich zum einen in der Inszenierung des Körpers. Auch Männer trugen die Haare lang und der in den 1960er Jahren gesellschaftlich geächtete Vollbart wurde zu einem wichtigen Erkennungszeichen für unangepasste Lebensformen. In ihrer Kleidung kombinierten Kommunarden inspiriert durch die Hippie-Mode Selbstgemachtes und Altes aus dem elterlichen Kleiderschrank oder dem Second-Hand-Laden wild durcheinander zu einer bunten Collage aus allen erdenklichen Farben und Stilen. Mit der legeren Kleidung wurden auch die Körperhaltungen informeller: Man saß demonstrativ entspannt und legte Füße auf Tische, Sitzflächen und Polster. In intellektuellen Kreisen wurde selbst die Sprache zum Protest herangezogen, um einen eigenständigen Habitus auszubilden. Auf die Spitze trieb es Rudi Dutschke: "Die bürgerlichkapitalistische Gesellschaft hat doch gerade ihre Stärke darin, dass jede Gruppe diskutieren darf. Das ist eine Stärke, die wir in der Tat nicht beseitigen wollen, denn sie ist unsere Basis unserer Arbeit und die Basis unserer Diskussion, aber aus diesem Pluralismus der Meinungen, der ergänzt wird eigentlich durch einen Pluralismus der Oligomonopole in der materialistischen Basis der Gesellschaft, aus dieser Gesamtheit von Pluralismen kommt nicht notwendigerweise die Veränderung, sondern ist im Grunde die Harmonie, die Harmonie der Repression gewährleistet." 28 Der neue Protest drückte sich ebenfalls in neuen Handlungsformen aus und erzwang sich Aufmerksamkeit der Medien von unten Crouch, Colin: Postdemokratie, Frankfurt/M. 2008, S. 72f. Müller, Ferdinand/Murphy, Detlef/Raschke, Joachim/Rubart, Frauke: Protest - Grüne, Bunte und Steuerrebellen, Reinbek b. Hamburg 1979, S Großegger, Beate: Jugend zwischen Partizipation und Protest, S in: APuZ 27/2010, S. 8. Scharloth, Joachim: Revolution der Sprache? Die Sprach der 68er, S.

8 So formulierte Peter Weiß 1968 anlässlich einer Großdemonstration gegen den Vietnam- Krieg in Berlin mit Stoßrichtung gegen die BILD-Zeitung: Die Straße ist unser Massenmedium /69 stellte damit einen Kulturwechsel dar. 30 Der Protest wurde als politisches Mittel etabliert. Was sieht man, was leistet dies? In der Rückschau wird unser Bild von den ins kulturelle Wissen eingegangenen Ereignissen des Jahres 1968 verzerrt; Studierende erscheinen als DAS Trägermilieu des Protests. Tatsächlich gaben sie den Anstoss, indem sie Probleme erkannten und in wirkmächtige Symbole übersetzten. Der Protest verbreitete sich jedoch schnell. So zeigen die empirischen PRODAT-Studien, dass sich ausdifferenziert nach Themen und Orten breite Teile der Gesellschaft in den 1960er Jahren über Proteste artikulieren. Die Studierenden sind mit 7,6% im Durchschnitt nur ein Trägergruppe, deren Bedeutung von Jugendlichen und Arbeitnehmern weit übertroffen wurde Utopie wird zum Alltag - der Protest organisiert sich und erreicht die Mitte In den 1970er Jahren wurde das mittlerweile anerkannte Werkzeug des Protests breit genutzt. Dies galt v.a. für das Thema Umweltschutz. Erstmals wandten sich in Folge der Ölkrise und der Veröffentlichung des Club of Rome etc. breite Kreise von der Vorstellung ewigen Wachstums ab, das zwar die Umverteilung ermöglichte, aber auch den Kapitalismus immer weiter verschärfte. Die sozialliberale Koalition konnte diese Entwicklung nicht inkooperieren. Sie hatte sich als Alternative bezeichnet; sie hatte Erwartungen geweckt, die sie dann nicht einhielt: vgl. blauer Himmel über der Ruhr, 1961, Umweltbewusstsein 1971, Freiburger Thesen 1971 mit einem Abschnitt zur Umweltpolitik. Denn diese Ansätze unterlagen im Konflikt gegen die ökonomischen Interessen in der Rezension. 32 Mit dem einsetzenden AKW-Bau entstand ein mächtiges Symbol für diesen Widerspruch: die Anlagen standen für das Festhalten an Wachstum um jeden Preis, gegen die Umwelt und gegen den Willen der Anwohner. 33 Es wurde deutlich, dass nur durch Wahl zwischen den Parteien dieses Problem nicht lösbar sein würde. In der Folge wurde nicht nur für Umweltschutz demonstriert, sondern auch für Basisdemokratie. Die Kombination des Kulturwechsels der vielfältigen dezentralen und multithematischen Wurzeln und dieses mächtigen Symbols erklärt das rasche Wachstum des alternativen Milieus Warneken, Bernd Jürgen: Die Straße ist die Tribüne des Volkes. Ein Vorwort, S. 7-17, in: Ders. (Hrsg.): Massenmedium Straße. Zur Kulturgeschichte der Demonstration, Frankfurt/New York 1991, S. 7. Neidhardt, Friedhelm/Rucht, Dieter: Protestgeschichte der Bundesrepublik Deutschland Ereignisse, Themen, Akteure, S in: Rucht, Dieter (Hrsg.): Protest in der Bundesrepublik. Strukturen und Entwicklungen, Frankfurt 2001, S. 35. Hocke, Peter: Protestieren nur die Studenten? Ein Vergleich mittelgroßer Städte in der alten Bundesrepublik, S in: Rucht, Dieter (Hrsg.): Protest in der Bundesrepublik. Strukturen und Entwicklungen, Frankfurt Müller, Ferdinand/Murphy, Detlef/Raschke, Joachim/Rubart, Frauke: Protest - Grüne, Bunte und Steuerrebellen, Reinbek b. Hamburg 1979, S. 44f. Müller, Ferdinand/Murphy, Detlef/Raschke, Joachim/Rubart, Frauke: Protest - Grüne, Bunte und Steuerrebellen, Reinbek b. Hamburg 1979, S. 40f.

9 Bis zu Initiativen mobilisierten 12 Mio. Menschen mithin 4-5mal so viele Personen wie die Volksparteien an Mitgliedern aufwiesen. 34 Aus diesem riesigem Potential und der Notwendigkeit der Koordination heraus institutionalisierte sich der Protest zunehmend. Es wuchsen regelrechte alternative Strukturen: freie Republik Wendland Beispielsweise riefen Besetzer am 3. Mai 1980 in Trebel die freie Republik Wendland als selbstverwaltetes Gemeinwesen ohne Atomkraft aus. Es wurde ein Dorf mit 100 Hütten erstellt; man gab eigene Pässe aus bis die Polizei am 4. Juni 1980 mit schwerem Gerät den Platz räumte und alles schliff. 35 Die alternativen Ideen setzten sich nicht durch: Ein kleiner Teil der Bewegung verlagerte sich daraufhin von Protest auf Gewalt. Die Ausschreitungen um das AKW Brokdorf wurden zum Symbol einer neuen Form des zunehmend militanten Protests. 36 Die radikalisierte RAF stieg gar ganz aus der Gesellschaft aus, um im deutschen Herbst gegen das Schweinesystem zu kämpfen. Der weitaus größere Teil etablierte jedoch im Bestehenden ein stetig wachsendes alternatives Milieu mit hohem Protestpotential. 37 Träger waren Post-68er, durch die sozialliberale Politik gut ausgebildet, aber dennoch mit schlechteren Lebenschancen als die Eltern ausgestattet, insofern von den Sozialdemokraten nachhaltig enttäuscht. 38 Rudi Dutschke forderte die Mitstreiter auf, gemeinsam den Marsch durch die Institutionen zu wagen, um die Gesellschaft nachhaltig zu übernehmen. Zum Ende der Dekade wurden die Inhalte des Protests über die Gründung der GRÜNEN in das tradierte System der repräsentativen Demokratie überführt. So wuchsen die Projekte. Waren 1980 noch Aktivisten in Projekten engagiert, zählten diese 1986 bereits Aktivisten in Projekten. 39 Sie schrieben eine Symbolik des Alternativen ins kulturelle Gedächtnis ein und verliehen dem eigentlich kurzfristigen Protest eine sinnstiftende Kontinuität. 40 Der Protest trug zu einem wirklichen Wertewandel, einer friedlichen Erneuerung der Gesellschaft bei, in dem die alternative Sinnsuche und Anmahnung den Mainstream um die Themen Umwelt, Konsum, Integration und Genderfragen erweiterte. 41 Im selben Maße, wie die jungen, empörten Akademiker Karriere machten, setzten sie ein neues Koordinatensystem durch. 42 Der Protest selbst und seine Themen eroberten langsam die Mitte der Gesellschaft. Man kann dies sehr eindrucksvoll an einem Beispiel sehen: Die Pop-Musik galt in den 60er Jahren noch als revolutionär, als Stil der Revolte. Mittlerweile ist sie selbst der Mainstream Kailitz, Susanne/Kottra, Kata: Demokratie ist anstrengend Dorothee Bär und Bernd Guggenberger im Interview, Das Parlament, 3. Januar Kaul, Martin: Wenn Utopie zum Alltag wird, TAZ, 5./ Balistier, Thomas: Straßenprotest in der Bundesrepublik Deutschland. Einige Entwicklungen, Besonderheiten und Novitäten in den Jahren 1979 bis 1983, S in: Warneken, Bernd Jürgen (Hrsg.): Massenmedium Straße. Zur Kulturgeschichte der Demonstration, Frankfurt/New York 1991, S Siegfried, Detlef: John Lennons Tod und die Generationswerdung der 68er, S in: APuZ 27/2010, S. 16. Walter, Franz: Gelb oder Grün? Kleine Parteiengeschichte der besserverdienenden Mitte in Deutschland, Bielefeld 2010, S. 75. Nutt, Harry: Wie wir wurden was wir sind. Von der Kommune zur alternativen Umzugsfirma: Die Rolle des alternativen Milieus, FR, Vgl. Protestbewegungen (1995), S in: Luhmann, Niklas: Protest. Systemtheorie und soziale Bewegungen, Frankfurt a.m. 1996, S Kaul, Martin: Wenn Utopie zum Alltag wird, TAZ, 5./ Walter, Franz: Gelb oder Grün? Kleine Parteiengeschichte der besserverdienenden Mitte in Deutschland, Bielefeld 2010, S. 88.

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