Joggen um den Jen-Ji-Hu

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1 Dienstag, 17. Juni 2008 Stuttgarter Zeitung Nr Eine Familie in C H I N A Joggen um den Jen-Ji-Hu Lutz Laumann ist auf Reisen, seine Frau plant den Abschied, und Emma will ihre Ruhe Teil vier der StZ-Serie Ein Mitbringsel aus China für die Töchter STUTTGART. Olympia naht, und die Welt schaut auf ein altes Reich, das ein neues Land werden will. Die Laumanns aus Ludwigsburg schauen mit: Im Jahr der Spiele zieht die fünfköpfige Familie nach China, wo der Vater für den Bosch-Konzern arbeiten wird. Wir begleiten sie. Von Michael Ohnewald Die Chinesen sind überall. Neulich ist Bruno frühmorgens aufgewacht und in die Küche gegangen. Vater Lutz saß dort verschlafen vor einem Espresso. Er war gerade von einer Dienstreise aus China nach Ludwigsburg zurückgekehrt. Sein vierjähriger Sohn schaute in sein übernächtigtes Gesicht und schrie plötzlich entsetzt: Papa, du hast ja in China Schlitzaugen bekommen. Es dauerte eine Weile, bis der müde Vater seinen aufgeweckten Sohn davon überzeugen konnte, dass er sich durch seine Reisen nach Fernost zumindest äußerlich nicht verändert hat. Dafür verändert sich sonst manches bei den Laumanns. Die ersten Kartons sind gepackt, Ende nächsten Monats zieht die Familie aus. Ich habe kaum Zeit, mich mit dem Gedanken zu befassen, dass wir bald gehen, sagt Sabine Laumann. Sie ist jetzt öfter allein mit den drei Kindern, weil ihr Mann sich in China einarbeitet. Die Mutter muss für die Umzugsfirma den Haushalt katalogisieren: Zwölf Ikea-Becher, drei WMF-Töpfe, vierzehn Gabeln. Das ist wichtig, falls das Containerschiff sinkt und die Versicherung einspringt. Und dann ist da auch noch die Abschiedsparty im Blühenden Barock. Fünfzig Leute haben zugesagt, Verwandte und Freunde kommen von weither. Es wird ein Abschied für länger. Immer öfter schreibt Sabine Laumann in diesen Tagen Briefe, die etwas Endgültiges haben. Kündigung der Musikschule für die Kinder, Kündigung der Versicherung, Kündigung im Sportverein, Kündigung im Automobilclub. Dazwischen packt sie ihre zwei Töchter und den Sohn ein und fährt zu den Ärzten, um sie impfen zu lassen gegen Tollwut und japanische Encephalitis. Nebenbei stehen letzte Zahnreparaturen auf dem Programm. Emma Laumann, acht Jahre alt und in der zweiten Klasse, hat gerade die Liste mit den neuen Schulkameraden bekommen. Viele von ihnen haben seltsame Namen. Sie stammen aus Neuseeland und Korea und Malaysia. Im Herbst wird sie mit diesen Kindern in Suzhou unterrichtet. Emma findet das aufregend. Ansonsten erzählt sie nicht viel. Alle reden nur noch von China, sagt sie. Am Anfang sei das toll gewesen. Jetzt ist es ätzend. Ihr Vater redet nicht nur oft von China, er lebt auch schon fast dort. Die Firma braucht ihn weniger in Feuerbach und mehr in Wuxi. Inzwischen freue ich mich, dorthin zu reisen. Sogar der Verkehr macht mir nichts mehr aus, weil ich weiß, dass der Firmenfahrer das Chaos beherrscht, sagt er nach seiner vierten Chinareise. Beim ersten Mal sei er noch stutzig geworden, als Herr Quian die Busse rechts überholt und Fußgängern mit Manövern des letzten Augenblicks ausgewichen ist. Alles Gewöhnungssache. Der Familienvater traut sich immer mehr zu in China. Vor einigen Tagen ist er in Suzhou zum Friseur gegangen. Er hat dort zwar keinen verstanden, war aber am Ende mehr als zufrieden. Vor allem die Massage, die ihm die Herren im Friseursalon verpasst hatten, die ein bisschen aussahen wie die Jungs von Tokyo Hotel, hat ihn überzeugt. Frisurtechnisch war auch nichts auszusetzen. Wehgetan hat ihm der Kopf dennoch bei dieser Reise, aber nicht wegen des Friseurs, sondern wegen der Abschiedsparty seines CHINA IM FOKUS Vorgängers. Die chinesischen Kollegen wollten unbedingt mit dem neuen Mann im Restaurant ein Bier trinken. Gan bei nennt sich das Ritual. Frei übersetzt könnte man sagen: Hoch die Krüge und runter das Zeug auf Ex. Da es eine ganze Menge Kollegen waren, die den Deutschen willkommen hießen, blieb ihm der Abend länger in Erinnerung. Wie es sich gehört, ist Lutz Laumann am nächsten Morgen trotzdem pünktlich im Bosch-Werk erschienen. Für gewöhnlich lässt er sich gegen halb acht vom Werksfahrer abholen. Mit ihm fährt er über das nächste Autobahnkreuz ins vierzig Kilometer entfernte Wuxi, vorbei an bunten Olympiaringen und frisch gepflanzten Bäumen. Anders als im chronisch verstauten Schanghai ist der Verkehr auf dieser Strecke noch erträglich. In Wuxi fühlt sich Lutz Laumann fast so wie in Feuerbach. Überall Menschen mit Ich freue mich auf den Flug nach China. Da bestelle ich ein Cola und schaue Fernsehen. Emmas aktuelle Überlegungen zum nahenden Umzug ihrer Familie Werkskleidung samt Bosch-Emblem. Nur das Mittagessen ist ein bisschen anders als zu Hause. Es gibt viele kleine Schalen, und gegessen wird mit Stäbchen. Der Ingenieur hat sich beim Chinesen in Ludwigsburg darauf vorbereitet und isst jetzt schon unfallfrei mit dem zierlichen Besteck. Im neuen Haus der Familie, in dem er während seiner Chinareisen bereits übernachtet, greift er auf die vertrauten Werkzeuge zurück, auch wenn es davon in der Küche noch nicht allzu viele gibt. Die meisten Sachen sind noch in Ludwigsburg. Einmal hatte ich richtigen Frust, sagt er. Ich hier ganz allein, die Familie zu Hause. Da ist er joggen gegangen am Jen-Ji-Hu, einen See, nicht weit vom neuen Mietshaus entfernt. Dabei ist er vielen grinsenden Chinesen begegnet, die meisten von ihnen langsamer unterwegs und hip angezogen. Lutz Laumann war viel zu warm eingepackt und schwitzte wie ein Saunaheizer. Die meiste Zeit verbringt der Gastarbeiter im Büro. Er kann von seinem Arbeitsplatz auf eine Fabrikhalle sehen, die noch verwaist ist. Nebenan werden bereits im Dreischichtbetrieb Dieseleinspritzanlagen für den chinesischen Markt produziert. Der Bosch-Konzern wächst in China wie sonst nirgendwo. Einer, der sich auskennt mit der Zukunft in Fernost, ist Elmar Weitzel. 52 Jahre alt ist er, und fast die Hälfte davon arbeitet der Manager für Bosch. Stuttgart, Japan, Südkorea und jetzt China. Executive Vice President, steht auf seiner internationalen Visitenkarte. Weitzel ist kaufmännischer Geschäftsleiter der Holding und hat sein Büro im Bank of China Tower in Schanghai. Der Asienexperte kennt Land und Leute. Hier gibt es eine unglaubliche Dynamik, sagt Weitzel. Er kann das mit Zahlen belegen hat Bosch in China einen Umsatz von 1,3 Milliarden Euro eingefahren waren es 1,8 Milliarden. Für dieses Jahr geht der internationale Autozulieferer von einem Wachstum um 30 Prozent aus. Vor allem die sparsame Dieseltechnik verheißt Umsatz in China. An vier Standorten arbeiten für Bosch heute Menschen: in Schanghai, Xian, Chong Chin und in Wuxi, wo auch Lutz Laumann künftig sein Büro hat. Bald schon sollen es Boschler in China sein. Bisher hätten vierzig Prozent der Chinesen vom neuen Leben im alten Reich profitiert, sagt Weitzel. 60 Prozent seien für den Wohlstand noch gar nicht erschlossen. Der Manager gehört nicht zu denen, die den Stab über die chinesische Zentralregierung brechen. In Peking würden auch viele vernünftige Entscheidungen getroffen. Mehr Biotechnologie, mehr Windkraft, keine alten Dieselbusse mehr in Großstädten, Schutz vor Markenpiraterie. Inzwischen leiden auch chinesische Firmen unter diesem Phänomen, die werden auch gnadenlos kopiert, sagt Weitzel. Abgesehen davon, dass neulich eine Nahrungsmittelfirma kopierte Bosch-Zündkerzen ausführen wollte, sei das Unternehmen von größeren Schäden verschont geblieben. Was vielleicht auch daran liegt, dass die Firma eine lange Tradition in China hat und den Markt kennt. Schon 1909 wurde die erste Vertretung in Schanghai eröffnet nächstes Jahr wird das in China groß gefeiert. Dann ist auch Lutz Laumann dabei. Im August zieht seine Familie ins Land des Wachstums. Alle Folgen der Serie sind nachzulesen unter Beim Chinesen in Ludwigsburg üben die Laumanns schon mal für die Zukunft. In der Feuerbacher Firma ist Lutz Laumann nur noch selten. Er wird in China gebraucht. Fotos Achim Zweygarth

2 Samstag, 13. September 2008 Stuttgarter Zeitung Nr Eine Familie in C H I N A Spätzle süß-sauer Die Laumanns haben ihr neues Haus in Suzhou bezogen und leben sich ein Teil sechs der StZ-Serie SUZHOU. Gebannt schaut die Welt auf ein altes Reich, das ein neues Land werden will. Die Laumanns aus Ludwigsburg schauen mit: Vor vier Wochen ist die fünfköpfige Familie in China angekommen, wo der Vater für den Bosch-Konzern arbeitet. Wir begleiten sie. Von Michael Ohnewald Stumm treibt die alte Chinesin ihre Spitzhacke in die Erde des feuchten Niemandslands. Für einen Moment zieht sie ihren Strohhut ab und wischt sich mit einem roten Tuch den Schweiß von der Stirn. Hinter ihr ducken sich die schlichten Flachbauten der chinesischen Wanderarbeiter unter den neuen Wolkenkratzern von Suzhou. Vor ihr liegt das umzäunte Viertel der Wanderarbeiter aus Deutschland, die es ein bisschen besser haben. Fast jeden Tag kommt sie herüber, um den verwilderten Grünstreifen zwischen dem einen und dem anderen China zu bewirtschaften. Die Frau mit dem Strohhut baut Gemüse an, das Nötigste zum Leben. Die Laumanns bauen mit am Aufschwung. Vom Fenster im ersten Stock ihres neuen Hauses können sie die Gärtnerin beobachten. Es ist Samstagmorgen. Der chinesische Wachmann im überwiegend von Deutschen bewohnten Viertel grüßt freundlich unter einem weißen Sonnenschirm. Zehntausend Kilometer von zu Hause entfernt macht sich Sabine Laumann zur Garage einer Nachbarin auf. Um zehn Uhr kommt Karl-Heinz Tenne. Der Mann weiß, was Balsam für die heimatverbundene Seele ist. Tenne betreibt in Schanghai die einzige deutsche Bäckerei und versorgt seine Landsleute mit Brötchen, Brezeln, Bienenstich und Bergsteigerbrot. Der drahtige Lieferant legt seine Backwaren in blauen Körben aus. Man spricht Deutsch vor der Garage. Schwäbische Dorfbrunnenatmosphäre an der Ostküste Chinas. Rote 100-Yuan-Scheine gehen über den weißen Klapptisch. Das Geschäft läuft Deutsche soll es rund um die 17-Millionen-Stadt Schanghai geben. Tenne hat daraus den richtigen Schluss gezogen. Bis vor drei Jahren war der 54-jährige Maschinenbauingenieur selbst als Führungskraft im Auslandseinsatz und baute Schaltschränke auf. Weil der Bremer in China das deutsche Brot vermisst hat, machte er sich selbstständig, stellte einen deutschen Bäcker ein und mietete ein Ladengeschäft unweit der deutschen Schule. Auf dem reich gedeckten Frühstückstisch bei Laumanns steht chinesischer Honig neben Kirschmarmelade, Nutella und Cappuccino aus der Bosch-Maschine. Es gibt fast alles zu kaufen in Suzhou, das 150 Kilometer von Schanghai entfernt liegt und wegen der vielen Kanäle als Venedig des Ostens gilt. In der 5,7 Millionen Einwohner zählenden Metropole gibt es einen künstlich angelegten See und hübsche Parks, aber auch Hunderte von Hochhäuser ohne eine Hoffnung Grün dazwischen. Die Laumanns haben einen gepflegten Rasen um ihr neues Heim, und auf der Straße zwischen den Immobilien des westlichen Komfortstandards können die Kinder gefahrlos spielen wie früher zu Hause. Man lebt deutsch im Viertel. Im Speisekammerregal lagern badischer Wein und schwäbische Spätzle. An der Einfahrt steht ein Volkswagen, die Kinder gehen zur deutschen Schule und Lutz Laumann in eine deutsche Firma, bei der deutsche Führungskräfte die Mittagspause in der chinesischen Kantine schon mal mit einem herzhaften Mahlzeit einläuten. Die fünfköpfige Familie aus Ludwigsburg ist vor vier Wochen angekommen, hat gerade den Container geleert und das Haus eingerichtet. Drei Jahre werden sie hier bleiben. Alles ist noch unvertraut. Beim Eingewöhnen helfen der Fahrer Qian Hong und die Haushälterin Zhang Ayi. Beide hätten sich die Laumanns zu Hause nicht leisten können. Da sind sie selbst gefahren und haben selbst geputzt. Aber da hatten sie auch nur eine Toilette. Im neuen Heim ist mehr Platz. Es gibt drei Bäder, und die werden häufig benutzt. Im Sommer liegt die Luftfeuchtigkeit in Suzhou bei 90 Prozent und die Temperatur bei 38 Grad. Für die Chinesen sind die schwitzenden Langnasen aus Ludwigsburg eine Attraktion. Der vierjährige Bruno wird fast bei jedem Spaziergang mit aufs Foto gebeten, wenn der Familie chinesische Ausflügler begegnen. Er fängt an, das zu genießen, und grinst wie Brad Pitt bei der Oscarverleihung. Die kleine Carla findet den Rummel um die Fremdlinge weniger lustig. Es ist blöd, dass die Chinesen immer so auf uns schauen. Mit ihrer Schwester Emma geht Carla jetzt auf eine internationale Schule mit deutscher CHINA IM FOKUS Bootstour um den Tiger Hill von Suzhou. Die fünf Laumanns erkunden am Wochenende ihre neue Umgebung. Faszinierende Widersprüche: alte Rikscha vor neuer Boutique Abteilung Euro im Jahr kostet der Schulplatz pro Kind. Bruno wird dort im Kindergarten betreut. Alle drei tragen die vorgeschriebene Schuluniform, was den Alltag insofern erleichtert, als morgens die nervenden Debatten mit den Mädels um die richtige Garderobe entfällt. In der Schule werden die Kinder von deutschen Lehrern unterrichtet. Die größte Klasse hat zwölf Schüler, die kleinste einen. Emma, Carla und Bruno essen in der Schule und werden um 16 Uhr wieder mit dem Bus nach Hause gebracht. Für sie und ihre Eltern waren die ersten Tage aufwühlend und voller Eindrücke aus zwei Welten. China ist ein Land, nicht mehr ganz fernöstlich, aber auch noch nicht westlich, ein Land, in dem nicht mehr die reine alte Lehre gilt, aber noch keine neue, ein Land, in dem grell erleuchtete Fassaden gigantisch wachsender Metropolen alte Stadtviertel ersetzen. Ein Land im Wandel, dessen Tempo so rasant ist, dass heute schon überholt ist, was gestern noch galt. Was die Familie bisher erlebt hat, lässt hoffen. Ich kann mir vorstellen, hier zu leben, sagt Sabine Laumann. Es ist alles ein bisschen ruhiger, das hat mit der lockeren chinesischen Mentalität zu tun. Immer wieder staunt sie über faszinierende Widersprüche. Klapprige Rikschas vor Edelboutiquen mit barbusigen Schaufensterpuppen, junge Chinesen im Stil der Buben von Tokio Hotel Chinesen wohnen in solchen Bauten... neben alten Menschen, die noch in Maos Gedankenwelt leben und sich auch so kleiden. Lutz Laumann zieht sich nicht anders an als zu Hause, wenn er ins Büro geht. Der Wirtschaftsingenieur arbeitet in der IT-Abteilung eines neuen Bosch-Werks und kümmert sich dort um reibungslose Werkprozesse. Das Unternehmen brummt. Die Stuttgarter versorgen den lokalen Markt mit Dieseltechnik. Die 30-millionste Einspritzdüse ist gerade verkauft worden. Der Markt ist gewaltig. 50 Millionen Fahrzeuge sind in China unterwegs, jeden Monat kommen Autos dazu. Die Laumanns sind teilnehmende Beobachter und positiv überrascht von jenem Land, das von so vielen Vorurteilen umweht wird. Sie haben erste Ausflüge gemacht, Restaurants ausprobiert und eingekauft. Am Wochenende traut sich Lutz Laumann schon mal selbst ans Steuer, obwohl er die meisten Verkehrsschilder nicht lesen und letztlich hier auch keinen nach dem Weg fragen kann. Die Tage in Suzhou sind voller Abenteuer. Wenn sie Sehnsucht haben nach alten Freunden, schmeißen sie ihren Rechner mit der Kamera an und lassen sich übers Internet ein bisschen Heimat in die Wohnstube wehen. Bis jetzt fehlt mir hier noch nichts, sagt Lutz Laumann. Ach doch, fügt er hinzu. Den Tatort am Sonntagabend, den vermisse ich schon. Die gesamte Serie ist nachzulesen unter In vier Wochen erscheint die letzte Folge. Fotos Achim Zweygarth... die Laumanns haben es etwas hübscher. Carla aus Deutschland gilt als Attraktion. Sie wird oft von Einheimischen fotografiert. Einkaufsbummel durch die Stadt

3 Dienstag, 5. Juni 2007 Stuttgarter Zeitung Nr Menno Harms ist 67 und kein bisschen müde. Für ein Leben zu Hause ist er nicht geschaffen. Ich werde die nächsten zwanzig Jahre tätig sein, sagt der Unternehmer. Foto Heinz Heiss Irgendwie ist Menno Harms ein Mann, zu dem das Wort irgendwie gut passt. Er gibt sich offen und bleibt dabei gerne unverbindlich. Er predigt die große Freiheit und legt sich selbst in Ketten. Er redet von Grundsatz und betont den Umsatz. Er ist 67 und wirkt wie einer, der bei seiner rastlosen Wanderung durch die globale Welt der Wirtschaft einen Jungbrunnen entdeckt hat. An diesem Morgen steht Menno Harms auf seiner Terrasse am Bopser in Stuttgart. Der Hausherr sieht an diesem Ort weit über die Stadt hinaus, und manchmal sieht er auch in sich hinein. Im Herbst 1999 ist er öfter hier gewesen. Er hat sich Zeit genommen für den Blick nach innen, dem ein Schritt nach außen folgte. Menno Harms, herausragender Repräsentant der baden-württembergischen Industrie, Urgestein der Hewlett-Packard GmbH, Vorsitzender der Geschäftsführung, Herr über 8500 Mitarbeiter und Sachwalter von 5,5 Milliarden Euro Umsatz, fasste den Entschluss, die Firma zu verlassen und seinem Leben eine andere Richtung zu geben. Wann genau dieses Gefühl das erste Mal da war, kann er nicht mehr sagen. Es hatte sich im Herbst 1999 langsam in sein Unterbewusstsein geschlichen und sich dort eingenistet. Menno Harms war im September 60 geworden und wollte raus aus dem Hamsterrad und träumte von einer eigenen kleinen Firma, in der er selbst bestimmen könnte, wie schnell sich alles dreht. Als im Dezember überraschend sein sieben Jahre jüngerer Bruder Klaus B. Harms, ein geachteter Theaterkritiker, an den Folgen eines Herzanfalls starb, wurde dem Manager auf brutale Weise die Endlichkeit des Seins bewusst. Da hat Menno Harms getan, was ihm viele nicht zugetraut hätten: Er hat Schluss gemacht und nach mehr als dreißig Jahren eine innige Beziehung beendet, die ihm mehr bedeutet hatte, als er sich jemals eingestehen wollte. Das mit der Seelenverwandtschaft zu seiner Firma, wie er es nennt, hat eine längere Vorgeschichte. Menno Harms entstammt keiner typischen Unternehmerfamilie. Sein Großvater hat das Institut für Weltwirtschaft in Kiel gegründet, sein Vater war Oberstabsarzt bei der Marine. Der Zeitgeist saß beim Essen mit am Tisch in Nordenham an der Unterweser. Geprägt war er von preußischen Tugenden, von Disziplin, der Sehnsucht nach Ordnung und vom Denken in Hierarchien. Nach Abitur und Militärdienst kam Menno Harms 1961 nach Stuttgart, um Elektrotechnik zu studieren. Das Nordlicht lernte die Südtirolerin Ursula Mumelter kennen, die an der Kunstakademie studierte. Auf dem Weg zu ihrer Wohnung kam Menno Harms öfter an einem überschaubaren US-Unternehmen vorbei, das 1959 in Böblingen eine deutsche Dependance aufgemacht hatte. Die Firma war 1938 von William Hewlett und David Packard in einer kleinen Garage in Palo Alto gegründet worden und hatte sich auf Messgeräte spezialisiert. Menno Harms suchte dringend eine Anstellung, fragte im Personalbüro nach und bekam einen Job als Entwicklungsingenieur. Das war im Februar 1968, und er hatte die Personalnummer 659. Der ewige Manager Ein Unfall, ein Zufall, ein Glücksfall und nichts ist mehr, wie es war. Mit solchen Momenten im Leben beschäftigt sich Michael Ohnewald in der Serie Wendepunkte. Und mit Menschen wie Menno Harms. Der Manager ist ausgestiegen, um überraschend wieder einzusteigen. Seinen ersten Tag in der Hewlett-Packard GmbH hat der Hochschulabsolvent auf seine ganz eigene Art als Wendepunkt erlebt, der ihn verändern sollte. Ich war auf einer deutschen Schule, bei der deutschen Marine, auf einer deutschen Universität, und plötzlich stand ich in einem amerikanischen Unternehmen, sagt er. Dort gab es keine Stechuhren, und alle nannten ihn Menno. Der Chef in seiner Abteilung verschanzte sich nicht hinter einem mit Stechpalmen bewehrten Vorzimmer, das Großraumbüro gehörte zur Firmenkultur wie die gemeinsame Kantine, die morgendliche Durchsage des Aktienkurses und die Freitagsansprache zum Stand der Dinge. Menno Harms war begeistert, beinahe erleuchtet. Er glaubte, den Geist aus der Garage zu spüren, und wollte ein Teil dieser Bewegung sein. Er genoss die Freiheit am Arbeitsplatz, das Kontrastprogramm zur zeiterfassten Reglementierung in vielen Betrieben jener Zeit. Der Einsteiger verdiente 300 Dollar, und ein Dollar, das waren vier Mark. Die deutsche Niederlassung galt als verlängerte Werkbank der amerikanischen Kollegen. Geräte aus den USA bauten sie zusammen. Von Computern und Druckern fürs große Volk der Anwender redete noch keiner. Der ehrgeizige Ingenieur hängte sich rein, erfüllte die vorgegebenen Ziele und schob sich langsam auf der Karriereleiter nach oben. Erst baute er eine Abteilung auf, dann leitete er die nächste. Irgendwann war er General Manager, zwei Jahre später rückte er in die Geschäftsführung auf, im Mai 1993 war er als Vorsitzender der Geschäftsführung ganz oben auf der Leiter. Ich wollte das Unternehmen nicht enttäuschen, sagt Menno Harms und meint, dass dieser Satz seine steile Karriere hinreichend charakterisiert. Er stand für Kontinuität und zugleich für die organisatorische Reform, die er anpackte. Wachse oder weiche, hieß es im schnellen Geschäft mit der Informationstechnologie. Solche Himmelfahrtskommandos sind gut bezahlt, aber sie haben auch ihren Preis. Seine drei Kinder bekamen ihren Vater oft tagelang nicht zu Gesicht. Verantwortung ist schön, aber sie hat auch ihre Schattenseiten, sagt Menno Harms. Um nicht konkreter und persönlicher werden zu müssen, spricht er von Work-Life-Balance, von der Balance zwischen Arbeit und Leben, und davon, dass bei ihm zu viel Gewicht auf der Arbeit lag. Menno Harms hegte die Firmenkultur, für die er sich bis heute begeistert. Er beschwor den Teamgeist und predigte menschorientiertes Management. Als Chef stellte er seinen Schreibtisch alle paar Monate irgendwo anders auf, um näher an den Leuten zu sein. Er nannte es desking around, manche seiner Kollegen in der Wirtschaft nannten es albern. Aber es ging nicht nur um wandernde Tische, sondern auch um Profit. Damit der stimmte, hat Menno Harms mit weichem Zungenschlag harte Einschnitte verkündet. Man muss vom Ergebnis überzeugt sein, sonst geht das nicht, sagt er und fügt hinzu: Eine Unternehmenskultur, die auf Vertrauen setzt, ist am besten in der Lage, die divergierenden Ziele von Arbeit und Kapital zusammen zu bringen. Solche Sätze gibt er gerne von sich, auch als Lehrbeauftragter an der Universität in Stuttgart. Sie klingen schön, viel schöner als Sätze, in denen das Wort betriebsbedingte Kündigung vorkommt. Seine eigenen Kündigung nach mehr als dreißig Jahren war nicht betriebsbedingt, sie war unbedingt. Sie kam von innen heraus, und sie kam plötzlich. Im Frühjahr 2000 trat Menno Harms als Chef des Unternehmens ab, übernahm den Vorsitz im Aufsichtsrat von Hewlett-Packard und gründete die Menno Harms GmbH, deren Ziel es ist, junge Firmen aus Amerika und Asien nach Deutschland zu holen. Frei wie ein Vogel wollte er sein und bloß nicht zu denen gehören, die an einem Punkt angelangt sind, an dem ihr Leben nicht mehr vom Geburtsdatum, sondern vom imaginären Sterbedatum definiert wird. Mehr Zeit haben wollte er für die Stuttgarter Kultur, für gute Bücher, für Reisen nach Italien, für ausgiebige Spaziergänge mit seiner Frau, für seine Enkeltochter, für die Grundsatzkommission der FDP, für die Aufsichtsratsposten bei der Jenoptik, bei Dürr und HP. Zwei Jahre hat er es ausgehalten ohne die HP-Family, dann meldete sich die Konzernchefin Carly Fiorina bei ihm, weil das Unternehmen den Rivalen Compaq übernommen hatte, und sie in ihm einen Garanten für eine ruhigere Integration ausmachte, mit der viele Kündigungen verbunden waren. Da hat er nicht lange überlegt ( Ich wollte mich nicht verweigern ) und den Aufsichtsrat verlassen, um wieder HP-Deutschlandchef zu werden. Die Gattin Ursula wurde Geschäftsführerin der Menno Harms GmbH, und ihr Mann machte seinen Job in Böblingen, als wäre er nie weg gewesen. Für Außenstehende ist so eine Wende nach der Wende nicht leicht zu verstehen. Man kann sich das vielleicht so vorstellen wie bei einem Karpfen, der in einer Badewanne lebt und schon so lange drin ist, dass er sie für seine wahre Heimat hält und gar nicht mehr raus will. Menno Harms ist noch einmal zwei Jahre in der Wanne geblieben, bevor er sich 2005 endgültig freigeschwommen hat. Oder doch nicht? Er hat seine Firma wieder zum Leben erweckt, bleibt aber im HP-Aufsichtsrat, und genau genommen hat er sein Großraumbüro nur ein bisschen ausgedehnt. Was kommt, das weiß er nicht und will es auch gar nicht wissen. Mit vorauseilenden Befunden vom Zu-alt-sein hält sich Menno Harms nicht mehr auf, seit er ausgestiegen ist, um wieder einzusteigen. Er lebt die große Freiheit jetzt auf seine Weise. Ich werde die nächsten zwanzig Jahre tätig sein, sagt er. Es ist ihm zuzutrauen, irgendwie. Die Serie erscheint in loser Folge auf dieser Reportageseite. Sie ist nachzulesen unter

4 30 Nr. REPORTAGE STUTTGARTER ZEITUNG 228 Samstag, 2. Oktober 2010 UnsereNachbarnvonderMafia Organisiertes VerbrechenDie Ndrangheta gilt als reichste und beweglichste Mafia Italiens. In der Region Stuttgart dehnt sie ihren Einfluss seit Jahren in Wirtschaft und Politik aus. Die deutschen Ermittler wirken gefährlich ratlos. Von Hariolf Reitmaier und Michael Ohnewald Stuttgart ist schon seit langem eine Hochburg der Mafia. PetraReski, Buchautorin Als der Killer mit kalter Sachlichkeit seines Amtes waltet, weht eine laue Sommerbrise durch die Stadt. Es ist spät am Abend, Luigi Ferrara stellt seinen Wagen vor dem Haus ab. Aus zehn Metern feuert der wartende Killer drei Schüsse auf den italienischen Kaufmann ab. Ferrara bricht vor der Wohnungstüre zusammen. Das reicht dem Schützen nicht. Er nähert sich langsam, um den Auftrag mit dem Behagen eines Mannes zu vollenden, der Freude empfindet am tödlichen Werk. Zeugen hören nach den ersten Schüssen ein Lachen, unverhohlen und markerschütternd. Anschließend jagt der Mörder seinem wehrlosen Opfer aus weniger als sechzig Zentimetern zur Sicherheit zwei weitere Kugeln in den Kopf. Am 28. Juli 1997 starb Luigi Ferrara im Kugelhagel, mitten in einem belebten Wohngebiet in Ludwigsburg. Mehr als 13 Jahre nach diesem Mord gibt es noch immer keine Spur zum Täter. Allein eines ist für die Fahnder klar: die tödlichen Grüße an den Kaufmann kamen aus Italien. Die Mafia, dies offenbart nicht nur der Mord an Luigi Ferrara, ist kein aus der Zeit gefallener Folkloreclub, sondern eine ultramoderne Verbrecherorganisation, die längst auch in Baden- Württemberg operiert. Vor allem im Ballungsraum am Neckar, wo Italiener leben, hat sie Fuß gefasst und versucht über wirtschaftlichen Einfluss ihre politische Macht zu stärken. Die Region erweise sich als besonders gutes Pflaster, weil die Mafia hier gefährlich unterschätzt werde, meint die in Venedig lebende Journalistin Petra Reski, die sich seit langem mit dem Verbrechersyndikat beschäftigt. Stuttgart ist seit Jahrzehnten eine Hochburg der Mafia in Deutschland, speziell zweier Clans der kalabrischen Ndrangheta, die auch die umliegenden Orte wie Waiblingen, Ludwigsburg, Esslingen, Fellbach als ihr ureigenstes Terrain betrachten, sagt sie. Die Mafia kam im Gefolge der Gastarbeiter und ist bis in höchste Gesellschaftsspitzen vorgedrungen. Heute macht sie in Stuttgart ihre Geschäfte in der Bauindustrie, im Immobilienhandel, in der Gastronomie. Italienische Ermittler bestätigen das. Im süddeutschen Raum ist die Region Stuttgart in fester Hand kalabrischer Gruppierungen von Ciró, insbesondere des Clans von Farao, sagt Roberto Scarpinato, leitender Oberstaatsanwalt der Abteilung Mafiabekämpfung in Palermo. Einem als vertraulich eingestuften Bericht ( VS nur für den internen Dienstgebrauch ) des Bundeskriminalamts zufolge hat sich eben dieser Clan in den vergangenen Jahren beachtlich verstärkt. In der 236 Seiten umfassenden Analyse, die der Stuttgarter Zeitung vorliegt, ist die Rede von einem deutlichen Qualitätssprung. Aufgelistet sind deutschlandweit mehr als 750 mutmaßliche Mafiosi, die im Verdacht stehen, für die Ndrangheta zu arbeiten. Auffällig viele von ihnen wohnen rund um Stuttgart. Einer der genannten Namen ist den Beamten zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität bestens bekannt. Es handelt sich um einen früheren Promiwirt aus Stuttgart-Weilimdorf, der 1993 deutschlandweit in die Schlagzeilen geriet, weil man ihn der Geldwäsche im großen Stil bezichtigte. Der Fall bekam dadurch besondere Brisanz, dass der süditalienische Kneipier häufiger einen Gast hatte, den er gern als meinen Minister bezeichnet hat. Gemeint ist der damalige CDU-Fraktionschef im Landtag und heutige EU-Kommissar Günther Oettinger, der gerne und oft seinen Feierabend im Weilimdorfer Restaurant ausklingen ließ. Da Fahnder das Telefon des Lokals über Monate abhörten, Es gibt Hinweise auf Investitionen in großer Höhe. AusdemBerichtdes Bundeskriminalamts wurde auf diese Weise so manches auf Tonbändern konserviert, was der italophile Christdemokrat zu vorgerückter Stunde über politische Freunde und Feinde zu erzählen wusste. Die Sache mündete in einen für Oettinger pikanten Untersuchungsausschuss baden-württembergischen im Landtag. Schon damals wurde im Auftrag des Stutt- Nach einem Bericht des Bundeskriminalamts ist die Mafia aus Kalabrien mit Vorsicht zu genießen. In Stuttgart geht sie ihrem Geschäft weitgehend unbehelligt nach. Foto: vario images garter Justizministeriums ein Geheimdossier zur lokalen Mafiaszene angefertigt. Darin beschrieben die Ermittler, wie Jugoslawen und Italiener um die Vorherrschaft in der Stuttgarter Zockerszene streiten. Ein Jugoslawe kam dabei ums Leben. Die Polizei konnte drei Täter ermitteln, die später zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt wurden. Auffällig war für die Fahnder, dass alle Täter und sonstigen Verdächtigen aus Ciró stammten, jenem 5000-Einwohner-Städtchen aus dem kalabrischen Hinterland. Trotz dieser Erkenntnisse blieb die kriminelle Parallelgesellschaft weitgehend unbehelligt. Zwar wurde der überwachte Gastronom später wegen Steuerhinterziehung zu 21 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung und Rückzahlung der Steuerschuld von 1,3 Millionen Mark verurteilt sowie aufgrund einer internationalen Ausschreibung von den italienischen Behörden wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung nach Art der Mafia in Deutschland festgenommen. In seiner Heimat kam der ausgelieferte Wirt jedoch schon bald wieder frei, was er gebührend im Weilimdorfer Ristorante feierte. Seine landsmannschaftliche Karriere hat dies eher beflügelt. Das Bundeskriminalamt geht davon aus, dass der Kneipier durch seinen Freispruch intern sogar aufgestiegen ist. Er soll eine gehobene Stellung innerhalb des Clans Greco und auch des Clans Farao haben und für die finanziellen Aspekte verantwortlich sein. Gleich hinter ihm ist in der BKA-Verschlusssache ein mutmaßlicher Vertrauter aufgeführt, der ebenfalls als Gastronom in Stuttgart angesiedelt ist. Es handelt sich dabei um einen bisher kriminalpolizeilich unbescholtenen Mann, der in jüngster Zeit zweimal in Erscheinung trat. Am 30. Dezember 2009 zeigte ihn die Bild -Zeitung groß auf einem Foto neben dem Ministerpräsidenten Günther Oettinger, der vor seinem Wechsel nach Brüssel stand. Stammkunde Oettinger sagt Ade, titelte das Blatt in dicken Lettern und zitierte den Wirt namentlich mit den Worten: Schade, ein Freund geht. In der vergangenen Woche hat den im BKA-Bericht erwähnten Freund des Exministerpräsidenten ein weiteres Mal das Licht der Öffentlichkeit gestreift und zwar in einer heiklen Angelegenheit. Der Name des Gastwirts tauchte bei einer Verhandlung im Stuttgarter Landgericht auf. Dort befasst sich die Justiz zurzeit mit dem versuchten Mord an dem Stuttgarter Herrenausstatter Felix W. Der Modemacher mit exquisiten Geschäften in Stuttgart, Zürich und München, der auch als Projektentwickler von Immobilien auftritt, war im November vorigen Jahres auf seinem Firmengelände von Maskierten überfallen und brutal mit zwei Schüssen niedergestreckt worden. Der Unternehmer, der sofort Der Raum Stuttgart ist in der Hand kalabrischer Gruppen. RobertoScarpinato, Oberstaatsanwalt das Bewusstsein verlor, überlebte den perfiden Anschlag nur mit Glück. Vier Italiener wurden von der Polizei gefasst. Sie müssen sich nun vor dem Landgericht verantworten. Wie sich bei den Ermittlungen der Stuttgarter Kriminalpolizei herausstellte, waren zwei der Tatverdächtigen in jüngster Zeit ausgerechnet bei jenem italienischen Gastronomen beschäftigt, der sich via Zeitung selbst als Freund des scheidenden Ministerpräsidenten bezeichnet hatte. Die beschuldigten Männer arbeiteten für ihn am Umbau eines Restaurants. Die polizeiliche Vernehmung des Gastwirts wurde vor Gericht zwar erörtert, allerdings ohne auf mögliche Hintergründe der nächtlichen Tat einzugehen. Das Wort Mafia jedenfalls tauchte bei dieser Gelegenheit nicht ein einziges Mal auf. Dabei hatte die Stuttgarter Kriminalpolizei, die den mutmaßlichen Tätern vor allem durch überwachte Handys auf die Spur kam, genau darauf abgehoben. Die Gesamtumstände deuten darauf hin, dass im Hintergrund mafiöse Strukturen für die Tat mitverantwortlich waren, heißt es im Ermittlungsbericht, der dieser Zeitung vorliegt. Zwei der vier Beschuldigten, so ist dort zu lesen, könnten sogenannte Pentolante sein geschultes Personal, das aus Italien anreist, um ein Problem zu lösen, wie einst vor dem Haus von Luigi Ferrara. Weil sich die vier Angeklagten im Fall Felix W. bei den Vernehmungen nach Kräften bemühen, ihre Komplizen nicht zu belasten, geht die Polizei davon aus, dass sie sich an das Gesetz des Schweigens halten. Aufschlussreicher Lesestoff, könnte man meinen. Doch über die Mafia will niemand öffentlich reden bei der juristischen Aufarbeitung im Landgericht. Für Petra Reski, die gerade ein neues Buch mit dem Titel Von Kamen nach Corleone Die Mafia in Deutschland veröffentlicht hat, passt das ins Bild. Die Journalistin beklagt, dass die gut organisierten Machenschaften italienischer Clans in Deutschland allzu oft verschwiegen oder mindestens fahrlässig unterschätzt werden. Ein ganzes Kapitel ihres neuen Buchs hat sie Stuttgart gewidmet. Wie selbstverständlich sich die kalabrischen Mafiosi dort bewegen, lege nicht zuletzt die Wahlfälschungsaffäre um den römischen Senator Nicola di Girolamo nahe, der zwischenzeitlich als mutmaßlicher Protagonist eines gewaltigen Geldwäscheskandals der Ndrangheta festgenommen wurde. Besonders gute Drähte hatte der Senator nach Stuttgart. Der politisch völlig unbekannte di Girolamo, der meist in Brüssel residierte, hatte im April 2008 bei der Parlamentswahl als Auslandsitaliener kandidiert und auf Anhieb rund Stimmen eingefahren. Die meisten waren nach Ansicht italienischer Fahnder von der Ndrangheta gekauft, besonders viele davon im Raum Stuttgart. Die Sammelstelle für die gefälschten Wählerstimmen befand sich nach Erkenntnissen römischer Staatsanwälte in einem Inter- Mailand-Fanclub bei Stuttgart. Bisher gelang es den deutschen Fahndern meistens nur, einzelnen Mafiosi konkrete Delikte nachzuweisen. An die Organisation dahinter kamen sie nicht heran. Wenn wir Hinweise oder Hilfeersuchen aus Italien bekommen, reagieren wir sehr schnell, sagt Horst Haug, Sprecher des Landeskriminalamts. Genügt das bei einem Gegner, der Deutschland nicht mehr nur als Rückzugsgebiet, sondern verstärkt als Operationsgebiet nutzt? Nach Meinung italienischer Mafiafahnder sind die Deutschen zu weich bei ihren Ermittlungen. Die bewegliche Ndrangheta werde in ihrem Entfaltungsdrang kaum gestört. Für Manfred Klumpp, den Landesvorsitzenden des Bundes deutscher Kriminalbeamter, ist dies kaum verwunderlich. Statt Mafia heißt das große polizeiliche Thema derzeit im Land Stuttgart 21, sagt er gallig und ergänzt: In Sachen Mafia verfügt die baden-württembergische Polizei bisher nur über stumpfe Schwerter! Anders als in Italien sei die Zugehörigkeit zur Mafia in Deutschland kein strafbares Delikt. Wer uns den Zugriff auf Telefon- Die Polizei im Land verfügt nur über stumpfe Schwerter. ManfredKlumpp, Kriminalbeamter und Internetverbindungsdaten verbietet, wie jüngst das Bundesverfassungsgericht, erstickt erfolgreiche Mafiaermittlungen schon im Keim. Auch bei Geldwäscheverdacht sind wir machtlos, solange es nicht wie in Italien die Beweislastumkehr gibt, sagt Klumpp. Man muss sich schon die Frage stellen, ob diese stumpfen Schwerter vielleicht nicht doch auch politisch gewollt sind, wenn dazu noch immer mehr Personal bei der Polizei abgebaut wird.

5 Samstag, 29. Juli 2006 Stuttgarter Zeitung Nr Verteidiger auf allen Plätzen Christoph Schickhardt plädiert für den Fußball LUDWIGSBURG. Was verbindet Fußballnationaltrainer Jogi Löw mit Schwergewichtsboxer Luan Krasniqi und ZDF-Moderator Michael Steinbrecher? Der Ludwigsburger Anwalt Christoph Schickhardt. Er vertritt viele, die im Rampenlicht stehen und bleibt dabei gerne im Schatten. Von Michael Ohnewald Es dauert lange, bis man zu Christoph Schickhardt vorgedrungen ist, aber es lohnt sich. Man muss Geduld haben und häufiger mit Frau Reinl telefonieren. Ohne Frau Reinl ist Christoph Schickhardt nicht denkbar. Seit fünf Jahren ist sie seine Sekretärin. Frau Reinl verwaltet die Akten und die Handynummern, und sie kennt die zugehörigen Menschen. Sie könnte viel von ihnen erzählen, von Jupp Heynckes, Jogi Löw und Oliver Bierhoff, von Luan Krasniqi und Regina Halmich, vom FC Bayern und vom VfB Stuttgart. Sie alle vertrauen auf die Dienste von Christoph Schickhardt, über den Frau Reinl sagt, dass er ein guter Chef sei, obwohl er sie manchmal nachts um ein Uhr anruft und sie auf fünf Uhr in die Kanzlei bestellt, weil Fußballdeutschland Kopf steht und es auf jede Minute ankommt, wenn der Vertrag des neuen Bundestrainers aufgesetzt wird. An diesem Morgen muss Frau Reinl nicht schreiben, sondern trösten. Sie lässt ausrichten, dass ihr Chef im Stau steckt und später zum vereinbarten Termin kommt. Das macht nichts. Wir haben mehr als sechs Monate auf diesen Termin gewartet. Als er plötzlich auftaucht, ist Frau Reinl erleichtert. Sie kann jetzt wieder einen Namen von der Liste streichen, die sie für Christoph Schickhardt führt, welchem der Ruf vorauseilt, der gefragteste Jurist im deutschen Fußballgeschäft zu sein. Er habe sich diesen Ruf hart erarbeitet, erzählt er 20 Jahre lang, 52 Wochen im Jahr, Anwalts Liebling: Schickhardt vertritt den Boxer Luan Krasniqi. sieben Tage die Woche. Als Verteidiger auf allen Plätzen hat er fast nie Urlaub. Man muss den Fußball lieben, um dieses Pensum zu bewältigen. Schickhardt liebt den Fußball. Er ist für ihn eine Leidenschaft wie für andere das Erobern einer Frau, wobei diese Leidenschaft sterblich ist, und seine ist es nicht. Diese Leidenschaft hat vor langer Zeit begonnen. Er ging noch zur Schule. Seine Noten waren mäßig, und wirklich bewegt hat den Sohn eines Bankdirektors nur Fußball. Christoph Schickhardt war Vorstopper bei 07 Ludwigsburg. Nebenbei hat er geschrieben in der Schülerzeitung des Schillergymnasiums, und dabei ist ihm 1974 Gerhard Mayer-Vorfelder begegnet. Der war Referent des Ministerpräsidenten Hans Filbinger und hatte junge Blattmacher zu sich eingeladen. Mayer-Vorfelder spürte eine Seelenverwandtschaft mit dem Jungen und nahm ihn mit ins Neckarstadion, wo Schickhardt von dieser Stunde an kein Heimspiel mehr verpasste. Kaum war die Begegnung abgepfiffen, drückte er sich dort herum, wo sich Spieler und Journalisten treffen, was einem aufmerksamen Redakteur nicht verborgen blieb. Der hieß Bruno Bienzle und führte damals die Sportredaktion der Stuttgarter Nachrichten. Willsch mit? fragte Bienzle. Schickhardt wollte schrieb der Abiturient seinen ersten Zeitungsartikel über Fußball. Ihm sollten viele weitere folgen. Er schob Redaktionsdienste in Stuttgart und horchte immer tiefer hinein in ein Geschäft, das eigenen Gesetzen folgt. Dass er diese Gesetze später vertreten würde, war damals noch nicht absehbar. Mit Vermietern streitet er über die Farbe von Klodeckeln Fast acht Jahre lang hat Christoph Schickhardt in der Sportredaktion gearbeitet, die ihn geprägt hat, und wahrscheinlich wäre der gebürtige Essener vollends hineingezogen worden ins Leben eines Sportreporters, wenn da nicht ein paar seiner Freunde Jura studiert hätten. Das kann nicht verkehrt sein, dachte er sich und schrieb sich in Tübingen ein. Nach dem zweiten Staatsexamen musste der schreibende Jurist eine Entscheidung fürs Leben treffen. Er entschied sich für Justitia und wurde Partner in einer Ludwigsburger Anwaltskanzlei. Dort stritt er mit Vermietern über die Farben von Klodeckeln, mit Gepeinigten über bissige Hunde und mit Entzweiten über die Eckdaten ihrer Scheidung. Christoph Schickhardt vermisste in dieser Zeit den Fußball, aber es dauerte nicht lange, bis er zu ihm in die Kanzlei kam. Er tauchte in Gestalt von Gerd Bold auf, damals Kapitän des Karlsruher Sportclubs. Bold, dem überraschend gekündigt worden war, bat ihn um rechtlichen Beistand. Er kannte Schickhardt aus dessen Zeit in der Redaktion. Der Sportclub verlor den Prozess, und weil die Badener schlau sind, hat der Verein den siegreichen Anwalt gleich verpflichtet. Auch Bold war dankbar. Er taufte seinen Sohn Christoph. Jahr für Jahr kamen mehr Spieler, um sich von Schickhardt vertreten zu lassen. Wolfgang Wolf, heute Trainer von Kaiserslautern, war schon als Spieler bei ihm. Aus dieser Zeit gibt es eine hübsche Anekdote, die selbst Frau Reinl noch nicht kennt. Schickhardt verhandelte seinerzeit mit dem Kickers-Präsidenten Axel Dünnwald-Metzler über den Wechsel seines Mandanten Wolf von Kaiserslautern nach Stuttgart. Am Verhandlungstisch sprachen beide Herren dem Alkohol zu, ehe sie sich auf die Konditionen verständigten. Als der Anwalt am nächsten Tag mit schwerem Kopf im Büro saß, konnte er sich zwar noch erinnern, dass sie sich geeinigt hatten, aber nicht mehr, worauf. Wie er so saß und hirnte, klingelte das Telefon, und Dünnwald-Metzler war dran. Es sei ihm ja so peinlich, sagte der Kickers-Chef, aber ihm sei es beim besten Willen nicht möglich, sich an die Konditionen des Transfers zu erinnern. Da haben sie halt nochmal verhandelt bei einem Glas Selters. Im Laufe seiner Karriere hatte Christoph Schickhardt manche Begegnung der unvergesslichen Art. Dazu gehört jene mit Juan Cayasso, den er 1990 von Costa Rica nach Unter Promis: Gerhard Mayer-Vorfelder, Schalke-Manager Rudi Assauer mit Finanzchef Josef Schnusenberg, Erwin Staudt vom VfB, Michael Steinbrecher vom ZDF, Jogi Löw und sein Anwalt Christoph Schickhardt Fotos Wolfgang List Schickhardts Markenzeichen: ein stets gut sitzender Anzug und ein freundliches Lächeln Degerloch lotste. Als er im Beisein von Dünnwald-Metzler den Vertrag unterzeichnen sollte, sagte Cayasso plötzlich, er fürchte die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland. Da zückte der Kickers-Boss ein Foto aus dem Geldbeutel, welches die Sorgen des Spielers aufs Wundersamste zerstreute. Abgebildet war Dünnwald-Metzlers dunkelhäutiger Adoptivsohn. Cayasso wurde Publikumsliebling. Nicht alle seine Gespräche sind so glücklich verlaufen. Vor allem vor dem Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes, wo die roten Karten verhandelt werden, musste Schickhardt manche Niederlage einstecken. 600 Verfahren hat er in seiner Karriere begleitet. Heute rufen ihn die Manager der Vereine meist schon samstags nach dem Abpfiff an, damit er für ihre Sünder kämpft. Schickhardt diktiert sonntags die ersten Schriftsätze und verständigt Frau Reinl, die alles auf Papier bannt. Bei achtzig Prozent der Platzverweise liegt montags das rechtskräftige Urteil vor. Nachts diktiert er den Vertrag für den neuen Bundestrainer Fußball ist ein schnelles Geschäft, und er richtet sich danach. Manchmal geht es so schnell, dass keine Zeit zum Schlafen bleibt. Wie nach Klinsmanns Rücktritt: am Dienstag nach dem WM-Finale hatte der kultige Nationaltrainer seinen väterlichen Freund Gerhard Mayer-Vorfelder darüber informiert, dass er nicht weitermacht. Noch am selben Nachmittag mietete der Fußballbund eine Suite im Hotel am Stuttgarter Schlossgarten und beschloss, dass es Jogi Löw richten soll. Umgehend wurde dessen Anwalt Christoph Schickhardt einbestellt, um für seinen Mandanten mit dem Fußballbund zu verhandeln. Gegen Mitternacht war alles besprochen: wer wem was zu sagen hat, und wer wie viel verdient. Schickhardt fuhr gleich weiter in die Kanzlei nach Ludwigsburg und rief Frau Reinl an. Sie möge in vier Stunden kommen, um zu schreiben, was er bis dahin diktiert habe. Gegen fünf Uhr morgens erschien Frau Reinl. Ihr Chef war schon auf dem Weg nach Hause. Er machte sich frisch und steuerte dann gegen sieben Uhr die Zentrale des Fußballbunds in Frankfurt an. Als er dort eintraf, hatte Frau Reinl gerade den Vertrag aufs Fax gelegt. Mit den DFB-Justiziaren wurden die letzten Änderungen besprochen. Gegen Uhr unterzeichnete Jogi Löw den Vertrag. Zehn Minuten später wurde er bei einer Pressekonferenz als neuer Bundestrainer präsentiert. Anschließend chauffierte ihn Schickhardt im Auto nach Freiburg, um direkt weiter nach Mönchengladbach zu fahren. Dort ging es um den Transfer eines argentinischen Fußballers. Tage dieser Art gibt es öfter im Leben des 51-jährigen Anwalts, der Giovanni Trapattoni nach Stuttgart gebracht und Torsten Frings bei der Fußball-WM vor Schlimmerem bewahrt hat, der sich für die Existenz des 1. FC Kaiserslautern einsetzte und der Eintracht aus Frankfurt 2002 die Lizenz erhalten konnte. Vielen hat er geholfen, aber nicht allen. Offenbach und Dresden konnte er nicht helfen. Beide Traditionsvereine stürzten ab. In solchen Momenten der Ohnmacht spürt Christoph Schickhardt, der sich noch immer wärmt am Feuer seiner Begeisterung für den Fußball, dessen eiskalte Seite. Vielleicht ist es sein Glück, dass er keine Zeit hat, darüber lange nachzudenken. Er muss weiter zum nächsten Verhandlungstisch, über den man seine Mandanten ziehen will. Diese Rastlosigkeit ist Gnade und Fluch zugleich. Seine Ehe, aus der zwei Kinder hervorgegangen sind, hat dieses Leben unter permanentem Einigungsdruck nicht ausgehalten. Immerhin gönnt sich der zwölfte Mann von zehn Bundesligavereinen neuerdings einmal im Jahr zwei Wochen Urlaub. Er habe gute Mitarbeiter, kokettiert Schickhardt, die besser seien als er. Deshalb könne er sich auf einer einsamen Insel entspannen und es sich auch leisten, gelegentlich an einer Fachhochschule Vorlesungen über Sportrecht zu halten. Was er nicht sagt, ist, dass er selbst auf seiner Insel nicht ganz abschalten kann. Seine Telefonrechnung liegt jedenfalls nicht selten deutlich über der Rechnung fürs Zimmer. Entschädigt wird er durch gute Honorare, aber auch durch Freundschaften, die sich bei ihm wie von selbst ergeben, weil er ein kommunikativer Mensch ist, angenehm geerdet und doch mit Niveau. Einer wie der Schwergewichtler Luan Krasniqi, der trotz harter Schwinger ein Gefühl hat für weiche Schwingungen, weiß das zu schätzen. Vor drei Jahren hat er Schickhardt gebeten, ihn zu vertreten, obwohl der bisher fast nur Fußballer betreut hat. Inzwischen sind sie Freunde. Als Krasniqi um den WM-Titel gegen Brewster kämpfte, saß Schickhardt vor dem ersten Gong in der Kabine der Hamburger Color-Line-Arena und war kreidebleich. Der Boxer machte sich ernsthaft Sorgen und fürchtete, dass sein Anwalt noch vor der ersten Runde k. o. gehen würde. So was schweißt zusammen. Dem Christoph vertraue ich wie keinem anderen, sagt Krasniqi. Ihm kann ich sagen, was ich denke und was ich fühle. Dass sein Freund nebenbei auch noch knallhart mit den abgezockten Promotern des Boxsports verhandelt und ihm eine gute Börse sichert, versteht sich von selbst. Im September wird Krasniqi wieder in den Ring steigen. Die Vorbereitungen laufen, und auch die Bundesliga rüstet sich für die neue Saison. Christoph Schickhardt muss weiter. Im Vorzimmer seines Büros beugt sich Frau Reinl sorgenvoll über eine lange Liste. Foto Reiner Pfisterer

6 34 Nr. REPORTAGE STUTTGARTER ZEITUNG 52 Donnerstag, 4. März 2010 Der in Kairo geborene Hany Azer hat für die Bahn am Potsdamer Platz gebaut und am Lehrter Bahnhof. Jetzt soll es der 60-jährige Bauingenieur auch bei Stuttgart 21 richten. Foto: Gottfried Stoppel DerVollstrecker Porträt FürihnistesnureineBaustelle,fürandereistesderWahnsinn.HanyAzeristderProjektleitervonStuttgart21. Gesegnet mit vorausgreifender Gewissheit schickt er sich an, die Stadt zu verändern. Von Michael Ohnewald Hany Azer braucht einen Punkt, von dem er kommt, und einen Punkt, zu dem er geht. Die Strecke dazwischen nimmt er auf direkter Linie. Umwege mag er nicht. Das war immer so. Als Bub hat Hany Azer seinen Vater begleitet, der als Ingenieur mitgebaut hat an der Eisenbahn von Kairo nach Assuan. Es gibt jetzt zwei neue Punkte. Der eine liegt in Stuttgart, der andere in Ulm. Im Grunde ist es wie immer bei ihm. Wie in Kairo. Wie in Dortmund. Wie in Berlin. Ich habe das Ziel vor Augen, sagt der Baumeister. Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist eine Gerade. So denkt man, wenn man Hany Azer heißt. An diesem Nachmittag schlendert er mit aufreizender Gelassenheit durch sein Büro in der Räpplenstraße 17, das sich hinterm Hauptbahnhof erhebt wie ein Feldherrnhügel. Als er nach Stuttgart kam, saßen hier sieben Leute. Jetzt sind es 120. Bald werden bis zu 7000 Menschen unter seinem Kommando stehen. Er kann es kaum erwarten. Das ist meine größte Baustelle, sagt Hany Azer, der Projektleiter, und schaut dabei wie ein Junge vor der Bauklötzchenkiste. Seine Augen glänzen im Neonlicht. Der Hausherr hat Platz genommen an einem runden Tisch, an dem er in den nächsten Jahren eckige Probleme lösen will. Er tut das gerne hinter verschlossenen Türen. Hany Azer legt keinen großen Wert darauf, in der Zeitung aufzutauchen, er taucht lieber in Baustellen ein. Sie sind seine Bühne. Die Fotos vom Lehrter Bahnhof, die hinter ihm hängen, zeugen davon. Ein Projekt, so recht nach seinem Geschmack. Kathedrale der Mobilität haben sie es genannt Kubikmeter Beton, Tonnen Stahl. Die Spree um 70 Meter verlegt und wieder zurück. Die Hauptstädter mögen so etwas. Sie kamen zum Picknick, als Azer die spektakulären Bügelbauten an 30 Zentimeter dicken Stahlseilen über dem Bahnhof einschweben ließ. Die Kapitäne von Ausflugsbooten namens Belvedere schipperten vorbei und erzählten ihren Touristen: Hier baut Hany Azer. Dabei ist es nicht gut angelaufen mit der neuen Station. Das Unternehmen Zukunft hatte gewaltig Verspätung am neuen Hauptbahnhof. Als es brenzlig wurde, schickte der Konzern seine Allzweckwaffe, den Tiefbauingenieur Azer. Der schaffte es, Berlins größte Baustelle wenigstens noch vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 fertig zu kriegen. Mit dem Verdienstorden des Landes haben sie ihn dafür ausgezeichnet. Bei der Wahl zum Berliner des Jahres kam der Ingenieur sogar auf Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist eine Gerade. Ich habe das Ziel vor Augen. HanyAzerüberseine Arbeitsphilosophie Platz 13, noch vor dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit. So was kitzelt an den Rezeptoren der Eitelkeit. Er wäre gerne in der Hauptstadt geblieben. Hany Azer baute gerade an der Schienenanbindung zum Berliner Großflughafen und parallel an der S 21, einer Strecke vom Hauptbahnhof zum Nordkreuz, als er abberufen wurde zu einem Projekt, dass sinnigerweise das gleiche Kürzel trägt. Sein Chef hatte ihn beim Essen gefragt, ob er jemand für Stuttgart wüsste. Beiden ist für diesen Job nur einer eingefallen. In Hany Azers neuem Büro nimmt die Vergangenheit viel Platz ein. Die Fotos aus Berlin, die Abzeichen der Feuerwehren, die ihn dort besucht haben, machen sie gegenwärtig. Es gibt auch eine kleine Computeranimation von Stuttgart 21. Sein neues Baby. Er hat es adoptiert. In zehn Jahren wird es erwachsen sein, vielleicht. Hany Azer ist der Vollstrecker. Er setzt den politischen Willen um. Er macht aus der Vision von 1994, als das milliardenschwere Projekt zum ersten Mal präsentiert wurde, betongraue Wirklichkeit. Das ist sein Job. Er wird über die Baustelle herrschen. Sie ist sein Botox. Wenn man in Bewegung bleibt, hält das jung, sagte er. Hany Azer ist im sechzigsten Frühling. Man sieht ihm das nicht an. Baustellen tun ihm gut. Vor allem solche, die vom Hauch der Geschichte umweht werden. So wie am Potsdamer Platz, wo er als Projektleiter für die Bahn mit Bohrköpfen von neun Meter Durchmesser gewaltige Tunnelröhren in den Untergrund fräste. So wie am Berliner Großbahnhof, der über eine Milliarde gekostet hat. So wie in Stuttgart, wo sechsmal so viel ausgegeben wird für den neuen Bahnknoten samt Schnellbahn nach Ulm. Hany Azer hat keine Angst vor großen Zahlen. 33 Kilometer Tunnel, drei neue Bahnhöfe, 18 Brücken, 60 Kilometer ICE-Trasse. Man darf die Übersicht nicht verlieren, umschreibt er die herkulische Leichtigkeit, mit der er seinen Auftrag meistert. Das ist das A und O. Termindruck, Kostendruck, politischer Druck? Was anderen Angst bereitet, bereitet ihm Vergnügen. Den Bahnhof in Berlin hat er einmal seine Pyramide genannt. Jetzt baut er in Stuttgart eine neue. Er hat sich langsam gesteigert. Hany Azer, 1949 bei Kairo geboren, aufgewachsen mit fünf Geschwistern, weltoffen erzogen, wollte früh Bauingenieur werden. Der Vater hat ihn geprägt, und auch der älteste Bruder, beide Ingenieure. Hany Azer studierte in Ägypten und Bochum, wo er 1979 seinen Abschluss machte. Auf dem Campus begegnete dem Ägypter eine Bergmannstochter, die Lehrerin werden wollte. Er verliebte sich und blieb. Hany Azer zog nach Dortmund, baut sich ein Haus, wurde BVB- Fan und Vater von zwei Söhnen. Beruflich reizte ihn die Tiefe. Die Leute, die unter Tage arbeiten, sind ein eigener Menschenschlag. Azer heuerte bei einer Firma an, baute mit an der U-Bahn in Dortmund, buddelte in Gelsenkirchen Tunnel im Bergsenkungsgebiet. Da wird man als Ingenieur Kummer gewohnt. Er malochte als Statiker, Bauleiter und als Kalkulator. Er schuftete sich von unten nach vorne und irgendwann nach oben. Hany Azer verdankt sich niemandem als sich selbst. Schon damals fiel auf, dass Azers Baustellen ein bisschen aussahen wie schwäbische Gehsteige nach der Kehrwoche. Vielleicht hat ihn die Bahn deshalb 1994 abgeworben. An der Spitze des Schienenkonzerns stand Heinz Dürr, der nicht nur in Berlin das große Rad drehte, sondern auch in Stuttgart. Unter Männern wie Heinz Dürr können Männer wie Hany Azer groß werden. Der Tunnelbauer vom Kohlenpott, gesegnet mit fotografischem Gedächtnis und geballter Energie, kam an den Potsdamer Platz und galt dort bald als Grubenhund. Man konnte gut mit ihm auskommen, aber es war nicht ratsam, sich ihm in den Weg zu stellen, wenn er eine seiner Geraden plante. Hany Azer bekam viele Beinamen. Nicht alle beschreiben ihn positiv. Rumpelstilzchen nannten ihn manche und Rambo. Niemand weiß, wie viel davon Gerede ist. An Selbstzweifeln, so viel steht fest, hat er schon in dieser Zeit nicht gelitten. Eine, die gut mit ihm konnte, war Christina Rau. Die Frau des früheren Bundespräsidenten kam öfter auf der Baustelle vorbei. Sie war Tunnelpatin. Einmal fuhr eine dunkle Limousine in die Röhre und Christina Rau ging auf Hany Azer zu. Heute habe ich spontan meinen Mann mitgebracht. Die Presseleute im Bahnkonzern sprangen im Viereck. O Gott, der Bundespräsident im Tunnel und nichts vorbereitet. Azer blieb cool. Am Ende sang Johannes Rau mit dem Bauleiter lautstark Bergmannslieder, und alle hatten ihren Spaß. Unter Druck, so heißt es, wird Hany Azer erst richtig gut. Das hat sich bei Wassereinbrüchen gezeigt und bei ähnlichen Pannen, die immer vorkommen, wenn kein Stein auf dem anderen bleibt, wenn sich Menschen durch das tiefe Reich der Erde wühlen. Vor der Hacke ist es dunkel, sagt Hany Azer. Da unten muss sich jeder auf den anderen verlassen können. Er selbst nimmt sich da nicht aus. Als Chef ist er präsent auf seinen Baustellen. Sein Büro liegt in Sichtweite. Stuttgart wird durch dieses Projekt noch weltoffener. Da bin ich ganz sicher. HanyAzerüberseine neuegroßbaustelle Noch sieht man fast nichts in Stuttgart. Nachts werden Masten versetzt und Bahnsteige verlängert. Seine Baustelle wird ihre Arme in der Stadt bald wie ein Krake ausbreiten und sich festsaugen, drunten im Talkessel und droben auf den Fildern. Hany Azer kann es nicht schnell genug gehen. Er hat den nächsten Punkt schon im Visier. Andere sind nicht so weit. Gegen Stuttgart 21 wird noch immer demonstriert. Der Projektleiter hält sich nicht lange damit auf. Auch am Potsdamer Platz gab es Protestkundgebungen, sagt er. Nach einigen Monaten ist die Stimmung gekippt. Die Baustelle wurde zur Touristenattraktion. Stuttgart ist nicht Berlin. Die Stadt wird durch dieses Projekt noch weltoffener. Da bin ich sicher, sagt Hany Azer. Neulich hat ihm jemand erzählt, dass Stuttgart die Partnerstadt von Kairo ist. Seitdem ist er ganz happy. Jetzt gefällt ihm sein Arbeitsplatz noch besser. Der Wanderarbeiter aus Dortmund hat sich hier eine Wohnung genommen und ein Fitnessstudio gesucht, das bis 23 Uhr geöffnet ist. Azer, der Workaholic, kommt meistens spät raus. An den Wochenenden fährt er zu seiner Frau nach Hause. Seine Söhne, die beide studieren, wohnen im Hotel Mama. In seinem Garten schaltet Azer ab, jedenfalls ein bisschen. Eines seiner beiden Handys liegt auch dort griffbereit. In Berlin hat er auf der Baustelle einen Herzinfarkt bekommen. Azer hat danach weitergemacht, als wäre nichts gewesen. Er ist nicht anders denkbar. Auch so einer kann einsam sein. In Momenten schwindender Zuversicht schickt er, der harte Hund, manchmal einen weichen Stoßseufzer hinauf zum lieben Gott, an den er seit der Kindheit glaubt. Azer ist Christ, und ein Kirchgänger ist er auch. Der Psalm 23 liegt in seiner Schublade. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir. Stuttgart wird sich verändern durch die Baustelle. In seinem Kopf nimmt sie längst Gestalt an. Tausende Arbeiter wuseln vor seinem inneren Auge vorbei. Hany Azer schwebt nicht im Konjunktiv, er überlässt sich der diktatorischen Kraft seiner Erfahrung. Ein Rückwärts gibt es nicht! Jedenfalls nicht mit ihm. Er hat es angefangen, und er will es zu Ende bringen. Daran lässt der Mann keinen Zweifel. Die Ausschreibungen laufen. Bis Ende des Jahres geht es an den Nordflügel des Hauptbahnhofs, verkündet er und schaut dabei auf seine Uhr. Und im Jahr darauf gehen wir unter die Erde. Hany Azer sagt das wie jemand, der vor seinem Videorekorder sitzt und auf fast forward drückt.

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