Den Traum und die Realität Mittelschule einander annähern: Stützpunkt Gymnasium / DMS

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1 Den Traum und die Realität Mittelschule einander annähern: Stützpunkt Gymnasium / DMS Referat anlässlich des Weiterbildungsforums Schwerhörigkeit: Träume und Realitäten in Medizin, Technik und Pädagogik vom 3.November 2005 im KSA (leicht gekürzt) Robert Studler Schulleiter Landenhof und Projektleiter Stützpunkt Gymnasium DMS 1. VORSTELLUNG DES PROJEKTES Ausgangssituation Für einen Teil der Jugendlichen mit einer Hörbeeinträchtigung ist der Besuch einer Mittelschule ein Traum, ein Wunsch. Die Realität bedeutet für sie aber oftmals: - darum kämpfen, dass die Umgebung meine Situation und meine Bedürfnisse wahrnimmt und entsprechend etwas auf sie Rücksicht nimmt - darum kämpfen, dass ich alle Informationen habe, die ich brauche - als einziger junger Mensch mit einer Hörbeeinträchtigung an meiner Schule alleine mit meinen Frustrationen fertig werden Der Traum wäre eigentlich, die Mittelschule ohne die Erschwernisse durch die Hörbehinderung besuchen zu können. Seite 1

2 Hörbeeinträchtigte Schüler/innen werden manchmal von einem APD unterstützt im Rahmen des Möglichen. Der Landenhof arbeitet seit gut zwei Jahren mit dem Projekt Stützpunkt Gymnasium / DMS mit einem neuen Konzept daran, jungen hörbeeinträchtigten Menschen die Realisierung ihres Traumes Mittelschule zu erleichtern. Ziele des Projektes Hörbehinderte junge Menschen sollen mit andern Hörbehinderten zusammen die gleiche Mittelschule besuchen können. Sie befinden sich in einer Schule, in der es normal ist, dass es auch hörbehinderte Schüler/innen hat. Die Lehrpersonen, die sie unterrichten, und ihre Mitschüler/innen sind vertraut mit ihren Bedürfnissen in Kommunikationssituationen. Bei auftretenden Schwierigkeiten können alle Beteiligten beraten werden. Die hörbehinderten Schüler/innen können unterstützenden Einzelunterricht in Anspruch nehmen. Die Begleitung ist kontinuierlich, rasch verfügbar, so intensiv wie notwendig. Konzept / Angebot Das Projekt sieht eine Begleitung der Schüler/innen auf mehreren Ebenen vor: durch einen Koordinator innerhalb der Kantonsschule durch eine Fachperson aus der Audiopädagogik durch eine sozialpädagogisch begleitete Wohnsituation und / oder durch die Zugehörigkeit zur Gruppe der hörbeeinträchtigten Mittelschüler/innen durch den pädaudiologischen Dienst des Landenhofs Koordinator: Verantwortliche Person innerhalb der Kantonsschule für das Projekt Beratung der Schüler/innen und Eltern aus der Sicht des Mittelschullehrers Organisation des Stützunterrichtes Audiopädagogische Begleitung: Information der involvierten Lehrpersonen Information der Schulklassen Unterrichtsbesuche und Beratung der Lehrkräfte Beratung der hörbehinderten Schüler/innen und ihrer Eltern Audiopädagogischer Einzeluntericht Seite 2

3 Gruppenzugehörigkeit: Für Schüler/innen aus grösserer Distanz bietet der Landenhof sozialpädagogisch begleitetes Wohnen im Raum Aarau an. Die Zugehörigkeit zur Gruppe der hörbeeinträchtigten Mittelschüler/innen schafft die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch und ermöglicht das Gefühl der Solidarität man ist nicht allein in der besonderen Situation. Pädaudiologischer Dienst des Landenhofs: Ohrenärztliche Kontrollen Audiometrische Kontrollen Hörgeräteversorgung Vermittlung von weiteren Hilfsmitteln Realisierung: Wir konnten 2002 die Leitung der Neuen Kantonsschule Aarau dafür gewinnen, mit uns in dieses Projekt einzusteigen. Mit der Orientierung des gesamten Lehrerkollegiums vor Beginn des Projektes konnte eine positive Stimmung geschaffen werden. Die Aufgabe des Koordinators in der Kantonsschule wurde von einem der Prorektoren übernommen. Er kennt die Lehrkräfte, die Schulorganisation; seine Vorschläge haben Gewicht. Er kann rasch und unkompliziert einen Stützunterricht organisieren. Das Projekt wurde mit der NKSA 2002 vorbereitet und mit dem Schuljahr 03/04 gestartet. Aktuelle Situation: Gegenwärtig sind drei Schülerinnen in der 3. Klasse des Gymnasiums und zwei in der 2. Klasse der Diplommittelschule. Diese Schülerinnen wären sonst in verschiedenen Mittelschulen des Aargaus, des Kantons Solothurn und des Kantons Bern. Dadurch, dass sie die gleiche Schule besuchen, können sie gegenseitig von ihren Erfahrungen profitieren, und innerhalb der Schule gibt es immer mehr Menschen, die ein Know-how zur Integration hörbehinderter Schüler/innen entwickeln. Regelmässige Aktivitäten / Massnahmen: Besprechungen Audiopädagoge Schüler/innen (Frequenz nach Bedarf; meist 14-täglich) Kontakt Koordinator Audiopädagoge Standortgespräch mit den Eltern zusammen Treffen der Stützpunktschüler/innen (2 4 mal pro Jahr) Audiopädagogischer Einzelunterricht nach Bedarf. Unterrichtsbesuche und Besprechungen mit Lehrpersonen nach Bedarf 2. TEIL: ERFAHRUNGEN BLITZLICHTER Seite 3

4 Das Thema des heutigen Forums ist gut gewählt, wenn man von den Erfahrungen im Zusammenhang mit dem Stützpunkt berichten will: Tatsächlich stossen sich die Träume, die Wünsche, die Vorstellungen immer wieder an der mehr oder weniger harten Realität. Aber natürlich befinden wir uns auf einem Weg, das Projekt entwickelt sich fortwährend, und wir werden versuchen, die Bedingungen für hörbeeinträchtigte junge Menschen in der integrativen Bildung an der Mittelschule immer weiter zu verbessern. Soziale Integration Rücksichtnahme der Mitschüler/innen Als wichtig hat sich die sorgfältige Information der direkt betroffenen Lehrpersonen am Anfang des Schuljahres und ebenso der Schulklassen der hörbehinderten Schülerinnen erwiesen. Eine Schülerin äussert sich einige Zeit nachdem ihre Klasse über Hörbehinderung informiert worden ist: «Die Informations-Stunde hat sich sehr positiv ausgewirkt. Dass meine Mitschülerinnen und Mitschüler selbst erleben konnten, wie sich Hörbehinderung anfühlt und auswirkt, hat sie beeindruckt. Viele kommen auf mich zu und stellen mir Fragen. Sie geben sich sehr Mühe, mir das Verstehen zu erleichtern. Für mich ist es jetzt einfacher, die andern auf Schwierigkeiten aufmerksam zu machen. Sie haben das richtige Verständnis dafür. Überhaupt fühle ich mich sehr wohl in meiner Klasse.» Die Schülerin legt Gewicht darauf, dass ihr der Weg geebnet wurde für Ihre eigenen Interventionen. Seite 4

5 Das Verständnis und die Unterstützung der Mitschülerinnen und Mitschüler sind von Bedeutung für das Wohlbefinden und den Erfolg. Manchmal wehren sich andere für mich, wenn Lehrpersonen oder Kolleginnen und Kollegen zu leise oder in die andere Richtung sprechen. Es zeugt von der Selbstverständlichkeit der Rücksichtnahme, wenn in Anwesenheit einer Schülerin, die darauf angewiesen ist, automatisch hochdeutsch gesprochen wird - anekdotisch berichtet von einer gut hörenden Schülerin: Es kommt vor, dass jemand fragt: «Seit wann sprechen wir eigentlich hochdeutsch miteinander?» Und dann müssen wir lachen, weil wir erst jetzt bemerken, dass wir hochdeutsch weitergeredet haben, obwohl unsere hörbehinderte Mitschülerin die Runde vor einer Weile verlassen hat. Es ist zweifellos viel Verständnis, viel Goodwill vorhanden. Aber und da stösst der Traum an die Realität: Sehr schnell hat man vergessen, und die Mitschüler/innen sind im täglichen Unterricht mit anderem beschäftigt, sprechen sehr oft sehr leise und manchmal auch undeutlich. Dann ist es für die Stützpunkt-Schülerinnen schwer, der Entwicklung des Themas durch die Stunde hindurch zu folgen. Notizen Vermittlung von Wissen geschieht zu einem beträchtlichen Teil auditiv. Guthörende Schüler/innen können sich beim Zuhören zurücklehnen, aus dem Fenster blicken oder in einem Buch etwas nachschauen Nicht so hörbehinderte Schüler/innen. Wenn andere z. B. notieren und gleichzeitig weiter zuhören, bleibt der Blick der schwerhörigen Schülerin oft an die Lippen der sprechenden Person geheftet. Seite 5

6 Ich habe Stützpunkt-Schülerinnen nach ihren drei Wünschen an die Märchenfee gefragt, (um ihre unzensurierten Wünsche zu erfahren). Ein Wunsch lautete: Von einer kompetenten Kollegin bzw. einem Kollegen Notizen zu erhalten, die gut lesbar und für die Repetition des Stoffes brauchbar sind Wir werden für bestimmte Fächer diskutieren, ob eine Art Klassenprotokoll eine mögliche Lösung wäre, d. h. ausführliche Notizen aus der Lektion, die reihum von jemandem in den PC getippt und allen Interessierten abgegeben werden. Stoffvermittlung Natürlich können die Lehrpersonen viel dazu beitragen, dass die hörbeeinträchtigten Schüler/innen möglichst viel vom Stoff mitbekommen, z.b. durch Visualisierung: Manche geben ihnen ein begleitendes Script ab zu Videos, Kassetten, Diapräsentationen, lassen die ganze Klasse den Stoff der nächsten Stunde vorbereiten usw. Aber auch hier: Man vergisst schnell, und nicht alle Lehrpersonen realisieren gleich klar, was den hörbehinderten Schülerinnen helfen würde. Sich wehren? Ich habe eine sehr gute Klasse; ich sollte eigentlich keine Hemmungen haben mich zu melden und zu sagen: Ich habe nicht verstanden. In manchen Fällen mache ich das es ist wichtig für eine Prüfung. Aber manchmal stellt der Lehrer so nebenbei noch Fragen, die nicht eigentlich zum Stoff gehören. Dann lasse ich es sein und frage die Banknachbarin meistens frage ich die Banknachbarin. Natürlich möchte man alles verstehen, aber zu viel Aufsehen um sich machen, vielleicht zu viel verlangen, das möchte man nicht. Sehr verständlich! aber Seite 6

7 manchmal muss der Audiopädagoge mit sanftem Druck oder Überredungskunst erreichen, dass trotzdem eine Verbesserung angestrebt wird. Eine Schülerin musste sich beispielsweise einen gehörigen Ruck geben, um die vier jungen Männer in ihrer Klasse zu bitten, sich an den Rand des Zimmers zu setzen und nicht in die Reihe vor ihr. Sie war sehr befriedigt darüber, dass die Reaktionen absolut positiv waren und das Entgegenkommen selbstverständlich für die vier Kollegen. Es ist aber tatsächlich auch Realität, dass die Schüler/innen manchmal einer Verbesserung der Situation selber im Weg stehen! Was soll man sich zutrauen / zumuten? Eine Schülerin hatte klar den Wunsch, das Schwerpunktfach ppp (Philosophie, Psychologie, Pädagogik) zu wählen, wagte es aber zuerst nicht, weil sie sich bewusst ist, dass sie nicht die gleiche Sprachkompetenz besitzt wie viele ihrer Mitschüler/innen. Wir haben einen Stützunterricht auf Abruf eingerichtet schon zum Voraus, und so liess sie sich zum Wagnis ermuntern. Stützunterricht Die Hörbeeinträchtigung wirkt sich dort besonders aus, wo man nicht seine Stärke hat. Deshalb ist die Möglichkeit, Stützunterricht durchführen zu können, sehr wichtig. Aber auch hier holt uns die Realität manchmal ein in Form der beschränkt zur Verfügung stehenden Zeit und Kraft. Stützunterricht in mehr als zwei bis drei Fächern würde wiederum eine zu grosse Belastung darstellen. Die Herausforderung bleibt beträchtlich! Viele in meiner Klasse haben auch Stress, aber weil ich nicht alles verstehe, muss ich für eine Prüfung doppelt so viel machen. Ich muss alles von A bis Z repetieren dann ist das Wochenende ausgebucht fürs Lernen. Trotzdem bekomme ich nicht so sehr gute Noten. Das war zuerst ein Problem für mich, aber ich habe mich daran gewöhnt und den Schülerinnen wird eine grosse Frustrationstoleranz abverlangt. Ausblick: Solche Stellen, wo die Träume und die Realität aufeinanderprallen, besprechen wir in den Treffen der Stützpunktschülerinnen und versuchen, Lösungen zu finden, Strategien auszutauschen aber auch von Erfolgen einander zu erzählen! Nächstens werden wir eine Feedbackstunde mit einer der Klassen durchführen, weitere sind geplant. Wir erhoffen uns für die nächste Zeit Kontinuität, damit die Erfahrungen für weitere StützpunktschülerInnen und schüler nutzbar gemacht werden können und der Stützpunkt sich entsprechend weiterentwickeln kann. Seite 7

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