Erfolgsfaktoren und Risikosituationen in Bildungsverläufen

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1 Internationale Tagung Erfolgsfaktoren und Risikosituationen in Bildungsverläufen 22. Januar 2016, Solothurn Tageskommentar Markus Stauffenegger Sehr geehrte Damen und Herren Geschätzte Anwesende Wenn man bedenkt, dass Bildung ein wichtiger Teil unseres Lebens ist, dann sind der Bildungsverlauf und der Lebenslauf eng miteinander verbunden. Der Bildungsverlauf ist ein wichtiger Teil unseres Lebenslaufes und manchmal ist er gar mehr. Auf diesem Lebens- und Bildungsweg gibt es Stolpersteine, Brücken, Tankstellen und Umwege. Wo sind sie? Und wie kann dieser Weg verbessert werden? Dazu haben wir heute Vieles und viel Interessantes gehört. Keiner ist gleich wie der andere. Alleine das schon schafft im Leben und in der Bildung Ungerechtigkeit. Diese soll jedoch auf dem Lebens- und Bildungsweg nicht noch vergrössert werden. 1

2 Die Schule steht dabei im Zentrum und die freie Zeit davor spielt sich in der eigenen Familie ab. Gefährdete Eltern in ihrer Rolle zu fördern und zu unterstützen, das macht Sinn, damit Kinder nicht schon bei ihrem Schulstart hoffnungslos hinten liegen. Doch was gehört zur Selbstverantwortung der Eltern und was ist eine sinnvolle Unterstützung? Es muss darum gut überlegt werden, was im Bereich der frühen Förderung zu leisten ist und was nicht, damit Hilfe zu einer wirkungsvollen Selbsthilfe und nicht einfach zum Bezug einer staatlichen Dienstleistung wird. Zumal gerade die gesellschaftspolitische Diskussion, was hier privat und was staatlich sei, eine heikle ist, die viel Behutsamkeit verlangt, wie die Reaktionen mit den weinenden Kindern auf Abstimmungsplakaten zu HarmoS und damit zum Kindergarten schon gezeigt haben. Eine zentrale Rolle im Laufe eines Lebens vor allem eines jungen Lebens spielt also die Zeit in der Schule, wie auch diese Karte zeigt. Hier kann die Gemeinschaft und damit der Staat einen relativ grossen Einfluss ausüben. Die Volksschule dauert 11 Jahre. Das bedeutet, dass Jugendliche am Ende ihrer Schulzeit mehr als Zweidrittel ihrer Lebenszeit dort verbracht haben. Man kann darum sagen, dass 2

3 in der Schulzeit der Verlauf der Bildung und der Lauf des Lebens eins sind. Natürlich macht es darum in einem demokratischen Staat immer Sinn gesetzliche Rahmenbedingungen zu Gunsten verbesserter Bildungsverläufe zu verändern. Beispielweise das Aufheben von Klassen-Repetitionen, die viel kosten und eigentlich wenig bringen, wie wir gehört haben. Doch Veränderungen des Rahmens sind Veränderungen im Aussen und darum in ihrer Wirkung immer indirekt. Nachhaltiger und darum wirkungsvoller ist die Einflussnahme auf Handlungen und Haltungen, die sich direkt auf das Kind beziehen. Bei Kindern und Jugendlichen der Volksschule kommt noch hinzu, dass immer auch die Familie, also die Eltern und die Lehrerinnen und Lehrer irgendwo mitbetroffen und einbezogen sind. Es gibt nun in der Schule viele solcher Handlungen und Haltungen, auf die man ein Auge haben muss. Drei möchte ich hier hervorheben: 1. Der realistische Blick Es gilt zu anzuerkennen, dass Kinder in erster Linie sind, was sie sind und darum nicht unbeschränkt form- oder veränderbar 3

4 sind. Wer dies als Eltern oder Lehrerin und Lehrer tut, wird seinen Einsatz für das Kind nicht mit den eigenen Vorstellungen verwechseln und den Jugendlichen nicht von einer Lehre abhalten, bloss weil man doch am besten mal ins Gymi gehen soll. Dahinter steckt ein jahrzehntealter Selbstläufer, nämlich dass jede Generation es gleich gut oder besser hatte als die vorherige. Dies trifft auch auf den Bildungsabschluss zu. 2. Den Erfolg ermöglichen Kinder wollen und brauchen wie wir alle auch Erfolg. Lehrerinnen und Lehrer, die Kinder unter- oder überfordern, frustrieren diese, begünstigen ein verzerrtes Selbstbild und werden so zu einem gewichtigen Risikofaktor in einem kindlichen Lebenslauf. Eine Leistungsdifferenzierung des regulären Unterrichts stellt die beste Fördermassnahme dar. Seit bald dreissig Jahren wird nun immer wieder versucht, differenzierten Unterricht in den Schulzimmern zum täglichen Standard werden zu lassen. Alleine der Erfolg ist noch heute überschaubar. 3. Das Selbst stärken Die Arbeit am Wesen und mit dem Wesen des Kindes also die Erziehung ist eine sehr gute Lebensversicherung gegen Mängel des Lebens, die man dem Kind mitgeben kann. Das Wissen um das eigene Selbst und dessen Stärkung, ein gesundes Reflexionsvermögen und die Fähigkeit mit seinem 4

5 Willen umgehen zu können, tragen zur Stärkung des Kindes und seines Bildungsweges bei. Der realistische Blick, der zwingend notwendige Erfolg und ein starkes Selbst, sie gedeihen im Feld von Handlungen und Haltungen in der Schule nur im Zusammenspiel von Eltern, Kind und Lehrerinnen und Lehrern. Jede und jeder von ihnen hat dazu seinen Teil beizutragen. Das kann mitunter mühsam sein wie ein Beispiel der beiden Basel zeigt, die mit einer Kampagne gegen Vorurteile den Weg über die Lehre und die Berufsmatura zu Lasten des Gymnasiums stärken wollen. Gelingen tut solches nur, wenn es über Jahre mantraartig wiederholt wird, unter anderem auch damit es in den Köpfen der Sekundarlehrerinnen und lehrer, die in der Regel keinen Berufsbildungshintergrund haben, auch wirklich hängen bleibt. Dieser Weg ist steinig, aber Haltungsänderungen dauern eben eine gefühlte Ewigkeit. Ich komme zum Schluss: Wir haben seit etwa 70 Jahren die Bildung mit viel Geld und wohl ebenso vielen Reglementierungen auf einen hohen Stand gehoben und dadurch sehr viele Bildungs- und Lebensläufe verbessert und das Leben um einiges gerechter gemacht. Wir haben aber damit wohl auch immer wieder Menschen einer Verantwortung enthoben, fälschlicherweise Handlungen delegiert und ungesunde Haltungen toleriert. 5

6 Wir müssen uns als Bildungsmitverantwortliche bewusst sein, dass Probleme in der Bildung bzw. die Verbesserung von Bildungsverläufen zukünftig weder mit mehr Geld, noch mit mehr Gesetzen und Verordnungen gelöst werden können. Das Geld wird sicher spürbar weniger werden. Europa und die Schweiz sind wirtschaftlich zunehmend unter Druck. Ob Sozialleistungen und Bildungsausgaben gehalten werden können, ist fraglich. Und immer neue gesetzgeberische Massnahmen von denen wir in der Schule wirklich schon genug haben verleiten ebenso oft zu neuen Umgehungen. Man denke beispielsweise an die Versuche den Zulauf zum Gymnasium zu bremsen oder an die Regulation der Sonderpädagogik-Ressourcen. Der Fokus muss zukünftig neben moderat gehandhabten gesetzlichen Anpassungen noch mehr auf die Handlungen und Haltungen der Beteiligten der Kinder, der Eltern und der Lehrerinnen und Lehrer gelegt werden. Das ist wie gesagt ein mühsamer und ewiger Weg, aber letztlich wohl ein nachhaltiger. Jede verantwortungsvolle Handlung und jede vernünftige Haltung in der Schule verbessert den Bildungs- und damit den Lebensweg eines Kindes, spart den Bürgerinnen und Bürgern Geld und erspart der Schule neue Gesetze. Besten Dank. 6

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