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8 LITERATUR N E T Z A K T I V I S T C O R Y D O C T O R O W "Ich bin kein Futurologe" Cory Doctorow ist Schriftsteller, Blogger und Internetaktivist. Im Gespräch erzählt er von der Chance der Informationsrevolution: Wir können wieder wie Menschen handeln. VON Stefan Mesch 25. März :55 Uhr Bart Nagel Cory Doctorow, Jahrgang 1971, hat im Rowohlt Verlag sein neues Buch "Little Brother" veröffentlicht ZEIT ONLINE: Herr Doctorow, Sie veröffentlichen Ihre Bücher gratis im Netz, parallel zur gedruckten Ausgabe, und sind damit sehr erfolgreich. Wo liegt für Sie, als Autor, der Vorteil einer Veröffentlichung im Internet? Cory Doctorow: Wenn ich heute eine Geschichte schreibe, erlaube ich mir die grundsätzliche Annahme, dass meine Leser Zugang zu einer Suchmaschine haben. Ich streue gerne kleine Ostereier in meine Texte, Details, die reichhaltiger und interessanter sind, wenn man sie nachschlägt. So kann ich faktensatt schreiben, ohne dass es zu feuilletonistisch und geschwätzig wird. Ich kann auf viele tolle Sachen verweisen, muss aber nicht jede einzelne erklären. ZEIT ONLINE: Sie schreiben, online sei weniger der Inhalt maßgeblich als die Möglichkeit zu Debatten, Austausch und Gespräch. Doctorow: Ich glaube, der Sozialraum des Internets ist ein direkter Abkömmling der Science-Fiction-Convention, also der Messe, auf der sich Fans begegnen. Die ersten Gespräche im Internet wurden zwischen solchen Fans geführt. Sie sind es gewohnt, für die Geschichten, die sie lieben, Botschafter und öffentliche Sprecher zu sein: Sie wollen alles, was sie toll finden, dem Mainstream unter die Nase reiben, damit er anbeißt. 1

9 LITERATUR Entsprechend waren fantastische Romane schon immer auch soziale Gegenstände: Dinge, die im Mittelpunkt von hitzigen Diskussionen stehen wollen. ZEIT ONLINE: Wie erleben Sie das Internet? Doctorow: Oft wie eine riesengroße Convention oder ein Fanzine. Ein Ort, in dem jeder von seinen Lieblingen schwärmt, ihre Stärken zeigt und Empfehlungen gibt. Meine Bücher sind frei erhältlich, damit man sie leichter kopieren kann und Auszüge und Verlinkungen in Online-Diskussionen einfügt. Ich glaube, im Internet präsent zu sein also: eine Adresse, eine Seite zu haben ist ein Überlebensfaktor im 21. Jahrhundert. ZEIT ONLINE: Was bedeutet das für die Print-Branche? Welche schlechten Nachrichten kommen dort in den nächsten Jahren auf Autoren und ihre Verlage zu? Und wird es auch gute Nachrichten geben? Doctorow: Ich bin Science-Fiction-Autor, kein Futurologe. Ich bin nicht gut darin, Vorhersagen zu machen: Meine Geschichten beschreiben Verhältnisse von heute, gekleidet in oft nicht sehr wahrscheinliche künftige Wendungen. Könnte ich in die Zukunft sehen, ich würde jetzt lieber mit Aktien handeln! ZEIT ONLINE: Trotzdem sind Warnungen in Ihren Büchern überall präsent. Ich bin nicht sicher, ob meine Mutter weiß, was eine Xbox ist. Die knapp 500 Seiten ihres Überwachungsromans Little Brother könnte sie dennoch folgen, mit Gewinn: Was muss die Öffentlichkeit über Datenschutz wissen? Was ist Ihr drängendstes Anliegen? Doctorow: Immer mehr Leute verstehen, dass eine Kontrolle des Internets viel mehr kontrollieren wird als nur technische Fragen und das Urheberrecht. Alle persönlichen Belange sammeln sich im Netz: Unser soziales Netzwerk, unser öffentliches Wirken, unsere Krankengeschichte und Ausbildung, unsere Finanzen. Deshalb werden die Regeln, die wir fürs Internet aufstellen, am Ende auch all diese Dinge bestimmen und regulieren können. Wir schauen heute auf das Internet wie die blinden Männer auf den Elefanten. ZEIT ONLINE: Jeder Blinde ertastet ein anderes Stückchen des Elefanten und zieht dann falsche Rückschlüsse, wie das gesamte Tier aussehen muss? Doctorow: Genau. Ein paar Gesetzgeber sehen das Internet als eine große Maschine, die Kinderpornografie verbreitet. Oder sie sehen eine Maschine, die Terroristen hilft, Anschläge zu planen. Andere tun so, als sei es ein Gerät zur Urheberrechtsverletzung. Als wären das die jeweils einzige Funktion. ZEIT ONLINE: All diese Dinge kommen vor. Doctorow: Natürlich. Aber man stelle sich vor, die Polizei würde entscheiden, dass viel zu viele Bankräuber für ihre Raubüberfälle ein Auto benutzen und darum jedes Auto als Maschine behandeln, mit der man Banken überfällt und die dazu noch ein, 2

10 LITERATUR zwei nebensächliche Verwendungsmöglichkeiten am Rand hat. Es gibt so viele legale Arten, ein Auto zu nutzen. Und wir wären so viel ärmer, wenn die Rechtssprechung jede Missbrauchsmöglichkeit behandelt, als sei sie der Hauptverwendungszweck. ZEIT ONLINE: Was heißt das konkret? Doctorow: Wir müssen uns wehren: Jedes Mal, wenn die Justiz darüber spricht, Familien den Zugang zum Netz zu sperren, weil ein Familienmitglied eine Urheberrechtsverletzung begangen hat. Jedes Mal, wenn unsere Bewegungen online gespeichert werden, weil man hofft, Terroristen zu entlarven. Und immer, wenn Internetanbietern erlaubt wird, einzelne Dienste und Protokolle zu blockieren, um damit einen Wegzoll auf Seiten wie Google zu kassieren. Terroristen sprechen miteinander, jeden Tag aber das macht es nicht legal, alle Privatgespräche abzuhören. Wer im Elektromarkt eine CD stiehlt, muss keine Angst haben, dass zur Bestrafung seine ganze Familie auf der Straße landet, abgeschnitten von allen Kommunikationsmitteln und dem Zugang zum Bildungs- und Gesundheitswesen. Unseren Telefonanbietern ist verboten, uns vorzuschreiben, welchen Pizzaservice wir erreichen können und welchen nicht: Auch, wenn es profitabler wäre, uns einen Exklusiv-Zugang zu einer einzigen Filiale zu verkaufen und all die anderen Lokale zu blockieren. ZEIT ONLINE: Was ist heute, ganz aktuell, die drängendste Frage in Sachen Bürgerrecht und Meinungsfreiheit? Doctorow: Es gibt mehrere Kampagnen, das Netz zu sperren und zu regulieren, meist im Namen des Urheberrechts. Ganz egal, dass diese Sperrungen am Ende keinem Urheber helfen können: Keine Maßnahme wird Raubkopierer wirklich stoppen können. Am Ende sind die ehrlichen Nutzer die Opfer, der Kollateralschaden im Kopierkrieg. Aktuell ist ACTA ein großes Problem, das Anti-Counterfeiting Trade Agreement. ZEIT ONLINE: Was ist das? Doctorow: ACTA ist ein geheimes Abkommen, das viele Freiheiten im Netz einschränken will. Dabei versucht man absichtlich, die UN, die Presse und die Bürgerrechtler über alles im Dunkeln zu lassen: Viele Abgeordneten des EU-Parlaments sind bestürzt, wie weit sich ACTA bereits durchsetzen konnte, ohne, dabei dem Ruf nach Transparenz nachzukommen. Das ist ein wichtiger Schritt: Das Parlament wachrütteln. ZEIT ONLINE: Es gibt einen Satz in ihrem Roman Makers, der sich fast wie Ihr Motto liest: "Autonomie macht uns glücklich." Doctorow : Ich bin kein Anhänger von Milton Friedman. Ich weiß, dass wir oft schlechte Entscheidungen treffen und die Konsequenzen eines Schritts ganz falsch ausmalen, bevor wir losgegangen sind. Doch trotzdem glaube ich, es ist enorm befriedigend und wichtig, der Welt die Stirn zu bieten, sich aufzustellen und Strukturen zu durchbrechen. Tagebücher sind ein gutes Beispiel. Man rät Leuten, die zu viel Geld ausgeben, sie sollen aufschreiben, wohin es fließt. Menschen mit Depressionen müssen ein Logbuch ihrer Launen führen und 3

11 LITERATUR Leute, die zu viel essen, ihre Mahlzeiten protokollieren. So finden wir Verhaltensmuster und lernen, uns davon zu befreien. Ich habe das hier genauer erklärt. ZEIT ONLINE: Warum handelt denn der Mensch überhaupt erst so? Doctorow: Die Tragödie der industriellen Revolution war, dass sie die Menschen zwang, zu Maschinen zu werden, um neben den Maschinen zu bestehen. Heute, während der Informations-Revolution, haben wir eine neue Chance. Wir können wieder wie Menschen handeln. Sobald wir unsere maschinellen Pflichten auf die Computer abzuladen lernen. Das Gespräch führte Stefan Mesch COPYRIGHT: ZEIT ONLINE ADRESSE: 4

12 Deutschlandfunk - Bücher für junge Leser - Die besten 7 Bücher für junge Leser Page 1 of :05 Uhr Lesendes Mädchen am Meer (Bild: Stock.XCHNG / frank van den hurk) Die besten 7 Bücher für junge Leser Die Deutschlandfunk-Bestenliste im April Vorgestellt von Ute Wegmann Eine Jury mit 29 Juroren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ermittelt einmal im Monat die besten sieben Bücher für junge Leser. Geschichte von der Auferstehung des Papageis Von Eduardo Galeano und Antonio Santos (Zeichnungen) Aus dem Spanischen von Carina von Enzenberg Bajazzo Verlag, 32 Seiten, 14,90/SFr 26,- ab 5 Ein allzu neugieriger Papagei stürzt kopfüber in einen dampfenden Topf und ertrinkt. Das Mädchen, der Baum, der Himmel und der Wind: Sie alle fallen in große Trauer. Und die Menschen verstummen. Doch ein Töpfer erweckt sie zu neuem Leben. - Eine alte brasilianische Legende über die Kraft der Hoffung als Bilderbuch voller Poesie. Eine Tasse für Nofretete Nilpferd Von Guy Helminger und Manuela Olten Bloomsbury Verlag, 32 Seiten, 13,90/SFr 24,80 ab 4 Die Wiedergeburt der Nofretete. Als unerschrockene und tatkräftige 4000 Kilo schwere Nilpferdschönheit mit einem ungeheuren Konsum von Multivitaminsaft: neun Flaschen auf einmal! Bei einem Stadtspaziergang geht allerdings alles schief. Nicht nur Elefanten bringen im Porzellanladen alles durcheinander! - Eine turbulente Geschichte, ein lustiges Bilderbuch. Gutenachtgeschichte Von Ulrich Plenzdorf und Stefanie Harjes Hinstorff Verlag, 48 Seiten, 14,90/SFRr 26,- ab 8 Das Problem von spannenden Gutenachtgeschichten liegt darin, dass man danach nicht einschlafen kann. Dachte sich auch der Schriftsteller Ulrich Plenzdorf und schrieb eine ganz bewusst langweilige Gutenachtgeschichte. Dumm nur, dass er darin ein Sprachfeuerwerk entfacht, das niemanden dazu bringt, die Augen zu schließen. Und in den herrlichen Bildern verliert man sich sowieso. Blankets Von Craig Thompson Graphic Novel gelettert von Hartmut Klotzbücher Aus dem Amerikanischen von Claudia Fliege Carlsen Verlag, 591 Seiten, 38,-/SFr 64,90 ab 13 Keine Popmusik, kein Fernsehen, kein Spaß, dafür umso mehr Sonntagsschule. Langweile pur. Doch eines Tages tritt die schöne Raina in Craigs Leben. Verknallt über beide Ohren ändert sich von heute auf morgen alles. Es gibt Gefühle, die stärker sind als die eingetrichterte Liebe zu Gott. - Ein bittersüßer Comicroman über eine fundamental christlich geprägte Kindheit. Roberts Land Eine Familiengeschichte Von Herbert Günther Gerstenberg Verlag, 128 Seiten, 12,90/SFr 22,90 ab 11 Auf dem schwankenden Heuwagen liegen und in die Wolken träumen, mit dem Bruder über Himmel und Hölle quatschen und dann zu Hause die Erdbeertorte! Schönere Sommer gibt es nicht. - Doch der Zweite Weltkrieg wirft noch seine Schatten auf den Alltag des Jungen Robert. So prägte auch der Erste Weltkrieg

13 Deutschlandfunk - Bücher für junge Leser - Die besten 7 Bücher für junge Leser Page 2 of das Leben seiner Großeltern und Eltern. - Zehn Geschichten einer Familie über das Erwachsenwerden in Zeiten, in denen der Krieg seine Spuren hinterließ. Little Brother Von Cory Doctorow Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn Rowohlt Taschenbuchverlag, 492 Seiten, 14,95/SFr 27,60 ab 14 Der 17jährige Marcus hat nichts anderes als Internet im Kopf. Ein echter Freak. Als Terroristen die Oakland Bay Bridge sprengen, geraten er und seine Freunde ins Visier der Fahnder. Sie werden verhaftet, verhört, zu einem geheimen Ort verschleppt. - Die Horrorvision aus unserer "schönen, neuen" Welt, in der jeder und alles überwacht wird, keiner dem anderen mehr traut. Wildnis Von Roddy Doyle Aus dem Englischen von Andreas Steinhöfel Cbj Verlag, 207 Seiten, 12,95/SFr 22,90 ab 12 Mitten im harten Winter bucht die Mutter mit den Brüdern Tom und Johnny eine Husky-Tour mitten durch die finnische Wildnis. Während zuhause die große Stiefschwester zum ersten Mal ihrer Mutter begegnet, passiert auf dem Abenteuertrip das Unfassbare: Die Mutter geht nachts bei einem Ausflug in den Schneewehen verloren. Doch die Jungs geben nicht auf. Sie suchen und suchen...

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