Nachsorge im Rehabilitationsprozess nach Schlaganfall: Realität und Perspektive

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1 Sonderforschungsbereich 580 Projekt C5 Rehabilitation zw. Transformation und Weiterentwicklung Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Nachsorge im Rehabilitationsprozess nach Schlaganfall: Realität und Perspektive Behrens J.; Becker C.; Fleischer S.; Herrmann G.; Lorenz, S.; Saal S.; Schubert M.; Selinger Y.; Richter D.; Weber A.; Zimmermann M. Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Symposium Schnittstellen in der Rehabilitation: Koordination und Management 6. November 2009

2 Projekthintergrund Teilprojekt C5 Individualisierung und Differenzierung von Rehabilitation und Pflege im Falle gesundheitsbedingter Exklusionsrisiken in Ost- und Westdeutschland, Schweden, Schweiz, Italien und Tschechien im Bereich Sozialer Sektor des SFB 580 Gesellschaftliche Entwicklungen nach dem Systemumbruch Untersuchung der Verläufe nach dem Ereignis eines Schlaganfalls und der unterschiedlichen sozialen und individuellen Akteursperspektiven der Klienten der Leistungsträger und der Leistungserbringer der ambulanten und stationären rehabilitativen Versorgung

3 Hintergrund und Fragestellung Rehabilitation als Komplexintervention Ziel: Suche nach Prädiktoren für einen erfolgreichen Rehabilitationsprozess ( best practice ) nach Schlaganfall Etappen des Rehabilitationsprozesses - direkte rehabilitative Versorgung nach dem Akutereignis - Nachsorge o Nachsorge durch Rehabilitationsträger (SGB VI) o Nachsorge durch weitere Therapien und Behandlungen im Rahmen des SGB V und SGB XI

4 Hintergrund und Fragestellung Rehabilitation als Komplexintervention Akutversorgung g im Krankenhaus Medizinische (Anschluss-) Rehabilitation Nachsorge

5 Hintergrund und Fragestellung Rehabilitation als Komplexintervention Berufliche Rehabilitation Hausarzt Mahlzeitendienst Erwerbsminderungsrente Akutversorgung g im Krankenhaus Medizinische (Anschluss-) Rehabilitation Schlaganfall- betroffener Facharzt Heilmittel Hilfsmittel Pflegehilfsmittel Pflegesach- bzw. -geldleistung Wohnraum- anpassung ambulante/ stationäre Pflege

6 Methodik Reha-Statistik-Datenbasis (RSD) der Deutschen Rentenversicherung (DRV), Erhebungsjahr 2006, Berichtszeitraum: Substichproben mit den gemeinsamen Merkmalen Diagnose Schlaganfall (ICD-10: I60-64) wohnhaft in Sachsen-Anhalt, Thüringen, Schleswig-Holstein oder Baden-Württemberg Stichprobe A: alle Personen mit einem Ereignis (Reha oder Rente) mit der Diagnose Schlaganfall zwischen 2001 und 2003, n= Stichprobe B: Stichprobe von n=1.000 Personen zur schriftlichen und telefonischen Befragung mit Schlaganfallereignis (Reha oder Rente) im Jahr 2005 verknüpfter Datensatz aus Routine- und Befragungsdaten

7 Ergebnisse Verteilung der Leistungsarten 96,9 % Medizinische Rehabilitation 23,5 % 23,4 % 22,7 % N=12240 Berufliche Rehabilitation 97,3 % 63,8 % 55,5% Rentenleistung Erwerbs- minderung 8,3% Alter

8 Ergebnisse Art der Ereignisse: mind. ein Ereignis pro Leistungsart Medizinische Rehabilitation 96,6% Berufliche Rehabilitation 23,4% Erwerbs- minderungs- 55,5% 5% rente % 20% 40% 60% 80% 100% eins zwei drei vier fünf

9 Ergebnisse Medizinische Reha im Verhältnis zum Berentungszeitpunkt

10 Ergebnisse Befragungsdatensatz Nonresponderanalyse Merkmal Schriftliche und telefonische Befragung (n=1000) Responder (n=205) Non-Respesponder (N=795) Geschlecht w 40,5 % 35,1 % m 59,5 % 64,9 % Alter (Mittelwert) 52,5 J. (Sd. 7,88) 51,4 J. (Sd. 8,74) Anteil der Erwerbsminderungsrentner (ohne Altersrentner) 50,8 % 57,1 %

11 Ergebnisse Therapieinanspruchnahme wegen Schlaganfall I 100% 90% 80% 70% 60% 50% 40% 30% 20% Hausarzt Facharzt Physiotherapie Ergotherapie weitere Therapien 10% 0% nach Schlaganfall 3-5 Jahre danach mehr als 5 Jahre danach

12 Ergebnisse Therapieinanspruchnahme wegen Schlaganfall II 100% 90% 80% 70% 60% Hausarzt Facharzt 50% Physiotherapie 40% Ergotherapie 30% Neuropsychologie 20% Logopädie 10% 0% AOK (n=57) Barmer (n=22) TKK (n=19) BKK (n=31) privat/beihilfe (n=6) andere (n=63)

13 Ergebnisse Erwerbstätigkeit 100% 90% 80% 7,0 2,2 1,6 86 8,6 17,7 25,8 10 im Ruhestand 70% 60% 50% 40% 30% 20% 10% 75,8 31,7 31,2 8,1 5,4 5,9 2,2 2,7 2,2 8,1 8,1 25,3 23,7 9 berufs-/erwerbsunfähig 8 arbeitslos/arbeitssuchend 6 nicht erwerbstätig (z.b. Hausfrau) 5 Ausbildung/Umschulung/Studium 4 Ein-Euro-Job (bei ALG II) 3 geringfügig/unregelmäßig i erwerbstätig 2 Teilzeitbeschäftigung 1 voll erwerbstätig 0% vor Schlaganfall 3,5 J. danach (Sd. 3,4 J.) 4,75 J. danach (Sd. 3,4 J.)

14 Ergebnisse Erleben aus Sicht Betroffener In der Akutversorgung/stationären Rehabilitation geht alles automatisch, in der Nachsorge muss sich jeder selbst kümmern (nichts geht automatisch) Gefühl der Betroffenen allein gelassen zu sein und selbst in besonderem Maße initiativ werden zu müssen deutliche Schwierigkeiten im Vorfeld der Leistungsgewährung bei allen Trägern der Gesundheitsversorgung In der Regel muss vieles selbst erfragt werden (Information) Während konsekutive Therapien in manchen Fällen trotz bleibender Einschränkung nicht stattfinden, gelingt es anderen Rehabilitanden vor allem mit starker Unterstützung durch den Hausarzt oder Familienmitglieder, eine kontinuierliche therapeutische Versorgung zu nutzen Fragmentierter Rehabilitationsprozess: Behandlungsabbrüche (vgl. Zimmermann et al. 2006, 2009; Schaepe et al. 2009) und zum Teil auch eine schlechte Information durch Leistungsträger und Leistungserbringer (Schlote 2006)

15 Zusammenfassung in fünf Thesen 1. Komplexe gesundheitsbedingte Teilhabestörungen, wie infolge eines Schlaganfalls, ll bedingen komplexe Leistungsprozesse, die über Leistungen spezialisierter Institutionen hinausgehen. 2. Eine bedarfsgerechte Nachsorge Nachsorge geht über die Grenzen einer mehr oder weniger strukturierten Nachbetreuung einzelner Leistungserbringer im Rehabilitationsprozess deutlich hinaus. 3. Längerfristige Therapien sind erfolgversprechend, aber nur bei einer Minderheit der Betroffenen zu finden. 4. Das ausdifferenzierte Gesundheitssystem mit diversifiziert angelegten Leistungsträgern und -erbringern produziert Schnittstellen, die auf individueller Ebene Betroffener nicht selten zu Versorgungs(ab)brüchen führen. 5. Auf subjektiver Betroffenensicht sind die Strukturen und Ansprechpartner wenig transparent, Betroffene sind Ihrer Eigeninitiative und der Ihrer Angehörigen überlassen, was insgesamt zu einem fragmentierten Versorgungsprozess beiträgt.

16 Schlussfolgerungen Selbst kümmern müssen erhöht tendenziell soziale Ungleichheit, weil die dazu nötigen Kenntnisse und Kompetenzen (Bourdieu: Kulturelles ll Kapital ) und die dazu erreichbaren günstigen Nachbarn und Netze (Bourdieu: Soziales Kapital ) nicht für alle Schlaganfallbetroffene gleichmäßig gegeben sind. Notwendigkeit kontinuierlicher, systematischer Fallbegleitung l zur Steuerung des (komplexen) Rehabilitationsprozesses über institutionalisierte Rehabilitationsangebote hinaus träger- und schnittstellenübergreifend koordinierend bedarfsgerecht partizipativ individuell informierend i vermittelnd beratend unterstützend begleitend wegweisend 10 SGB IX Koordinierung von Leistungen

17 Schlussfolgerungen Selbst kümmern müssen erhöht tendenziell soziale Ungleichheit, weil die dazu nötigen Kenntnisse und Kompetenzen (Bourdieu: Kulturelles ll Kapital ) und die dazu erreichbaren günstigen Nachbarn und Netze (Bourdieu: Soziales Kapital ) nicht für alle Schlaganfallbetroffene gleichmäßig gegeben sind. Notwendigkeit kontinuierlicher, systematischer Fallbegleitung l zur Steuerung des (komplexen) Rehabilitationsprozesses über institutionalisierte Rehabilitationsangebote hinaus träger- und schnittstellenübergreifend koordinierend bedarfsgerecht patizipativ individuell informierend i vermittelnd beratend unterstützend begleitend wegweisend 10 SGB IX Koordinierung von Leistungen

18 Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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