Vom Sinn und Unsinn der Klassifikationssysteme in der Pflege

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1 Vom Sinn und Unsinn der Klassifikationssysteme in der Pflege Wien Prof. Dr. Sabine Bartholomeyczik Universität Witten/Herdecke Department für Pflegewissenschaft

2 Themen Inhalte Begriffsklärung mit Beispielen Klassifikationen in der Pflege Funktionen von Klassifikationen Aufwandsbezogene Klassifikationen Voraussetzungen für eine gute Qualität Anforderungen an die Qualifikation von Anwendern Risiken, Limitationen Bartholomeyczik

3 Begriffsklärung Klassifikationssystem (Taxonomie) = Ordnungssystem charakterisiert durch Klassen, in denen Objekte zusammengefasst werden Eindeutige und standardisierte Abgrenzungskriterien Objekte dürfen nur einer Klasse zuordenbar sein (Oft) Hierarchisches System: kleine Klassen werden zu größeren Klassen zusammengefasst Oder Klassen untergliedert Objekte werden in standardisierter Fachsprache bezeichnet Standardisiert = für dieses System immer dieselbe Bezeichnung für dasselbe Objekt Bartholomeyczik

4 Bsp. ICF (WHO) Funktionsfähigkeit und Behinderung Komponenten des Körpers Funktionsfähigkeit (Kontextfaktoren) Körpersysteme Körperstrukturen Aktivitäten und Teilhabe d4 z.b. Mobilität d410 Körperposition wechseln d430 heben und tragen d4100 sich hinlegen d4104 stehen Bartholomeyczik

5 Ältestes ICD: Klassifikation von Krankheiten und verwandter Ges.probleme Gliederung nach biologischen Systemen/ Organen + Restkategorien: Symptome und Befunde, die andernorts nicht klassifiziert sind z.b. M00-M99 Krht. des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes Darin z.b. M15-M29 Arthrose M15 Polyarthrose, M16 Koxarthrose Grundlage: Biologisches Krankheitsverständnis Bartholomeyczik

6 Begriffsklärung Patientenklassifikationssysteme (PCS): Ein PCS ist eine systematische Ordnung von Patientenkategorien mit Bezeichnungen und Definitionen. Die Definitionen stellen den Bezug zu den Kategorisierungskriterien her (z.b. Diagnosen, Prozeduren und Alter). (Fischer 1997) PFLEGEklassifikationen sind oft standardisierte sprachliche Systeme. Dem Gegenstand Pflege ist geschuldet, dass sie oft nicht einfach stabile Klassifikationssysteme darstellen. Bartholomeyczik

7 Pflegeprozess und Klassifikationen Pflegediagnostik Planung Evaluation Durchführung Bartholomeyczik,

8 Pflegeprozess und Klassifikationen Informationssammlung Pflegediagnostik Pflegerelevanter Gesundheitszustand Planung Maßnahmen und Ziel (= Gesundheitszustand) Evaluation Pflegerelevanter Gesundheitszustand Durchführung Maßnahmen Bartholomeyczik,

9 Pflegeprozess und Klassifikationen Informationssammlung epa, ATL, AEDL NANDA Pflegediagnostik Pflegerelevanter Gesundheitszustand Gesamt: ICNP, Omaha System, ENP, Verknüpfungen Planung Maßnahmen (und Ziel = Gesundheitszustand) Evaluation Pflegerelevanter Gesundheitszustand NOC + Diagnosen Durchführung Maßnahmen NIC, NMDS-B, LEP, PPR Bartholomeyczik,

10 Funktionen Sprachliches Ordnungssystem für vorhandenes Konstrukt (z.b. Diagnosen) Ordnen: Übersicht schaffen, Transparenz, Vergleichbarkeit herstellen Nach gemeinsamen Prinzipien beschreiben: Prinzipien richten sich am Ziel der Klassifikation aus: z.b. Diagnosen: Ursachen, Symptome (Theorie!) Unterscheiden zwischen Objekten in verschiedenen Klassen z.b. Differentialdiagnostik: Schlussfolgerungen erleichtern Nebeneffekt insbes. bei Pflege: Fachsprache fördern (Alltagssprache variabel und stark kontextabhängig) Dokumentation unterstützen Grundlage für ökonomische Berechnungen (Krankenhauskosten, Personalbedarf) Nicht: erklären, begründen Das tut evtl. zugrundeliegende Theorie z.b. Med. Diagnosen: Organe und biologische Systeme sind Sitz von Krankheiten Bartholomeyczik

11 Intern Extern Department für Pflegewissenschaft Klassifikationen auf verschiedenen Ebenen Datenorte Funktionen Forschung Statistik Kenndaten Planung DRG, Controlling Führung Dokumentation Klinischer Verlauf Praxis Indiv. Komplexität Nach: Berthou: Project NURSING Data Bartholomeyczik

12 Hohe Anforderungen Theorie (Gedankengebäude) Gegenstandsbereich Begriff (sprachliche Einheit, standardisiert) Objekt (Einheit der Realität) angeregt durch Ingenerf et al Bartholomeyczik

13 Planung von Versorgungssystemen: Aufwand erfassen Perspektive Maßnahmen Pflege

14 Maßnahmen Meistens geleistete Maßnahmen = Was wurde getan? Nur mit Gesundheitsindikatoren zu begründen Aber Begründung selten mit erfasst (z.b. PPR) Qualität kann nicht beurteilt werden Problem: Mögliche Rationierungen werden nicht sichtbar Erforderliche Maßnahmen = Was sollte getan werden? Nur von Gesundheitsindikatoren ausgehend unter Einbeziehung von Zielen und Rahmenbedingungen möglich Hiermit sollte Personal geplant werden Qualität kann nur im Vergleich zwischen möglichem und erreichtem Ziel beurteilt werden, Ziel kann nur mit Gesundheitszustand begründet werden Bartholomeyczik,

15 Typenbezeichnung 1a Kennzahlen ohne Leistungsbezug 1b Kennzahlen mit Intensitätsbezug 2a Leistungsbezug rechnerisch / empirisch Patientenklassifikationssysteme aufwandsbezogen (nach Isfort 2008) Zentrale Merkmale allgemeine Kennzahlen ohne Aussage zu Leistung gruppierte Intensitäten bei Pat. Zuordnung zu Normwerten oder Messung von Leistungszeiten Fallzahlen epa, NMDS-B LEP, DTA 2b Begründeter Leistungs- Leistungen werden mit Patientenzustand PKMS bezug begründet 3a Fallbezug über Fallaufwand durch Leistungsbündel Leistungsdifferenzierung erklärt Gesamtzeitaufwand (Studien) 3b Fallbezug über Fallaufwand wird mit Pat.zustand evtl. Zustandsdifferenzierung +Leistung erklärt DRG 4 PCS mit Qualitätsbezug Fallbezogene Leistungsprofile verbunden mit Ergebnissen - Bartholomeyczik,

16 Voraussetzungen 1 Entscheidend für Qualität der Klassifikation ist Die zugrundeliegende Theorie z.b. ATL Roper, Logan, Tierney (1980): Modell des Lebens, Individualität durch Gestaltung der Lebensaktivitäten, Pflege ist nötig, wenn Probleme im Zusammenhang mit LA gelöst werden müssen z.b. Pflegediagnosen (Gordon) Funktionale Verhaltensmuster als Struktur für Assessment, das verschiedene Pflegetheorien integriert. Allen Menschen sind bestimmte funktionale Verhaltensmuster, die sich auf Gesundheit, Lebensqualität und menschliche Potenziale auswirken, gemeinsam (2001, S. 112) Klare Abgrenzungen? Eindeutige Kriterien? (Biologie ist bequem) Bartholomeyczik

17 Die wissenschaftliche Güte Voraussetzungen 2 1. Validität Bildet das System inhaltlich das ab, was es abbilden soll? Wegen der inhaltlichen Breite und ebenso breiter und abstrakter Definitionen von Pflege schwierig zu beurteilen. Hilfsmittel: Vergleiche verschiedener Systeme Expertendiskurse, systematische Bewertungen etc. Stellen die Klassifikationskriterien relevante Unterscheidungskriterien dar? Oder trennen sie Zusammengehörendes? Oder an einer falschen Stelle? Bartholomeyczik

18 Fremdsprachige Instrumente Übersetzungen müssen fachgerecht sein: Verschiedene Möglichkeiten, die sowohl Sprache- als auch Fachverstand integrieren müssen Übersetzte Klassifikationen müssen ebenfalls auf Gütekriterien hin untersucht werden u.a.: ist das System für deutschsprachigen Raum angemessen? Bartholomeyczik

19 Voraussetzungen 3 Die wissenschaftliche Güte 2. Reliabilität Kommen verschiedene Nutzer in derselben Situation zum selben Ergebnis? Kommt ein Nutzer zu verschiedenen Zeiten bei unveränderter Situation zum selben Ergebnis? 3. Praktikabilität, Pflegerelevanz Trifft das System den Fachsprachgebrauch? Wie umständlich ist es? Wie zeitaufwändig? Wieviel Schulungsaufwand ist nötig? Bartholomeyczik

20 Qualifikation Entscheidend für Qualität der Anwendung einer guten Klassifikation ist die Qualifikation der Anwenderin Kenntnis der Theorie (Sinn und Zwecke des Systems) Verständnis für Begriffsinhalte (die immer mehr ausmachen als oberflächlich ersichtlich) Fähigkeit, Informationen in Klassifikation umzusetzen Fähigkeit, valide Informationen zu erlangen Bartholomeyczik

21 Mangelnutzung Wesentlicher Vorteil neben Ordnung Ist Standardisierung Weil diese Vergleiche zulässt Diese sind jedoch nur in geringem Maße möglich, wenn jede Abteilung oder Einrichtung ein anderes Klassifizierungssystem nutzt??? = = = Bartholomeyczik

22 Risiken Wie bei allen standardisierten Instrumenten Alles Nicht-Enthaltene bleibt unsichtbar Muss eigenes Denken unterstützen und nicht unterdrücken Schlechte, unangemessene Klassifikation kann zu erheblichen negativen Konsequenzen bei Pat./BW führen Falsche Anwendung kann zu erheblichen negativen Konsequenzen bei Pat./BW führen Falsche Interpretation im Controlling kann zu falschen ökonomischen Schlussfolgerungen führen Bartholomeyczik

23 Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit

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