Begegnung mit muslimischen Frauen und Männern. Arbeitsstelle im Haus kirchlicher Dienste der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers

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1 Begegnung mit muslimischen Frauen und Männern Gesichter des Islam Gefördert durch Ein Projekt von Arbeitsstelle im Haus kirchlicher Dienste der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers in Zusammenarbeit mit dem Institut für Evangelische Theologie der

2 Hadia Nassri Hadia Nassri, 23, ist in Essen geboren und in Aachen aufgewachsen. Ihre Eltern stammen aus Syrien. Sie studierte Informatik in Aachen und ab Herbst 2003 setzt sie ihr Studium in München fort. Hadia Nassri ist mit einem aus Syrien stammenden Mann verheiratet. Der Islam ist für mich nicht nur eine Religion im üblichen Sinne, sondern eine Weltanschauung, eine universale Ethik, die alle Lebensbereiche eines Menschen umfasst. Er ist eine große Stütze im Leben und gibt meinem Leben einen Sinn.

3 Ich betrachte das Leben als eine Prüfung und glaube an den Jüngsten Tag. Das ist der Tag, an dem alle Menschen für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden und an dem die absolute Gerechtigkeit herrschen wird. Die Liebe zu Allah ist mir sehr wichtig, sie gibt mir viel Kraft und prägt mein ganzes Leben. Die Moschee ist für mich wie ein zweites Zuhause, ich bin dort in der Dialog- und Jugendarbeit ehrenamtlich tätig. Ich denke, es ist meine Pflicht, den Kindern und nachfolgenden Generationen das zu geben, was ich früher bekommen habe. Das Wort Islam kommt aus dem Arabischen und heißt Frieden. Islam bedeutet zum einen, mit sich und seinen Mitmenschen in Frieden zu leben, und zum anderen, sich ganz dem einen Gott zu ergeben. Ich versuche, mich so weit wie möglich an die Gebote von Koran und Sunna zu halten. Ich bete fünfmal am Tag, faste den Monat Ramadan, zahle die Zakkat (Pflichtabgabe) und habe die kleine Pilgerfahrt nach Mekka gemacht. Die große Pilgerfahrt werde ich noch machen, so Gott will. Ich lese den Koran, bilde mich weiter in Religion und Ethik und versuche, mir Allgemeinwissen anzueignen, wie es der Koran als Dienst an Gott vorsieht. Ich sehe mich als Diener Gottes und betrachte mein ganzes Leben als Gottesdienst. Alle Handlungen, die eigentlich weltlich sind, werden religiös. Ich sehe meine Freiheit damit nicht eingeschränkt, meine Bedürfnisse sind gestillt. Das Gebet ist nach dem Glaubensbekenntnis die wichtigste Pflicht eines Muslims. Das Gebet ist der tragende Pfeiler des Glaubens. Wer es verrichtet, hält den Glauben aufrecht, und wer es verlässt, verlässt den Glauben (ein Ausspruch des Propheten Mohammad, Friede sei mit ihm). Ich trage das Kopftuch seit dem 13. Lebensjahr. Es ist für mich eine religiöse Pflicht, die ich wie viele andere Pflichten aus demselben Grund, dass ich Gottes Wohlgefallen erlangen möchte, erfülle, wobei mir bewusst ist, dass jede Pflicht, die mir Gott auferlegt hat, auch ihren Sinn hat. Ich trage das Kopftuch nicht, weil ich den Islam symbolisieren möchte, sondern weil es eine religiöse Pflicht ist, die ich genauso vor Gott erfülle, wie ich das Gebet, das Fasten oder sonstige Vorschriften befolge. Als Muslima möchte ich so anerkannt und respektiert werden, wie ich bin. Ich möchte das Recht haben, mein Kopftuch zu tragen und mit meinem Kopftuch berufstätig zu sein. Ich trage das Kopftuch aus eigener Überzeugung. Das Kopftuch der muslimischen Frau ist Teil ihrer gesamten Kleidung, die bestimmten Vorschriften unterliegt. Kleidungsvorschriften gibt es sowohl für den Mann als auch für die Frau und sie dienen dem Wohl beider Geschlechter und der Gesellschaft. Da die Reize einer Frau anders definiert werden als die Reize eines Mannes, gilt für die Frau zusätzlich, dass sie das Kopftuch trägt. Meine Eltern haben mir bestimmte Werte vermittelt, aber ich führe nun mein eigenes Leben und treffe meinen eigenen Entscheidungen. Darauf haben mich meine Eltern vorbereitet, dass ich immer für meine eigenen Taten verantwortlich bin. Ich habe bestimmte Verpflichtungen, mein Mann auch. Die Rollen sind verteilt, man kann aber auch flexibel sein. Mein Mann ist hauptsächlich für den Unterhalt der Familie verantwortlich, und ich bin für das Heim und die Erziehung der Kinder verantwortlich. Ich sehe mich aber in keiner Weise unterdrückt, sondern fühle mich so wohl. Ich habe Freiheiten wie jede andere Frau auch, natürlich im islamischen Rahmen. Ich erlebe den Umgang mit Christen ganz normal. Jeder hat seinen eigenen Glauben und darin gibt es keinen Zwang. Unsere Beziehung ist eine normale Beziehung, außer dass wir einfach einer anderen Religion angehören. Ich habe meine Grenzen, die ich einhalte. Natürlich habe ich auch christliche Freunde. Ich wünsche mir, dass muslimische Frauen mehr Anerkennung bekommen und keine Nachteile im Berufsleben und in der Ausbildung haben. Wir sind ganz normale Menschen wie alle anderen auch, nur, dass wir ein Stück Stoff auf dem Kopf haben. Christen und Muslime haben sehr viele Gemeinsamkeiten. Wir haben den gleichen Ursprung und glauben an dieselben Propheten, nur dass Jesus für uns ein Prophet ist (und nicht Gottes Sohn) und das Mohammad (Friede sei mit Ihm) Gottes letzter Prophet ist. Bei uns hat der Monotheismus deshalb die reinste Form. Man sollte aber auf die vielen Gemeinsamkeiten schauen und nicht auf die Unterschiede. Unterschiedliche Glaubensauffassungen sollten nicht der Grund für Konflikte sein.

4 Ayse Önder Ayse Önder, 57, wurde in Izmir (Türkei) geboren. Im Alter von 24 Jahren immigrierte sie nach Deutschland. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter. Sie ist im Ruhestand und engagiert sich als Vorsitzende des Elternvereins in der Moschee in Würselen. Der Islam ist schön. Ich bin stolz darauf, eine muslimische Frau zu sein.

5 Ich gehe regelmäßig in die Moschee, aber nicht, um zu beten. Die Moschee ist für mich mehr ein Ort der Begegnung und des Gemeindelebens. Ich leite eine Folklore-Tanzgruppe für Mädchen und gehe regelmäßig jeden Sonntag in die Moschee, um mit den Kindern zu üben. Ich bin Vorsitzende des Würselener Elternvereins und habe schon viele Aktivitäten gestartet. Wir bieten deutsche Sprachkurse, Nähkurse, Nachhilfe und Folklore-Kurse an. Manchmal organisiere ich auch Vorträge von Referentinnen der Kölner Ditib- Moschee. Ich bereite alles vor, schreibe Einladungen usw. Diese Vorträge sind immer gut besucht. Für mich persönlich ist die Folklore-Tanzgruppe besonders wichtig. Wenn wir Feste feiern in der Moschee, dann brauchen wir eine Folklore- Gruppe, denn die Folklore gehört unbedingt zu unserer Kultur. Früher haben wir immer andere Folklore-Gruppen zum Tanzen bestellt und mussten viel Geld dafür bezahlen. Da hatte ich die Idee, selber eine Folklore-Gruppe zusammenzustellen. Schließlich haben wir auch viele Kinder. Und viele machen gerne dabei mit. Wir halten den Ramadan und feiern das Opferfest. Beim Opferfest wird ein Schaf, ein Lamm oder ein Rind geschlachtet. Ein Teil des Opferfleisches wird verschenkt, und zwar an arme Leute, der Rest wird beim Fest verzehrt. Man besucht sich gegenseitig, um gemeinsam zu essen. Es werden viele Speisen für dieses Fest zubereitet. Das gehört auch zu unserer Kultur. Fasten hat für unseren Alltag große Bedeutung. In der Fastenzeit haben wir immer viel Freude. Wenn die Fastenzeit kommt, bereiten wir alles vor, einkaufen usw. Wir leben dann ganz anders. Wir laden Besuch ein oder machen Besuche. Ich trage kein Kopftuch. Ich bin so aufgewachsen. In meiner Familie hat keine Frau ein Kopftuch getragen und in der Familie meines Mannes trugen die Frauen auch kein Kopftuch. Wenn ich zur Moschee gehe, um zu beten, trage ich ein Kopftuch, weil es Vorschrift ist. Zu Hause trage ich es auch, wenn ich bete. Ich bete jeden Abend. Zum Beten muss man etwas mit langen Ärmeln anziehen und ein Kopftuch tragen. Man denkt, wenn man es nicht tut, hilft Gott dir nicht. Was ich von meinen Eltern gelernt habe, möchte ich meinen Kindern auch so weitergeben, damit meine Kinder auch so leben können. Besonders wichtig ist es mir, meinen Kindern Liebe mitzugeben: Liebe, Ehrlichkeit und Glauben. Vor der Heirat verlobt man sich. Wenn ein Paar verlobt ist, darf es in der Öffentlichkeit Hand in Hand gehen, das ist sonst verboten. Heute achten viele junge Leute nicht mehr auf solche Sachen. Bei uns ist es üblich, dass Mädchen bis zur Heirat bei der Familie bleiben und mit den Eltern zusammenleben. Aber in der heutigen Zeit verlassen viele junge Leute, Mädchen und Jungen, ihr Elternhaus vor der Heirat, um ein Studium in einer anderen Stadt zu beginnen. Häufig leben dann mehrere Mädchen gemeinsam in einer Wohnung. Das ist nicht normal für eine muslimische Familie, doch heutzutage werden manche Sachen nicht mehr richtig gemacht. Aber im 21. Jahrhundert müssen wir nicht immer zurückgucken, sondern vorwärts. Den Kontakt zum Christentum erlebe ich positiv. Wir haben keine Schwierigkeiten im Zusammenleben mit Christen. Wir waren auch schon häufig zu Taufen, Beerdigungen und kirchlichen Hochzeiten eingeladen und sind auch immer hingegangen. Zu unseren Festen haben wir auch Christen eingeladen, die auch gerne gekommen sind. Es gibt eine Sache, die Christen von Muslimen lernen können: das ist die Gastfreundschaft. Unsere Nachbarn beispielsweise stehen häufig eine Stunde an der Türe und unterhalten sich mit anderen und sagen nicht: Komm rein, lass uns eine Tasse Kaffee trinken. Stundenlang stehen sie dort an der Tür und sprechen. Bei Muslimen, nicht nur bei mir, kann jeder reinkommen, der vorbeikommt und fragt, wie es uns geht. Wir sind immer gastfreundlich und immer herzlich. Eine Sache habe ich bei Christen beobachtet, die Muslime lernen könnten. Wenn man befreundet ist, kann es passieren, dass man vielleicht wegen irgendeiner Kleinigkeit eingeschnappt ist und sich am nächsten Tag nicht grüßt. Aber wenn bei mir etwas passiert, vergessen die Christen das und kommen sofort. Muslime warten immer, dass man sich entschuldigt, wenn man einmal Krach hat. Die schieben sich die Schuld immer gegenseitig zu und erwarten immer vom anderen, dass er sich entschuldigt.

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