Marketing in Schulbibliotheken

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1 Marketing in Schulbibliotheken Am Beispiel einer Umfrage in der Schulbibliothek des Hölty-Gymnasiums in Wunstorf Diplomarbeit im Studiengang Informationsmanagement an der Fachhochschule Hannover vorgelegt von Silke-Maria Paul und Stefanie Rabe Hannover, den 30. Mai 2005

2 Hiermit versichern wir, dass wir die vorliegende Arbeit selbstständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen und Hilfsmittel benutzt haben. Wir sind damit einverstanden, dass unsere Arbeit in die Fachhochschulbibliothek eingestellt wird. 1. Prüferin: Prof. Dr. Gudrun Behm-Steidel 2. Prüferin: Dipl-Bibl. Irina Nehme

3 Abstract Die vorliegende Diplomarbeit beschäftigt sich mit Thema Marketing in Schulbibliotheken. Sie gliedert sich in einen theoretischen und einen praktischen Teil. Der erste Teil geht auf die Situation der Schulbibliotheken in Deutschland und dem Ausland ein und zeigt Möglichkeiten auf, Marketing in Schulbibliotheken einzusetzen. Darauf aufbauend wird ein auf die Schulbibliothek des Hölty-Gymnasiums abgestimmtes Marketingkonzept dargestellt. Inhalt des zweiten Teils ist eine empirische Untersuchung an der Schulbibliothek des Hölty-Gymnasiums in Wunstorf. Im Rahmen einer schriftlichen Umfrage wurden die Schüler und Lehrer zu ihrer Meinung bezüglich ihrer Schulbibliothek befragt. Von der Planung der Umfrage bis zur Präsentation der Ergebnisse werden alle Schritte dargestellt. Anhand der Ergebnisse der Umfrage werden daraufhin Ideen und Vorschläge zur Verbesserung aufgezeigt.

4 Inhaltsverzeichnis Abstract Inhaltsverzeichnis I 1 Einleitung Schulbibliotheken Auftrag und Aufgabe Kompetenzförderung in der Schulbibliothek Informationskompetenz Methodenkompetenz Medienkompetenz Sozialkompetenz Lesekompetenz Schulbibliotheken Möglichkeiten im Überblick Zur Situation der Schulbibliotheken in Deutschland Überblick Schulbibliothekstypen Positive Ansätze im Schulbibliothekswesen Probleme der Schulbibliotheksentwicklung Personallage in Schulbibliotheken Fachstellen für Schulbibliotheken Die Schulbibliothek des Hölty-Gymnasiums Wunstorf Ein Beispiel für eine deutsche Schulbibliothek Zur Situation der Schulbibliotheken im Ausland Australien Dänemark Finnland Flandern Frankreich Großbritannien Island Japan Luxemburg Norwegen Österreich Polen Schweden Schweiz Slowenien. 29 I

5 Südtirol Türkei Ungarn USA Ein Vergleich der deutschen Schulbibliotheken mit dem Ausland PISA-Studie Ziele und Ergebnisse der PISA-Studie PISA eine kritische Betrachtung Schulbibliotheken: eine Chance für PISA oder PISA: eine Chance für Schulbibliotheken 41 4 Marketing Begriffsklärung Marketing in (Schul-)Bibliotheken Gründe für Marketing in (Schul-)Bibliotheken? Marketingmaßnahmen in (Schul-)Bibliotheken Marketingkonzept für die Schulbibliothek des Hölty-Gymnasiums Leitbild/mission statement Teambildung für das Marketingkonzept Situationsanalyse Marktanalyse/Identifizierung der Zielgruppen Festlegung der Marketingziele Maßnahmen des Marketingkonzepts Umfrage Corporate Design in der Schulbibliothek Schulbibliothekseinführungen Interneteinführungen Eltern als potentielle Kundengruppe der Schulbibliothek Homepage der Schulbibliothek Programmarbeit Kooperation mit der Stadtbibliothek Wunstorf Öffentlichkeitsarbeit/PR Kontrolle des Marketingkonzepts 65 5 Durchführung der Umfrage in Wunstorf Vorrecherchen für die Umfrage 67 II

6 5.2 Zielsetzung und Planung der Umfrage Erstellung der Fragebögen Erstellung der Schülerfragebögen Layout der Schülerfragebögen Die Schülerfragebögen und ihre Inhalte Erstellung des Lehrerfragebogens Layout des Lehrerfragebogens Der Lehrerfragebogen und sein Inhalt Die Umfragedurchführung Pretest Genehmigung der Landesschulbehörde 77 6 Checkliste für die Durchführung einer Benutzerumfrage in einer Schulbibliothek Auswertung und Interpretation der Umfrageergebnisse Die Ergebnisse der Schülerfragebögen Demographische Daten Nutzung der Bibliothek Erinnerst Du Dich an Deinen ersten Schulbibliotheksbesuch hier am Hölty-Gymnasium? Wie war Dein Eindruck? Wie oft nutzt Du die Bibliothek? Wann nutzt Du die Bibliothek vorwiegend? Warum besuchst Du die Bibliothek? Wenn Du die Bibliothek seltener als ein Mal im Monat oder gar nicht nutzt, was sind die Gründe dafür, dass Du nicht kommst? Bibliothekseinführung Bewertung verschiedener Leistungen Medienangebot Serviceleistungen Personal Einrichtung/Atmosphäre Gesamtbewertung der Schulbibliothek Schülermeinungen zur Schulbibliothek Was schätzt Du besonders an Deiner Schulbibliothek? Was gefällt Dir nicht? Was wünschst Du Dir von Deiner Schulbibliothek der Zukunft? Was kannst Du Deiner Meinung nach zur positiven Bibliotheksentwicklung beitragen? Die Ergebnisse der Lehrerfragebögen Demographische Daten Nutzung der Bibliothek 104 III

7 Wie oft nutzen Sie die Bibliothek? Für welchen Zweck nutzen Sie die Bibliothek? Wenn Sie die Bibliothek wenig oder gar nicht nutzen, was sind die Gründe? Bewertung verschiedener Leistungen Medienangebot Serviceleistungen Personal Einrichtung/Atmosphäre Gesamtbewertung der Schulbibliothek Lehrermeinungen zur Schulbibliothek Gibt es Aspekte, die Sie an der Schulbibliothek vermissen? Was können Sie als Lehrer zur positiven Weiterentwicklung der Schulbibliothek beitragen? Fazit der Auswertungen Präsentation der Umfrageergebnisse Schlussbemerkung Abkürzungsverzeichnis. 116 Abbildungsverzeichnis. 117 Tabellenverzeichnis Literaturverzeichnis Anhangsverzeichnis. 129 Anhang Anhang Anhang Anhang 4a Anhang 4b. 140 Anhang 4c. 144 Anhang Anhang IV

8 Kapitel Abstract Kapitel 1 Kapitel Kapitel Kapitel 4 Kapitel Kapitel Kapitel 6 Kapitel Kapitel Kapitel 8 Kapitel 9 erarbeitet von: gemeinsam Gemeinsam S. Rabe S.-M. Paul S. Rabe S.-M. Paul S. Rabe Gemeinsam S.-M. Paul S. Rabe S. Rabe Gemeinsam V

9 1 Einleitung Im Zeitalter der Wissens- und Informationsgesellschaft ist es wichtig, dass bereits Schüler 1 die Fähigkeit erwerben, sich in der Flut der Informationen zurechtzufinden. So sagte Bundeskanzler Gerhard Schröder auf der CeBIT 2000 Wir müssen den Menschen wo immer sie dies brauchen die notwendigen Hilfestellungen geben, damit sie sich Zugang verschaffen können in die Wissens- und Informationsgesellschaft. 2 Gleichzeitig ist jedoch unter anderem durch die PISA-Studie festzustellen, dass immer weniger Schüler in Deutschland Freude am Lesen haben und viele Kinder nicht in der Lage sind, Informationen aus Texten zu extrahieren. Schüler müssen daher verstärkt Leseförderung erfahren, denn erst die Fähigkeit, lesen zu können, ermöglicht es, sich Informationen und Wissen anzueignen. Schulbibliotheken können hierzu einen bedeutenden Beitrag leisten. Sie unterstützen mit ihren auf die Interessen der Schüler abgestimmten Beständen die Leseförderung. Des Weiteren stellen sie ausgewählte und qualitativ wertvolle Informationen bereit und bieten Raum für die Schüler, sich mit den Methoden der Informationsrecherche und -selektion vertraut zu machen. Dessen ungeachtet stellen Schulbibliotheken an Deutschlands Schulen eher die Ausnahme dar. Lediglich 10 bis 20 % aller Schulen verfügen über eine Schulbibliothek. Um auf die Notwendigkeit und Wichtigkeit von Schulbibliotheken aufmerksam zu machen, bietet sich Marketing als geeignete Methode an. Im Lauf der Diplomarbeit werden verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt, Marketing in und für Schulbibliotheken einzusetzen. Während eines dreimonatigen Praktikums in der Schulbibliothek des Hölty- Gymnasiums in Wunstorf entstand die Idee, auch hier gezielt Marketing einzusetzen, um die Aufmerksamkeit der Schüler auf ihre Schulbibliothek zu erhöhen. Den Ein- 1 Aufgrund der besseren Lesbarkeit wird in der gesamten Arbeit durchgehend die männliche Form verwendet. Damit sind Männer und Frauen gleichermaßen gemeint. 2 SPD Bundestagsfraktion (2000) 1

10 stieg dazu bildete eine Umfrage unter Schülern und Lehrern, welche im Rahmen dieser Diplomarbeit stattfand. Auf den Untersuchungsergebnissen aufbauend konnten Optimierungsvorschläge gemacht werden. Darüber hinaus wird einleitend die Situation der Schulbibliothekslandschaft geschildert. Hierfür geht die Diplomarbeit sowohl auf das deutsche, als auch auf das ausländische Schulbibliothekswesen ein. Die Ergebnisse dieser Diplomarbeit sollen nicht nur der Schulbibliothek des Hölty- Gymnasiums dienen, sondern auch anderen Schulbibliotheken Hilfestellung hinsichtlich Umfragen in Schulbibliotheken geben. Sie richtet sich daher an Schulbibliothekare und Lehrer, die Schulbibliotheken betreuen. 2

11 2 Schulbibliotheken 2.1 Auftrag und Aufgabe Schulbibliotheken sollten wie Turnhallen, Werkräume und Physiksäle in allen Schulen zur Grundausstattung gehören. 3 Schulbibliotheken stellen Literatur und Medien, wie Sach- und Fachbücher, Lexika, Belletristik, Kinder- und Jugendliteratur, Zeitungen, Zeitschriften und audiovisuelle Medien für Schüler und Lehrer zur Verfügung. Als Synonym für die Bezeichnung Schulbibliothek wird auch der Begriff Schulmediothek verwendet. Laut Hacker 4 ist eine Schulbibliothek als Sonderform des Öffentlichen Bibliothekswesens einzuordnen, da die Buchversorgung nur auf bestimmte Nutzergruppen ausgerichtet ist. Mit dem gleichen Argument betrachtet unter anderem Caren Roschkowski 5 in ihrer Diplomarbeit Schulbibliotheken als wissenschaftliche Spezialbibliothek. Die Schwierigkeit, Schulbibliotheken eindeutig in der Typologie einzuordnen zeigt, dass Schulbibliotheken demzufolge einen besonderen Bibliothekstyp darstellen. Der Zugang zu den Medien einer Schulbibliothek ist kostenlos und für jeden Schulangehörigen offen. Jeder einzelne Schüler und die Lehrer haben daher die gleiche Möglichkeit, auf Informationen zuzugreifen. Der Bestand ist auf die Arbeit des jeweiligen Schultyps ausgerichtet. Er bietet Materialien, die den Unterricht unterstützen und begleiten. Schüler finden Sach- und Fachliteratur, um im Unterricht Gelerntes zu vertiefen oder zu wiederholen. Einen großen Teil macht daneben auch Kinder- und Jugendliteratur aus, die die Schüler für ihre Freizeit nutzen können und die allgemein der Leseförderung dienen. Lehrern stehen Medien zur Unterrichtsvorbereitung und -gestaltung zur Verfügung. Ein großer Teil des für die Schüler relevanten Wissens läuft hier zusammen. So bietet sich beispielsweise einem Achtklässler die Gelegenheit, sowohl einen Blick in Literatur höherer Jahrgänge zu werfen, als auch auf Literatur niedrigerer Klassenstufen zurückzugreifen. 3 Bahler [Red.] (ca. 1989) S. 3 4 Hacker (2000) S Roschkowski (2002) S. 7 3

12 Die Bibliothek bietet sich als Arbeits- und Aufenthaltsraum in Pausen, Freistunden und für den Unterricht an. Die Schulbibliotheksnutzer können hier ihre Hausaufgaben erledigen oder sich auf Klausuren vorbereiten und finden die dafür benötigte Literatur in unmittelbarer Nähe ihres Arbeitsplatzes. Selbstverständlich kann auch einfach nur zum Vergnügen gelesen werden. 2.2 Kompetenzförderung in der Schulbibliothek Schulbibliotheken fördern bei den Schülern verschiedenste Kompetenzen, die dazu beitragen, dass sich die Schüler zu selbstbewussten und eigenverantwortlich handelnden Menschen entwickeln. Zu nennen sind hier unter anderem: - Informationskompetenz - Methodenkompetenz - Medienkompetenz - Sozialkompetenz - Lesekompetenz Im Folgenden werden die einzelnen Kompetenzen näher erläutert Informationskompetenz Laut der Association of College and Research Libraries (im Folgenden: ACRL) befähigt Informationskompetenz (englisch: information literacy) zu folgenden Fähigkeiten: 1. [ ] Art und Umfang der benötigten Information [zu bestimmen] 2. [ ] sich effizienten und effektiven Zugang zu den benötigten Informationen [zu verschaffen] 3. [ ] Informationen und [ ] Quellen kritisch [zu evaluieren] und [ ] die ausgewählten Informationen in sein Wissen und sein Wertsystem [zu integrieren] 4

13 4. [ ] Informationen effektiv sowohl als Individuum als auch als Gruppenmitglied [zu nutzen], um ein bestimmtes Ziel zu erreichen 5. [ ] viele der ökonomischen, rechtlichen und sozialen Streitfragen, die mit der Nutzung von Informationen zusammenhängen [zu verstehen] und [ ] die Informationen in einer ethischen und legalen Weise [zu nutzen]. 6 In der gegenwärtigen Informations- und Wissensgesellschaft und der damit verbundenen Informationsflut müssen Schüler heutzutage in der Lage sein, sich die für sie relevanten Informationen zu beschaffen. Der moderne Unterricht sollte also darauf ausgerichtet sein, den Schülern die dafür notwendigen Methoden zu vermitteln. Hierfür ist die Schulbibliothek als Informations- und Wissenszentrum bestens geeignet. Sie kann in den Unterricht eingebunden werden, indem die Schüler z.b. selbstständig Aufgaben in der Bibliothek bearbeiten Methodenkompetenz Methodenkompetenz [bezeichnet eine] fachübergreifende Qualifikation; Fähigkeit und Bereitschaft, Mittel und Wege zur erfolgreichen Aufgabenbewältigung zu kennen und anzuwenden. Hierzu zählen vor allem, Probleme zu erkennen und mit Hilfe von geeigneten Strategien selbstständig zu lösen. Zur Methodenkompetenz gehören z.b. Strategien zur Informationsbeschaffung, Arbeitsplanung, Arbeitsstil, Anpassungsfähigkeit, Problemlösungs- und Kreativitätstechniken. 7 Die Schüler haben die Gelegenheit zu lernen, wie sie in einer Bibliothek Informationen finden und wie sowohl ein Zettelkatalog als auch ein Online Public Access Catalog (im Folgenden: OPAC) zu benutzen ist. Sie lernen die Orientierungshilfen, wie Regalbeschriftungen und Wegweiser, in der Bibliothek kennen und erfahren, dass die Medien nach einer Systematik aufgestellt sind. Durch frühzeitiges Zurechtfinden in einer Schulbibliothek wird die Hemmschwelle abgebaut, auch nach der Schullaufbahn Bibliotheken professionell zu benutzen. 6 Homann (2002) S BEA. Wirtschafts- & Organisationsberatung GmbH 5

14 Bereits als Schüler kann das wissenschaftliche und effektive Arbeiten geübt werden, indem die Informationen selbstständig ermittelt, beschafft und kritisch ausgewertet werden. So wird lebenslange Lernbereitschaft geweckt und gefördert. Oberstufenschüler werden unter anderem auf ein erfolgreiches Studium vorbereitet, da die Bibliotheksbenutzung ein wichtiger Bestandteil eines Studiums ist Medienkompetenz Seit den 70er Jahren veränderte sich die Bedeutung des Begriffs Medienkompetenz. Während dieser Zeit war der kritische Ansatz vorherrschend, dessen Schwerpunkt der Verzicht auf Medienkonsum lag. Heutzutage versteht man unter Medienkompetenz die Fähigkeit, Medien sinnvoll und zweckgemäß einzusetzen. 8 Indem die Schulbibliothek den Schülern verschiedenste Medien zur Verfügung stellt, können diese die Fähigkeit erwerben, das für sie geeignete Medium auszuwählen und ihren Bedürfnissen entsprechend zu nutzen. Dies kann z.b. die Nutzung einer CD- ROM, eine Internetrecherche oder das Nachschlagen in einem Lexikon beinhalten Sozialkompetenz Sozialkompetenz [ist] ein von E.A. Doll verwendeter Begriff zur Beschreibung des Sozialverhaltens. Mit der Sozialkompetenz ist vor allem die Befähigung des Individuums gemeint, sich selber helfen zu können und sozialen Kontakt zu Mitmenschen aufzunehmen. Damit verbunden ist die Verantwortung des Menschen für sich selber und für andere Individuen. [ ] 9 Die Schulbibliothek als Kommunikations- und Kulturzentrum bietet Schülern einen Raum, miteinander in Kontakt zu treten. Dazu stehen zum Beispiel Schachbretter oder Kartenspiele bereit. Die ruhige Atmosphäre lädt dazu ein, sich in Pausen oder Freistunden mit Freunden in die Schulbibliothek zu setzen, um sich zu unterhalten. 8 Cron (2003) S Dorsch (1976) S

15 Die Schüler können sich gegenseitig helfen und beraten. So können sie Hausaufgaben gemeinsam erledigen oder die Schulbibliothek für Nachhilfeunterricht nutzen. Da sich hier in der Regel ausreichend Platz und Material für unterrichtsbezogene Projektarbeit findet, kann die Schulbibliothek den Unterricht unterstützen und so das Sozialverhalten der Schüler stärken. Auf das Thema Lesekompetenz und Leseförderung wird im Zusammenhang mit der Programme for International Student Assessment - Studie (im Folgenden: PISA- Studie) in Kapitel 3.2 näher eingegangen Lesekompetenz [ ] Im Rahmen von PISA wird Lesekompetenz definiert als die Fähigkeit, geschriebene Texte zu verstehen, zu nutzen und über sie zu reflektieren, um eigene Ziele zu erreichen, das eigene Wissen und Potenzial weiterzuentwickeln und aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. [ ] 10 In Zeiten, in denen die Fähigkeit, Texte in ihrem Zusammenhang zu verstehen (vgl. Kap.3), immer mehr abnimmt, ist die Schulbibliothek eine wichtige Einrichtung zur Leseförderung. Durch das Angebot von Kinder-, Jugendliteratur und Belletristik, sowie Sach- und Fachliteratur, werden die Schüler angeregt, auch in ihrer Freizeit zu lesen. 10 Internationale Schulleistungsstudie PISA (2003) S

16 2.3 Schulbibliotheken - Möglichkeiten im Überblick Die folgende Übersicht veranschaulicht verschiedene didaktische Möglichkeiten von Schulbibliotheken. Die Schulbibliothek gibt Raum vermittelt leitet an zu bietet fordert bietet trainiert für individuelles Lernen für selbstorganisiertes Lernen für entdeckendes Lernen Methodenkompetenz Medienkompetenz Informationskompetenz Kommunikationskompetenz Selbsttätigkeit Selbstständigkeit Eigenverantwortlichkeit Team- und Sozialfähigkeit eine medial komplexe, aber benutzerfreundlich strukturierte Umgebung den Lehrer als Lernmoderator Leseförderung Informationsvielfalt Informationsrecherche Informationsauswahl Informationsverwertung Tabelle 1: Didaktische Möglichkeiten der Schulbibliothek Zur Situation der Schulbibliotheken in Deutschland Überblick Nach mehr als zwanzigjährigem Bemühen, das Thema und die Institution Schulbibliotheken ins schulpolitische, pädagogische und (fach-)didaktische Bewusstsein der am Bildungswesen verantwortlichen Beteiligten zu rücken, ist festzustellen, dass dieser Versuch bisher alles in allem gescheitert ist Mengel (2003) S Mengel (1999) S

17 Schulbibliotheken als flächendeckende Einrichtung stellen in Deutschland nach wie vor die Ausnahme dar. Bereits in den 70er Jahren, in Zeiten bildungspolitischen Umbruchs und schulischer Reformvorhaben, wurde erneut verstärkt in der bibliothekarischen Fachwelt über die Wichtigkeit der Institution Schulbibliothek diskutiert. So forderte Klaus Doderer schon 1970, dass Deutschland bundesweit moderne Schulbibliotheken bräuchte. Ferner stellt er neun Thesen auf, die eine moderne Schulbibliothek beschreiben erarbeitete die Kultusministerkonferenz die Empfehlung über Schulbibliotheken. Die darin enthaltenen Forderungen wurden jedoch bisher nur im Ansatz verwirklicht. So erhielten beispielsweise lediglich neu erbaute Schulzentren eine integrierte Schulbibliothek. Ungeachtet der Bemühungen, Schulbibliotheken flächendeckend aufzubauen und einzurichten, besitzen heutzutage schätzungsweise lediglich 10 bis 20 % aller deutschen Schulen eine kontinuierlich betriebene Schulbibliothek. Mit anderen Worten ausgedrückt bedeutet dies: An den allgemein bildenden Schulen in Deutschland 14 existieren rund 6000 fachlich geführte Schulbibliotheken. Eine konkrete Zahl aller deutschen Schulen und Schulbibliotheken lässt sich in der Fachliteratur nicht finden. Die Einrichtung von Schulbibliotheken ist ebenso wie die Öffentlicher Bibliotheken auf Bundesebene nicht gesetzlich vorgeschrieben, sondern freiwillig. Da Schulbibliotheken jedoch oftmals nicht die erste Priorität innerhalb der Schule genießen, lässt sich erklären, warum ihre Anzahl in Deutschland so gering ausfällt Schulbibliothekstypen Schulbibliotheken lassen sich in drei Typen einteilen: 1. Öffentliche, wissenschaftliche oder kirchliche Bibliotheken, die schulbibliothekarische Aktivitäten betreiben 2. reine Schulbibliotheken 3. Schulbibliotheken, die gleichzeitig als Öffentliche Bibliothek fungieren 13 s. Anhang 1 14 vgl. Statistisches Bundesamt (2004) 9

18 Rund ein Drittel aller Schulbibliotheken bilden den letzteren Typ. Die übrigen zwei Drittel dagegen stehen in der Trägerschaft der jeweiligen Schule. 15 Allerdings werden Schulbibliotheken häufig nach wie vor weniger als Teil der Schule, sondern als ein Teil des Öffentlichen Bibliothekswesens gesehen. In einigen Städten stehen Schulbibliothekarische Arbeitstellen als Ansprechpartner zur Verfügung. Sie beraten unter anderem Schulbibliotheken bei allen anfallenden Fragen, bieten Programme zur Leseförderung an, helfen beim Bestandsaufbau und bieten Fortbildungskurse an. Schulbibliothekarische Arbeitsstellen bilden eine Abteilung von Großstadtbibliotheken oder Staatlichen Büchereistellen Positive Ansätze im Schulbibliothekswesen Trotz der desolaten Situation der Schulbibliotheken mangelt es nicht an Optimierungskonzepten, sondern an Umsetzungsproblemen, die meistens aus personellen und finanziellen Mängeln bestehen. Des weiteren fehlt ein wirklich überzeugendes schulbibliotheksdidaktisches Gesamtkonzept. Einige Bundesländer haben Ende der 90er Jahre positive Entwicklungen angestoßen. Hamburg führte beispielsweise einen Bücher-Leasing-Service ein, das hessische Kultusministerium förderte kleinere Schulbibliotheksprojekte, in Niedersachsen wurde das Projekt Lesebus um weitere drei Jahre verlängert und in Sachsen-Anhalt erhielten ausgewählte Schulbibliotheken eine PC-Ausstattung und einen Internetanschluss. 16 Daran sieht man, dass der Gedanke von der Notwendigkeit dieser Einrichtung [Schulbibliothek d. Verf.] lebt, und es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis er sich flächendeckend realisiert. 17 Diese These wird auch von Klaus Dahm 18 unterstützt. Seiner Meinung nach sind die Rahmenbedingungen durch die PISA-Studie für eine rasche Ganztagsschulentwicklung und der Bedarf nach einer integrativen Medienerziehung erfolgsversprechend wie noch nie. 15 Seefeldt (2003) S Hoebbel (1999) S Haas (2000) S Dahm (2002) S

19 Es bleibt jedoch abzuwarten, inwiefern diese Rahmenbedingungen tatsächlich dazu beitragen werden, die Schulbibliotheksentwicklung positiv voranzutreiben Probleme der Schulbibliotheksentwicklung Die gesamtpolitische und verwaltungsrechtliche Lage Deutschlands erlaubt es nicht, Reformen zügig durchzuführen, damit sich das Schulbibliothekswesen positiver entwickeln könnte. Anfang der 90er Jahre lag der Schwerpunkt der Schulbibliotheksentwicklung in den neuen Bundesländern. Auf Grund von Fördermitteln konnte dort vorübergehend in Schulbibliotheken investiert werden. Die Situation des Schulbibliothekswesens in ganz Deutschland könnte weitaus besser sein, wenn es bundesweit einheitliche Richtlinien bezüglich Aufbau, Einrichtung und Leitung von Schulbibliotheken in Schulen gäbe. Idealerweise wäre darin auch festgelegt, dass jede Schule über eine Schulbibliothek verfügen sollte. Erforderlich wäre, dass Schulbibliotheken in das Bewusstsein der für das Bildungswesen Verantwortlichen rückten. Könnten sich die Kultusminister der Bundesländer einheitlich dazu entschließen, Schulbibliotheken als eine obligatorische Einrichtung in Schulen anzusehen, wäre nicht nur in den Ballungsräumen Berlin, Bremen, Rhein-Ruhr-Gebiet, in einzelnen niedersächsischen, rheinland-pfälzischen und bayerischen Regionen, sowie Frankfurt und Stuttgart eine positive Entwicklung zu verzeichnen; nicht nur in Bayern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz würden Schulbibliotheken in den Schulbaurichtlinien Beachtung finden. Sporadische finanzielle Unterstützung oder Projekte sind keine Lösung. Wie Niels Hoebbel 19 bereits 1990 feststellte, [unternimmt] jedes Bundesland [ ] das eine und unterlässt das andere. Auch heute noch handelt kein Bundesland Deutschlands im Sinne des UNESCO-Manifests 20 und in jedem Bundesland sind die Zuständigkeiten für Schulbibliotheken unterschiedlich geregelt. Das 1999 von der International Federation of Library Association and Institutions (im Folgenden: IFLA) erarbeitete UNESCO-Manifest stellt seit vielen Jahren erst- 19 Hoebbel (1990) S siehe Anhang 2 11

20 mals wieder eine offizielle Empfehlung bezüglich Schulbibliotheken dar. In diesem Manifest sind die Aufgaben und Ziele von Schulbibliotheken verankert, damit diese effektive Arbeit leisten können. Ferner hätte es sich positiv ausgewirkt, wenn die Öffentlichen Bibliotheken im letzten Jahrzehnten mehr personellen und finanziellen Spielraum zur Verfügung gehabt hätten, um Schulbibliotheken im näheren Umkreis unterstützen und beraten zu können. Des Weiteren wäre eine Einigung zwischen Land und Kommune hinsichtlich der Zuständigkeit für die Bezahlung des Schulbibliothekspersonals erforderlich. Vor allem aber müssten qualifizierte Fachkräfte für Schulbibliotheken ausgebildet werden. Bislang sind es überwiegend Lehrer, die in den Schulbibliotheken eingesetzt werden, um die Bibliothek führen. Nur an drei Fachhochschulen in ganz Deutschland werden Lehrveranstaltungen innerhalb des Studienganges Bibliothekswesen/Informationsmanagement zum Thema Schulbibliotheken angeboten: an der Fachhochschule Köln kann man im sechsten oder siebten Semester zwei Wahlpflichtsemesterwochenstunden bezüglich schulbibliothekarischer Thematik belegen, während die Fachhochschule Stuttgart im Schwerpunkt Öffentliche Bibliothek ebenfalls zwei Semesterwochenstunden in einem Semester anbietet. An der Fachhochschule Hamburg können die Studierenden im sechsten und siebten Semester schulbibliothekarisches Wissen erwerben. Ebenso fehlt ein Angebot für Lehrer, sich schulbibliothekarisch fortzubilden. Derzeit müssen sich überwiegend Lehrer und Eltern für die Errichtung und Erhaltung einer Schulbibliothek einsetzen und engagieren. Lehrer könnten durch verstärkte Einbeziehung der Schulbibliothek in den Unterricht den Stellenwert der Bibliothek erheblich stärken Personallage in Schulbibliotheken Obwohl in einigen Schulbibliotheken eine bibliothekarische Fachkraft, in den wenigsten Fällen mehrere, arbeitet, sind es oftmals Lehrer, die neben ihrer Lehrertätigkeit auch für die Schulbibliothek verantwortlich sind. Der personale Missstand wird nicht selten durch Eltern ausgeglichen, die stundenweise in der Bibliothek mithelfen. 12

21 Diese ehrenamtlichen Helfer werden auch als Bibliotheksmütter bezeichnet. 21 Probleme ergeben sich jedoch dadurch, dass ehrenamtlich arbeitende Mütter keine bibliothekarische Ausbildung haben und viel Anleitung bedürfen. Die Schulbibliothekarische Arbeitsstelle (im Folgenden: SBA) der Stadtbücherei Frankfurt reagierte auf die hohe Anzahl ehrenamtlicher Mitarbeiter in Schulbibliotheken, indem sie einen Grundkurs Schulbibliotheken anbietet. Dieser wird zahlreich in Anspruch genommen. In dem Kurs lernen die ehrenamtlich Tätigen die Grundkenntnisse des bibliothekarischen Arbeitens kennen Fachstellen für Schulbibliotheken Mit der Schließung des Deutschen Bibliotheksinstitutes (im Folgenden: DBI) am 1. Januar 2000 entfiel auch der Beratungsdienst Schulbibliothek. Dieser Beratungsdienst bestand seit 1975 und unterstützte die Schulbibliotheksentwicklung in Deutschland. Fortgeführt wird der Beratungsdienst seit dem 21. Januar 2003 von der Expertengruppe Bibliothek und Schule des Deutschen Bibliotheksverbandes (im Folgenden: DBV-Expertengruppe Bibliothek und Schule), der Bibliothekare und Pädagogen aus der gesamten Bundesrepublik Deutschland angehören. Ziele und Aufgaben der Expertengruppe sind die Pflege des Internetportals die Weiterentwicklung von Konzepten für Schulbibliotheken, fachlicher und publizistischer Erfahrungsaustausch zwischen Schulbibliotheken, sowie Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit. 23 Neben dieser Expertengruppe existieren noch regionale und lokale schulbibliothekarische Arbeitsstellen. Niels Hoebbel stellt passend dazu fest, dass andere Hilfen, Angebote und Leistungen der Schul- und Bibliotheksträger [ ] hinzu kommen [müssen]. Das sind zwar alles kleine Schritte, aber wenn sie gemacht werden und wenn auch jedes Bundesland seinen Mosaikstein dazu beiträgt, dann wird vielleicht doch etwas Verbindendes zusammenkommen, das auf eine Fortsetzung der Schulbibliotheksentwicklung in Deutschland hoffen lässt Ballenthin (2004) S Jordan-Bonin (2002) S Hofmann ; Schneider (2003) S Hoebbel (2000) S

22 2.5 Die Schulbibliothek des Hölty-Gymnasiums Wunstorf Ein Beispiel für eine deutsche Schulbibliothek Das Hölty-Gymnasium wurde 1922 nach dem Lehrplan einer Oberschule gegründet und trägt seit 1925 den Namen Hölty-Gymnasium. Seit der Auflösung der Orientierungsstufe im Jahre 2004 besuchen rund 1555 Schüler das Gymnasium in Wunstorf. Die Gymnasiasten werden von 111 Lehrern und Referendaren unterrichtet. Seit 1988 besteht die Schulbibliothek in ihrer jetzigen Form. Eine ehemalige Turnhalle, die über den Pausenhof zu erreichen ist, wurde zu diesem Zweck umgebaut und bietet nun auf 480 m² Platz für etwa Medieneinheiten. Der Bestand setzt sich aus Romanen, Sachbüchern, Klassensätzen, Nachschlagewerken, Zeitungen, Zeitschriften, CD-Roms, Hörbüchern und Sprachkursen zusammen. Die Schulbibliothek wird halbtags von einer Diplombibliothekarin geleitet und zusätzlich von sieben ehrenamtlich mitarbeitenden Müttern unterstützt. Die Schulbibliothek des Hölty-Gymnasiums erhält einen Jahresetat von 4100 Euro für den Medienerwerb. Zeitschriften sind in diesem Betrag jedoch nicht enthalten. Für Materialkosten stehen der Bibliothek 500 Euro im Jahr zur Verfügung. Wochentags von 8:00 bis 14:00 Uhr, bzw. mittwochs bis 15:00 Uhr, haben die Schüler und Lehrer die Gelegenheit, die Schulbibliothek zu nutzen. Ihnen stehen 89 Einzel- und Gruppenarbeitsplätze, ein Kopierer, ein Seminarraum für den multimediaunterstützten Unterricht, sowie Computerarbeitsplätze mit Internetanschluss und angeschlossenem Drucker zur Verfügung. Die Nutzung ist für alle Schulangehörigen kostenlos; auch für zu spät zurückgegebene Medien werden keine Gebühren erhoben. Eine Begrenzung der Anzahl der Ausleihmedien existiert nicht. Bücher und Fachzeitschriften können jeweils für vier Wochen entliehen werden, Hörbücher dagegen für zwei Wochen. Bei Jugendzeitschriften beträgt die Ausleihfrist eine Woche. Der gesamte Bestand wird anhand der Systematik für Bibliotheken (im Folgenden: SfB) erschlossen und in einem alphabetischen, einem systematischen und in einem Schlagwortzettelkatalog nachgewiesen. Seit September 2003 werden neu erworbene Medien mit der Bibliothekssoftware Bibliotheca der Firma BOND katalogisiert. 14

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