Sucht hungert Familie aus:

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1 Sucht hungert Familie aus: Nie genug - immer zuviel Essstörungen und Komorbidität aus pädiatrischer Sicht 10. Sarganserländer Suchttagung Dr.Josef Laimbacher St. Gallen

2 Beziehungen zwischen den einzelnen Essstörungen Anorexia nervosa Bulimia nervosa Binge Eating Disorder Intermittierendes oder dauerndes Diäthalten Adipositas 4

3 Generationen Generationen Generationen Evolution des Menschen und der Ernährung Vegetarier Jäger und Sammler Ackerbau Genetisch sind wir noch immer Jäger und Sammler. Es braucht rund 1000 Generationen für eine nachhaltige Anpassung an neue Ernährungsweisen. 1

4 Zu einem gesunden Lebensstil gehört eine ausgeglichene Energiebilanz Energiezufuhr = Energieverbrauch (Nahrungsmittel) (Bewegung, Stoffwechsel, Körpertemperatur) 2

5 Einteilung Essstörungen - Wiederholtes oder chronisches Diäthalten - Magersucht (Anorexia nervosa) - Fress-Brech-Sucht (Bulimia nervosa) - Übergewicht/Fettsucht (Adipositas) - Binge Eating Disorder 1

6 Adipositas ist die wichtigste ernährungsabhängige Erkrankung Diabetes 4

7 Prävalenz der pädiatrischen Adipositas 8-12 % der 8-jährigen, mit Verdoppelung der Praevalenzrate in den letzten 15 Jahren (Seidell: Obesity in Europe 1991) % aller Kinder und Adoleszenten 33 % aller Eltern (NHANS III, JAMA 272:205, 1994) 1

8 Übergewicht/Adipositas: Zahlen/Fakten WHO: Übergewicht und Adipositas häufigste chronische Erkrankung im Kindes- und Jugendalter Schweiz: Overweight and Obesity in 6 12 year-old Swiss Children 2002 (Zimmermann M. ETH Rüschlikon) Übergewicht 1 19,1% 16,7% Adipositas 1 3,8% 3,8% 1 Definition nach Cole et al. (2000) 1

9 80 % aller adipöser Kinder nehmen ihr Übergewicht mit ins Erwachsenenalter frühzeitige präventive und therapeutische Massnahmen 3

10 Milchprodukte mit weniger Fett Weniger fetthaltige Nahrungsmittel Weniger Sitzen Aktiver Lebensstil Mehr Früchte, Gemüse und Fasern Bewegungsaktivitäten in Schule Weniger Softdrinks Verminderte Energiezufuhr Prävention von Übergewicht Vermehrter Energieverbrauch Vermehrte Bewegung (Phys. Aktivität) Freizeit- und Weekend-Aktivitäten Weniger Essen während TV Kleinere Portionen Wandern und Radfahren statt Auto Weniger Werbung für Nahrungsmittel Aktivitäten in Familie Neue Spielplätze 3

11 Ursachen der Übergewichtigkeit/Adipositas - Übergewicht in der Familie (erbliche Veranlagung) - Bewegungsmangel (z.b. sitzende Tätigkeit, kein Sport) - Häufige unkontrollierte Zwischenmahlzeiten - Vorliebe für Nahrungsmittel, welche zu süss und zu fetthaltig sind - Unphysiologisches Essverhalten (z.b. Auslassen der Morgenmahlzeit, Hauptmahlzeit am Abend) - Starke psychosoziale Belastung (Frust-Stressesser) 5

12 Herkömmliche Programme bei Adipositas Therapieerfolg definiert als Kurzfristige Gewichtsabnahme Keine Stabilität, weil rigide Verhaltensvorschriften einer langfristigen Gewichtsregulation entgegenwirken Folgen: wiederholtes Therapieversagen und chronifizierter Verlauf 6

13 Wirksame aktuelle Therapieprinzipien bei Adipositas (Pudel) - diätetische Reduktion der Fettaufnahme - Verhaltenstherapeutische Vermittlung flexibler Kontrollstrategien für die Nahrungsaufnahme - Regelmässige körperliche Aktivität Integration in Langfristiges interdisziplinäres Therapieverfahren 7

14 Metabolisches Syndrom G E N E T I K V E R H A L T E N Ursachen Enzyme Bewegungsmangel Fehlernährung Körperzusammensetzung Hormone Muskelfaserzusammensetzung Alkohol Stress Rauchen metabolische Folgen Abdominale Adipositas Insulinresistenz / Hyperinsulinämie 1

15 Metabolisches Syndrom Stoffwechselkrankheit Diabetes mellitus Typ 2 Dyslipidämie Hypertonie Störung der Fibrinolyse M e t a b o l i s c h e s S y n d r o m Organschäden Koronare Herzkrankheit Apoplex periphere art. Verschlusskrankheit A r t e r i o s k l e r o s e 2

16 St. Galler-Ernährungsstudie 1996 (Alter 14-20) Selbsteinschätzung 33 % der jährigen j fühlen sich mit ihrem aktuellen Gewicht nicht wohl 4

17 St. Galler-Ernährungsstudie 1996 (Alter 14-20) Diätenkuren 57 % der j mind. 1 x Diätkur davon 62 % mehrmals 14 % der j mind. 1 x Diätkur davon 50 % mehrmals 5

18 Intermittierendes oder chronisches Diäthalten - Gewichtsschwankungen > 5 kg Jugendliche/Erwachsene - 20 % j / 10 % j häufig - 40 % j - gelegentlich 6

19 Diagnostische Kriterien der Anorexia nervosa nach DSM-IV 1. Weigerung, das Minimum des für Alter und Körpergrösse normalen Körpergewichts zu halten 2. Ausgeprägte Ängste vor einer Gewichtszunahme und trotz bestehenden Untergewichts, dick zu werden 3. Störung in der Wahrnehmung der eigenen Figur und des Körpergewichts, übertriebener Einfluss der Figur oder des Körpergewichts auf das Selbstwertgefühl oder Leugnen des Schweregrades des gegenwärtigen geringen Körpergewichts. 4. Bei postmenarchalen Frauen das Vorliegen einer Amenorrhoe (Ausbleiben von mindestens drei aufeinanderfolgenden Menstruationszyklen bzw. Periode nur nach Verabreichung von Hormonen) 1

20 Diagnostische Kriterien der Anorexia nervosa nach DSM-IV Subtypen: - Restriktive Typen haben keine regelmässigen Fressattacken (binge eating) und verwenden keine Abführmassnahmen (purging), z.b. selbst induziertes Erbrechen oder Missbrauch von Laxanzien und Diuretika - Binge-eating/purging-Typen haben regelmässige Fressattacken und ergreifen solche Abführmassnahmen 2

21 Diagnostische Kriterien der Bulimia nervosa nach DSM-IV 1. Wiederkehrende Anfälle von Heisshunger. Eine Fressattacke ist gekennzeichnet durch: 1. Eine in einem bestimmten Zeitraum (z.b. innerhalb von 2 h) verzehrte Nahrungsmenge, die deutlich grösser ist als diejenige, die in einem ähnlichen Zeitraum und unter ähnlichen Bedingungen zumeist verzehrt wird, und 2. Das Gefühl eins Verlustes der Kontrolle über die Nahrungsaufnahme während einer Fressattacke (z.b. das Gefühl, nicht mit dem Essen aufhören zu können, oder nicht kontrollieren u können, was und wie viel man isst.) 2. Wiederkehrende, unangemessene kompensatorische Verhaltensweisen zur Vermeidung von Gewichtszunahme, wie z.b. selbst induziertes Erbrechen, Missbrauch von Laxanzien, Diuretika o.a. Arzneimitteln, Fasten oder exzessive sportliche Betätigung. 3

22 Diagnostische Kriterien der Bulimia nervosa nach DSM-IV 3. Sowohl die Fressattacken als auch das unangemessene kompensatorische Verhalten treten seit drei Monaten durchschnittlich mindestens zwei Mal pro Woche auf. 4. Das Selbstwertgefühl wird über Gebühr von der Figur und dem Körpergewicht beeinflusst. 5. Die Störung tritt nicht ausschliesslich während anorektischen Phasen auf. 4

23 Zahlen: Anorexie/Bulimie j /j Altersgipfel Mortalität Häufigkeit Anorexie 20: LJ 5-15 % Ca. 1 % Bulimie 10:1? LJ? 2-4 % 4

24 Anorexie/Bulimie: Aetiologie und Pathogenese 1. Biologische Faktoren 2. Temperaments- und Persönlichkeitsfaktoren 3. Psychobiologische Faktoren 4. Soziokulturelle Faktoren 5. Familiäre Faktoren 6. Sexuelle, körperliche und emotionale Misshandlung 2

25 Ursachen/Pathogenese der Anorexie Familiäre Einflüsse Soziokulturelle Einflüsse Persönlichkeit Vulnerabilität gegenüber Nahrungsrestriktion Diätmassnahmen Gewichtsreduktion Genetische Faktoren Sekundäre starvationsbedingte psychische Veränderungen 5

26 Prognose Anorexie 50 % gut 25 % mittel 25 % ungünstig (Chronifizierung) - Anorexie - Bulimarexie - Bulimie - andere psychiatrische Erkrankungen (Depression, Suizid) 5

27 Langzeit- outcome über 21 Jahre bei Anorexie (Lowe 2002 Heidelberg) 51 % geheilt 21 % partiell geheilt 12 % klinisches Vollbild 16 % verstorben 9

28 Forderungen für die Behandlung von Essstörungen - Früherfassung - Klar strukturiertes Abklärungs- und interdisziplinäres Behandlungskonzept 4

29 Warnzeichen für Anorexie (Magersucht) - ständige Beschäftigung mit Nahrung und Kalorien - Konzentrationsstörungen - Depressive Verstimmungen - Klagen über Völlegefühl und Blähungen - Verwendung von Abführmitteln - Kopfschmerzen - Schlafstörungen - Kälteempfindlichkeit - Aussetzen der Monatsblutung nach B. Isenschmid, Bern 1

30 Warnzeichen für Anorexie (Magersucht) - Zwanghaftes Diäthalten - Essen verweigern - Häufiges Gewichtwägen - Tragen weiter verhüllender Kleider - Übermässige sportliche Aktivitäten - Kochen für andere ohne selbst zu essen - Isolation von Freunden und Familie - Verleugnung von Hungergefühlen und Müdigkeit - Sich zu dick fühlen (trotz deutlichem Untergewicht) nach B. Isenschmid, Bern 2

31 Warnzeichen für Bulimie (Ess-Brech-Sucht) - Zwanghaftes Diäthalten - Heimliches Essen - Tendenz zum Überessen in Stresssituationen - Auffällige Gewichtsschwankungen - Häufiges Gewichtwägen - Nach dem Essen auf die Toilette gehen - Zeichen von Erbrochenem in der Toilette - Übermässige sportliche Aktivitäten - Verstecken und/oder Stehlen von Nahrungsmitteln nach B. Isenschmid, Bern 3

32 Was können Eltern tun - Eltern müssen akzeptieren, dass sie keine Möglichkeit haben eine Einsicht zu erzwingen. - Problem klar und umfassend mit Kind besprechen! Sorge und Angst verbalisieren. - Externe Hilfe anbieten - Verantwortung Kind übergeben - Forderung durchsetzen, dass mit Fachstelle Termin vereinbart wird - Für sich Hilfe suchen (z.b. Selbsthilfegruppe für Angehörige) 5

33 Essstörungen und Komorbidität Depressive Symptomatik ( major depressive disorder nach DSMIII) Zwangssymptome (Zwangserkrankung) Angsterkrankungen (soziale Phobie) Impulskontrollstörungen (Borderline-Persönlichkeitsstörung) Anorexie % 70 % % + Bulimie % 30 % % ++ 3

34 Anorexie/Bulimie: Suizidalität (Favaro 1997 Schweden) Von 495 Patientinnen: 15 % mind. 1 x Suizidversuch davon 26 % mehrmals 29 % Suizidgedanken gehäuft bei: Binge-eating Bulimie Bulimarexie 8

35 Anorexie/Bulimie: Kindsmisshandlung Sexuelle Misshandlung als Risikofaktor für Bulimie mit Komorbidität (Wonderlich 1997) Selbstverletzendes Verhalten bei Essstörungen wichtigster Indikator für Anamnese bezüglich Kindsmisshandlung (Favaro 1998) 30 % mit Anamnese einer sexuellen Misshandlung (vergleichbar mit Normalpopulation?) (Conners 1993) 11

36 Anorexie/Bulimie: Komorbidität andere Süchte (Mitchell 1993) und (Haug 2001) 34 % der Bulimikerinnen mit alkohol- und illegalem Drogenkonsum 18 % der Bulimikerinnen mit Medikamentenabhängigkeit Erhöhte Rate von Alkohol- und anderen Abhängigkeiten in Familien mit Bulimiekranken. Tiefere Rate von Substanzabhängigkeit und missbrauch bei Anorexie versus nicht-essgestörter Kontrollgruppe % Patientinnen mit Suchtproblematik weisen bulimische Essstörung auf. 12

37 Anorexie/Bulimie: Komorbidität in Familie gehäuft - gestörtes Essverhalten - Magen-Darm-Störung - Depressionen - Angst, Nervosität, hypochondrisches oder überprotektives Verhalten 10

38 Anorexie/Bulimie: Therapie 1. Somatische Rehabilitation und Ernährungstherapie 2. Individuelle psychotherapeutische Behandlung 3. Miteinbezug der Familie 1

39 Somatische Komplikationen Anorexie/Bulimie 1. Direkte Folgeschäden 1. Herz/Kreislaufsystem 2. Verdauungstrakt 3. Nervensystem 4. Haut 1

40 Somatische Komplikationen Anorexie/Bulimie 2. Kompensatorische Reaktionen des Körpers 2.1 Reaktionen der inneren Drüsen 2.2 Vitamine, Spurenelemente, Mineralstoffe 2.3 Immunität, Blutbildveränderungen 2

41 Somatische Komplikationen Anorexie/Bulimie 3. Langzeitprobleme 3.1 chronischer Elektrolytmangel und Niereninsuffizienz 3.2 Menstruationszyklus-Störungen 3.3 Osteoporose 3

42 Psychotherapieformen Essstörungen Psychoanalytischer Ansatz Verhaltenstherapeutischer Ansatz Familientherapeutischer Ansatz Andere komplementäre Therapieformen 2

43 Essstörungen und Familie Gestörtes Essverhalten Ausgeprägte familiäre Konflikte Grosser Leidensdruck der Familie 4

44 Indikationen für eine stationäre Behandlung bei Anorexie/Bulimie Suizidalität Schwerwiegende komorbide psychiatrische Störung (z.b. Depression oder Zwänge) Festgefahrene familiäre Interaktion Soziale Isolation 6

45 Indikationen für eine stationäre Behandlung bei Anorexie Kritisches Untergewicht mit somatischen Komplikationen Komplette Nahrungs- oder Flüssigkeitsverweigerung Fortschreiten des Gewichtsverlustes trotz ambulanter Behandlung 7

46 Indikationen für eine stationäre Behandlung bei Bulimie Somatische Komplikationen (z.b. Elektrolytstörungen) Sehr häufige Essattacken Weitere Störungen der Impulskontrolle (z.b. Drogenmissbrauch) Schwerwiegende Selbstverletzungen 8

47 Therapie Essstörungen Psychische Ebene Somatische Ebene Soziale Ebene Ganzheitlichkeit Erste Anlaufstelle und Drehscheibenfunktion : Kinder und Jugendarzt / Hausarzt 3

48 Die Familie im Spannungsfeld: Nie genug immer zuviel

49

50 Orthorexia nervosa Fanatische strikte gesunde Ernährungsweise mit minuziöser Planung Mannigfaltige Verbote verhindern Nahrungsaufnahme Lieber hungern, als etwas Falsches zu verzehren Essverhalten zeigt zwanghaften Charakter Essstörungen/Orthorexia nervosa 1

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