SWR2 Musikpassagen. India Song SWR2 MANUSKRIPT ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE. Marguerite Duras und die Musik.

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1 SWR2 MANUSKRIPT ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE SWR2 Musikpassagen India Song Marguerite Duras und die Musik Von Harry Lachner Sendung: Sonntag, 5. Juli 2015, Uhr Redaktion: Anette Sidhu-Ingenhoff Produktion: SWR 2015 Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR. Service: Mitschnitte aller Sendungen der Redaktion SWR2 Musikpassagen sind auf CD erhältlich beim SWR Mitschnittdienst in Baden-Baden zum Preis von 12,50 Euro. Bestellungen über Telefon: 07221/ Kennen Sie schon das Serviceangebot des Kulturradios SWR2? Mit der kostenlosen SWR2 Kulturkarte können Sie zu ermäßigten Eintrittspreisen Veranstaltungen des SWR2 und seiner vielen Kulturpartner im Sendegebiet besuchen. Mit dem Infoheft SWR2 Kulturservice sind Sie stets über SWR2 und die zahlreichen Veranstaltungen im SWR2-Kulturpartner-Netz informiert. Jetzt anmelden unter 07221/ oder swr2.de

2 Musik: Carlos D'Alessio India Song. Marguerite Duras und die Musik. Einige fragmentarische Bemerkungen. Dazu begrüßt Sie am Mikrophon Harry Lachner. Musik: Carlos D'Alessio "India Song" Die Sonne geht unter. Die Frau bewegt sich langsam auf das Licht zu, und dann dringt sie ins Dunkel ein. Das Piano bleibt geöffnet, die Stimmen verstummen. Von weitem das Rauschen des Ganges. Darin mischen sich die Klänge von Carlos D'Alessios "India Song". Eines jener zutiefst melancholischen Stücke, die sich über den gleichnamigen Film von Marguerite Duras legen, ihm Rhythmus und Atmosphäre geben. Bedächtig. Bedachtsam. Hier geschieht alles mit der Langsamkeit eines Alptraums: Bewegungen erstarren zu Tableaus, Gefühle scheinen eingefroren in den Momenten des Sehnens, Begehrens und des Schreckens. SP: Es gibt nur noch Orte einer Geschichte und eine Geschichte, die nicht stattfindet. Und doch ist es eine Geschichte. Jene von India Song. SP: Die Geschichte ist eine Liebesgeschichte, die auf dem Höhepunkt der Leidenschaft erstarrt ist. Um sie herum eine andere Geschichte, die des Grauens - Hungersnot und Lepra in der stinkenden Feuchte des Monsuns - auch sie in einem täglichen Paroxysmus erstarrt. SP: Die Frau, Anne-Marie Stretter, Ehefrau eines französischen Botschafters in Indien, bereits gestorben - ihr Grab liegt auf dem englischen Friedhof von Kalkutta -, ist gleichsam eine Ausgeburt dieses Grauens. Inmitten dieses Grauens behauptet sie sich mit einer Anmut, in der alles einem unerschöpflichen Schweigen verkommt. Musik: Bartok "Lament" "India Song", "Die Frau vom Ganges", "Die Verzückung der Lol V. Stein", "Der Vize-Konsul", "Liebe": Romane, Filme, Texte, Bilder. Sie alle kreisen um bestimmte Personen: um Anne-Marie Stretter, Michael Richardson, Lola Valerie Stein. Um den Ball in S.Thala, um das Moment des Verlassenwerdens, des Begehrens, der Einsamkeit, der Ruhe der Todesbezauberung, der allgemeinen Entmutigung. Die Geschichten liegen übereinander, eine wird unter der anderen sichtbar - erzählt aus anderen Perspektiven, mit anderen Gewichtungen. 2

3 SP: Tot, unter dem Stein, dort unten. Um sie her der Ganges, der eine Biegung zum Meer hin macht. Schwarzer Wasserweg zum Meer hin. In einer sanften Schleife ihr Grab des englischen Friedhofs. In Verwesung übergegangenes Begehren. Musik: Schubert "Streichquintett" India Song: Es ist die Geschichte einer im Indien der 30er Jahre in einer überbevölkerten Stadt am Ufer des Ganges erlebten Liebe. Sie spielt in der Jahreszeit des Sommermonsuns. Indien, Kalkutta, Lahore, Savanaketh, der Ganges. Alle diese Namen bezeichnen keine - wie Marguerite Duras sagt, physische, keine politische Geographie. Die Namen der Städte, Flüsse, Staaten oder der Meere Indiens haben vor allem einen musikalischen Wert. Auch einen evokativen: Bilder einer langsam sich auflösenden kolonialen Gesellschaft. Der innere Zerfall des kolonialen Selbstverständnisses. Keine Nostalgie. Eher ein Bild der Agonie. Das Haus des französischen Botschafters in Kalkutta. Tüllnetze an den Fenstern, hinter den Netzen Alleen eines tropischen Parks. Lorbeerrosenbüsche, Palmbäume. Vollkommene Reglosigkeit. Im Innern dichter Schatten. Ein Klavier. Auf einem Diwan ausgestreckt liegt eine sehr dünne, fast magere, schwarzgekleidete Frau. Sehr nahe bei ihr sitzt ein gleichfalls schwarzgekleideter Mann. Abgesondert von den Liebenden ein anderer, ebenfalls schwarzgekleideter Mann. Ab und an gleitet ein Diener mit einem Tablett herein, auf dem sich einige Gläser befinden. Übergangslos von der Stille zur Bewegung zur Stille. Man formiert sich zu neuen Leidenschafts-Tableaus um die schöne Frau. Anne- Marie Stretter, die Frau des Botschafters: man weiß nicht, wessen Erinnerung sie ist. Wir sehen sie am Boden liegend. Durch einen Schlitz im Kleid schimmert ein wenig weiße Haut. Ein Mann legt sich langsam neben sie, berührt sie. Sie dreht sich weg, als nehme sie ihn nicht wahr. Er legt sich neben sie. Im Hintergrund öffnet sich eine Tür. Ein zweiter Mann nähert sich langsam. Den Oberkörper entblößt, die Hose weiß. Er braucht Minuten, um sich dem Paar zu nähern, legt sich sacht neben die beiden Liebenden. Alle Abstände sind nun gleich. Ein dritter Mann nähert sich, blickt auf die drei leblos Liegenden. Er verschwindet. die Personen erscheinen in dieser Abgeschlossenheit, dieser fast rituellen Isolation wie Versuchstiere in einem Labor für Leidenschaften. Keine Erzählung, kein Erzähler, nur Bruchstücke eines Dialogs, der eine Geschichte nicht mehr formen und formulieren kann. Nicht einmal mehr darüber reden kann man. SP: Der junge Attaché ist im Laufe der Nacht in die Residenz zurückgekommen. Er hat sie gesehen. Sie lag der Länge nach in der Allee, mit dem Ellbogen auf den Boden gestützt. Der Vizekonsul von Lahore saß zehn Meter von ihr entfernt. Sie haben nicht miteinander gesprochen. Er betrachtet sie wie angewurzelt aus der Entfernung, die ihn von ihr trennt. Sie muß lange 3

4 da liegengeblieben sein, bis zum Tagesbeginn - und dann muß sie die Allee eingeschlagen haben... Am Strand hat man den Morgenrock wiedergefunden. Der Ventilator steht still. Der ganze Film India Song ist vom Tod geprägt: dem Selbstmord Anne-Marie Stretters, dem Tod einer Welt, die im Innern auseinanderbricht. Kein Schauspieler ist den anderen präsent, schreibt die Duras-Biographin Laure Adler, alle sind nur für sich anwesend, diskret, als wären sie im Sterben begriffen. Tatsächlich sprechen die Figuren in diesem Film nicht. Wir sehen sie - und wir hören Stimmen aus dem Off, die sich an diese Geschichte erinnern. Zu erinnern versuchen. Bruchstückhaft. Fragend, zögernd, vielleicht auch erkennend. SP: Und dann sind da noch all diese schweigenden Stimmen, von denen man nichts weiß, ein Vorrat, an den man gewöhnlich nicht geht, völlig unberührt und tödlich. Musik: Carlos D'Alessio "Home Movies" Marguerite Duras inszeniert Theater der Stimmen, das auch die Stimmlosigkeit, das Schweigen miteinbezieht. Abgebrochene Sätze, unvollständige Fragen, ausbleibende Antworten. Stille. Jene Leerstellen, in denen sich das Unverstehbare sammelt. Jenes Unbegreifliche wie die Schüsse, die der Vizekonsul von Lahore auf die Leprakranken im Park abgibt, auf die Hunde, auf sein eigenes Spiegelbild. Jedes Buch, jeder Film der Duras ist so weit offen, daß sie damit eine weitere Geschichte impliziert. Eine vergangene, eine zukünftige vielleicht, eine in der Ferne gleichzeitig ablaufende. Es gibt nie nur ein einziges Narrativ. Jedes Werk ist Teil jenes ins Unendlich ausgreifenden Netzes, das mit seinen Fragmente des Begehrens die Unmöglichkeit, das Nicht-Erzählbare einzukreisen versucht. Musik: Christian-Pierre La Marca "L'heure exquise" SP: Schreiben heißt nicht Geschichtenerzählen. Es ist das Gegenteil von Geschichtenerzählen. Es ist: alles auf einmal erzählen. Es ist: eine Geschichte und das Fehlen dieser Geschichte erzählen. Es ist: eine Geschichte erzählen, die durch das Fehlen einer Geschichte zustande kommt. Neben ihren vielen Büchern hat Marguerite Duras 19 Filme gedreht und sich dabei der unterschiedlichsten Formen bedient. Von einer stringenten, fast linear erzählten Geschichte über den halb-dokumentarischen Film, über den philosophischen Dialog. In manchen bleibt die Leinwand über längere Zeit schwarz. Die Stimmen kommen aus dem Off. Verfilmte Texte? Oder sind es Filme, die wieder auf den Text zurückgeführt werden? Auf ihren Ursprung? Vielleicht aber auch auf das eigene Leben, das sie so weit literarisierte, daß die Tatsachen nicht mehr erkennbar sind. Nicht einmal mehr für sie selbst. 4

5 Musik: Gabriel Yared "Ce Jour-La Sur Le Mekong" SP: Die Geschichte meines Lebens gibt es nicht. Ich schreibe nicht, um meine Geschichte zu erzählen. Das Schreiben hat mir weggenommen, was mir noch vom Leben blieb, hat mich entleert, und ich kann nicht mehr auseinanderhalten, was ich über mein Leben geschrieben habe und was ich wirklich erlebt habe, was wahr ist. SP: Die Geschichte meines Lebens gibt es nicht. So etwas gibt es nicht. Es gibt nie einen Mittelpunkt. Keinen Weg, keine Linie. Es gibt weiträumige Orte, von denen man glauben möchte, es habe hier jemanden gegeben, das stimmt nicht, es gab niemanden. Ich habe unter Leuten zu schreiben begonnen, die mich streng zum Schamgefühl erzogen. Schreiben galt ihnen noch als moralisch. Heute scheint Schreiben recht oft nichts mehr zu sein. Manchmal weiß ich: wenn das Schreiben nicht, alle Dinge vereinend, ein flüchtiges Sprechen in den Wind ist, so ist es nichts. Wenn das Schreiben nicht jedesmal alle Dinge zu einem einzigen, seinem Wesen nach Unbestimmbaren vereint, ist es nichts weiter als Werbung. Musik: Stephan Oliva "India Song" In immer neuen Variationen beschreibt Marguerite Duras Episoden, die aus ihrer Vergangenheit stammen könnten. Ihre Kindheit in Vietnam, die verzweifelten Kämpfe ihrer Mutter gegen die französische Kolonial-Bürokratie; den Inzest mit einem ihrer Brüder, die Gewalt des anderen. Ihre Affäre mit einem Chinesen. Das Geld. Immer wieder das Geld, das kaum zum Überleben reicht; die Bettlerin, die ihr krankes Neugeborenes jemandem in Pflege geben möchte. Jene elegante Frau Elisabeth Striedter, aus der später Anne-Marie Stretter werden wird. Eingetrübter kolonialer Glanz und nacktes Elend. All das findet man in den Romanen "Der Liebhaber", in "Eden Cinema", "Heiße Küste" zu immer neuen Bildfolgen kombiniert. SP: Marguerite Duras erzählt immer die gleiche Geschichte, wiederholt sich bis zum Überdruß, manchmal sogar bis zur Obszönität. Ausgehend von ein paar Namen auf der Landkarte und einigen Personen, die sie in ihrer Kindheit flüchtig gesehen hat, konstruiert sie ein Epos, in dem sich die Langsamkeit der Handlung und die Steigerung des Begehrens zu einem Mysterium verdichten. In gewissem Sinne ist ein Text über mehrere Bücher und Filme verstreut, aufgesplittert, in zahlreichen Variationen durchdekliniert. Ihr Prinzip ist im Grunde minimalistisch: Motive, die wiederholt werden, die in einem anderen Narrativ auftauchen. Wenn nicht in einem einzigen Werk eine labyrinthische Erzählweise zum tragen kommt, wenn eine Linearität die Oberfläche der Sprache und der Perspektiven beruhigt, dann ist es in Verbindung mit anderen Romanen und Filmen dennoch ein labyrinthisches Prinzip. Bilder, Geschichten, Eindrücke, Gesprochenes, Unaussprechliches: all das schiebt sich in verschiedenen Konstellationen übereinander. Man könnte meinen, sich 5

6 im Vertrauten zu bewegen. Doch ist dieses Vertraute gerät selbstredend zu einer Illusion, aus der bereits der nächste Satz, der nächste Schrei herausführen kann. Musik: Anton Diabelli "Sonatina in B-Flat Major, Op. 168" Eines der in mehreren Werken auftauchende Motiv ist das Kind, das sich dem Klavierspiel widersetzt. Vielleicht nicht dem Spiel an sich. Aber dem Unterricht. Ein kindliches und auch natürliches sich-widersetzen. Gegen die Autorität, gegen das Wissen. Im 1958 erschienenen Roman "Moderato Cantabile" gibt sich ein Junge störrisch beim Spielen einer Diabelli-Sonatine; 1972 ist es die 8-jährige Nathalie in "Nathalie Granger", die sich dem Klavierunterricht verweigert, ebenso wie sich Agatha 1981 im gleichnamigen Buch an ihre Kindheit erinnert. SP: Die Lehrerin steht hinter Nathalie. Ihre Hände liegen auf den Händen des Kindes und führen sie. Übung für die Gewandtheit der Finger, sehr langsam. Eine Marter: das Kind ist zwischen den Armen der Lehrerin eingezwängt, seine Hände sind gefangen, werden geführt wie Hände eines Behinderten. Die Lehrerin zählt: Eins, zwei! Eins, zwei! Zwei Noten auf einen Takt! Musik: Anton Diabelli "Sonatina in B-Flat Major, Op. 168" Wie in kaum einem anderen Werk wird die Musik im Film "Nathalie Granger" selbst thematisiert. Dazu schreibt Marguerite Duras: - Musik: Ludwig Van Beethoven "Diabelli-Variationen" - SP: Die Musik wird hier genannt, beschworen. Sie wird gehört. Man spielt Klavier, Kinder üben Tonleitern. Die sogenannte Filmmusik ist dürftig. Falsche Töne. Die Kinder spielen falsche Töne, es gibt sie, und der Film sollte sie ebenso übernehmen wie die richtigen Töne der Konzertsäle. Doch die Musik ist da, durch die falschen Töne hindurch, mächtig, ein Monster, das über den Film herrscht. Sie ist überall, in jedem Augenblick, still oder lärmend. Sie regelt den Kreislauf und die Verknüpfung der Themen. Ein Thema wird entwickelt. Es folgt ein anderes, scheinbar unabhängiges Thema, das aber in Wirklichkeit und mathematisch eine Konsequenz des ersten ist. Die Musik bringt den Übergang zustande. Man kann sich darin täuschen: der Übergang geschieht lautlos, ohne Vorwarnung. Wir hören Nathalies kindliches, zuweilen ungelenkes Spiel auf dem Klavier. Mit denselben Töne unterlegt Duras die Radio-Nachrichten über einen grausamen Mord, den Jugendliche verübt haben. 6

7 SP: Die Musik drückt hier die Gewalt aus, mehr als die Worte, die Taten. Sie ist die Gewalt selbst - die auf das Kind ausgeübte -, und sie bewirkt, daß all die einzelnen Gewalttätigkeiten schließlich untereinander verbunden sind, um zusammen die Allgemeinheit der Gewalt zu bilden. Der Film ist durchtränkt von Gewalt. Doch nichts oder fast nichts ist davon zu sehen: die Geste eines Kindes, ein Blick Isabelle Grangers, der Freundin, ein gieriges Katzengähnen. Die Musik - die gleiche für all diese verschiedenen Formen vorkommender Gewalttätigkeiten - gibt einer jeden von ihnen Nahrung und vereinigt das Ganze zu einem einzigen Faktum. Schuberts Streichquintett, Beethovens Diabelli Variationen, Bachs Kunst der Fuge, Edith Piafs "Le Mots d'amour", ein Walzer von Brahms, "Blue Moon", das zum Chanson vertonte Gedicht "L'heure exquise" von Paul Verlaine. Musik, die Marguerite Duras in ihren literarischen Werken erwähnt, in Filmen zitiert. Doch es war der Komponist Carlos D'Alessio, der immer wieder Stücke für sie schrieb. Stücke, zwischen jener sehnsuchtsdurchströmten Melancholie des "India Songs" und einer Beschwörung der Salonmusik der 30er Jahre. - Musik: Carlos D'Alessio "Home Movies" - SP: Ich habe ihn gefragt, ob er die Musik zu einem Film von mir komponieren könnte; er sagte ja; ich ergänzte, ohne Geld, und er sagte ja; und ich habe die Bilder und die Worte wegen der Leerstelle gemacht, die ich ihm für seine Musik ließ; ich habe ihm lediglich erklärt, daß dieser Film in einem Land spielt, das wir nicht kennen, weder er noch ich, im kolonialen Indien, im dämmrigen Bereich der Lepra und des Ausgehungertseins der Liebenden von Kalkutta, und daß wir beide all das ganz neu erfinden müssen. So haben wir's gemacht. Und der Film wurde fertig, er ging aus unseren Händen hervor und hat uns verlassen. Die Neu-Erfindung einer Vergangenheit. Die Töne so fern wie Erinnerung der Duras an die Reisfelder ihrer Kindheit. An den Geruch der Armut und des Dschungels. Flüchtig, wie manche fragmentarischen Sätze, denen der Sinn zu entgleiten scheint. Die dennoch die kleinesten Gefühlsregungen präzisieren - vielleicht gerade in den Pausen, den Leerstellen. In jenen Momenten einer Begegnung, die sich mit dem Blick begnügt. - Musik: Franz Schubert "Streichquintett C-Dur" - SP: Sonne und Hitze im Park. Auf dem Liegestuhl hat sie sich gerührt. Sie hat sich wieder zurechtgelegt und ist wieder eingeschlafen. Die Beine ausgestreckt, gespreizt, den Kopf in den Arm genommen. Er hatte vermieden, an ihr vorbeizugehen, bis heute. Heute, auf dem Weg vom Hintergrund des Parks, tut er es, er geht an ihr vorbei. Das Geräusch seiner Schritte auf den Kieseln schneidet in die Unbeweglichkeit des eingeschlafenen Leibes, der zusammenzuckt. Der Arm hebt sich ein wenig, und darunter sehen ihn 7

8 geöffnete Augen mit einem leeren Blick an. Er geht vorbei. Der Leib fällt in seine Unbeweglichkeit zurück. Die Augen schließen sich wieder. SP: Sie empfängt mich mit einem Lächeln durch die Transparenz ihres verbrannten, ihres zerstörten Wesens hindurch. Ihre Wahl ist frei von jeglicher Vorliebe. Ich bin der Mann aus S.Thala, dem zu folgen sie sich entschlossen hat. Unser Alleinsein wächst. Ich nähere mich ihrem Körper. Ich möchte ihn berühren. Ich bin ungeschickt geworden. In dem Augenblick, da sich meine Hände auf Lol senken, erinnere ich mich wieder an einen unbekannten Toten: diese Erinnerung wird dem unvergänglichen Richardson dienen, dem Mann aus T.Beach, wir werden uns mit ihm vermischen, all das zusammen wird nur eins sein, keiner wird mehr vom anderen zu unterscheiden sein, weder davor, noch danach, noch während, wir werden uns aus den Augen verlieren, den Namen nicht mehr wissen, wir werden daran sterben, daß wir Stück für Stück, Stunde für Stunde, Namen für Namen den Tod vergessen haben. SP: Sie antwortet nicht. Sie schläft. Sie wecken sie. Sie ersuchen sie, die Worte zu wiederholen. Sie wiederholt die Worte: Die Krankheit Tod. Sie fragen sie, woher sie das wisse. Sie sagt, sie wisse es. Sie sagt, man wisse es, ohne zu wissen, woher man es weiß. Sie fragen sie: Worin liegt das Tödliche an der Krankheit Tod. Sie antwortet: Darin, daß der, der von ihr befallen ist, nicht weiß, daß er ihn in sich trägt, ihn, den Tod. Und auch darin, daß er stirbt, ohne ein durch das Sterben im voraus geweihtes Leben gelebt zu haben, ohne irgendein Bewußtsein vom Tod, in gleich welchem Leben. - Musik: Johann Sebastian Bach "Kunst der Fuge" - Die Schriften von Marguerite Duras kreisen beständig um jene Unvermeidbarkeit des Begehrens, das seine eigene Unmöglichkeit in sich birgt. Es ist, als wechsle ständig der Blick, der Bezugspunkt: als müsse sich die Perspektive ändern, der Beobachtete zum Beobachter werden. Wie in "Die Verzückung der Lol V. Stein": Wo der Liebesakt nur dann seine wahre Erfüllung findet, als sich der Mann bewußt wird, daß er von der begehrten anderen Frau dabei beobachtet wird. Eine Bewegung andauernder Verschiebung: gleich den Männern, die sich nacheinander neben Anne-Marie Stretter legen - eine Situation wo Nähe und Distanz zugleich sichtbar werden; wo die geschlossene Gesellschaft ihrer Liebhaber und Verehrer einen Ort findet, in den immer wieder die Schreie des Vizekonsuls von Lahore eindringen. Schreie, die keine Irritation mehr auslösen: diese Gesellschaft ist bereits tot. Allen Bewegungen zum Trotz. - Musik: Gabriel Yared "l'homme De Cholon" - SP: Die Orte der Duras atmen stets diesen Geruch nach Kirche, nach Asien und nach Krematorium, wo sich das Gedächtnis sammelt, düstere Orte des Todes, der Dinge, die vergangen sind, der Erinnerung an das, was von ihnen 8

9 bleibt. Orte von Mausoleum oder von Katafalk, wo die aus Liebe gestorbenen Körper auf Betten wie Särgen ruhen. Musik: Marguerite Duras "Interview" Marguerite Duras trägt all diese Orte in sich. Sie wird sich selbst zur Literatur. Jede Bewegung ihres Lebens, jede Veränderung fließt in ihre Arbeiten ein. Nicht nur die Erinnerung. Immer wieder die Gegenwart. Die Exzesse der Lust ebenso wie jene des Alkohols, dem sie jahrelang verfallen war, der sie mehr als einmal an die Schwelle des Todes trug. Musik: Carlos D'Alessio "Home Movies" SP: Der Alkohol ist erschaffen worden, damit man die Leere des Universums ertragen kann, die Bewegung der Planeten, ihre unerschütterliche Rotation im Raum, ihre stille Gleichgültigkeit am Ort unseres Schmerzes. Und es ist ihre Liebesbeziehung zu jenem Studenten Yann, dem sie den Namen Andrea gab, die sie in so vielen Variationen beschrieb: als die Unmöglichkeit einer lebbaren Liebe. Daraus, aus dieser Unmöglichkeit, entstand mit "Blaue Augen, schwarzes Haar" einer ihrer schönsten und formal gewagtesten Romane. Einer, der - wie sie sagte - eine Liebe beschreibt, für die es noch kein Vokabular gebe. SP: Man muß die Männer sehr lieben. Sehr, sehr. Sehr lieben, um sie lieben zu können. Sonst ist es nicht möglich, sonst kann man sie nicht ertragen. Marguerite Duras und Yann Andrea; eine bis zur Selbstaufgabe hemmungslose Liebe; eine Liebe, die auch die Abschiede miteinschließt. SP: Gestern abend, nach Ihrer endgültigen Abreise, bin ich in dieses Zimmer im Erdgeschoß gegangen, das auf der Seite zum Park hin liegt, wo ich mich immer aufhalte im tragischen Monat Juni, in diesem Monat, mit dem der Winter beginnt. Ich hatte das Haus gefegt, ich hatte alles gereinigt wie vor meinem Begräbnis. Alles war frei von Leben, leer, ohne Zeichen und dann habe ich mir gesagt: Ich werde zu schreiben anfangen, um vom Trugbild einer sterbenden Liebe zu genesen. Ich hatte meine Sachen gewaschen, vier Sachen, alles war sauber, mein Körper, mein Haar, meine Kleider und auch das, was all das umschließt, den Körper und die Kleider: diese Zimmer, dieses Haus, dieser Park. Und dann habe ich angefangen zu schreiben. Während alles bereit war für meinen Tod, habe ich angefangen, das aufzuschreiben, wovon ich gerade weiß, daß Sie unfähig sein würden, den Grund zu ahnen, das Werden wahrzunehmen. So spielt sich das ab. An Ihr Unverständnis wende ich mich immer. Andernfalls, sehen Sie, wäre es die Mühe nicht wert. Damit sind wir auch am Ende dieser fragmentarischen Bemerkungen zu Marguerite Duras, die 1996 im Alter von 81 Jahren starb; vier Jahre nach 9

10 ihrem Lieblingskomponisten Carlos D'Alessio. Die Zitate sprach Katja Amberger, am Mikrophon war Harry Lachner. Musik: Maggie Teyte "L'heure exquise" SP: Ich habe nie geschrieben, wenn ich zu schreiben glaubte, ich habe nie geliebt, wenn ich zu lieben glaubte, ich habe nie etwas anderes getan, als zu warten vor verschlossener Tür. Musik: Carlos D'Alessio "India Song" 10

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