BAG UB Fachtagung 2015: Arbeit für alle! - Das Recht auf Teilhabe 18. bis 20. November 2015 in Suhl

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1 Fakultät Rehabilitationswissenschaften Rehabilitationssoziologie BAG UB Fachtagung 2015: Arbeit für alle! - Das Recht auf Teilhabe 18. bis 20. November 2015 in Suhl Referentin: Simone Schüller Vortrag: Arbeit für Alle!(?)

2 Arbeit für Alle! (?) 1. Welche Arbeit soll / kann das sein? - Begriffsbestimmung 2. Aktuelle Situation der Erwerbsbeteiligung 3. Prognosen in Bezug auf die künftige Entwicklung der Erwerbsarbeit / Beschäftigungsoptionen 4. Perspektiven in Hinblick auf die berufliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung 2

3 1. Arbeit für Alle! (?) - Begriffsbestimmungen Es gibt in Deutschland kein gesetzlich verankertes Recht auf entlohnte Arbeit. Es gibt in Deutschland umgekehrt auch keine Pflicht zu entlohnter Arbeit. Es gibt jedoch die sozialpolitische Verpflichtung, dafür Sorge zu tragen, dass ein hoher Beschäftigungsstand erreicht und die Beschäftigungsstruktur ständig verbessert wird ( 1 Abs. 1 SGB III). 3

4 Arbeit im engeren Sinn : Die lohnabhängige / selbständige Erwerbsarbeit, mit der die/der Einzelne finanzielle Mittel erwirbt, die ihr / ihm eine Sicherung des Lebensunterhaltes ermöglichen und Ressourcen für die individuelle Lebensgestaltung bereitstellen. 4

5 Arbeit im weiteren Sinn Arbeit, die im Rahmen gesellschaftlicher Arbeitsteilung erbracht wird, d.h. die Wahrnehmung von Aufgaben, deren Bearbeitung nicht zwingend finanziell entlohnt wird, aber als gesellschaftlich wertvoll, nutzbringend und daher als wünschenswert erachtet wird (bspw. bürgerschaftliches Engagement, Erziehungsarbeit, Unterstützung hilfebedürftiger Angehöriger u.a.). 5

6 Funktionen von (entlohnter) Arbeit Die Arbeit i.w.s. kann die gleichen individuellen wie gesellschaftlichen Funktionen erfüllen, wie sie der entlohnten Erwerbsarbeit ( Arbeit i.e.s. ) zugesprochen werden, d.h. Sinnstiftung, Selbstverwirklichung, Möglichkeit sozialer Kontakte, persönliche Weiterentwicklung, Anerkennung durch Andere, Beitrag zum gesellschaftlichen Wohlstand u.s.w. Sie erfüllt allerdings i.d.r. nicht die Funktion der Sicherung des Lebensunterhaltes; die Vergütung dieser Form von Arbeit i.w.s. erfolgt zumeist in Form symbolischer Bebzw. Entlohnung. 6

7 2. Aktuelle Situation der Erwerbsbeteiligung Fokus Entwicklung der Erwerbstätigkeit im Hinblick auf die "Passung von Angebot und Nachfrage: Steigende Zahl von Erwerbstätigen in Deutschland (quantitativer Aspekt) Strukturwandel der Erwerbstätigkeit (qualitativer Aspekt) 7

8 Zahl der erwerbstätigen Menschen in Deutschland (in Mio.) Quelle: 8

9 Strukturwandel der Beschäftigungsverhältnisse Wandel hin zu atypischen Erwerbsformen, d.h. Rückgang unbefristeter Vollzeitbeschäftigung (= Normalarbeitsverhältnisse ), stattdessen: deutlicher Anstieg regulärer Teilzeitbeschäftigung (rd. 25 % aller Erwerbstätigen); deutlicher Anstieg befristeter Arbeitsverhältnisse (Anteil befristeter Arbeitsverträge bei Neueinstellungen im Berichtsjahr 2013: ca. 42 %); deutlicher Anstieg bei geringfügiger Beschäftigung und Zeitarbeit. (vgl. IAB 2015, 20), 9

10 Schlaglichter zur aktuellen Beschäftigungssituation schwerbehinderter bzw. gleichgestellter Menschen Unterdurchschnittliche Beschäftigungsquoten trotz (wieder) steigender Beschäftigungszahlen bei allerdings gleichzeitigem Anstieg der Zahl schwerbehinderter / gleichgestellter Menschen im erwerbsfähigen Alter. Phänomen der internen Rekrutierung schwerbehinderter / gleichgestellter Arbeitnehmer_innen, d.h. Erfüllung der Beschäftigungspflicht durch (Weiter-) Beschäftigung gesundheitlich beeinträchtigter Arbeitnehmer_innen, die im Verlauf des Beschäftigungsverhältnisses als schwerbehinderte bzw. gleichgestellte Menschen i.s. 2 Abs. 2+3 SGB IX anerkannt wurden. Hohe Hürden beim beruflichen (Wieder-)Einstieg arbeitssuchender schwerbehinderter bzw. gleichgestellter Menschen in das Erwerbsleben. 10

11 Beschäftigungsquoten (hier: Altersgruppe Jahre; Angaben in %) ,9 65,1 64,7 63,6 64,8 65,7 64, ,4 70,9 71,1 34,4 31,4 30,4 28,7 27,7 28,2 29, ,2 32,7 38, Gesamtbevölkerung Schwerbehinderte Menschen Quellen: BA (Hrsg.): Ergebnisse des Anzeigeverfahrens und der Teilerhebung gemäß 80 Abs. 2+4 SGB IX (Berichtsjahre 1991ff); BA (Hrsg.): Arbeitsmarkstatistik Jahreszahlen 1991(ff); StBA (Hrsg.) Statistik über die Zahl schwerbehinderter Menschen; Berichtsjahre 1991ff; Wiesbaden und eigene Berechnungen. 11

12 Entwicklung der Zahl schwerbehinderter Menschen im erwerbsfähigen Alter gegenüber dem Berichtsjahr 1979 (Zuwächse in abs. Zahlen) schwerbehinderte Menschen im erwerbsfähigen Alter (1979: ) Quellen: StBA (Hrsg.) Statistik über die Zahl schwerbehinderter Menschen; Berichtsjahre 1991ff; Wiesbaden und eigene Berechnungen. 12

13 Entwicklung der Zahl schwerbehinderter Menschen im erwerbsfähigen Alter und der Zahl beschäftigter schwerbehinderter Menschen (sbm) gegenüber Berichtsjahr 1979 (+/- in abs. Zahlen) Beschäftigte sbm (Stand BJ 1979= ) sbm im erwerbsfähigen Alter (Stand BJ 1979= ) Quellen: BA (Hrsg.): Ergebnisse des Anzeigeverfahrens und der Teilerhebung gemäß 80 Abs. 2+4 SGB IX (Berichtsjahre 1991ff); StBA (Hrsg.) Statistik über die Zahl schwerbehinderter Menschen; Berichtsjahre 1991ff; Wiesbaden und eigene Berechnungen. 13

14 3. Prognosen in Bezug auf die Entwicklung der Erwerbsarbeit/Beschäftigungsoptionen Rückgang der (absoluten) Zahl von Menschen im erwerbsfähigen Alter aufgrund des demographischen Wandels; insbesondere durch das altersbedingte Ausscheiden der so genannten Babyboomer - Generation in den nächsten 5-15 Jahren und die zahlenmäßig deutlich geringeren Folgegenerationen. 14

15 Prospektiv weniger Arbeitskräfte d.h. mehr Chancen auf Erwerbsarbeit? Prognosen: Mehr Chancen nur für hochqualifizierte Arbeitskräfte; insb. Akademiker_innen (hier: technische und wirtschaftsnahe Fachrichtungen) Die künftige Wettbewerbsfähigkeit von Arbeitskräften wird noch stärker als bisher von individueller Flexibilität, räumlicher Mobilität und beruflicher Fortbildung abhängen. 15

16 Arbeitskräftebedarf qualitativ (vgl. IAB 2015) Betriebliche Nachfrage konzentriert sich prospektiv auf Fachkräfte mit hoher Qualifikation, v.a. in technischen Berufen Gesundheitsberufen Erziehungsberufen Altenpflege 16

17 Handlungsbedarfe in Bezug auf die Förderung der beruflichen Teilhabe von Menschen mit Behinderung (vgl. BMAS / Arbeitsgruppe Bundesteilhabegesetz, Abschlussbericht, Berlin 2015) die Steuerung des Zugangs zu Werkstattleistungen (Schule/Beruf), die Weiterentwicklung des Werkstättenrechts u.a. mit dem Ziel der Verbesserung der Durchlässigkeit, der Optimierung von beruflicher Bildung und Mitwirkung sowie der Ausdifferenzierung von Werkstattleistungen (virtuelle Werkstatt), die Öffnung der Werkstattleistungen für weitere Personengruppen, zusätzliche Beschäftigungsanreize im Recht der Arbeitsförderung und im Schwerbehindertenrecht zur Vermeidung von Werkstattleistungen, die Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen den Trägern der Eingliederungshilfe und der Bundesagentur für Arbeit / den Integrationsämtern, die Erarbeitung von Vorschlägen zur Gegenfinanzierung von Leistungsverbesserungen und die Optimierung der Kontrolle zur Erfüllung der Beschäftigungspflichtquote der privaten Arbeitgeber und Intensivierung von Ordnungswidrigkeitsverfahren in Bezug auf die Ausgleichsabgabe 17

18 4. Perspektiven im Hinblick auf die berufliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung Aktuelle Überlegungen zur Förderung der Teilhabe von Menschen mit Behinderung am Erwerbsleben (s.a. BMAS 2015) konzentrieren sich primär auf systemimmanente Lösungen (i. S. v. verbesserter Effizienz bestehender Leistungen / Rechtsgrundlagen) fokussieren auf sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse. 18

19 Arbeit für Alle! (?) Mehr als nur sozialversicherungspflichtige Beschäftigung Herausforderungen Eine nachhaltige Steigerung der Chancen auf sozialversicherungspflichtige Beschäftigung für Menschen mit besonderen Vermittlungshemmnissen (geringe Qualifikation, höheres Lebensalter, gesundheitliche Einschränkungen u.a.) erscheint angesichts des beschriebenen Strukturwandels der Erwerbsarbeit wenig wahrscheinlich. Das leistungsrechtlich verankerte Instrumentarium zur Förderung regulärer Arbeitsverhältnisse für Menschen mit Behinderung, die mit besonderen Vermittlungshemmnissen konfrontiert sind, kann zudem nur bei der Anbahnung / Sicherung sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung zum Einsatz kommen. Mehr Pluralität bei den Möglichkeiten zur Erwerbsbeteiligung, auch unterhalb sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung (z.b. geringfügige Beschäftigung, Zuverdienst), einschließlich der Erweiterung des förderrechtlichen Leistungsspektrums auf diese Beschäftigungsformen. 19

20 Literatur- und Quellenverzeichnis BA-Bundesagentur für Arbeit (Hrsg.): Ergebnisse des Anzeigeverfahrens und der Teilerhebung gemäß 80 Abs. 2+4 SGB IX; Berichtsjahre 1991ff, Nürnberg Menschen/Beschaeftigung-schwerbehinderter-Menschen-Nav.html BA- Bundesagentur für Arbeit (Hrsg.): Arbeitsmarkt 1991 (ff). Arbeitsmarktanalyse für Deutschland, West- und Ostdeutschland, Nürnberg BMAS-Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.) (2015): Abschlussbericht des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales über die Tätigkeit der Arbeitsgruppe Bundesteilhabegesetz 10. Juli April 2015 Teil A Berlin blob=publicationfile IAB-Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (Hrsg.) (2015): Aktuelle Berichte. Zentrale Befunde zu aktuellen Arbeitsmarktthemen 7/2015, Nürnberg StBA-Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Stand und Entwicklung der Erwerbstätigkeit in Deutschland, Fachserie 1 Reihe Berichtsjahre 1991ff, Wiesbaden StBA-Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Sozialleistungen. Schwerbehinderte Menschen, Fachserie 13, Reihe 5.1, Berichtsjahre 1991ff, Wiesbaden 20

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