Elbsandsteingebirge Wiege des Freikletterns?

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3 Elbsandsteingebirge Wiege des Freikletterns? Nicholas Mailänder Unter dem Stichwort Freiklettern ist in Wikipedia folgendes zu lesen: Dieser Kletterstil entwickelte sich seit etwa 1890 in der Sächsischen Schweiz, als versucht wurde, auf künstliche Hilfsmittel zur Gipfelbesteigung gänzlich zu verzichten. Zu Beginn der dortigen Klettertradition seit 1864 waren zunächst noch künstliche Hilfsmittel wie Leitern und Metallstifte verwendet worden. Ein Pionier des Freikletterns in den Alpen war Paul Preuß ( ). In seinem kurzen Leben vollbrachte er mehr als Fels-, Ski- und Hochtouren, davon 150 Erstbegehungen und 300 Besteigungen im Alleingang. Er lehnte sämtliche technischen Hilfsmittel beim Aufstieg sowie das Abseilen ab und vertrat das Prinzip, dass sich Kletterer einzig auf ihre Kenntnisse und Fähigkeiten verlassen sollen. Der erste Kletterführer mit entsprechenden Regeln wurde 1908 von Rudolf Fehrmann herausgegeben ( Der Bergsteiger in der Sächsischen Schweiz ) wurden in einem Nachtrag die sächsischen Kletterregeln veröffentlicht. Diese gelten seitdem und wurden in der Sächsischen Schweiz über die Jahrzehnte beibehalten und befolgt. Diese Regeln wurden zum Teil auch in andere Gebiete (Pfalz, Battert, Zittauer Gebirge) übernommen oder dienten dort als Vorbild erschien eine ergänzende Ausgabe erstmals mit Einteilung in sieben Schwierigkeitsgrade. Der sächsische Bergsteiger Fritz Wiessner emigrierte in den 1930er Jahren in die USA. Dort wurden die Regeln durch ihn populär und von vielen Kletterern angewendet (vor allem von Kletterern im Camp 4 des Yosemite-Nationalparks, dem damaligen Kletter-Zentrum der USA), die in den siebziger Jahren das Klettern zu neuen Schwierigkeitsgraden vorantrieben. Wiessner beeinflusste dadurch die dort herrschende Bergsteigerethik erheblich. Um etwa 1970 kam das Freiklettern über westdeutsche Kletterer, die im Yosemite- Nationalpark und auch in der Sächsischen Schweiz kletterten, wieder nach Westdeutschland und später ganz Europa zurück. Durch vor 1990 schwierig zu organisierende Besuche in der Sächsischen Schweiz bei dortigen Kletterern wie Bernd Arnold hatten Kurt Albert und andere Kletterer gesehen, dass es möglich war, schwierige Felsstücke zu überwinden, ohne dabei künstliche Hilfsmittel zur Fortbewegung zu verwenden. In der Bundesrepublik führte vor allem Kurt Albert das Freiklettern ab 1975 mit dem Begriff des Rotpunkt-Kletterns ein. 1 Eine ähnliche Sicht auf die historische Entwicklung des Freikletterns beinhaltet auch Dietrich Hasses Klassiker Wiege des Freikletterns sächsische Marksteine im weltweiten Alpinsport bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts schon in seinem Titel. 1 de.wikipedia.org/wiki/freiklettern am

4 Nicholas Mailänder Für diese alpinhistorische Hypothese spricht vor allem ihre Plausibilität: Das Freiklettern sei im Elbsandsteingebirge erfunden worden, Fritz Wiessner habe die frohe Botschaft des Kletterns im sächsischen Stil in Amerika bekannt und populär gemacht. Und vom Yosemite Valley aus habe das zum Freeclimbing mutierte Sachsenklettern dann seinen weltweiten Siegeszug angetreten. Dies ist zweifellos eine einleuchtende Vorstellung von der ideengeschichtlichen Entwicklung des Freikletterns, die manches Herz mit einem verständlichen Heimatstolz erfüllen mag. Diese Theorie hat nur einen Fehler: Die vorliegenden historischen Dokumente legen nahe, dass sie nicht aufrecht zu erhalten ist. Wie dürfte es tatsächlich gewesen sein? Die Bewegung der Führerlosen und die Wiener Schule Eine Schlüsselfigur in der Ideengeschichte des Freikletterns ist zweifellos der Wiener Kletterer Paul Preuß. Er wird auch in dem eingangs zitierten Wikipedia-Artikel erwähnt, so nebenbei zwischen zwei Absätzen, die sich auf das Elbsandsteingebirge beziehen. Als stünde auch Paul Preuß im Zusammenhang mit dem sächsischen Kletterern. Dabei war Paul Preuß einer der prominentesten Vertreter der Wiener Schule des Kletterns, die um 1880 von den führenden Alpinisten der Donaumetropole begründet wurde. Im August 1911 veröffentlichte Preuß in der Deutschen Alpenzeitung seinen Epoche machenden Beitrag Künstliche Hilfsmittel auf Hochtouren. Einer der Kernsätze lautet: Ich halte die Sicherung durch eingetriebene Mauerhaken, in vielen Fällen Sicherung überhaupt, sowie das Abseilen und alle anderen Seilmanöver, die so oft die Besteigung von Bergen ermöglichen oder wenigstens dabei angewendet werden, für künstliche Hilfsmittel und daher vom Standpunkt des Alpinisten wie des Klettersportlers als nicht einwandfrei, als nicht berechtigt. Der Mauerhaken ist ein Notbehelf; ein Mittel, Berge zu bezwingen, darf er nicht sein. 2 Wie war Preuß zu diesem seinem Gedankengut gekommen? Hatte er es vielleicht von den Sachsen übernommen? Kaum! Paul Preuß sah sich sehr bewusst in der Tradition des führerlosen ostalpinen Bergsteigens, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entstanden war. Nicht umsonst hingen in seinem Zimmer die Fotografien von Georg Winkler und Emil Zsigmondy zwei von Preuß besonders verehrte Pioniere dieser alpinsportlichen Bewegung. 3 Initiator des führerlosen Bergsteigens in den Ostalpen war der Jurist und Geograf Hermann Freiherr von Barth gewesen, der sich als Erschließer und Erforscher der Nördlichen Kalkalpen einen Namen gemacht hatte. Im Sommer 1868 hatte der dreiundzwanzigjährige Rechtspraktikant in Begleitung eines Bergführers den Hochkalter und die 2 Reinhold Messner, Freiklettern mit Paul Preuss, München Wien Zürich 1986, 31 f. 3 Vgl. ebd.,

5 Elbsandsteingebirge Wiege des Freikletterns? Watzmann-Mittelspitze bestiegen, um die Touren dann selbstständig zu wiederholen. Bald machte er sich von den Führern so weit wie möglich unabhängig. Wir lassen Hermann von Barth am besten selbst von seinem Abnabelungsprozess berichten: Und rasch entwickelte sich das neue Treiben; brauchte ich anfänglich keine Führer auf Hochgebirgsfahrten, zu welchen andere solcher bedürfen, so ging ich bald auch auf Höhen, welche die Führer, die zünftigen wenigstens, nicht zu betreten wagen. Ich durchstreifte Gebirge, in welchen man vergeblich nach Führern fragt, ich erstieg Gipfel, deren Namen man in den umliegenden Thälern nicht kennt. Den Eingeborenen der Alpen, den Jägern und Hirten, mochte ich neue Pfade lehren und von dem Gemswild liess ich die meinigen mir weisen. 4 Von Barth schilderte seine Erfahrungen in dem Werk Aus den Berchtesgadener Alpen. Es enthält ein flammendes Plädoyer für das selbständige Bergsteigen: Oder wer möchte das schrankenlose, bloß auf eigene Erfahrung, Gewandtheit und Kraft gestützte Umherklettern in den Felsen, bis man nach mancher Mühe, manchem mißlungenen Versuche den angestrebten Gipfel erreicht hat nun allein, von keinem lebenden Wesen gehört noch gesehen, auf der schroffen Felsenspitze thront, da und dort alte, auf gleiche Weise gewonnene Bekannte grüßend wer möchte dies nicht als das Ideal des Bergsteigens betrachten? 5 Es war allerdings eine Idee, für die sich vorerst kaum jemand begeistern konnte. Erst Ende der 1870er Jahre entstand in München eine kleine Gruppe besonders leistungsfähiger Alpinisten. Franz Kilger, Heinrich Schwaiger und Dr. Alois Zott wurden allgemein als die Erben Hermann von Barths gesehen und folgten seinen Spuren führerlos im Karwendel und Wettersteingebirge. In Wien waren es die Brüder Emil und Otto Zsigmondy, die sich mit der selbständigen Erkletterung schwieriger Grate und Wände in den Ennstaler Alpen und in der Hochschwabgruppe auf sich aufmerksam machten. Im Sommer 1879 sorgten die Brüder mit der Besteigung des als unmöglich geltenden Feldkopfes in den Zillertaler Alpen für eine Sensation. Bald versammelte sich um die Zsigmondy-Brüder eine Gruppe Gleichgesinnter Feuerköpfe wie Eugen Guido Lammer, August Lorria, Louis Friedmann, Demeter Diamantidi, Robert Hans Schmitt und Ludwig Purtscheller. Allesamt brannten sie darauf, den alpinen Pharisäern zu beweisen, dass im Gebirge unwiderruflich ein neues Zeitalter angebrochen war. Für Lammer und die meisten seiner Mitstreiter war das Bergsteigen viel mehr als Sport nämlich praktizierte Lebensphilosophie. Lassen wir ihn das am besten selbst erklären: Rotglühend lohte in meinem Busen die Sehnsucht nach alpiner Tat, unlöschbar der Durst nach Abenteuer und Todesgefahr. Ich war entschlossen, das Höchste zu wagen, mein Leben wieder und wieder auf des Messers Schneide zu setzen. Das hatte weit 4 Hermann von Barth, Aus den Nördlichen Kalkalpen, Gera 1874, XIX f. 5 Ebd.,

6 Nicholas Mailänder tiefere Gründe als bloße Sportlust oder blasierte Stumpfheit der Nerven, doch kann ich hier nicht in der nötigen Breite darlegen, mit welcher Wucht der schaurige Zweifel auf meiner jungen Seele lastete und die Zersetzung aller Menschheitsgüter, worunter in den Achtziger und Neunziger Jahren alle tieferen Naturen litten. Ich war ein wilder Bursche und ein echtes Kind jener Zeit der geistigen Märzenstürme: Damals in den Achtziger Jahren zertrümmerten wir alles, was unseren Vätern heilig war, wir verspotteten all ihre verwelkten Ideale, alles was sie für gut und schön und wahr hielten: ihre Dichtung und ihre Bauten und Bilder; wir verneinten ihre Religion und ihr Vaterland, jedwede Autorität, die Ehe und vor allem die überlieferte Vätermoral. Ich war nicht unmoralisch, sondern amoralisch gleich der Eiche oder dem Adler oder dem Sturm. Nichts mehr ließen wir gelten als das ungehemmte Ausleben der starken Persönlichkeit nach den innersten Gesetzen ihrer eigenen Natur. Denkt an Nietzsche, den treuesten Spiegel seiner Zeit, den ich aber damals noch nicht kannte! 6 Das von Wiener Alpinrebellen propagierte Leben auf des Messers Schneide war klarerweise weder am Seil eines allen Anforderungen souverän gewachsenen professionellen Führers zu haben noch an künstlichen Steighilfen, sondern nur im selbstverantwortlichen Vorstoß in die Gefahrenzone des unerschlossenen alpinen Ödlands. Kein Wunder, dass für Lammer der Alleingang die bergsportliche Idealform darstellte: Ist es nicht ein ritterliches Kämpfen? Zu den Gefahren und Schauern, die das Gebirg über alle hinschüttet, die ihm nahen, fügt der Alleingeher aus freier Wahl noch alle Schauer der Verlassenheit hinzu, eh der Kampf beginnt. Alle Trümpfe dir, mein Berg. Mir allein die Kraft. 7 Den Einsatz von Haken lehnte Lammer vehement ab: Einst bis in die Neunziger Jahre - hob sich die Leistung des Alleingehers viel weniger ab als die des Seiltouristen: Wenn der Vorankletternde an gefährlichen Stellen 10, 15, 20 Meter höher stand als der Zweite, so blieb er sich beständig bewusst: Erst nach einem Sturz von 20, 30, 40 Meter kann mich das Seil halten, vermutlich als Schwerverletzten, wenn es dann nicht reißt. ( ) Sobald er jedoch begann, sich durch fest eingetriebene Ringhaken zu sichern, übertölpelte er jede Berggefahr und zugleich sein eigenes Gefühl, er verwandelte sich durch den Trick gleichsam in den Seilzweiten, der nur wenige Meter stürzen kann. 8 Haken zur Absicherung von Kletterstellen waren für die Wiener Schule des Kletterns ein absolutes no go und wurden den verachteten technischen oder künstlichen Hilfsmitteln zugeordnet, wie sie 1882 bei der ersten Ersteigung des Dent du Géant im Montblanc-Gebiet hemmungslos und umfangreich eingesetzt worden waren. Dies war in Wien und London auf wenig Begeisterung gestoßen. Der Begriff künstliche 6 Eugen Guido Lammer, Jungborn, München 1926, Eugen Guido Lammer, Jungborn, München 1935, Ebd.,

7 Elbsandsteingebirge Wiege des Freikletterns? Hilfsmittel, welcher in der Ethik-Diskussion im Klettersport bis heute eine wichtige Rolle spielt, findet sich erstmals 1884 in einem Beitrag des Wiener Bergsteigers Carl Diener über Die Südwände der Dachsteinspitzen, die damals ins Fadenkreuz der Extremen gerückt waren. Da die Brüder Zsigmondy diese künstlichen Hilfsmittel keineswegs benutzen wollten, scheiterte ihr im selben Jahr unternommener Versuch. 9 Den Erfolg fuhr schließlich im Sommer 1889 ihr Kollege Robert Hans Schmitt ein. Obwohl er einige Haken zur Rettung aus brenzligen Situationen dabei hatte, so blieben sie bei seinem Durchstieg doch im Rucksack: Abermals stand ich unter dem Überhange und trachtete dem glatten, rundbuckeligen Gestein Halt abzugewinnen; genau überlegte ich, wie hoch ich mich aufziehen müsste, um das Knie in den Riss zu klemmen; dass ich mich dann würde halten können, wusste ich. Langsam, um das Gleichgewicht nicht zu stören, zog ich mich, eng an die Wand geschmiegt, empor und gelangte in den Riss, durch den ich mich weiter hinaufarbeitete. Endlich langte ich am Beginn der Felsrinne an, wo ich mich auf einem Block zur Rast niederließ, von dem aus ich den Sack samt Pickel und Stock heraufziehen konnte. 10 Zwei Jahre danach, im August 1891, hatte sich der meinungsstarke und sprachgewaltige Eugen Guido Lammer die Erstbegehung des Nordwestgrates des früheren Feldkopfes im Abstieg zum Ziel gesetzt. Der Berg war nach dem Tod Emil Zsigmondys im Jahr 1885 ihm zu Ehren in Zsigmondyspitze umgetauft worden. Am Seil des Chefideologen der Wiener Schule war der 18jährige Gymnasiast Oscar Schuster aus Dresden, der zwei Jahre zuvor als Internatsschüler in Davos die Berge kennen und lieben gelernt hatte. Lammer sicherte den zwar gewandten, aber noch alpin unerfahrenen Jungen über schwierige Stellen hinab. Beide sind der schwierigen Kletterei wegen in Strümpfen unterwegs. Hinter der zweiten Gratscharte stehen sie vor einer für sie unkletterbaren Stelle. Weiter im O-Ton Lammer: Was thun? Da wendete ich eine an sich sehr bedenkliche, in unserem Falle aber durchaus correcte Technik an: den Seilwurf. ( ) ich fasste unser Seil doppelt zu einer Schlinge und begann nach einem offenbar festen, scharfen vorspringenden Zacken den Lassowurf. ( ) Zum fünften Mal ausgeholt! Hurrah! Fest und sicher saß die Schlinge um den Felskopf ich sah es deutlich ( ) und schon baumelte ich am rechten Ende über der Floitenwand und klomm am Seil empor. ( ) Die neue Technik hatte gesiegt. Rasch kommt auch Schuster mit Seilhilfe nach. Was soll uns jetzt nach solchen Stellen noch hindern? 11 Aus ihren Tourenberichten wird deutlich, dass Lammer und seine Freunde den Seilwurf, den Schulterstand, das Drytoolen am im Fels verhakten oder verklemmten 9 Vgl. Robert Hans Schmitt, Erste Durchkletterung der Dachstein-Südwand, OeAZ 283, 1889, , Ebd., Eugen Guido Lammer, Die Zsigmondy-Spitze (3030 m), OeAZ 338, 1891, ,

8 Nicholas Mailänder Pickel sowie das Abseilen am Doppelseil alles Verfahren, die bei dieser Tour zum Einsatz kamen als durchaus correcte Techniken betrachteten. Oscar Schuster, die Wiener, Mummery und Fehrmann Wie die meisten guten Ostenalpenbergsteiger seiner Zeit trat auch Oscar Schuster in den Österreichischen Alpenklub ein und wurde bald zu einem seiner aktivsten Mitglieder. Sein in der OeAZ veröffentlichter Tourenbericht 1896 umfasst rund 140 Bergfahrten. Im selben Jahr 1891, in dem Oscar Schuster mit seinem Lehrmeister Lammer an der Zsigmondyspitze unterwegs war, startete er den ersten Versuch einer sportlich einwandfreien Besteigung des Falkensteins im Elbsandsteingebirge. Von seinem Misserfolg lassen wir Schuster am besten selbst berichten: Da aber das Wetter miserabel, der Fels nass war, so gelang der Versuch nicht vielleicht ist ein Hinaufkommen ohne künstliche Hilfsmittel sogar ganz ausgeschlossen. 12 Die Verwendung dieses Schlüsselbegriffes der Wiener Schule legt eine geistige Nähe des Gymnasiasten zu dieser dem hilfsmittelfreien Klettern verpflichteten Bewegung nahe. Dass Schuster dann bei seiner Besteigung des Falkensteins am 27. September 1892 im unteren Teil eine Leiter benutzte, hätte sein Mentor Lammer bestimmt nicht befürwortet. Auch sonst ging Schuster in den Anfangsjahren seiner klettersportlichen Betätigung im Elbsandsteingebirge mit den künstlichen Hilfsmitteln eher locker um. So arbeitete er mit Seilwurf, benutzte den Eispickel zur Fortbewegung, verwandte ein Drahtseil (beim Aufstieg auf den Einser), platzierte Sicherungs- und Abseilringe auf den von ihm erstiegenen Elbsandsteingipfeln (Talwächter, Nonne, Frienstein u.v.a.) und dürfte auch den ersten Ring im Elbsandsteingebirge (Turnerweg am Falkenstein) gesetzt haben. Die junge Garde der Wiener Kletterer nahm es mit dem Verzicht auf künstliche Hilfsmittel wesentlich genauer! So reisten die Wiener Extremen Heinrich Pfannl, Fritz Zimmer und Thomas Maischberger im Sommer des Jahres 1900 eigens nach Chamonix, um den Nachweis zu erbringen, dass der Dent du Géant doch by fair means zu besteigen war. Zur Erinnerung: Im Jahr 1880 hatte der englische Bergsteiger Albert Frederick Mummery hier am höchsten von ihm erreichten Punkt seine Visitenkarte hinterlegt, mit dem Vermerk Absolutely inaccessible by fair means absolut unbezwingbar mit fairen Mitteln. Dieser Engländer hatte sich also bereits zu einem Zeitpunkt über die am Berg erlaubten Hilfsmittel Gedanken gemacht, als im Elbsandsteingebirge bedenkenlos Leitern angelegt und mit dem Seil nach Bäumen geworfen wurde. Pfannl, Zimmer und Maischberger gelangten dagegen am 20. Juli 1900 nur mit Händen und Füßen kletternd über die Nordwand und den Nordwestgrat auf den Riesenzahn. Eine zuvor ins Auge gefasste 12 Zitiert nach: Dietrich Hasse, Wiege des Freikletterns sächsische Marksteine im weltweiten Alpinsport bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, München 2000,

9 Elbsandsteingebirge Wiege des Freikletterns? Route verwarfen sie, weil hier Haken zur Sicherung notwendig gewesen wären. Aus ihrem Bericht: Der nächste Gratabsatz ist fast senkrecht und würde zu seiner Überwindung unbedingt in halber Höhe die Sicherung durch einen Mauerhaken erfordern, welches Mittel wir vermeiden wollten, da der gewöhnliche Anstieg uns eben deshalb herausgefordert hatte, dem herrlichen Berg ohne künstliche Hilfsmittel zu Leibe zu rücken. 13 Im Elbsandsteingebirge wurde die konsequente Limitierung von künstlichen Hilfsmitteln von Rudolf Fehrmann erst dreizehn Jahre später propagiert und praktiziert, wobei Fehrmann der Definition von künstlichen Hilfsmitteln wesentlich weichere Kriterien zugrunde legte als die Vertreter der reinen Wiener Lehre. Fehrmann begann erst 1903 mit dem Klettern also drei Jahre nach der ersten sportlich einwandfreien Erkletterung des Dent du Géant und 23 Jahre nach Mummerys für die Entwicklung der Sportethik des Kletterns so wichtigem Verzicht. Angesichts dieser historischen Tatsachen ist es nicht haltbar, Fehrmann als den Begründer des sportlich sauberen Freikletterns zu bezeichnen. Auch entwickelte er seine Kletterregeln nicht isoliert, sondern vor dem Hintergrund einer von Wien aus losgetretenen Ethikdiskussion, an der sich viele der im Ostalpenraum führenden Kletterer beteiligten. Zusammen mit dem Amerikaner Oliver Perry-Smith bildete Fehrmann von 1905 an eine der kreativsten Seilschaften des Elbsandsteingebirges, der eine Vielzahl an Erstlingsfahrten im Elbsandsteingebirge gelang, von denen einige mit dem UIAA-Grad VI zu bewerten sind. Am 27. September 1908 durchstieg die Seilschaft unter der Führung von Perry- Smith die Südwestverschneidung des Campanile Basso in der Brenta, die seitdem fälschlicher Weise als Fehrmannverschneidung bekannt ist. Wenig später erkletterte das amerikanisch-sächsische Team erstmals die Nordwand der Kleinen Zinne in den Sextener Dolomiten, wobei an der Schüsselstelle zwei Ringe zur Sicherung in Felsritzen getrieben wurden. Diese in Anbetracht der erheblichen Schwierigkeiten die heute mit V+ UIAA bewertet werden nachvollziehbare Maßnahme wäre für die echten Wiener ein unverzeihlicher Frevel gewesen. Zufrieden mit seiner Leistung, beurteilte Fehrmann seinen Nordwandweg an der Kleinen Zinne: Die klettertechnischen Schwierigkeiten sind meinem und meines Freundes Empfinden nach die bedeutendsten, auf die wir bisher in den Alpen gestoßen sind. 14 Nicht umsonst hatte Fehrmann seinen Bericht, aus dem ich zitiere, an die Österreichische Alpenzeitung geschickt, dem Publikationsorgan der Wiener Schule: Der sächsische Felsmann wusste genau, wo damals im ostalpinen Klettern die Musik spielte. Der Stolz war berechtigt: Schwierigeres dürfte damals im Alpenraum nicht geklettert worden sein. 13 OeAZ 1900, 567, , Hasse 2000,

10 Nicholas Mailänder Das sollte sich schon wenige Monate später ändern. Nämlich mit der Ersteigung der Westwand des Totenkirchls durch Tita Piaz, Josef Klammer, Rudolf Schietzold und Franz Schrofenegger. Dabei dürften erstmals im Hochgebirge Schwierigkeiten im Bereich des sechsten Grades geklettert worden sein. Auch bei diesem Durchstieg wurden Haken zur Sicherung eingesetzt. Und nebenbei gesagt auch die Technik des Schulter- und Kopfstandes. (Piaz stieg Schietzold aufs Haupt). 15 Paul Preuß, der Mauerhakenstreit und die Fehrmannschen Kletterregeln Der Piazweg durch die Totenkirchl-West blieb immerhin rund drei Jahre lang das Maß aller Dinge in den Ostalpen. Und es ist kein Zufall, dass Paul Preuß im Jahr 1911 genau diese Route auswählte, um seine Forderung nach stilreinem Klettern durch ein Argument der Tat zu untermauern. Als Preuß im Sommer 1911 im Wilden Kaiser aufkreuzte, scheint es ihm ein Anliegen gewesen zu sein, die Aktiven zur Rückbesinnung auf die reine Lehre des hilfsmittelfreien Kletterns im Sinne der jüngeren Wiener Schule zu veranlassen. Nämlich auf die Regeln, die von Leuten wie Pfannl, Maischberger, Zimmer, Pichl und Jahn verfochten und auch streng eingehalten wurden. Preuß handelte gezielt: Am 24. Juli durchstieg er im ungesicherten Alleingang die Piazführe in der Kirchl-Westwand, vier Tage später gelang dem Überflieger ebenfalls freesolo die Erstbegehung der lotrechten Ostwand des Campanile Basso in den Brentadolomiten mit freiem Abstieg über den kniffeligen Normalweg, der üblicherweise mit Hakensicherung erstiegen wurde. Es folgte eine für seine Zeit einmalige Serie schwierigster Felsfahrten, die Preuß im Oktober mit einer hakenfreien Begehung der gefürchteten Ödstein-Nordwestkante im Gesäuse abschloss. Dieser kurz zuvor von dem bedeutenden Dolomitenführer Angelo Dibona eröffnete Kletterweg war die einzige Route in den Wiener Hausbergen, deren Schwierigkeit an das inzwischen im Wilden Kaiser erreichte Niveau heranreichte. Was Preuß mit diesen Argumenten der Tat zum Ausdruck bringen wollte, war klar: Wenn die schwersten Touren in den Ostalpen gänzlich ohne künstliche Hilfsmittel geklettert werden konnten, dann waren damit solche Behelfe in leichteren Routen ad absurdum geführt. Parallel zu seiner Fakten schaffenden Aktion direkt startete Preuß mit seiner Kampfschrift Künstliche Hilfsmittel auf Hochtouren, die im August 1911 in der Deutschen Alpenzeitung veröffentlicht wurde, seine alpinideologische Offensive. Nachdem sich die Alpenvereinssektion Bayerland am 31. Januar 1912 unter der Leitung von Georg Leuchs auf einem Sprechabend um die Schlichtung des Mauerhakenstreits bemüht hatte (mit Preuß als Hauptreferent und Hans Dülfer als Protokollführer), wurde die Frage der künstlichen Hilfsmittel zum Thema Numero Eins in der Szene. Die Preußsche Forderung, Haken nur zur Rettung aus einer lebensbedrohlichen Situation und nicht als Basis einer Arbeitsmethode einzusetzen, fand viel Zustimmung. 15 Vgl. Fritz Schmitt, Das Buch vom Wilden Kaiser, München 1942,

11 Elbsandsteingebirge Wiege des Freikletterns? Kein Wunder! Denn der von Preuß geforderte Verzicht auf jegliche künstlichen Hilfsmittel war schließlich die konsequente Umsetzung des von Lammer und seinen Freunden bereits ein Vierteljahrhundert zuvor propagierten Prinzips Alle Trümpfe dir, mein Berg. Mir allein die Kraft. Und damit konnten sich die meisten im Geist der Wiener Schule sozialisierten ostalpinen Spitzenleute voll und ganz identifizieren. Zumindest in der Theorie. In der Praxis waren einige der führenden Kletterer jedoch bereit, Kompromisse einzugehen. So erklärte sich Hans Dülfer zwar zum Anhänger der Preußschen Lehre, was ihn aber nicht daran hinderte, auch mal in Eisen und Manilahanf zu greifen, wenn es anders nicht weitergehen wollte. Siehe die Seilquergänge in seiner Fleischbank- Ostwand oder in der Dülferroute an der Totenkirchl-Westwand. Aber auch wenn nicht jedermann bereit war, in der Praxis der reinen Preußschen (eigentlich: Wiener) Lehre zu folgen, so bewirkte die Ethik-Offensive des Klettergenies doch, dass das freie Klettern als Ideal erhalten blieb und dass praktisch alle Erschließer neuer Wege versuchten, mit einem Minimum an Haken und Seilmanövern auszukommen. So setzte Hans Dülfer bei der Freesolo-Erstbegehung des nach ihm benannten Risses zwischen Christaturm und Fleischbank ganze zwei (!!!) Haken ein. Der erste, der sie nach ihm klinken sollte, war mehr als zehn Jahre später ein gewisser Fritz Wiessner aus Dresden. Von seiner Felsheimat an der Elbe war Wiessner gewohnt, sich beim Klettern auf die eigenen Fähigkeiten zu verlassen. Dafür hatte nicht zuletzt Rudolf Fehrmann im Jahr 1913 durch die Formulierung von Kletterregeln gesorgt, die sicherstellten, dass die Wände des Elbsandsteingebirges nicht mit Haken vollgepflastert wurden. Diese Regeln waren vor dem Hintergrund des voll entbrannten Mauerhakenstreits formuliert worden. Wie Preuß forderte auch Fehrmann den Verzicht auf künstliche Hilfsmittel, definierte diese aber anders als die Wiener: Gemäß den in der Sächsischen Schweiz gültigen Regeln galten das Setzen von Ringen zur Sicherung sowie das Bauen an Einstiegen und in der Wand nicht als künstliche Hilfsmittel. Damit hatte der Dresdner Jurist die Vorgaben der reinen Wiener Lehre deutlich aufgeweicht. Fehrmann hatte dafür wohl seine guten Gründe: Die in den Fels gedübelten Ringe können als sinnvolles Zugeständnis gewertet werden an die Weichheit des sächsischen Sandsteins und die Schwierigkeit der dort begangenen Wege. Menschliche Pyramiden an den Einstiegen und Schulterstände in den Felsen waren wohl in der Sächsischen Schweiz eine so tief verankerte Tradition, dass hier niemand darauf verzichten wollte. Die Achse Wien-London und die britische Schule des Freikletterns Die Wiener und die Sachsen waren jedoch nicht die einzigen, die sich über Fragen der alpinen Sportethik intensiv Gedanken machten. Der englische Alpinist Albert Frederick Mummery mit seinem absolutely inaccessible by fair means wurde bereits erwähnt. Was Mummery unter fair means verstand, machte er in einem Vortrag über die Erstersteigungen der Aiguilles des Charmoz und de Grépon am 3. Mai 1892 beim alt- 579

12 Nicholas Mailänder ehrwürdigen Alpine Club in London deutlich: Venetz wurde ohne zu zögern auf Burgeners Schultern gehievt. ( ) Der verachtete Herr musste dann dafür herhalten, diese Leiter zu verlängern, wodurch Venetz einen schwach ausgeprägten Griff zu fassen bekam und schließlich den Gipfel erreichen konnte. 16 Bauen im sächsischen Stil war für den Engländer offenbar Fairplay. Und er hatte auch nichts dagegen einzuwenden, als Burgener im Abstieg am Doppelseil in die Tiefe schwebte. Weiter unten, in einem vereisten Couloir kam es zur ethischen Debatte über den Einsatz von mitgeführten Holzkeilen zur Verankerung des Abseilstricks: Jemand warf die Frage auf, ob der Einsatz solcher Keile nicht einem Kniefall vor dem Abgott Baal gleichkäme und damit der erste Schritt auf dem Weg ins Verderben sei, der mit einer unauflösbaren Vermengung der Kunst des Bergsteigens mit jener des Turmarbeiters enden würde. Worauf wir einhellig erklärten, dass die Charmoz keinesfalls durch fixe Holzkeile entweiht werden dürfte. Wir fanden eine unsichere Felsknolle, um die wir das Doppelseil schlangen, an welchem sich Venetz hinabgleiten ließ. 17 Wohlgemerkt: Das geschah am 15. Juli Also 20 Jahre vor der ersten Clean- Free-Begehung des Dent du Géant und mehr als 30 Jahre vor den Preußschen Thesen! Mummerys Denken und Wirken wurden in Wien sehr wohl wahrgenommen. Eugen Guido Lammer konnte ausgezeichnet Englisch und äußerte wiederholt seinen tiefen Respekt vor dem britischen Sportgeist. Aber auch in anderer Richtung war man beeindruckt und man wurde höchstwahrscheinlich auch beeinflusst! Unter dem Stichwort MOUNTAINEERING WITHOUT GUIDES machte das Londoner Alpine Journal im November 1884 das Treiben der jungen Österreicher um Zsigmondy und Lammer international bekannt, denen die Monte Rosa-Ostwand, die Überschreitung des Matterhorns, das Zinal-Rothorn, das Zermatter Weisshorn sowie das Bietschhorn auf neuem Weg gelungen waren alles ohne Führer. 18 Im Folgejahr veröffentlichte das Organ des Londoner Alpine Club eine lange Liste von Erfolgen der Lammertruppe. Der Bericht endete mit dem Statement: Es dürfte heute kaum noch einen bedeutenden Gipfel geben, der nicht schon führerlos erstiegen wurde. 19 The Alpine Journal vom August 1890 enthält eine ausgesprochen positive Beurteilung des Treibens der Wiener Führerlosen: Es (das führerlose Bergsteigen, Anm. NM) ist bei weitem die erfreulichste Art des Kletterns; es kann als die höherwertige Form des Sports eingestuft werden, so wie es beim Hochseesegeln schwieriger und faszinierender ist, die Segel selbst zu bedienen und dein Boot selbst zu steuern als wenn du es vom besten Fachmann der Welt segeln lässt. 20 Es fällt auf, dass Mummerys bedeutenden führerlosen Unternehmungen 1892 mit der Ersteigung der Grands Charmoz im 16 Albert F. Mummery, The Aiguilles des Charmoz and de Grépon, The Alpine Journal XVI, Ebd Vgl. The Alpine Journal XII, 1886, 128 f. 19 The Alpine Journal XII, 1886, The Alpine Journal XV, February 1890 to November 1891,

13 Elbsandsteingebirge Wiege des Freikletterns? Montblanc-Gebiet beginnen. Der zeitliche Zusammenhang mit der zitierten Besprechung in The Alpine Journal ist bemerkenswert, ob ein inhaltlicher besteht, ist offen. Nach Einschätzung des Extremkletterers, Alpinisten und Schwarzmagiers Aleister Crowley hatten die Führerlosen im Laufe der 1890er den Bergführern gar den Rang abgelaufen: Mummery, Collie und Hastings aus England, zusammen mit Eckenstein und einem oder zwei kleineren Lichtern auf der einen Seite und Purtscheller, Blodig und andere aus Deutschland waren dabei, einen vollkommen neuen Standard des Alpinbergsteigens zu etablieren. Es waren Männer von Bildung und Intelligenz; sie hatten die physikalische Theorie der Bedingungen am Berg studiert; sie hatten Techniken entwickelt, um mit diesen Bedingungen situationsentsprechend umzugehen. Sie führten Bergfahrten durch, von denen kein alpiner Bergführer geträumt hätte. Der erstklassige Amateur stand zum professionellen Bergführer in einem ähnlichen Verhältnis wie der Scharfschütze mit einer Rifle zum Manne mit dem Steinbeil. 21 Ganz gleich, ob dieses Urteil korrekt ist oder nicht: Es wirft ein Schlaglicht auf das nicht eben unterentwickelte Selbstbewusstsein der jungen Wilden unter den britischen Bergsteigern der 1890er Jahre. Crowley hatte dazu auch allen Grund: Ihm waren 1894 einige spektakuläre Erstbegehungen an den Kreidefelsen des Breachy Head an der britischen Kanalküste gelungen. Besonders eindrucksvoll muss die erste Seillänge des Cuillin Crack gewesen sein. Der erste Wiederholer dieser Länge war in den frühen 1980er Jahren der bekannte Londoner Extremkletterer und Alpinist Mick Fowler der sie mit britisch 5a, also UIAA 6/6+ einstufte. Crowley hatte diese Dreißigmeterlänge gänzlich ohne Sicherung vorgestiegen. Am Ausstieg einer zu viktorianischen Zeiten noch unabsicherbaren englischen 5b (7-/7) hatte sich Crowley ein Seil zuwerfen lassen, weshalb er den Cuillin Crack auch nie reklamierte. 22 Auch sonst nahm es Crowley in Sachen Kletterethik recht genau: 1896 hatte der walisische Kletterer Owen Glynne Jones den rund 20 Meter hohen Kern Knotts Crack im nordenglischen Lake District (UIAA 5+/6-) toprope erstbegangen und dabei auch noch gebaut und einen Eispickel zu Hilfe genommen. Dann hatte Crowley in dem Riss einen Klemmblock versenkt, ihn zur Fortbewegung hergenommen und seine Tat im Routenbuch der Climbing Pub dokumentiert. Er berichtet weiter: und am nächsten Tag folgte ein Mann namens H.V. Reade möglicherweise etwas skeptisch gestimmt in meinen Fußstapfen. Er fand meinen verklemmten Block, schmiss ihn voll Verachtung in die Tiefe, kletterte die Seillänge ohne und vermerkte das im Routenbuch 23 So streng waren die Sitten bereits 1896 im nordenglischen Lake District! 21 Aleister Crowley, The Confessions of Aleister Crowley, London 1929, Vgl. Mick Fowler, Vertical Pleasure, Seattle, 1995, 75 ff. 23 Aleister Crowley, The Confessions of Aleister Crowley, New York 1971,

14 Nicholas Mailänder Der Austausch zwischen den führenden Bergsteigern in London und Wien beschränkte sich nicht auf die gegenseitige Würdigung. Von ihren Aufenthalten in Zermatt kannten sich die Herren auch persönlich. Brückenbauer zwischen den beiden Zentren des Bergsports war Oscar Eckenstein, dessen aus Bonn stammende jüdische Familie aufgrund der Demokraten-Verfolgung von 1848 nach London ausgewichen war. Im Jahr 1902 organisierte Eckenstein gar eine Expedition zum K2, an der zusammen mit Eckenstein und Crowley auch die Bergsteiger Pfannl aus Wien und Wessely aus Linz teilnahmen. Zehn Jahre danach war es Oscar Eckenstein, der durch die Vermittlung von Karl Blodig aus Bregenz den Felsspezialisten Paul Preuß in die Kunst des Westalpenbergsteigens einführte. Es bestand also eine ausgeprägte alpinkulturelle Achse London- Wien, die durch hundertprozentige Übereinstimmung in Fragen der Kletterethik gekennzeichnet war. Während die Wiener in den 1930er Jahren vor der übermächtigen Münchner Schule in die Knie gingen, blieb der gänzliche Verzicht auf Haken in England bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ein fest etabliertes Prinzip, das eisern verteidigt wurde. Das bekamen auch einige Münchner Kletterer zu spüren, die im Sommer 1936 im Lake District und in den walisischen Bergen zu Gast waren. 24 Am 1. Juli des Jahres durchstiegen Hans Teufel, Max Sedlmayr und ihr Gastgeber J.R. Jenkins die Ostwand des Tryfan auf einer neuen schwierigen Route, die heute Munich Climb genannt wird. Trotz der Aufforderung einheimischer Kletterer, dies zu unterlassen, schlug der Vorsteiger Teufel zwei Haken, von denen einer im Fels blieb. Das ließen die Engländer nicht lange auf sich sitzen: Der britische Spitzenmann Wilfried Noyce entfernte das frevelhafte Eisenteil und kletterte den Weg clean. 25 Die Ordnung in good old England war wieder hergestellt, und der alpinsportliche Historienschatz auf der Insel um ein Epos reicher. Angesichts der dargestellten Fakten kann man nur noch darüber streiten, ob das Konzept des Kletterns ohne künstliche Hilfsmittel als die ideale und sportethisch verbindliche Form des Felsgehens in Wien oder in London entwickelt wurde. Das wäre jedoch ähnlich müßig wie der Streit um Henne oder Ei. Denn die beiden tonangebenden alpinen Hotspots standen in solch intensivem Austausch, dass sie sich mit ihrem Denken und Tun gegenseitig inspiriert haben dürften. Fritz Wiessner und das amerikanische Free Climbing Bei alpinhistorisch bewanderten Kletterern im deutschsprachigen Raum ist die Meinung weit verbreitet, der 1928 in die USA ausgewanderte deutsche Bergsteiger Fritz Wiessner hätte dort das Free Climbing begründet. In den späten siebziger Jahren sei der Freiklettergedanke dann nach Deutschland reimportiert worden. Diese Meinung 24 Vgl. Englische Reise der Sektion Bayerland des DuÖAV, 27. Jahresbericht 1937, S ; Der Bayerländer, 53. Heft, München 1936, Vgl. Ronald W. Clark und Edward C. Pyatt, Mountaineering in Britain, London 1957,

15 Elbsandsteingebirge Wiege des Freikletterns? vertritt auch Dietrich Hasse: Viele junge US-Kletterer haben heute vom Ursprung und Übermittler des Sportgeists ihres amerikanischen Kletterns keine Ahnung mehr, so stark setzt man inzwischen sportliches Klettern mit Amerikanischem Bergsteigen gleich. Fritz Wiessners Saat ist mit imponierender Kraft aufgegangen. 26 Als ich meinen amerikanischen Kletterfreunden diese Sicht ihrer Alpingeschichte darlegte, waren sie erstaunt. Alle wussten von Fritz Wiessner und achteten ihn als einen der bedeutendsten bergsportlichen Pioniere des Landes. Dass Wiessner der Begründer des Free Climbing in den USA sein sollte, war ihnen allerdings unbekannt. Ehe wir der Frage auf den Grund gehen, welchen Beitrag Fritz Wiessner zur Entwicklung des amerikanischen Klettersports geleistet hat, werfen wir einen Blick auf die beeindruckenden Leistungen dieses aus Sachsen stammenden Bergsteigers. Am 26. Februar 1900 in Dresden geboren, zählte Fritz Wiessner (damals noch Wießner geschrieben) in den zwanziger Jahren zu den leistungsfähigsten Elbsandsteinkletterern bewies er sein überragendes Können mit der Erstbegehung des Nordrisses am Großen Spitzen Horn und 1924 mit der Durchsteigung des Wießnerrisses am Frienstein. Beide Wege werden heute mit VII c nach der sächsischen Skala bzw. 6+ nach UIAA bewertet. 27 Am 28. Juli 1925 setzten Fritz Wiessner und der Innsbrucker Roland Rossi mit der Erstbegehung der Fleischbank-Südostwand im Kaisergebirge einen Markstein des alpinen Kletterns. In dem von Wiessner beim endgültigen Durchstieg geführten Rossiüberhang benutzte der Sachse nur einen einzigen Haken zur Fortbewegung, was darauf schließen lässt, dass der Dresdner auch hier im oberen sechsten Grad unterwegs gewesen sein muss. Nur vier Tage danach, am 1. August 1925, durchstieg Fritz Wiessner zusammen mit dem Münchner Emil Solleder erstmals die Furchetta-Nordwand im sportlich einwandfreien Stil, wie Solleder betonte. 28 Im Winter 1928/1929 emigrierte der studierte Chemiker Wiessner aus wirtschaftlichen Gründen in die USA. Hier machte er sich vor dem Zweiten Weltkrieg als Kletterer vor allem durch die Erstbesteigung des Mount Waddington in der kanadischen Coast Range über die schwierige Südwand (V+) 1936 und die erste klettersportliche Besteigung des Devil s Tower in Wyoming im darauffolgenden Jahr einen Namen. Seine bedeutendste bergsteigerische Leistung vollbrachte Wiessner zweifellos im Juli 1939 als er gemeinsam mit dem Sherpa Pasang Dawa Lama am 8611 m hohen K2 ohne Atmungsgerät bis in die Gipfelregion vordrang. Den Erfolg schon vor Augen, kehrte er rund 200 Höhenmeter unter dem Ziel um, weil sein Gefährte die Rache von Dämonen im Falle einer nächtlichen Gipfelbesteigung fürchtete. 26 Vgl. Hasse 2000, Ebd. 28 Vgl. Emil Solleder, Die letzten großen Wandprobleme in den Dolomiten, Jahrbuch des DuÖAV 1927, 236 ff.,

16 Nicholas Mailänder Bei amerikanischen Kletterern ist Fritz Wiessner vor allem in Erinnerung geblieben als Entdecker des heute sehr populären Klettergebiets der Shawangunks im Staat New York. Oft gemeinsam mit dem aus Österreich eingewanderten Mediziner Hans Kraus, begann Wiessner ab 1935 das riesige Potential des rund zehn Kilometer langen und durchschnittlich sechzig Meter hohen Felsriegels systematisch zu erschließen. Ihre schwierigste gemeinsame Route war die von Kraus projektierte und vorgestiegene Linie High Exposure im fünften UIAA-Grad. Wiessner war aus Überzeugung gegen das Klettern mit künstlichen Hilfsmitteln und erlaubte seinen Partnern nicht, diese anzuwenden; er war auch dagegen, Zeitschriftenartikel über den Sport zu veröffentlichen. 29 Zu dieser Zeit belief sich die Zahl der Kletterer, die regelmäßig die Shawangunks aufsuchten, auf etwa 20, fast alles Mitglieder des Appalachian Mountain Club. Das blieb so bis ungefähr Der Chronist des amerikanischen Bergsteigens Chris Jones schildert die weitere Entwicklung in den Gunks : Mitte der 1940er Jahre waren alle offensichtlichen Routen durchstiegen. Die Kletterer wandten sich den Überhängen zu, und Kraus griff auf seine Erfahrungen in den Dolomiten zurück. 30 Jones wertet die Einführung der Hakentechnik durch Kraus als einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des Kletterns an der amerikanischen Ostküste. Denn diese Technik ermöglichte nicht nur die Erschließung zuvor unmöglich erscheinender Routen in den Appalachen, sondern später auch bedeutende Erstbegehungen an den großen Bergen im amerikanischen Westen glückte Wiessner die Erstbegehung der Route Minnie Belle mit einer schlecht absicherbaren Rissverschneidung im amerikanischen Schwierigkeitsgrad 5.8 in der ersten Seillänge, was in Anbetracht der harten Gunks-Bewertung getrost mit UIAA 6 übersetzt werden kann. 31 Es war die weitaus schwierigste Route des Gebiets, und keiner der einheimischen Kletterer traute sich damals an das Testpiece heran tauchte ein drahtiger junger Mann an den Felsen auf, Jurastudent an der renommierten Princeton University. Jim McCarthy, der später Präsident des American Alpine Club werden sollte, machte sich an die Durchsteigung der etablierten Routen und zählte bald zu den besten Kletterern in den Gunks. Da Fritz Wiessner aus dem Staat New York weggezogen war, besuchte der Altmeister die Felsen nur noch selten. So wurde McCarthy hinter Kraus zum zweitbesten Kletterer des Gebiets und schob sich bald an diesem vorbei in die Führungsrolle. Neue Kletterer erschienen auf der Szene, die Konkurrenz nahm an Schärfe zu. McCarthy kletterte 1957 mit Yellow Belly (5.8) die härteste Route in den Gunks und begann, bislang mit Hakenhilfe gekletterte Routen frei zu begehen. Seine erste freie Durchsteigung von Broken Sling (5.8) kann als Auftakt einer neuen klettersportlichen Ära an der Ostküste gewertet werden. Der Vorgang war 29 Vgl. Chris Jones, Climbing in North America, Seattle 1997, Ebd. 31 Vgl. ebd. 584

17 Elbsandsteingebirge Wiege des Freikletterns? durchaus vergleichbar mit der Initiierung des Rotpunktkletterns in Westdeutschland durch Kurt Albert knapp zwanzig Jahre später. 32 Wurde der Begriff Freiklettern von Wiessner gemäß seiner sächsischen Tradition in der Praxis mit kühn gesichertem Klettern gleichgesetzt, so verstanden McCarthy und die anderen Anhänger der im Aufkeimen begriffenen amerikanischen Freikletterbewegung unter Free Climbing etwas grundsätzlich anderes. Nämlich die Begehung einer Route ohne die Zuhilfenahme von künstlichen Hilfsmitteln zur Fortbewegung. Das konnte auch eine hervorragend abgesicherte ursprünglich hakentechnisch gekletterte Route sein. Nur die Begehung in einem Zug zählte. Sobald der Kletterer einen Sicherungspunkt belastete, galt die Durchsteigung als ungültig. Die Rolle von Fritz Wiessner im Prozess der Entwicklung des amerikanischen Free Climbing sieht McCarthy wie folgt: Ich begann 1951 in den Gunks zu klettern und geriet sofort unter den Einfluss von Hans Kraus, der ungefähr zur selben Zeit wie Fritz in die USA ausgewandert war. Hans kam von der italienischen Tradition jener Zeit her und war mit dem großen Emilio Comici geklettert ( ) so betrieb er das Klettern mit künstlichen Hilfsmitteln. Als ich daherkam, war Fritz schon lange weg, da er nach Stowe, Vermont umgezogen war. Er kam noch gelegentlich auf Besuch, aber Hans war der dominierende Einfluss in den Gunks als ich dort erschien. ( ) Nach meiner Einschätzung war der ethische Einfluss von Fritz in den Gunks begrenzt. Die Freikletterbewegung, die in den späten 1950er Jahren einsetzte, war mehr oder weniger sui generis. Es gab einen gewissen Einfluss aus Kalifornien. Chouinard begann sich in den späten fünfziger Jahren sehen zu lassen, aber da war die lokale Freikletterbewegung schon lange aus den Startlöchern oder 53 gelang McCarthy die wahrscheinlich dritte sportlich einwandfreie Besteigung des Devil s Tower, und er war beeindruckt: Wir hätten (die Route) als harte 5.8 eingestuft. 34 Der bedeutende kalifornische Kletterer Royal Robbins schätzte die Wiessner-Route am Devil s Tower sogar noch höher ein: Als ich den Devil s Tower besuchte, kletterte ich sowohl die Durrance-Führe als auch die Wiessner-Führe, und Fritzens Route war deutlich schwerer (5.9). 35 Auf die Frage nach seiner Einschätzung des Wiessnerschen Einflusses auf das kalifornische Freiklettern antwortete Robbins: Ich weiß nicht, ob Fritz die Kletterer an der Westküste stark beeinflusste, wir hatten sicher von ihm gehört. ( ) Ich denke, dass das amerikanische Freiklettern einen Schub bekam, als Chuck Wilts den Higher Cathedral Spire (in Yosemite Valley, Anm. NM) frei erstieg. Das wollten wir alle machen, und damals geschah es, denke ich, dass wir die Idee bekamen, hakentechnische Routen frei zu klettern. Wir waren von den Engländern beeinflusst ( ). Was im Elbsandsteingebirge gemacht wurde, war bestimmt eindrucksvoll, 32 Vgl. ebd., 203 f Nachricht von Jim McCarthy an den Autor vom Ebd Nachricht von Royal Robbins an den Autor vom

18 Nicholas Mailänder aber wir hörten erst viel später davon. Was uns wirklich zum Freiklettern brachte, war das Vorbild von Wilts. 36 Royal Robbins zeichnete in den 1960er Jahren wie kein anderer verantwortlich für die Verbreitung des Freiklettergedankens in den USA besuchte er Colorado, wo ihm gemeinsam mit dem damaligen lokalen Nachwuchsstar Pat Ament die Erstbegehung der schwierigen Freikletterführen Final Exam (5.10d/5/11a) und Athlete s Feat (5.10.d/5.11a) glückte. Als Ausbilder an der International School of Mountaineering in Leysin im Schweizer Waadtland beging Robbins im selben Jahr einen direkten Ausstieg zur Harlin-Führe in der Südwand des Tour d Aï, wobei er noch einige Haken zur Fortbewegung benutzte schaffte Robbins dann die erste freie Begehung des überhängenden Risses im oberen siebten UIAA-Grad (5.10d/511a oder franz. 6b+) und zog damit im alpinen Klettern mit dem Schwierigkeitsniveau gleich, in dem Mathias Rebitsch rund zwanzig Jahre früher in den Tiroler Bergen unterwegs war. 37 Der Kreis um Royal Robbins, zu dem auch der Patagonia -Gründer Yvon Chouinard zählte, war maßgeblich an der klettersportlichen Erschließung des Yosemite Valley beteiligt. Yvon Chouinards Antwort auf die Frage nach dem Einfluss Wiessners auf das Freiklettergeschehen im amerikanischen Westen hätte kaum lakonischer ausfallen können: Soweit ich weiß, hatte Fritz keinen Einfluss auf das Freiklettern im Westen der USA. 38 Hinsichtlich der Bedeutung Wiessners für das Klettern an der Ostküste fällt das Urteil von Henry Barber, Freikletterstar der siebziger Jahre, deutlich differenzierter aus: Ich würde sagen, Fritz hatte einen großen Einfluss auf das Klettern in den 1950er und 1960er Jahren, der bis in die 1970er Jahre andauerte. Seine Routen waren legendär, aber kein Ausdruck einer Sportethik. Seine wichtigsten Wege abgesehen von Alpintouren wie der Mount Waddington waren breite Risse im 5.8er-Bereich ( ). Fritz war in vielen Gebieten als Erschließer unterwegs, und seine Routen wurden in Anbetracht der Epoche, in welcher sie erstbegangen wurden, bewundert. Die breiten Risse wurden auch respektiert, weil sie anstrengend waren und weil sie wegen des Fehlens von Sicherungsmitteln für breite Risse Kühnheit erforderten. ( ) Fritz konnte hier an der Ostküste zusammen mit dem Österreicher Hans Kraus einige schöne Erfolge für sich verbuchen. Da sie denselben kulturellen Hintergrund hatten, schlossen sie sich zusammen und eröffneten in den Shawangunks einige spektakuläre Linien. In vielen ihrer Routen machte sich der Dolomiten-Einfluss bemerkbar: Hier und da wurde ein Haken zur Fortbewegung benutzt. ( ) Was die sonstigen Einflüsse angeht, würde ich sagen, dass Amerika am meisten von Großbritannien beeinflusst wurde Ebd. 37 Vgl. am Nachricht von Yvon Chouinard an den Autor vom Nachricht von Henry Barber an den Autor vom

19 Elbsandsteingebirge Wiege des Freikletterns? Hot Henry, wie Barber in seiner extremen Zeit allgemein genannt wurde, zählt zu den Bewunderern von Fritz Wiessner und kannte ihn recht gut. Barber und Jim McCarthy stimmen darin überein, dass der gebürtige Sachse in den Klettergebieten an der amerikanischen Ostküste epochemachende Routen erschloss, die vor allem durch ihre Schwierigkeit und Kühnheit bestachen. Wiessners Einfluss auf die Kletterethik stufen sie dagegen als vernachlässigbar ein. Wiessner selbst stellt seinen Beitrag zur Entwicklung des amerikanischen Kletterns wie folgt dar: Im Winter 1928/29 übersiedelte ich in die USA. Zu der Zeit existierten dort nur wenige wirklich aktive Bergsteiger. Mitglieder des American Alpine Club, des Appalachian Mountains Club (sic!), des Sierra Club sowie des Harvard Mountaineering Club hatten wohl verschiedentlich Hochtouren in den Alpen und Erstersteigungen in den Rocky Mountains und in Alaska durchgeführt; aber das strenge Felsklettern, wie wir es in Europa auch in den Mittelgebirgen als alpines Training oder als Selbstzweck (Elbsandsteingebirge!) betreiben, hatte gerade erst im Vorjahr begonnen. Robert Underhill, Lincoln O Brien und Miriam Underhill waren die Initiatoren. Sie hatten 1928 einige zünftige Kletterrouten an den Neu-England-Massiven durchstiegen. Der Appalachian Mountains Club (sic!) gründete in der Folge Klettersektionen und veranstaltete häufig Wochenend-Kletterfahrten zu den Wänden der Neu-England-Staaten oder des Staates New York ( ) Ich selbst konnte durch aktive Mitarbeit und durch Vorträge an der Weiterentwicklung auf diesem Sektor beitragen. 40 Wiessners Darstellung macht deutlich, dass das sportliche Klettern an der amerikanischen Ostküste bereits im Gange war, ehe der Sachse dort landete. Den damaligen amerikanischen Kletterpionieren von der Ostküste war die Einhaltung sportethischer Leitlinien ein wichtiges Anliegen. Die von Wiessner erwähnten Neufahrten im Jahr 1928 waren äußerst waghalsige Unternehmungen, bei denen Underhill und seine Freunde mit einem Minimum an künstlichen Hilfsmitteln zur Sicherung und Fortbewegung auskamen. So verwandte Lincoln O Brien in der Schlüsselseillänge von Old Cannon am Cannon Mountain im Staat New Hampshire nach einigen fehlgeschlagenen Freikletterversuchen einen Holzpflock als Fixpunkt für einen Seilzugquergang. Von weiteren künstlichen Hilfsmitteln, die O Brien und Underhill in dieser 300 Meter hohen Wand zum Einsatz brachten, ist in den vorliegenden Berichten nicht die Rede. 41 Im Sommer 40 Fritz Wiessner, Die Ausstrahlung des Sächsischen Bergsteigens auf das Bergsteigen in Nordamerika und in der Welt, Dietrich Hasse und Heinz Lothar Stutte, Felsenheimat Elbsandsteingebirge, Wolfratshausen, 1979, , 236 f. 41 Vgl. Al Rubin, A Climbing History to the Greater North Conway, NH Area, und Jones, 112 am

20 Nicholas Mailänder 1929 setzten Bradley Gilman aus Harvard und Hassler Whitney aus Yale mit ihrer Erstbegehung einer kühnen Kante im oberen fünften UIAA-Grad die Erschließung des Cannon Mountain fort. Al Rubin, der Chronist des Kletterns in North Conway im US- Staat New Hampshire, betont: Sie waren sehr fit, und nach einem erfolgreichen Aufenthalt in den Alpen begingen sie die Route in 17 Seillängen, ohne dabei Haken zur Sicherung einzusetzen. 42 Erst bei einer späteren Wiederholung wurde ein Wasserleitungsrohr zur Absicherung einer besonders schwierigen und exponierten Passage in 60 Meter Höhe eingeschlagen, die heute berühmte Röhren-Seillänge. 43 Bei ihrer Erstbegehung der Nordkante des Grand Teton benützten Robert Underhill und Fritiof Fryxell im Sommer 1931 nur in allerhöchster Not an der Schlüsselstelle einen Haken als Tritt, kletterten die Route ansonsten aber by fair means. 44 Zu ähnlichen Kompromissen war Wiessner 1925 bei seiner Erstbegehung der Fleischbank- Südostwand auch bereit gewesen (zwei Haken zur Fortbewegung und viele mehr zur Sicherung). Als Wiessner später die Grand-Teton-Nordkante vollkommen frei bewältigte, ging es ihm darum, die mit den Erstbegehern geteilten sportethischen Leitlinien in absoluter Konsequenz zu verfolgen. 45 Underhill hatte seine kletterethischen Vorstellungen im Februar 1931 in einem Artikel im Sierra Club Bulletin formuliert: Das Seil ist ausschließlich zur Sicherung da; unter normalen Umständen darf es anständigerweise niemals zur unmittelbaren Unterstützung beim Klettern verwendet werden. ( ) Nach dem für Amateure gültigen Maßstab kann keine Seillänge als wirklich geklettert gelten, wenn künstliche Hilfsmittel zur Fortbewegung verwendet wurden, und ( ) es ist nicht gerechtfertigt, einen Gipfel, der unter solchen Umständen erstiegen wurde, in eine Tourenliste aufzunehmen. 46 Rubin sieht die Rolle, die Robert Underhill zu Beginn der 1930er Jahre innehatte, wie folgt: Inzwischen hat sich Underhill zu einer der führenden Persönlichkeiten im Bergsteigen der Vereinigten Staaten entwickelt und nutzte seine Stellung als Chefredakteur von Appalachia, zahlreiche Artikel über Klettertechnik und Ausrüstung zu veröffentlichen. 47 Der Alpinhistoriker Chris Jones zählt Underhill zu den Persönlichkeiten, die am meisten zur Entwicklung des sportlich orientierten Kletterns in Nordamerika beitrugen, sowohl durch seine großartigen Erstbegehungen als auch durch seine einflussreichen Artikel zum Thema Klettern. Zusammen mit Henderson unterwies er viele Nordamerikaner in der Seiltechnik und propagierte den zurückhaltenden Einsatz von Haken und Karabinern. Dagegen lehnte die alte Garde den Einsatz von Haken noch 42 Rubin. 43 Vgl. Rubin. 44 Vgl. Jones, 120 f. 45 Wiessner 1979, Robert L.M. Underhill, On the Use and Management of the Rope in Rock Work, Sierra Club Bulletin, February 1931, 67-88, Rubin. 588

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