Interkulturelle Psychotherapie Möglichkeiten und Grenzen - 12.DGPPN-Hauptstadtsymposium -

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1 Interkulturelle Psychotherapie Möglichkeiten und Grenzen - 12.DGPPN-Hauptstadtsymposium - Berlin, Dr. Ali Kemal Gün

2 Migranten nehmen bei psychischen Problemen häufig erst sehr spät fachliche Hilfe in Anspruch. In der Primärversorgung werden ihre Probleme nicht bzw. sehr spät erkannt. Die Erkrankungen haben oft bereits einen chronischen Verlauf angenommen, bevor professionelle Hilfe in Anspruch genommen wird.

3 Ärzte werden zwar häufig wegen somatoformen Störungen aufgesucht, psychische und psychosomatische Probleme bleiben dennoch meist unerkannt oder werden einfach nicht mitgeteilt. Nach dem Motto Wenn der eine nicht helfen konnte, kann es der andere vielleicht werden häufig die Behandler gewechselt. So entstehen jahrelange Odysseen durch die medizinisch/therapeutischen Versorgungseinrichtungen.

4 Eine Untersuchung von Verbraucherzentrale NRW im Bereich Krankenhäusern (Kai Helge Vogel) Anonyme telefonische Befragung von 35 Kliniken in 11 Städten, die einen überdurchschnittlichen Bevölkerungsanteil von Migrantinnen und Migranten aufweisen. > fiktiver Fall - ältere türkische nicht deutsch sprechende Patientin mit einer anstehenden Krankenhauseinweisung

5 1 KH: Externen Dolmetscherdienst. 4 KH: Fremdsprachige Personal. (Ein konkreter Ansprechpartner konnte jedoch in keinem Fall genannt werden) 24 KH: Spontan Lösungen (u.a. durch Angehörige, andere Patienten oder Mitarbeiter). 6 KH: Patient allein verantwortlich. Davon 4 KH: Lösung des Problems völlig unrealistisch. Fazit Die Mehrzahl der angesprochenen Mitarbeiter der Kliniken war sich der Verständigungsproblematik bewusst, konkrete und verbindliche Lösungsansätze existierten jedoch nur in einem Fall.

6 Schlussfolgerung a) Sprachliche Hürden erschweren den Kontakt zu den Versorgungseinrichtungen b) Sprachprobleme wirken sich auf jede Behandlungs-Maßnahme oder Untersuchung aus Erschwerte Diagnostik und Therapie Fehldiagnosen, Doppeluntersuchungen, usw. Schlechtere qualitative Gesundheitsversorgung Unnötige finanzielle Mehrbelastung des öffentlichen Gesundheitssystems

7 Inanspruchnahmeverhalten der Migranten Viele Migranten meiden wegen sprachlicher Schwierigkeiten und insbesondere aufgrund von kulturell, religiös und ethnisch bedingten Vorerwartungen eine Behandlung bei deutschen Kollegen. Fragt man den Patienten auf der einen und den Behandler auf der anderen Seite, so werden unterschiedliche Gründe sichtbar, die zum Entstehen dieser Situation beitragen:

8 1) Verständigungsschwierigkeiten sprachlicher, kultureller und religiöser Art 2) Schwierigkeiten beim Aufbau einer tragfähigen Behandler-Patient-Beziehung 3) Verhältnismäßig höherer Arbeitsaufwand für die Behandler 4) Mangelnde interkulturelle Kompetenz der Behandler bzw. des Behandlerteams 5) Fehlende strukturelle Rahmenbedingungen in der Versorgung und Behandlung der Migranten- Patienten in ihren (oft) spezifischen Problemlagen.

9 Psychotherapie in interkulturellen Überschneidungssituationen Geht es um Psychotherapie haben die Therapeuten und Patienten unterschiedliche Wahrnehmungen, Vorstellungen und Erwartungen an und über die psychotherapeutische Behandlung im interkulturellen Setting. Dies beeinflusst die Beziehung zwischen Behandlern und Patienten und dementsprechend auch den Therapieerfolg. Diese These möchte ich anhand von zwei Beispielen (Gleichbehandlungsmaxime und kulturelle Verständigung) erläutern.

10 (1) Gleichbehandlung Einer der zentralen Konflikte, der durch die Ergebnisse meiner Untersuchung deutlich wird, ist die Vorstellung, es gäbe so etwas wie eine Gleichbehandlung von Patienten. Die befragten Therapeuten, bedienen sich einer Gleichbehandlungsmaxime als therapeutisches Ideal und kommen zu dem Schluss, alle ihre Patienten gleich zu behandeln.

11 Ausschlaggebend für die Planung und Durchführung einer Behandlung sei für sie die gestellte Diagnose, nicht aber die kulturellen, religiösen, ethnischen und sprachlichen Hintergründe der zu behandelnden Patienten.

12 Therapeuten Ich denke schon, dass ich unabhängig von der Herkunft aufgrund einer gestellten Diagnose dieselben Behandlungsstrategien verfolge, es ist völlig egal, ob das jetzt ein deutscher Patient ist oder ein ausländischer Patient ist. Die Gleichbehandlungsmaxime wird im Sinne von vorurteilsfreier, unvoreingenommener, objektiver und daher gerechter Behandlung verstanden.

13 Im Kontext der Therapeut-Patient-Beziehung erleben die interviewten Patienten die von den Therapeuten hochgehaltene Gleichbehandlungsmaxime, als ungleiche Behandlung. Ihrer Auffassung nach wird hierbei den herkunftskulturbedingten Unterschieden nicht die notwendige Bedeutung beigemessen.

14 Patienten Und ich denke, dass die Therapeuten diesen Zusammenhang irgendwie nicht verstehen können, dass sie dann sagen, die ist 18 und da müsste man ja unabhängig und selbstständig sein können.

15 Interviewten Patienten fühlen sich nicht verstanden, wenn sie sozusagen gleich behandelt werden. Hierdurch kommt es zur Ignoranz ihrer jeweiligen Andersartigkeiten, Besonderheiten und Unterschiedlichkeiten. Dies führt zu einer, von ihnen so empfundenen, Ungerechtigkeit in der Therapeut-Patient- Beziehung.

16 Bei der Gleichbehandlungsmaxime besteht die Gefahr, in der Gleichheit die Unterschiede aus den Augen zu verlieren bzw. in den Unterschieden die Gleichheit nicht wahrzunehmen. Die Lösung des Konflikts scheint darin zu liegen, bei der Ungleichheit eine höhere Form der Gleichheit zu finden. Indem man die Ungleichheit wahrnimmt und entsprechend behandelt, behandelt man die Patienten gleich.

17 Tiefenhermeneutisch betrachtet: Die Therapeuten fühlen sich unter Druck, beweisen zu müssen, dass sie die Migranten nicht anders behandeln als ihre deutschen Patienten und versuchen dem befürchteten Vorwurf vorzubeugen, sie könnten Migranten schlecht behandeln.

18 Im Festhalten der Patienten, (in der Betonung der kulturellen, ethnischen und religiösen Besonderheiten) kann ebenfalls eine Abwehr- oder Vermeidungsstrategie erkannt werden, sich nicht mit ihren eigentlichen Problemen auseinander setzen zu wollen. Unbewusst wirksame Widerstände, die mit Verdrängungsmechanismen einhergehen, können zu einer Konfliktverlagerung und letztlich zur Agieren der Konflikte in der Beziehungsebene führen.

19 * Bild heruntergeladen von:

20 (2) Kulturelle Verständigung Bei den Auswertungen der Interviews fällt auf, dass Kulturelle Verständigung bzw. kulturelle Missverständnisse wiederholt als einer der wichtigsten Aspekte in der Behandlung von Migranten angegeben werden. Und zwar, je nach Perspektive, als Bereicherung, Erleichterung und Vorteil oder auch Erschwerung, Einengung und Benachteiligung.

21 Therapeuten Je nachdem, aus welchem Kulturkreis jemand kommt und wie fit jemand sprachlich ist, ist die Arbeit mühseliger, die Zeit für `ne Verständigungsbasis zu finden. Ich bin wie ich mich selber erlebe manchmal etwas unsicher, ob ich dem unterschiedlichen kulturellen Stellenwert einzelner Gesten gerecht werde, d.h., ob ich da nicht falsch verstanden werde.

22 Patienten Meiner Ansicht nach sind die Gründe dafür die Sitten und Gebräuche. Weil wir aus verschiedenen Kulturen kommen. Das passiert, weil sie unsere Kultur nicht kennen. Seine Hypothese verdeutlicht er anhand eines Beispiels: Die türkischen Therapeuten schlugen mir keine Scheidung vor, um die Probleme zu lösen.... In unserer Gesellschaft, in unseren Strukturen kommt eine Scheidung erst an zweiter oder dritter Stelle, aber nicht zuerst.

23 Beide Seiten nehmen die jeweiligen Gegenseiten aus einer bestimmten Perspektive wahr und vertreten dieselbe Ansicht, dass kulturelle Differenzen als Hindernis in der Therapeut-Patient- Interaktion anzusehen ist. Sowohl die Therapeuten als auch die Patienten sind der Ansicht, dass sie miteinander nicht über dieselben Themen sprechen. Eine Therapeutin sagt: Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir nicht über gleiche Dinge sprechen.

24 Ich weiß es nicht, wie die Lösungsmöglichkeit in ihrer Kultur aussieht. Ich bin einfach fassungslos. Ich weiß es nicht, was richtig, was falsch, was normal, was nicht normal ist. Man sei oft sehr hilflos (...). Da kriegt man einfach keinen Fuß rein. Wenn es um solche Situationen ging, bat ich sie, diese in ihrem Familien- bzw. Freundeskreis zu besprechen, oder ich schickte sie halt zu einem Therapeuten, der aus derselben Kultur stammt, damit sie eben diese Punkte mit ihm bespricht. Es ging immer so hin und her.

25 Abwehrphänomene bei den Patienten Bei den Patienten dient das Zurückgreifen auf die Herkunftskultur als Abwehr, sich auf die hiesige Gesellschaft einzulassen. Das, was ihr System unterstützt, wird als angenehm erlebt und angenommen. Idealisierung der Herkunftskultur ist hier nur ein Teil der Abwehr zu verstehen. Daraus resultiert:

26 Therapeuten Schicken ihre Patienten zu anderen Behandlern, Familien oder in Freundeskreisen, stellen falsche Diagnosen und behandeln entsprechend. Patienten Nehmen die Angebote nicht oder zu spät in Anspruch, sie versuchen ihre Probleme zunächst in der Familie, in Bekanntenkreisen bzw. auf traditionell-religiösem Wege zu lösen. Konfliktverarbeitung wird somatoform ausgedrückt. Abbruch der Therapie und Suche nach muttersprachlichen Therapeuten.

27 Einverständnis im Missverständnis Herr Doktor, ich habe immer noch die Kopfschmerzen. Nichts hat sich bisher geändert! Ich habe ein neues Medikament. Vielleicht kann Ihnen das helfen. Er sollte sich Mühe mit mir geben, mich untersuchen, mit mir sprechen. Aber er hat soviel Wissen, vielleicht helfen mir wenigstens die Medikamente. Sie ist überfordert durch Beruf, Familie und als Ausländerin. Aber sie hat keine Introspektionsfähigkeit. Wie soll ich mit ihr darüber reden? Nach Brucks, von Salisch, Wahl 1987

28 Fazit Die Therapeuten, die im interkulturellen Setting arbeiten, neigen dazu, kulturelle Differenzen überbzw. unterzubewerten. Vorschnell wird etwas als kulturell angesehen und überbewertet, was nicht kulturell begründet ist, oder es werden kulturelle Determiniertheiten einfach übersehen, bzw. hierüber wird hinweggegangen.

29 Ein gut funktionierender Verdrängungs- Mechanismus namens kultureller Unterschied führt wohl dazu, dass die Therapeuten wie auch die Patienten nicht die Aspekte ihrer Verschiedenheit und Gemeinsamkeit sehen, die sie sehen könnten und da scheinbar unüberwindbare Diskrepanzen sehen, die nicht vorhanden sind. Im interethnischen therapeutischen Kontext muss die Zugehörigkeit von Therapeuten und Patienten zu unterschiedlichen Kulturen und Ethnien keine Einschränkung, sondern kann vielmehr eine Bereicherung bedeuten.

30 Interkulturelle Therapeutische Kompetenz scheint die ideale Voraussetzung dafür zu sein, die sprachlichen, kulturellen, ethnischen und religiösen Missverständnisse in der therapeutischen Behandlung zu minimieren und das gegenseitige Verstehen zwischen einheimischen Therapeuten und Patienten zu optimieren.

31 Mögliche Handlungsempfehlungen 1. Aufnahme Interkulturelle Kompetenz in den Gegenstandskatalog zur Ausbildungs- und Prüfungsverordnung der gesundheitsbezogenen Berufe. 2. Die Vermittlung von Interkultureller Kompetenz als ein verbindlicher Bestandteil der Aus-, Fort- und Weiterbildungscurricula für das gesamte Fachpersonal. 3. Berücksichtigung der psychiatrisch / psychotherapeutische Versorgung der Migranten bei der Bedarfsplanung, die noch dieses Jahr vorgelegt werden soll. 4. Sicherstellung der psychotherapeutischen Versorgung der Migranten durch Sonderbedarfszulassungen. 5. Aufnahme der Einsatz von Dolmetscher in die GKV- Leistung.

32 Die finanzielle Lage der türkeistämmigen Bevölkerung im Vielen Dank Vergleich für Ihre (Quelle: Aufmerksamkeit! DIA ) Beni sabırla dinlediğiniz için çok teşekkür ederim! Türkeist. Deutschst. Durchschnittsalter 33,5 J. 45,3 J. Alter unter 21 Jahre 27 % 20 % Спасибо за внимание Alter über 64 Jahre 6 % 23 % Grazie per la vostra attenzione! Haushaltsnettoeinkommen gesamt Thank you for your attention! Pro-Kopf-Einkommen gesamt Haushaltsnettoeinkommen über 64 Jahre Dank u foor uw aandacht! Altersrente Männer Köszönöm a figyelmüket! Altersrente Frauen Pro-Kopf-Rente (alle Arten) Merci de votre attention! Armutsquote (Haushalte) 34 % 12 % Kiitos huomiostanne!

33

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