Gewalt unter Jugendlichen was die Schule dagegen tun kann

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1 Gewalt unter Jugendlichen was die Schule dagegen tun kann Konflikte lassen sich nicht vermeiden, Gewalt dagegen schon (Rosik). Das Gewaltphänomen an Schulen ist nicht erst seit kurzem zu beobachten, viele Erwachsene kennen gewisse Ausprägungen davon noch aus ihrer eigenen Schulzeit. Heute nennen wir dieses soziale Phänomen Mobbing. Der Begriff Schülermobbing bezieht sich auf die verschiedenen Formen von Psychoterror im schulischen Rahmen, eine systematische, schwerwiegende Belästigung, ein fortwährendes Drangsalieren, welches auch in die Rubrik Machtmissbrauch einzuordnen ist. Schülermobbing steht für böswillige und bewusste Handlungen, die zum Ziel haben, den Mitschüler oder die Mitschülerin fertig zu machen. Dazu gehören etwa hinterhältige Anspielungen, Verleumdungen, Demütigungen, Drohungen, Quälereien oder sexuelle Belästigung. Es geht also nicht um alltägliche Schulkonflikte, sondern Handlungen negativer Art, die durch eine oder mehrere Personen gegen einen Schüler gerichtet sind, und die über einen längeren Zeitraum hinaus ein halbes Jahr oder länger andauern (vgl. OLWEUS Gewalt in der Schule, 1996). Gewalt in den unterschiedlichsten Erscheinungsformen ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das dauerhaft nur über Erziehungsmaßnahmen gelöst werden kann. Idealerweise müssten in einem Netzwerk, in das alle gesellschaftlichen Gruppen, nämlich Lehrkräfte, Schüler, Eltern usw. eingebunden sind, gemeinsam präventiv und begleitend soziale Kompetenzen bei Kindern und Jugendlichen entwickelt werden. Die Familie als Keimzelle der frühkindlichen Sozialisation erfüllt ihre Aufgabe aber immer häufiger unzureichend. Sie ist einem intensiven Strukturwandel unterworfen: In den meisten Familien sind Vater und Mutter berufstätig, dadurch tritt die Familie ihre Erziehungsverantwortung in weiten Bereichen an die Schule ab. Besonders an Berufsschulen beschränkt sich das Mitwirken der Eltern meist nur mehr auf das Schreiben von Entschuldigungen.

2 Unter Fachleuten wird davon ausgegangen, dass einer von zehn Schülern in der Schule ernsthaft gemobbt, dh schikaniert wird, und mehr als einer von zehn selbst schikaniert! Wir Lehrer sind also meiner Meinung nach aufgerufen, die von den Eltern an uns abgetretene Verantwortung zu übernehmen und unseren Schülern eine gewaltfreie Zeit in der Schule zu ermöglichen. Ursachen für Gewalt Viele Erhebungen haben gezeigt, dass sich Jugendliche aggressiver verhalten, wenn sie ein Vorbild bei gewalttätigem Verhalten beobachtet haben. Sie sehen, wie ihre Eltern sich aggressiv verhalten, sehen auch, wie sich andere Erwachsene in ihrer Gesellschaft aggressiv verhalten, und sie sehen das aggressive Verhalten anderer Kinder. Elternhaus und Peer Group Normalerweise erwerben wir unsere emotionale Bildung bereits von frühester Kindheit an durch unsere Eltern. In unzähligen Lektionen bringen sie uns die Bedeutung von Liebe, Zärtlichkeit, Einfühlsamkeit und Geborgenheit näher. Sie führen uns vor wie man Konflikte löst, wie man streitet und sich wieder versöhnt. Doch in vielen Familien ist das Leben eine Schule der Gewalt. Eltern bieten ihren Kindern ein lebendiges Beispiel an Aggression. Ein Vorbild, das sie in die Schule und ihre Peer-Groups mitnehmen und das sie ein Leben lang begleitet. Und was geschieht mit jenen Jugendlichen, die in der Familie keine emotionalen Lektionen abbekommen? Bei vielen von ihnen macht sich im späteren Leben ein alarmierendes emotionales und soziales Defizit bemerkbar. Gewalttätigkeiten sind oft die Folge. Judith Rich Harris beschreibt in ihrem Buch Ist Erziehung sinnlos? ihre Theorie zur Persönlichkeitsentwicklung: Die Gruppensozialisationstheorie (vgl. RICH HARRIS, 2000). Darin geht sie von folgendem Standpunkt aus: Kinder entwickeln ihre Vorstellungen davon, wie sie sich benehmen müssen, indem sie sich mit einer Gruppe identifizieren und deren Einstellungen, Verhalten, Redeweise usw. übernehmen. Die meisten tun das automatisch und bereitwillig: Sie wollen wie ihre Peers sein! Kulturen werden von der älteren an die jüngere Generation nicht zu Hause, sondern über die Gleichaltrigengruppe weitergegeben. Harris belegt anhand vieler Praxisbeispiele ganz einleuchtend, dass Eltern keine Langzeitwirkung auf die

3 Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes haben - die Peer-Group wird immer stärker zum Sozialisationsfeld des Jugendlichen. Die Identifikation mit einer Gruppe und das Angenommensein oder die Zurückweisung durch die Gruppe hinterlassen in jedem Fall bleibende Spuren: Wissenschaftler stellten einen Zusammenhang zwischen der Akzeptanz oder Ablehnung durch die Peers und der Art fest, wie jemand später als Erwachsener sein Leben bewältigt. Dies bestätigt die Aussagen von Dan Olweus, dass gemobbte Jugendliche im Erwachsenenalter eher niedergeschlagen waren und ein schwächeres Selbstwertgefühl hatten, als ihre nicht gemobbten Kollegen. (vgl. OLWEUS Gewalt in der Schule, 1996) Gewaltfördernde Erziehungsstile in der Schule Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass jeder Erziehende, auch der Verfechter eines autoritären Stils, das Beste für seine Zöglinge will. Erwiesenermaßen sind aber machtbetonte, autoritäre Erziehungsmethoden für die Steigerung kindlicher Aggressionen verantwortlich (vgl. OLWEUS Gewalt in der Schule, 1996), da das Hauptaugenmerk lediglich darin liegt, Anweisungen zu erteilen und Lehrstoff zu vermitteln, während emotionale Wärme und Zuneigung gänzlich fehlen. Speziell im Bereich der Berufsschulen, wo wir sehr häufig mit mangelnden Schülerleistungen konfrontiert sind, bedarf es eines großen Einfühlungsvermögens. Die zentrale Aufgabe des Lehrers sollte im vielseitigen Fördern aller ihm anvertrauter Schüler bestehen. Geringschätzung, Verständnislosigkeit und irreversible Äußerungen demotivieren, verunsichern, entmutigen und lassen Wut, Zorn und Hass aufkeimen, oder gar erblühen und zwar gegen sich selbst, gegen das Fach, gegen den Lehrer und gegen die Mitschüler. Wer zeigt also noch Verwunderung darüber, dass Schüler auf autoritäres Lehrerverhalten mit Widerstand und Auflehnung reagieren, und zumindest Bereitschaft zur Gewalt zeigen. Lösungsansätze bietet Heinz Günther Holtappels, wenn er in Lernchancen 20/2001 schreibt: Je stärker Schüler eine Lernkultur erleben, die durch lebensweltbezogenes und schülerorientiertes Lernen sowie förderndes Lernengagement gekennzeichnet ist, desto niedriger liegt die Gewaltintensität.

4 Medien Breit angelegte internationale Forschung lässt erkennen, dass Kinder und Jugendliche, die viel Gewalt im Fernsehen, auf Videos und im Film sehen, oft aggressiv werden und weniger Mitleid mit Opfern von Aggressionen haben. Der ehemalige amerikanische Militärpsychologe Grossmann warnt Eltern und Erzieher vor den Folgen von Gewaltszenen im Fernsehen und auch in Video- und Computerspielen. Seine zentrale These lautet: Fernsehgewalt konditioniert uns dahin, Spaß und Freude an der Gewalt zu haben, Lustgefühle aus ihr zu beziehen. Erst wenn jemand in einer Situation ist, in der seine natürliche Hemmung gegen Gewalt funktionieren müsste, merkt man, dass diese natürliche Hemmschwelle zerstört ist. Auf den Schulhöfen unserer Kinder ist das eine tägliche Erfahrung. (www.schulberatung.bayern.de/bshag.htm) Lösungsansätze Mobbing kann in jeder Klasse auftreten, wichtig dabei ist allerdings, dass offen über das Phänomen der sozialen Gewalt gesprochen wird. Je offener Direktion, Lehrer und Schüler mit diesem Thema umgehen, desto geringer wird die Angriffsfläche für Mobbing. In Schulen, in denen das Sozialklima stimmt, wird es wahrscheinlich bis auf wenige Einzelfälle kein Mobbing geben. Zwischenmenschliche Probleme, die nicht thematisiert werden, können auch nicht gelöst werden und bilden damit den Nährboden für Mobbing und in weiterer Folge sogar den Ausgangspunkt für eine kriminelle Karriere, wie Dan Olweus in seinen Untersuchungen festgestellt hat. Erste Lösungsansätze sollten darin bestehen, dass sich eine Schule der Wahrheit stellt und Mythen wie An unserer Schule gibt es kein Mobbing!, Mag sein, dass Mobbing an unserer Schule vorkommt, aber es ist harmlos!, Als Lehrer kann ich nichts gegen Mobbing unternehmen! aufgelöst werden. Die Lösung heißt: Hinschauen und Handeln. Schulen brauchen präventive Anti- Mobbing-Strategien und wirkungsvolle Lösungen im Umgang mit konkreten Mobbing- Vorfällen. Das gemeinsame Handeln in der ganzen Schule ist von größerer Wirkung als die Aktionen vereinzelter Klassen. Hauptanliegen sollte es nicht nur sein zu reagieren, sondern auch wirksam der Gewalt in verschiedenen Formen vorzubeugen.

5 Was können Lehrer tun? Problembewusstsein und aktives Betroffensein der Lehrer sind wichtige Voraussetzungen für den Erfolg der Intervention. Lehrer können Schüler dazu ermutigen über Mobbing-Vorfälle zu berichten. Opfer müssen geschützt und unterstützt werden. Täter sind zur Rede zu stellen und aktiv in die Lösung mit einzubeziehen. Eine erste wirksame präventive Maßnahme gegen Mobbing kann schon sein, Klassenregeln gemeinsam mit den Schülern aufzustellen. Maßnahmen auf der Schulebene Dan Olweus beschreibt in seinem Buch Gewalt in der Schule ein Interventionsprogramm, das aus folgenden drei Teilen bestehen sollte: 1. Eine anonyme Erhebung unter den Schülern mit einem Gewalt-Fragebogen durchführen. 2. Die ausgewerteten Ergebnisse dieser Fragebogenaktion auf einem Pädagogischen Tag vorstellen. Außer dem Schulleiter und allen Lehrkräften sollten auch Experten (zb der Schulpsychologe) und alle Schüler daran teilnehmen. Nach der Erörterung der Ergebnisse soll ein langfristiger Handlungsplan für die Schule aufgestellt werden. 3. Eventuell können auch die Eltern, zum Beispiel im Rahmen einer Konferenz oder eines Elternabends über das Interventionsprogramm informiert werden. Die anonyme Fragebogen-Erhebung, der Pädagogische Tag und die Konferenz/ der Elternabend sind einfache und meist schon recht wirkungsvolle Mittel, doch als eine der wichtigsten Maßnahmen auf der Schulebene erscheint Olweus die Aufsicht während der Pausen und während der Essenszeit (wichtig zb für Internatsschüler an Berufsschulen). Gewalt an Schulen findet nämlich überwiegend in der Pausenzeit statt, und es hat sich herausgestellt, dass Schulen mit einer höheren Lehrerdichte während der Pausen ein niedrigeres Gewaltvorkommen haben. Die Grundbotschaft der Lehrer an die Schüler sollte sein: Wir akzeptieren keine Gewalt an unserer Schule und werden dafür sorgen, dass sie aufhört. (vgl. OLWEUS Gewalt in der Schule, 1996) Autorin: Dipl.Päd. Christine Pechatschek, Lehrerin an der Berufsschule Freistadt, Oberösterreich

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