Psychische und körperliche Gesundheit bei Kindern und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien: Ergebnisse des Projektes ChAPAPs in Deutschland

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1 Psychische und körperliche Gesundheit bei Kindern und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien: Ergebnisse des Projektes ChAPAPs in Deutschland Diana Moesgen, M.Sc. Prof. Dr. Michael Klein Deutsches Institut für Sucht- und Präventionsforschung Katholische Hochschule NRW

2 Theoretischer Hintergrund Ziel der Studie Methode Ergebnisse Diskussion Gliederung des Vortrags

3 Prävalenzen 2,4% der deutschen Bevölkerung (ca. 1,6 Mio. Menschen) sind alkoholabhängig (Pabst & Kraus, 2008) 3,8% (ca. 2,7 Mio. Menschen) betreiben Alkoholmissbrauch (Pabst & Kraus, 2008) Zwischen 3 und 5 Mio. Menschen sind als Angehörige mitbetroffen (Schmidt & Schmidt, 2003) Ca. 2,65 Mio. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren haben im Laufe ihres Lebens mit einem Elternteil zusammengelebt, der Alkoholprobleme hat jeder 7. Jugendliche (Klein, Kürschner & Ferrari, 2003; Lachner & Wittchen, 1997) Neuere Schätzungen ergeben eine Prävalenzrate von 5 bis 6 Mio. Kindern in Deutschland, die von einer elterlichen Alkoholproblematik betroffen sind (EMCDDA, 2008)

4 Was erleben Kinder aus suchtbelasteten Familien? Das Suchtproblem spielt oft eine zentrale Rolle in der Familie und bringt verschiedene Schwierigkeiten mit sich, z.b.: Finanzielle Schwierigkeiten durch z.b. Arbeitsplatzverlust Vernachlässigung des Kindes Veränderung der Regeln und Abläufe, die innerhalb der Familie gültig waren Veränderung der Stimmung und des Interaktionsstils innerhalb der Familie Verhaltensvolatilität des suchtkranken Elternteils Spannungen und Konflikte zwischen Eltern sowie zwischen Eltern und Kindern, tw. mit häuslicher Gewalt

5 Konsequenzen Kinder und Jugendliche aus suchtbelasteten Familien gelten als größte Risikogruppe für die Entwicklung einer eigenen suchtbezogenen Störung Von den Kindern alkoholabhängiger Eltern entwickeln ca. 33% bis 40% selbst eine substanzbezogene Abhängigkeitserkrankung (Sher, 1991; Windle & Searles, 1990; Klein, 2005; Zobel, 2006) Kinder aus alkoholbelasteten Familien weisen insgesamt ein bis zu 6-fach erhöhtes Risiko auf, selbst alkoholbezogene Probleme in Form von Missbrauch oder Abhängigkeit zu entwickeln (Grant, 2000; Klein & Zobel, 1999)

6 Konsequenzen Kinder von Eltern mit Alkoholproblemen entwickeln häufig auch andere psychische Störungen mit klinischer Relevanz (Klein, 2008) Externalisierende Störungen Störungen des Sozialverhaltens (Elpers & Lenz, 1994; Reich, Earls, Frankel & Shayka, 1993; Furtado, Laucht & Schmidt, 2002) Aufmerksamkeitsstörungen (ADHS) (Barnow, Fischer & Freyberger, 2001; Diaz et al., 2008; Marmorstein, Iacono & McGue, 2008) Internalisierende Störungen Depressionen (Cuijpers, Langendoen & van Bijl; 1999; Hill, Lowers, Locke- Wellman, Matthews & McDermott, 2008) Angststörungen (Tubman, 1993; Cuijpers et al., 1999)

7 Konsequenzen Wenig Studien zur körperlichen Gesundheit betroffener Kinder Kinder aus suchtbelasteten Familien zeigen mehr Symptome körperlicher Krankheiten (Klein & Quinten, 2002; Rubio-Stipec, Bird, Canino, Bravo & Alegria, 1991) Betroffene Kinder haben mehr diagnostizierte körperliche Krankheiten und mehr psychosomatische Probleme (Hart, Fiissell & McAleer, 2003)

8 Ziel der Studie Identifikation gesundheitlicher Ungleichheiten bei Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien psychische Gesundheit körperliche Gesundheit Risikoverhalten Aufdeckung familialer Risikofaktoren

9 Methodisches Vorgehen A.) Fragebogenuntersuchung a) bei Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien (Alter: Jahre) ( = Untersuchungsgruppe UG) postalische Befragung b) bei Kindern und Jugendlichen aus unbelasteten Familien (Alter: Jahre) ( = Kontollgruppe KG) Schülerbefragung im Klassensetting B.) Telefoninterviews mit den Eltern a) mit dem erkrankten Elternteil (UG) b) mit dem nicht-alkoholabhängigen Elternteil (UG & KG) es sollten beide Elternteile befragt werden - soweit möglich

10 Einschlusskriterien Elternteil hatte die Hauptdiagnose Alkoholabhängigkeit (ICD: F10.2) oder schädlicher Gebrauch von Alkohol (ICD: F10.1) Es konnten weitere Diagnosen als Zusatz- oder Nebendiagnosen vorliegen, sie durften jedoch nicht im Vordergrund stehen Elternteil hatte mind. ein Kind im Alter von Jahren. Hierzu zählten auch: Stief-, Pflege-, Adoptivkind oder Kind von LebensgefährtIn Elternteil hat in den letzten 2 Jahren mindestens 6 Monate mit dem Jugendlichen im selben Haushalt gelebt Elternteil und Kind waren in der Lage an der Untersuchung teilzunehmen (ausreichende Sprachkenntnisse, keine geistige Behinderung)

11 Erhebungsinstrumente Fragebogen für Jugendliche Soziodemografische Angaben (z.b. Alter, Geschlecht, Schule) Gesundheitsverhalten (z.b. Ernährung, Sport) Substanzkonsum (z.b. Erfahrungen mit Alkohol, Zigaretten) SDQ - Psychische Gesundheit (emot. Probleme, Verhaltensprobleme, Hyperaktivität, Verhaltensprobleme mit Gleichaltrigen, prosoziales Verhalten) YSR Skala Körperliche Beschwerden (z.b. Bauch, Kopf, Augen) FAM-III und FBS - Familienvariablen (z.b. Verlässlichkeit der Eltern, Investment, Kommunikation, Kontrolle durch Eltern, Übereinstimmung bzgl. Werten und Normen, emotionale Ambivalenz) Elterngesundheit (z.b. Alkoholprobleme) Interviewleitfaden für Eltern Soziodemografische Angaben (z.b. Alter, Geschlecht, Beruf, Ausbildung) Eigene Gesundheit (z.b. Alkoholprobleme (AUDIT), körperliche und psychische Erkrankungen (GHQ-12)) Gesundheitsverhalten des Kindes Substanzkonsum des Kindes CBCL Skala Körperliche Beschwerden des Kindes SDQ - Psychische Gesundheit des Kindes FAM-III und FBS - Familienvariablen

12 Rekrutierung der Stichprobe UG: in Kooperation mit Einrichtungen, die uns über alkoholabhängige Patienten (Eltern) Zugang zu deren Familien ermöglichen konnten Stationäre Entwöhnungskliniken* Ambulante Einrichtungen** KG: über weiterführende Schulen*** Mit besonderem Dank an (in jeweils alphabetischer Reihenfolge): * AHG Klinik Tönisstein, Fachklinik Fredeburg, Fachklinik Gut Zissendorf, Fachkrankenhaus Hansenbarg, Fontane-Klinik Motzen, Klinik Schloss Falkenhof, Kliniken Wied, Psychosomatische Klinik Bergisch-Gladbach, Fachklinik Kamillushaus, salus klinik Friedrichsdorf, salus klinik Lindow ** Caritas Kleve, Caritas/Diakonie Bonn, Diakonie Düsseldorf, Kreuzbund Diözesanverband Aachen *** Konrad-Adenauer-Gymnasium, Kleve; Leni-Valk-Realschule, Goch

13 Beschreibung der Stichprobe Kinder und Jugendliche 74 Kinder und Jugendliche aus der UG: 44 (59.5%) Mädchen und 30 (40.5%) Jungen Alter: M = Jahre (SD = 2.03; Range: Jahre) 41 (55.4%) haben eine alkoholabhängige Mutter, 33 (44.6%) einen alkoholabhängigen Vater 109 Kinder und Jugendliche aus der KG: 56 (51.4%) Mädchen und 53 (48.6%) Jungen Alter: M = Jahre (SD = 1.56; Range: Jahre)

14 Beschreibung der Stichprobe - Eltern 57 alkoholabhängige Eltern aus der UG: 32 (56.1%) Mütter und 25 (43.9%) Väter Alter: M = Jahre (SD = 5.80; Range: Jahre) 46 nicht-abhängige Eltern aus der UG: 21 (72.2%) Mütter und 25 (27.6%) Väter Alter: M = Jahre (SD = 4.70; Range: Jahre) 30 nicht-abhängige Eltern aus KG: 22 (73.3%) Mütter und 8 (26.7%) Väter Alter: M = Jahre (SD = 4.94; Range: Jahre)

15 Ergebnisse Körperliche Beschwerden (aus Sicht der Kinder): YSR Skala körperliche Beschwerden 3,6 3,5 3,4 3,3 3,2 3,1 3 2,9 3,53 1 3,13 UG KG t = 1.02, df = 170, p =.31 n.s.

16 Ergebnisse Psychische Probleme Symptome (aus Sicht der Kinder): SDQ Skalenwerte 4 3,5 3 2,5 2 1,5 1 0,5 0 3,36 2,73 Emotionale Probleme 2,39 1,81 Verhaltensprobleme mit Gleichaltrigen UG KG Emotionale Probleme: t = 1.83, df = 180, p =.07; Verhaltensprobleme mit Gleichaltrigen: t = 2.35, df = 180, p =.02

17 Ergebnisse Psychische Probleme Gesamtproblemwert (aus Sicht der Kinder): SDQ Gesamtproblemwert 11,5 11, ,5 10 9,5 9,92 UG KG 9 1 t = 1.85, df = 180, p =.07

18 Ergebnisse Psychische Probleme Gesamtproblemwert (aus Sicht der Eltern): SDQ Eltern Gesamtproblemwert ,84 11,11 1 7,4 Alkoholabhängige Eltern (UG) Nicht-abhängige Eltern (UG) Nicht-abhängige Eltern (KG) F (2, 132) = 3.81, p =.03

19 Ergebnisse Alkoholkonsum der Kinder: Lebenszeitprävalenz Gruppe * Alkoholkonsum Lebenszeitprävalenz Kreuztabelle Alkoholkonsum Lebenszeitprävalenz Nein, nie Ja Total Gruppe UG 11 (15.1%) 62 (84.9%) 73 KG 7 (6.5%) 101 (93.5%) 108 chi 2 = 3.59, df = 1, p =.06

20 Ergebnisse Alkoholkonsum der Kinder: Binge Drinking im letzten Monat Gruppe * Binge Drinking im letzten Monat Kreuztabelle Binge drinking im letzten Monat Nein Mind. einmal Total Gruppe UG 19 (41.3%) 27 (58.7%) 46 KG 21 (25.6%) 61 (74.4%) 82 chi 2 = 3.38, df = 1, p =.07

21 Ergebnisse Korrelationen zwischen psychischen Beschwerden und Familienvariablen: Kind-Mutter-Beziehung: Werte und Normen Kontrolle Investment Emotionale Ambivalenz Verlässlichkeit Kommunikation SDQ Gesamtproblemwert -,59**,21 x -,24* -,28*,43** -,52** X p <.10, * p <.05, ** p <.01

22 Ergebnisse Korrelationen zwischen psychischen Beschwerden und Familienvariablen: Kind-Vater-Beziehung: Werte und Normen Kontrolle Investment Emotionale Ambivalenz Verlässlichkeit Kommunikation SDQ Gesamtproblemwert -,47**,33** -,37** -,24 x,55** -,34** X p <.10, * p <.05, ** p <.01 Derartige signifikante Korrelationen finden sich ebenso innerhalb der KG!

23 Diskussion Kinder aus suchtbelasteten Familien und Kinder aus unbelasteten Familien unterscheiden sich nicht in Hinblick auf körperliche Symptome Betroffene Kinder konsumieren (derzeit) weniger Alkohol als nicht-betroffene Altersgenossen - Eltern als schlechtes Modell? Psychische Beschwerden scheinen die größere Herausforderung darzustellen Psychische Beschwerden liegen nicht nur in der elterlichen Alkoholproblematik begründet, sondern auch in anderen familiären Faktoren diese Aspekte sollten in der Präventionsarbeit dringend berücksichtigt werden, Einbezug der Eltern!

24 Diskussion Allerdings UG ist in dieser Studie proportional nicht mehr von psychischen Symptomen betroffen als Kinder aus der Normalbevölkerung (z.b. nur 24% der UG liegen im grenzwertigen oder auffälligen Bereich, im Vergleich zu 20% der Normalbevölkerung) Selektionsbias! Psychische Symptombelastung hängt auch in der KG mit Familienvariablen zusammen Universelles Phänomen: Familienaspekte sollten auch in Präventionsprogrammen für andere Zielgruppen berücksichtigt werden

25 Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! Kontakt: Diana Moesgen, M.Sc. Psychologin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin Deutsches Institut für Sucht- und Präventionsforschung Katholische Hochschule NRW Tel.: +49 (0)

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