Carsten G. Ullrich (Universität Mannheim): Die Reichweite der Solidarität Die soziale Akzeptanz der Arbeitslosenversicherung

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1 Carsten G. Ullrich (Universität Mannheim): Die Reichweite der Solidarität Die soziale Akzeptanz der Arbeitslosenversicherung WSI-Herbstforum, Berlin 2005 thesenförmige Zusammenfassung (1) Vorbemerkung: Alle im Folgenden dargelegten Thesen, Ergebnisse etc. beziehen sich auf eine Umfrage zur»akzeptanz des Wohlfahrtsstaates in Deutschland«, die wir am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES) durchgeführt haben. Bei dieser Studie handelt es sich um eine repräsentative Umfrage zu unterschiedlichen Aspekten der sozialen Sicherung. Im Mittelpunkt standen dabei die Akzeptanzurteile zu fünf Sicherungsbereichen, und zwar zur Gesetzlichen Rentenversicherung, zur Gesetzlichen Krankenversicherung, zur Arbeitslosenversicherung, zur Sozialhilfe sowie zu familienpolitischen Leistungen. Insgesamt wurden mit 1534 deutschsprachigen erwachsenen Personen ausführliche face-to-face-interviews realisiert (Zufallsstichprobe). Die Interviews fanden im Sommer 2004 statt und wurden von einem professionellen Umfrageinstitut durchgeführt. (2) Die Akzeptanz sozialer Sicherungssysteme erwies sich in unserer Untersuchung insgesamt als eher gering zumindest als geringer als dies nach früheren Forschungsergebnissen (z.b. ISSP; Eurobarometer) zu erwarten war. Bei Indikatoren, mit denen unmittelbar die Beurteilung bestehender wohlfahrtsstaatlicher Institutionen erfasst wird, liegt der Anteil»positiver«Akzeptanzurteile meist unter 50 Prozent. Höhere Werte ergeben sich dagegen, wenn nach allgemeinen Präferenzen hinsichtlich der sozialen Sicherung gefragt wird. (3) Dieser Unterschied kann zwei Ursachen haben: (a) Zum einen ist es möglich, dass die Akzeptanz zentraler sozialer Sicherungssysteme seit den 1990er Jahren tatsächlich gesunken ist. (b) Eine andere Erklärung besagt, dass die geringeren Akzeptanzwerte eine Folge der anderen Art der Akzeptanzmessung (die weniger auf Präferenzen und mehr auf die Beurteilung bestehender Institutionen und Regelungen zielt) sind. (4) Die Akzeptanz der Arbeitslosenversicherung soll hier anhand von zwei Akzeptanzindikatoren untersucht werden. 1 Dies sind (a) der zugeschriebene»gesellschaftliche Wert«der Arbeitslosenversicherung und (b) die Präferenzen hinsichtlich der Höhe des Arbeitslosengeldes. Bei der Zuschreibung eines gesellschaftlichen Wertes wurde danach gefragt, ob man der Meinung sei, dass die Arbeitslosenversicherung»für die Gesellschaft«gut oder schlecht sei. Die Befragten konnten dabei auf einer endpunktbeschrifteten 11er-Skala von»sehr schlecht«bis»sehr gut«antworten. Die Präferenzen bezüglich der Leistungshöhe ergeben sich aus der Differenz von wahrgenommener und gewünschter Leistungshöhe. Beide Fragen (nach der Einschätzung der tatsächlichen und nach der gewünschten Höhe des Ar- 1 Insgesamt stehen vier Akzeptanzindikatoren für die einzelnen Sicherungssysteme zur Verfügung. Die Analyse wird sich (aus Platzgründen) hier jedoch auf die zwei genannten konzentrieren.

2 - 2 beitslosengeldes) wurden auf einer endpunktbeschrifteten 11er-Skala von»sehr niedrig«bis»sehr hoch«beantwortet. 2 (5) Beim zugeschriebenen gesellschaftlichen Wert 3 (Abb. 1) geben nur 40,9 Prozent der Befragten an, dass die Arbeitslosenversicherung»für unsere Gesellschaft«(sehr) gut ist (dagegen 41,3 Prozent, dass sie eher»schlecht«sei). Deutlich sind die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen: Bei den ostdeutschen Befragten sind sogar nur 33,1 Prozent von der positiven Funktion der Arbeitslosenversicherung für die Gesellschaft überzeugt. (6) Dagegen befürwortet eine Mehrheit der Befragten ein höheres Arbeitslosengeld (53,5 %), immerhin noch fast jeder fünfte (19,4 %) aber auch ein niedrigeres (vgl. Abb. 3). Wiederum sind die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen auffallend. So ist der Anteil der»leistungsunzufriedenen«in den neuen Bundesländern deutlich höher. Gut zwei Drittel (67,9 %) präferieren hier ein höheres Arbeitslosengeld. (7) Diese deskriptiven Ergebnisse machen Folgendes deutlich: (a) Die Akzeptanz der Arbeitslosenversicherung (in ihrer bestehenden Form) ist eher gering. (b) Dies bedeutet aber nicht, dass sich die Befragten nicht eine Absicherung des Risikos Arbeitslosigkeit wünschen. Im Gegenteil: Es werden sogar höhere Leistungen befürwortet. Kritisch wird also»nur«der Zustand der Arbeitslosenversicherung gesehen. Die Präferenzen für eine wohlfahrtsstaatliche Absicherung des Risikos Arbeitslosigkeit sind stark. (c) Die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen sind bei der Beurteilung der Arbeitslosenversicherung sehr groß: Ostdeutsche präferieren nicht nur einen höheren wohlfahrtsstaatlichen Einsatz, sondern sind auch unzufriedener mit dem Zustand der Arbeitslosenversicherung. Ein nahe liegender Grund hierfür ist die größere Angewiesenheit auf die Leistungen dieses Sicherungssystems. (8) Die Arbeitslosenversicherung nimmt im Vergleich zu den anderen Sicherungssystemen eine»mittlere«position ein: Die Unzufriedenheit mit der Arbeitslosenversicherung ist nicht besonders hoch und die Präferenzen für Leistungserhöhungen sind vergleichsweise moderat (vgl. Abb. 3 und 4). (9) Zur Erklärung der Akzeptanzurteile wird auf drei Arten von Erklärungsfaktoren zurückgegriffen, die in Regressionsanalysen überprüft werden. Dies sind: (a) soziodemografische Faktoren der sozialen Lage: Alter, Geschlecht, Schicht (subjektive Einstufung auf einer Oben-Unten-Skala), Bildungsgrad, Landesteil (westliche/östliche Bundesländer), (b) der Status»arbeitslos«(Ausprägungen: ja/nein), (c) die Wahrnehmung von Arbeitslosen (durch die Befragten). Diese wurde mit fünf Indikatoren erhoben, die folgende Aspekte zu erfassen versuchen 4 : - die Bedürftigkeit der Empfänger von Arbeitslosengeld, - ihre Anspruchsberechtigung (durch Beitragszahlung), - die allgemeine Wertschätzung (oder Sympathie) von Arbeitslosen, 2 Für die konstruierte Variable»Präferenz hinsichtlich der Höhe des Arbeitslosengeldes«ergibt sich somit eine 21er-Skala, die hier für die deskriptiven Zwecke zu einer 7er-Skala rekodiert und beschriftet wurde. 3 Die Frageformulierung lautet:»was meinen Sie: Wie gut oder wie schlecht sind alles in allem die folgenden Bereiche der sozialen Sicherung für unsere Gesellschaft? die Arbeitslosenversicherung«(Antwort auf endpunktbeschrifteter 11er- Skala von»sehr schlecht«bis»sehr gut«). 4 Alle fünf Aspekte wurden mit jeweils einem Item erhoben; z.b.:»die meisten Menschen, die Arbeitslosengeld bekommen, brauchen es wirklich«(beurteilung auf endpunktbeschrifteter 6er-Skala von»stimme überhaupt nicht zu«bis»stimme voll und ganz zu«).

3 - 3 - die Missbrauchsvermutung und - die Victimisierung von Arbeitslosen. (10) Bei der Beurteilung des»gesellschaftlichen Wertes«der Arbeitslosenversicherung wurde deutlich (vgl. Abb. 5): (a) Die Beurteilung des»gesellschaftlichen Wertes«der Arbeitslosenversicherung wird insgesamt nur schlecht durch die genannten Variablen erklärt. (Der R²-Wert liegt bei 0,045.) (b) Bei den soziodemografischen Variablen bestehen signifikante Effekte nur für die Schichteinstufung (positiver Effekt) und für den Landesteil (negativer Effekt für Ostdeutschland), der allerdings verschwindet, wenn die Indikatoren der Arbeitslosenwahrnehmung hinzugezogen werden. (c) Der Effekt für den Status»arbeitslos«ist nicht signifikant. (d) Bei der Wahrnehmung von Arbeitslosen erweisen sich zwei Indikatoren als signifikant: die Victimisierung (positiv) und die soziale Wertschätzung (negativ): Der»gesellschaftliche Wert«wird also umso höher eingeschätzt, umso stärker Arbeitslose für ihr Situation verantwortlich gemacht werden und umso geringer ihre soziale Wertschätzung ist (oder: je»schlechter«das»arbeitslosenbild«, desto größer die Akzeptanz der Arbeitslosenversicherung). (11) Die ausgewählten Erklärungsfaktoren können die Präferenzen für die Höhe des Arbeitslosengeldes besser erklären (vgl. Abb. 6): (a) Das Gesamtmodell ist deutlich besser (R²=0,182). (b) Signifikante Effekte ergeben sich für das Alter, die Schichteinstufung und für höhere Bildung (alle negativ); ein positiver Effekt besteht dagegen für Ostdeutsche, der bei Einbezug der Indikatoren der Arbeitslosenwahrnehmung aber nur noch schwach (bzw. nicht) signifikant ist (auf 10 %-Niveau). (c) Der Effekt für den Status»arbeitslos«ist ebenfalls positiv und hoch signifikant. (d) Die Effekte der Arbeitslosenwahrnehmungen sind mit Ausnahme der»bedürftigkeit«alle signifikant. Erwartungsgemäß haben die Victimisierung und die Missbrauchsvermutung einen negativen Effekt, während die soziale Wertschätzung und die Anerkennung eines Anspruchserwerbs eher zur Befürwortung eines höheren Arbeitslosengeldes führen. (12) Zusammenfassung: (a) Allgemein lässt sich festhalten, dass die Akzeptanz der Arbeitslosenversicherung nicht sehr hoch ist, sich damit aber im»normalen«spektrum der sozialen Sicherungssysteme bewegt. (b) Diese geringe»institutionenakzeptanz«ist aber nicht mit einer Abkehr vom Prinzip der wohlfahrtsstaatlichen Sicherung zu verwechseln. Es bestehen nicht nur eindeutige Präferenzen für ein wohlfahrtsstaatliches Engagement, sondern auch für (etwas)»mehr Wohlfahrtsstaatlichkeit«bei der Absicherung von Arbeitslosen. (c) Die geringe Akzeptanz der Arbeitslosenversicherung als konkreter Institution ist nicht auf das Eigeninteresse als Leistungsempfänger zurückzuführen. Der Status als Arbeitsloser hat dagegen einen großen Einfluss auf die Präferenzen hinsichtlich der Höhe des Arbeitslosengeldes. (d) Wie die Arbeitlosen wahrgenommen werden, hat einen großen Einfluss auf die Präferenzen bezüglich der Leistungshöhe und einen etwas geringeren auf die Beurteilung des»gesellschaftlichen Wertes«der Arbeitslosenversicherung. Den größten Einzeleffekt hat dabei die Frage, ob Arbeitslose für ihre Arbeitslosigkeit selbst verantwortlich sind oder nicht. Bedeutungslos ist dagegen die (wahrgenommene) Bedürftigkeit der Arbeitslosen.

4 - 4 Abbildung 1: Beurteilung des»gesellschaftlichen Wertes«der Arbeitslosenversicherung ,9 18,4 15,5 14, ,7 10,3 11,3 13,1 12, ,2 7,2 6,5 7,2 8,2 8,5 8,6 9,2 6,2 3,3 3,1 3,4 2,1 West Ost 0 Sehr schlecht Sehr gut Abbildung 2: Positive Beurteilung des»gesellschaftlichen Wertes«sozialer Sicherungssysteme im Vergleich GKV 48,3 GRV 37,2 ALV 40,9 SH 40,7 Familie 53,5 Gesamt 48,

5 - 5 Abbildung 3: Befürwortung eines höheren/niedrigeren Arbeitslosengeldes 40,0 36,5 38,0 35,0 30,0 29,1 26,1 25,0 20,0 17,4 19,9 West Ost 15,0 10,0 11,1 10,0 5,0 0,0 3,2 3,1 3,8 0,8 1,0 0,0 sehr viel geringer viel geringer etwas geringer genau gleich etwas höher viel höher sehr viel höher Abbildung 4: Befürwortung höherer Leistungen im Vergleich GKV 66,3 GRV 71,4 ALV 53,5 SH 47,

6 - 6 Abbildung 5: OLS-Regression auf die allgemeine Beurteilung (des»gesellschaftlichen Wertes«) der Arbeitslosenversicherung Modell 1 Modell 2 Modell 3 Oben-Unten-Skala 0,105** 0,098** 0,087** Landesteil (Referenzkategorie: West) Ost -0,87** -0,081* (-0,56) Geschlecht (Referenzkategorie: Mann) Frau 0,001 0,001 0,000 Alter 0,039 0,035 Bildung (Referenzkategorie: niedrig /Casmin 1) mittel (Casmin 2) 0,001-0,001 0,009 hoch (Casmin 3) 0,015 0,015 0,028 Status: arbeitslos -0,035-0,022 Wahrnehmung Arbeitsloser:»Bedürftigkeit«0,005»Anspruchserwerb«(0,076)»soziale Wertschätzung«-0,072*»Missbrauchsvermutung«0,013»Victimisierung«0,110** N R 2 0,026 0,027 0,045 * p < 0,05; ** p < 0,01; *** p < 0,001 Quelle: Eigene Erhebung, gewichtete Ergebnisse, standardisierte Regressionskoeffizienten. Abbildung 6: OLS-Regression auf Präferenzen bezüglich der Höhe des Arbeitslosengeldes Modell 1 Modell 2 Modell 3 Oben-Unten-Skala -0,168*** -0,140*** 0,105** Landesteil (Referenzkategorie: West) Ost 0,155*** 0,131*** (0,058) Geschlecht (Referenzkategorie: Mann) Frau 0,004 0,002 0,024 Alter -0,043-0,023-0,063* Bildung (Referenzkategorie: niedrig /Casmin 1) mittel (Casmin 2) -0,020-0,012-0,017 hoch (Casmin 3) -0,073* -0,072* -0,088** Status: arbeitslos 0,140*** 0,107*** Wahrnehmung Arbeitsloser:»Bedürftigkeit«0,036»Anspruchserwerb«0,106*»soziale Wertschätzung«0,121***»Missbrauchsvermutung«-0,63*»Victimisierung«-0,133*** N R 2 0,076 0,094 0,182 * p < 0,05; ** p < 0,01; *** p < 0,001 Quelle: Eigene Erhebung, gewichtete Ergebnisse, standardisierte Regressionskoeffizienten.

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