Kompetenzorientierung in der beruflichen Ausbildung.

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1 . Prof. Dr. Dietmar Frommberger Institut für Berufs- und Betriebspädagogik Lehrstuhl Berufspädagogik (www.ibbp.uni-magdeburg.de)

2 Kompetenzorientierung ist ein didaktischer Leitbegriff, der die folgenden drei Gestaltungsfelder in der Berufsbildung berührt: Ordnungsmittel: Lehrpläne und Ausbildungsordnungen sollen stärker kompetenzorientiert entwickelt und formuliert werden der Bezug zum Handeln und Können ( Berufliche Handlungskompetenz ) wird ausgebaut. Lehr-Lern-Prozesse in Schule und Betrieb sollen stärker kompetenzorientiert stattfinden die selbständige Planung, Durchführung und Kontrolle von Lern- und Arbeitsprozessen sowie der Lerntransfer gewinnen an Bedeutung. Prüfungen: Die Ergebnisse der Lernprozesse sollen kompetenzorientiert erfasst werden mit unterschiedlichen Prüfungsmethoden wird vermehrt die Problemlösefähigkeit erfasst. Page 2

3 Leitbegriff Kompetenzorientierung Im Laufe der Zeit wurde die didaktische Gestaltung beruflicher Bildung immer wieder durch verschiedene Leitbegriffe bestimmt, so zum Beispiel: Wissenschaftsorientierung, Lernzielorientierung, Situationsorientierung, Fächerorientierung, Schlüsselqualifikationen, Lernfeldorientierung, Handlungsorientierung, Persönlichkeitsorientierung, Problemorientierung, Lernergebnisorientierung, Outcomeorientierung Die Stärke des Kompetenzbegriffes liegt in der Verbindung alter und vermeintlicher Gegensätze (allgemeine - berufliche Bildung; Wissen/Verstehen Anwendung/Problemlösung). Der Kompetenzbegriff greift Veränderungen auf: a) gestiegene individuelle Bildungsaspirationen; b) veränderte bzw. gewachsene berufliche Anforderungen. Page 3

4 Zauberformel Kompetenz Individuelle Verhaltensdispositionen ( allgemeine Bildung) Berufliche Verwendung / Berufliche Handlungssituation ( Berufliche Bildung) Personale und methodische Fähigkeiten ( competency ; know-why / know-that) Arbeits- und Geschäftsprozessorientierung ( competence ; know-how) Gestiegene Bildungsansprüche / Attraktivitätssteigerung beruflicher Bildung Veränderte und gestiegene Anforderungen in Arbeit und Beruf Page 4 Anschlussfähigkeit an die Lernmöglichkeiten unterschiedlicher Bewerbertypen Höhere Leistungsanforderungen in der Berufsausbildung

5 Kompetenzverständnis Kompetenzdefinitionen im engeren Sinne fallen national und international je nach Anwendungsbezug sehr unterschiedlich aus: Es existiert bislang kein einheitlicher und theoretisch gesicherter und empirisch gehaltvoller Kompetenzbegriff. Im Rahmen der Gestaltung der beruflichen Bildung wird mit politisch allgemein akzeptierten Kompetenzverständnissen gearbeitet: In Deutschland dominiert das Verständnis der Handlungskompetenz der Kultusministerkonferenz (KMK) für die Rahmenlehrpläne und das Leitziel der Handlungsfähigkeit gemäß BBiG/HwO in den Ausbildungsordnungen. Page 5

6 Berufliche Handlungskompetenz als Leitziel des berufsbezogenen Unterrichts in der Berufsschule (Duales System) (vgl. KMK 2011) Page 6 [Abb. entnommen aus:

7 Berufliche Handlungsfähigkeit als Leitziel der betrieblichen Ausbildung (Duales System) Die Berufsausbildung hat die für die Ausübung einer qualifizierten beruflichen Tätigkeit in einer sich wandelnden Arbeitswelt notwendigen beruflichen Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten (berufliche Handlungsfähigkeit) in einem geordneten Ausbildungsgang zu vermitteln. Sie hat ferner den Erwerb der erforderlichen Berufserfahrungen zu ermöglichen. ( 1 Abs. 3 Berufsbildungsgesetz, 2005) Page 7

8 Der Kompetenzbegriff des Deutschen Qualifikationsrahmens Fachkompetenz Personale Kompetenz Wissen Fertigkeiten Sozialkompetenz Selbständigkeit Tiefe und Breite Instrumentale und systemische Fertigkeiten, Beurteilungsfähigkeit Team-/ Führungsfähigkeit, Mitgestaltung und Kommunikation Eigenständigkeit / Verantwortung, Reflexivität und Lernkompetenz Page 8

9 Der Kompetenzbegriff des Deutschen Qualifikationsrahmens am Beispiel der Niveaustufe 5 Niveau 5 Über Kompetenzen zur selbständigen Planung und Bearbeitung umfassender fachlicher Aufgabenstellungen in einem komplexen, spezialisierten, sich verändernden Lernbereich oder beruflichen Tätigkeitsfeld verfügen. Fachkompetenz Personalkompetenz Wissen Fertigkeiten Sozialkompetenz Personale Kompetenz Über integriertes Fachwissen in einem Lernbereich oder über integriertes berufliches Wissen in einem Tätigkeitsfeld verfügen. ( ) Über ein sehr breites Spektrum spezialisierter kognitiver und praktischer Fertigkeiten verfügen. ( ) Arbeitsprozesse kooperativ, auch in heterogenen Gruppen, planen und gestalten, andere anleiten und mit fundierter Lernberatung unterstützen ( ) Eigene und fremdgesetzte Lern- und Arbeitsziele reflektieren, bewerten, selbstgesteuert verfolgen und verantworten sowie Konsequenzen für die Arbeitsprozesse im Team ziehen. Page 9

10 Zur Genese des Kompetenzbegriffs in der Berufsbildung In Deutschland Kompetenzbegriff zum ersten Mal maßgeblich in den Empfehlungen des Deutschen Bildungsrates zur Neuordnung der Sekundarstufe II und der Verbindung von allgemeinem und beruflichem Lernen (1974). Dort wurde noch zwischen Kompetenz (im Sinne der individuellen Disposition) und Qualifikation (im Sinne der beruflichen Anforderung) unterschieden. Über den Weg der Schlüsselqualifikation setzte sich schließlich das Begriff der Berufliche Handlungskompetenz in der Berufsbildung durch. Das Leitziel der Beruflichen Handlungskompetenz wird zum ersten Mal im Rahmen der Neuordnung der Metall- und Elektroberufe in den 1980er Jahren in den Ordnungsmitteln für die berufsschulische Ausbildung verankert. Page 10

11 Der Kompetenzbegriff des Europäischen Qualifikationsrahmens In verschiedenen Ländern ist das Kompetenzverständnis häufig sehr unterschiedlich. Im Europäischen Qualifikationsrahmen und mit den dort definierten Deskriptoren wird eine allgemeines, bildungssystemübergreifendes und pragmatisches Kompetenzverständnis für den internationalen Vergleich definiert: EQR Knowledge Skills Competence Theorie- und / oder Faktenwissen Kognitive Fertigkeiten und Praktische Fertigkeiten Übernahme von Verantwortung und Selbständigkeit Page 11

12 Zwischenfazit Das Verständnis kompetenzorientierter Ordnungsmittel, Lehr-Lern-Prozesse und Prüfungen kann im Detail sehr unterschiedlich sein. Aber: Mit normativen Definitionen und Rahmenwerken wird eine nationale und internationale Verständigung und Vergleichbarkeit angestrebt. Kompetenzorientierung in der deutschen Berufsbildung bedeutet vor allem, für die didaktischen Entscheidungen (Gestaltung der Ordnungsmittel; Organisation der Lehr- Lern-Prozesse; Durchführung der Rückmeldeprozesse) fachliches Wissen und individuelles berufliches Handeln systematisch und gleichwertig zu verbinden. Die konkrete Umsetzung der Kompetenzorientierung in den Ordnungsmitteln, Lehr- Lern-Prozessen und Prüfungen hängt von den Zielgruppen (Lernvoraussetzungen) und den konkreten Lerngegenständen ab. Hierfür wurden im Jobstarter-Connect-Programm viele hervorragende Beispiele entwickelt. Page 12

13 Kompetenzmodelle Kompetenz versus Performanz Kompetenzorientierung und Lernergebnisorientierung Page 13

14 Kompetenzmodelle Aktuell wird in der Forschung verstärkt an Kompetenzmodellen gearbeitet, z. B. im Rahmen der Vorbereitung von Large Scale Assessments in der beruflichen Bildung zugleich als Fundament für die Kompetenzdiagnostik. Kompetenzmodelle systematisieren und operationalisieren das Kompetenzverständnis und können den Rahmen bilden für die curriculare Umsetzung und Überprüfung. Page 14

15 Kompetenzmodelle Kompetenzstrukturmodelle Kompetenzentwicklungsmodelle Horizontale Ordnungen von Kompetenzbeschreibungen / Differenzierung von Kompetenzdimensionen Vertikale Ordnung von Kompetenzbeschreibungen / Ordnung von Lern- und Entwicklungsprozessen Page 15 KMK-Modell oder Deskriptoren im DQR-Entwurf Aufgaben werden Niveaus zugeordnet: Lernstände und Kompetenzerwerb werden über typische Aufgabenlösungen abgebildet

16 Kompetenz und Performanz How much beer a person can drink is not related closely to how much he does drink. (McClelland 1973, S. 11; zit. n. Vonken 2011) ( ) how much he does drink. Beobachtbar = Performanz How much beer a person can drink ( ) Nicht unmittelbar beobachtbar = individuelle Verhaltensmöglichkeiten = Kompetenz Page 16

17 Kompetenz und Performanz Die Auszubildenden beschreiben und das Marketing-Mix-Instrumentarium Beobachtbar = Performanz (1) Die Auszubildenden sind in der Lage, für ein neues Produkt ein begründetes Marketingkonzept zu entwickeln Nicht unmittelbar beobachtbar = individuelle Verhaltensmöglichkeiten. Hier: Fach- und Methodenkompetenz In der Prüfung ( Kompetenzfeststellung ) wird die Performanz beobachtet und bewertet. Von der erfassten Performanz kann auf die Kompetenz geschlossen werden. Für komplexe Kompetenzen sind differenzierte Performanzen zu entwickeln. Page 17

18 Kompetenzorientierung - Lernergebnisorientierung Lernergebnisse werden im derzeitigen allgemeinen Sprachgebrauch verstanden als die Gesamtheit der Kenntnisse, Fähigkeiten und/oder Kompetenzen, die eine Person nach Durchlaufen eines formalen, nicht formalen oder informellen Lernprozesses erworben hat und/oder nachzuweisen in der Lage ist. (Cedefop 2008, S. 120) Oder: Ein Lernergebnis ist das, was jemand in Folge eines Lernprozesses weiß, verstanden hat und kann. [zugleich: Output und/oder Outcome eines Lernprozesses] Gewünschte Lernergebnisse können in Ordnungsmitteln verankert werden. Tatsächlich erreichte Lernergebnisse können überprüft werden z. B. kompetenzorientiert. Page 18

19 Kompetenzorientierung - Lernergebnisorientierung Erworbene Kompetenzen sind also Lernergebnisse. Lernergebnisorientierte Ordnungsmittel können demnach auch kompetenzorientiert sein. Neben den Kompetenzen gibt es aber auch andere Lernergebnisse. Lernergebnisorientierte Ordnungsmittel sind also nicht automatisch kompetenzorientiert. Aktuell werden vermehrt kompetenzorientierte Lernergebnisse gefordert. Page 19

20 Kompetenzorientierung - Lernergebnisorientierung Die Lernergebnisorientierung ist ein Formulierungsprinzip, insbesondere für Ordnungsmittel. Damit sind didaktische und ordnungspolitische Funktionen verbunden. Vorsicht: Im Berufsbildungsalltag wird Lernergebnisorientierung häufig mit der Kompetenzorientierung gleichgesetzt. Lernergebniseinheiten sind ein Konstruktionsprinzip für Ordnungsmittel oder ein Organisationsprinzip für Unterricht und Ausbildung an den Lernorten. Page 20

21 Schlussbemerkungen (1): Potential des Kompetenzbegriffs: Bildungs- und berufsbildungspolitisch fest verankert und akzeptiert; wichtige aktuelle Formel, um unterschiedliche Interessen und Anforderungen zu verbinden. Verankerung des Kompetenzbegriffs im EQR und DQR bedeutet für die Berufsbildung eine enorme Aufwertung. Eine weitere Umsetzung des Kompetenzbegriffs in der beruflichen Bildung wird die Qualität von Unterricht und Ausbildung in Schule und Betrieb steigern können über die Ordnungsmittel, in den Lehr-Lern-Prozessen und in den Prüfungen. Page 21

22 Kompetenzorientierung in der beruflichen Bildung Schlussbemerkungen (2): Herausforderungen: Enge und unmittelbar beobachtbare Lernergebnisse und kleinteilige Lernergebniseinheiten gefährden die Kompetenzorientierung. ( Kompetenz ist mehr als die Summe der beobachtbaren Performanzen ) Auch belastbare Kompetenzstrukturmodelle sollten diese für die Berufsbildung irgendwann vorliegen können die systematische Ordnungsmittelarbeit und die Investition in die Unterrichts- und Ausbildungsprozesse nicht ersetzen. Kompetenz verstanden als eine individuelle Verhaltensdisposition ist in der beruflichen Bildung in Deutschland traditionell unmittelbar mit Fachinhalten / Fachlichkeit verbunden. Diese ist in den Ordnungsmitteln weiterhin streng zu gewährleisten. Page 22

23 Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! Kompetenzorientierung in der beruflichen Ausbildung. Prof. Dr. Dietmar Frommberger Institut für Berufs- und Betriebspädagogik Lehrstuhl Berufspädagogik (www.ibbp.uni-magdeburg.de)

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