Nachhaltige Entwicklung und nachhaltiges Wirtschaften. Skizze zu einer Problematisierung des Nachhaltigkeitsbegriffs

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1 Professor Dr. Gerd Mutz Juni 2015 Nachhaltige Entwicklung und nachhaltiges Wirtschaften. Skizze zu einer Problematisierung des Nachhaltigkeitsbegriffs Die Studie des Club of Rome Die Debatten zu einer nachhaltigen Entwicklung haben in Deutschland in den 1970er Jahren eingesetzt. Der Beginn erster breiter Diskussionen kann in dem Jahr 1972 gesehen werden: Die Autoren Donella und Dennis L. Meadows sowie deren Mitarbeiter des Jay W. Forresters Instituts für Systemdynamik veröffentlichten die Studie des Club of Rome Die Grenzen des Wachstums (The Limits to Growth) zur Zukunft der Weltwirtschaft. Mit einem systemanalytischen Ansatz und Computersimulationen wurden verschiedene Szenarien entwickelt, die darstellen, wie sich Gesellschaften zukünftig entwickeln, wenn die Bevölkerungsentwicklung sowie Wachstums- und Industrialisierungsprozesse, die zu einer Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen und Umweltverschmutzung führen, unverändert anhalten: Es spricht vieles dafür, dass der Verbrauch natürlicher Ressourcen und die Belastung der Umwelt größer sind als die Erde in der Lage ist, sich zu regenerieren. Prognostiziert wurde das Erreichen von absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre. Vor diesem Hintergrund setzte eine breite ökologische Debatte um Ressourcenverbrauch und Umweltbelastungen ein. Der Beginn der Diskussionen um eine nachhaltige Entwicklung ist folglich eng mit einer wachstumskritischen Haltung verknüpft. 1

2 Die Studie des Club of Rome fand in der etablierten akademischen Volkswirtschaft kaum Resonanz (schon gar nicht in der Betriebswirtschaft); allerdings gab es beginnend mit den 1980er Jahren eine kritische Auseinandersetzung mit Teilaspekten nachhaltiger Entwicklung in den Sozialwissenschaften. Interessant ist, dass der Begriff der Nachhaltigkeit lange Zeit reserviert war für den ökologischen Bereich und dass die wachstumskritischen Aspekte kaum beachtet wurden. Es blieb über Jahrzehnte bei (unzähligen) theoretischen Überlegungen und empirischen Studien zu etwa der Endlichkeit von Rohstoffen oder den Belastungen der Atmosphäre. Erst in den 2000er Jahren wurde der Begriff der Nachhaltigkeit in die volkswirtschaftlichen Diskurse integriert und es dauerte wiederum mehr als ein Jahrzehnt, bis die soziale Dimension stärker berücksichtigt wurde. Hans Carl von Carlowitz Der Begriff Nachhaltigkeit wird auf Hans Carl von Carlowitz (1713) zurückgeführt: Es geht im Hinblick auf die Forstbestände um eine nachhaltende Nutzung von Wäldern, genauer um eine Bewirtschaftungsweise, die auch nachfolgenden Generationen eine Nutzung des Waldes erlaubt. Zu notieren ist, dass bereits in dieser ersten Verwendung des Begriffs bei von Carlowitz wirtschaftliche Überlegungen eine Rolle spielen, nicht etwa ethisch-moralische es geht nicht um die Bewahrung von Natur um ihrer selbst willen, sondern um die effiziente Nutzung einer natürlichen Ressource; und es geht um eine auf folgende Generationen bezogene Gerechtigkeit. Brundtland-Bericht Der in der späteren Diskussion in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer wieder zitierte Brundtland-Bericht ( Our Common Future / Unsere gemeinsame Zukunft ) der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung (1987, unter der Leitung der norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland) hat in vielerlei Hinsicht Pionierarbeit geleistet, insbesondere im Hinblick auf die Einheit von environment and development sowie die Priorisierung einer allgemeinen Bedürfnisorientierung bei der Naturnutzung. Der Bericht ist getragen von der Einsicht, dass Res- 2

3 sourcennutzung durch die Menschen prinzipiell beschränkt ist. Die häufig zitierte Definition lautet: "Sustainable development is development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs". In der deutschen Übersetzung: "Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können (ebd., 51). Während also im Original von to sustain = erhalten die Rede ist, wird im Deutschen daraus eine dauerhafte Entwicklung und es wird in weiteren Ausführungen von Zukunftsfähigkeit gesprochen. Genau dies hat in Deutschland im alltäglichen Sprachgebrauch dazu geführt, dass als nachhaltig gilt, was lange andauert und in irgendeiner Weise auf die Zukunft bezogen ist oder sich als zukunftsfähig (was immer das sein soll) erweist. Sachverhalte werden als nachhaltig bezeichnet, die mit der Problematik nachhaltiger Entwicklung nichts zu tun haben. Hinzu kommt, dass diese Definition in einem wissenschaftlichen Sinne höchst unpräzise und für viele, zum Teil auch widersprüchliche Interpretationen offen ist. Dies ermöglicht nahezu beliebige ideologisch oder politisch erwünschte Verwendungsweisen. Aber unabhängig von der fehlerhaften Übertragung ins Deutsche und der unpräzisen Begriffsbestimmung ist der Bericht dahingehend zu kritisieren, dass es wie bei von Carlowitz nur um eine einseitig auf Generationen zielende Gerechtigkeit geht. Nachhaltige Entwicklung wird nicht im Zusammenhang gesehen mit einer allgemeinen sozialen Gerechtigkeit, etwa im Hinblick auf Bedarfe der Menschen, gegenwärtige Möglichkeiten der Lebensführung oder gerechtes Wirtschaften. So bleibt es im Brundtland- Bericht trotz vieler für die damalige Zeit mutiger Gedanken bei sehr zahmen und vagen Überlegungen, mit denen man viel Zustimmung erheischen kann, aber wenig Konkretes bewirkt. Brundtland does not hurt war eine gängige Bemerkung in den 1990er Jahren. Enquete-Kommission Schutz des Menschen und der Umwelt Die weitergehende Vorstellung der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages Schutz des Menschen und der Umwelt (1998) ist ein Drei- 3

4 Säulen-Modell, nach dem die ökologische, soziale und wirtschaftliche Dimension die nachhaltige Entwicklung gleichsam tragen. Abb. 1: Drei-Säulen-Modell nachhaltiger Entwicklung Das magische Dreieck Gegen diese Vorstellung eines Säulenmodells wurde eingewendet, dass der Eindruck entstehen könnte, die drei Dimensionen stünden für sich alleine und seien unabhängig voneinander; um die gegenseitigen Abhängigkeitsbeziehungen zum Ausdruck zu bringen, verwendete man deshalb zunehmend das Nachhaltigkeitsdreieck. Es verdeutlicht die Forderung, nicht nur ökologische, sondern auch wirtschaftliche und soziale Dimensionen gleichermaßen zu berücksichtigen und transportiert ein stärker integriertes und synergetisches Verständnis von Nachhaltigkeit. Diese Darstellung von Nachhaltigkeit hat sich inzwischen international durchgesetzt. Das Nachhaltigkeitsdreieck wird häufig als magisch bezeichnet, weil postuliert wird, dass alle drei Ziele nicht zugleich durchsetzbar seien was allerdings mit der problematischen Definition einiger Dimensionen zu tun hat. 4

5 Dimensionen des magischen Dreiecks Die drei Dimensionen beschreiben - erstens eine Lebensweise, die die natürlichen Lebensgrundlagen nur in dem Maße beansprucht, wie diese sich regenerieren können (ökologische Dimension); - zweitens eine gesellschaftliche Organisation, die sozialen Zusammenhalt, soziale Gerechtigkeit und Partizipation ermöglicht (soziale Dimension); - sowie drittens eine Wirtschaftsweise, die dauerhaft Wohlstand, Beschäftigung und Einkommen gewährleistet (wirtschaftliche Dimension). Abb. 2: Magisches Nachhaltigkeitsdreieck Kritische Sichtweise auf Nachhaltigkeit: Interdependente Nachhaltigkeitsräume Während die Überlegungen zu der ökologischen und sozialen Dimension als verhandelbar gelten, also durchaus eine sehr gute Grundlage für weiterführende Diskussionen darstellen können, ist im Hinblick auf wirtschaftliche Nachhaltigkeit zu kritisieren, dass - mit der Betonung von Wohlstand, Beschäftigung und Einkommen die herrschende Auffassung von Wohlstand (Maßstab: Bruttosozialprodukt) und Wege der Wohlstandsmehrung nicht hinterfragt werden; 5

6 - Beschäftigung auf reguläre Erwerbsarbeit reduziert wird und andere Formen des Arbeitens unberücksichtigt bleiben; - Einkommenserzielung für Unternehmen im Wesentlichen Profitmaximierung bedeutet. Die Darstellung von Nachhaltigkeit in der Form eines magischen Dreiecks ist folglich deshalb problematisch, weil erst diese besondere Form der Definition wirtschaftlicher Nachhaltigkeit zu der Aussage führt, dass alle drei Ziele nicht gleichzeitig erreichbar seien. Solange man nachhaltiges Wirtschaften in den üblichen Kategorien des Wirtschaftswachstums, der Erwerbsarbeit und des Einkommens denkt, ist unmittelbar einleuchtend, dass nahezu alle Maßnahmen im Hinblick auf eine Steigerung der Lebensqualität (soziale Dimension) oder Vermeidung des Ressourcenverbrauchs (ökologische Dimension) die wirtschaftliche Nachhaltigkeit im Sinne von Wachstum, Erwerbsarbeit und Einkommen beeinträchtigen. Es braucht also ein anderes Bild, um Nachhaltigkeit zu denken. Eine heute häufig verwendete Form besteht darin, Nachhaltigkeit kreisförmig darzustellen: In der Mitte stehen wirtschaftliches Handeln und entsprechende Strukturen (Institutionen) als Basis allen menschlichen Lebens; der nächste Kreis beschreibt die gesellschaftliche Dimension, weil Wirtschaften immer in und mit Gesellschaften stattfindet; Gesellschaften haben ihre je eigenen kulturellen Prägungen, die sich auch auf das wirtschaftliche Handeln und wirtschaftliche Strukturen auswirken; und schließlich sind Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur umgeben von der natürlichen Welt, die gleichzeitig den Möglichkeitsraum von Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft darstellt. Und es gilt auch anders herum: Die je besondere Form der natürlichen Gegebenheiten prägen Kultur und Gesellschaft und diese wiederum wirtschaftliches Handeln und wirtschaftliche Strukturen. Die Größen sind in beide Richtungen interdependent. 6

7 Abb. 3: Interdependente Nachhaltigkeitsräume Es wird nicht über das bestehende Wirtschaftssystem hinaus gedacht Die Persistenz und Eindimensionalität der herrschenden Wirtschaftswissenschaft ( autistische Ökonomie ) einerseits und die nahezu beliebigen und zugleich ideologische aufgeladenen Interpretationen und Verwendungsweisen von Nachhaltigkeit andererseits haben dazu geführt, dass sich erstens eine ökologische Engführung in den Nachhaltigkeitsdiskussionen entwickelte und dass zweitens weiterführende Fragen im Hinblick auf die besondere Verfasstheit kapitalistischen Wirtschaftens nicht gestellt wurden. Es wird bis heute in der akademischen Wirtschaftswissenschaft vermieden, über das bestehende Wirtschaftssystem hinaus zu denken und sich über normativ-ethische Grundlagen wirtschaftlichen Handelns und wirtschaftlicher Strukturen zu verständigen. Folge ist, dass es bis heute kein (wirtschafts-)wissenschaftliches Einvernehmen gibt, was nachhaltiges Wirtschaften in einem positiven Sinne eigentlich bedeuten soll, und dass bislang auch kein geschlossenes Theoriegebäude vorliegt. Immerhin haben sich einzelne Ansätze zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise entwickelt, die je unterschiedliche Sachverhalte in den Mittelpunkt ihrer Kritik bzw. Zukunftsvorstellungen von wirtschaftlicher Nachhaltigkeit stellen (feministische, plurale oder heterodoxe Ökonomie usw.). 7

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