radiowissen SENDUNG: Freitag, Uhr / B 2 AUFNAHME: STUDIO: Psychosomatik - Der Körper im Würgegriff des Geistes

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1 1 Manuskript radiowissen SENDUNG: Freitag, Uhr / B 2 AUFNAHME: STUDIO: NATUR, TECHNIK Ab 9. Schuljahr TITEL: Psychosomatik - Der Körper im Würgegriff des Geistes AUTORIN: Yvonne Maier REDAKTION: Nicole Ruchlak REGIE: Dorit Kreissl PERSONEN: Sprecherin Zuspielungen Besondere Anmerkungen:

2 2 MUSIK Love is in the Air C Es gibt unzählige Gedichte, Lieder und Liebesbriefe zu diesem seltsamen Phänomen: Man blickt in die Augen des Angebeteten, er ruft ein Lächeln hervor - und dann wird die Welt rosarot - Glückshormone durchfluten den Organismus. Sie sind da, wie aus dem Nichts: die berühmten Schmetterlinge im Bauch! MUSIK nochmal hoch Rund hundert Millionen Nervenzellen regeln in unserm Darm fast im Alleingang die gesamte Verdauung und melden dabei dem Gehirn jede Auffälligkeit. Unser Darm erzeugt Gefühle. Und reagiert auf Gefühle. Er ist ein Chemielabor für seelisch wirksame Substanzen: Wenn er entzündet ist, produziert er zum Beispiel körpereigenes Haschisch, das die Schmerzen lindert! Und überall im Darm können Glückshormone an Rezeptoren andocken - wenn man verliebt ist und in Glück badet, dann flattern im Bauchhirn eben die Schmetterlinge. MUSIK Love is in the Air C ENDE MUSIK Kraftwerk Metropolis C Dass unser Kopf und unsere Befindlichkeit einen Einfluss auf den Körper haben können, das hat die moderne Medizin lange Zeit vernachlässigt. Spätestens mit der Industrialisierung setzte sich das Bild vom "Menschen als Maschine" durch. Wie Automechaniker sollten die Ärztinnen und Ärzte seitdem nichts anderes mehr tun, als in die Patienten hineinschauen, das fehlerhafte Teil im Körper ausfindig machen und reparieren.

3 3 So kam es zur Aufspaltung des Gesundheitswesens in eine somatische Medizin - für leidende Körper ohne Seelen - und eine psychologische Medizin - für leidende Seelen ohne Körper. Erst Sigmund Freud begann, diese Maschinenmenschen langsam aber sicher zu demontieren, sagt Professor Peter Henningsen, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin an der TU München: MUSIK Kraftwerk Metropolis C ENDE ZSP. 1 HENNINGSEN 00:02:03-4# Die Idee war, in den körperlichen Symptomen, in dem Fall in den Anfällen, aber auch in Schmerzen und anderen körperlichen Symptomen, drücken sich psychische Konflikte aus und wenn wir diese psychischen Konflikte psychotherapeutisch, psychoanalytisch behandeln, dann entfällt sozusagen die Notwendigkeit für dieses Symtom. Aber Sigmund Freuds Konzept, dass sich Stress oder Angst im Körper einen Weg bahnen und dann als Rückenschmerzen oder Hysterie niederschlagen, war im nachhinein betrachtet zu kurz gegriffen. Freud sah in Rückenschmerzen oder Migräne ein Ventil für psychische Probleme. Doch nur, weil jemand durch Stress Kreuzweh bekommt, wird er dadurch den Stress nicht los. Die Symptome sind unspezifisch und bei jedem anders. Sie sind da, aber lösen nichts, schon gar nicht die ursächlichen Probleme. Dennoch muss man dem Psychoanalytiker zu Gute halten, dass er nach vielen Jahrzehnten die Aufmerksamkeit auf die psychischen Anteile von Krankheiten gelenkt hat und so erst den Weg für die Psychosomatische Medizin möglich gemacht hat, wie wir sie heute kennen. Wobei Peter Henningsen mit diesem Begriff - Psycho-Somatik - auch nicht ganz glücklich ist:

4 4 ZSP 2 HENNINGSEN 00:04:57-0# Der Begriff unterstellt so eine Trennung Psyche Somatik. Der Begriff ist sehr lange verstanden worden, auch von den Vertretern der Psychosomatischen Medizin so verstanden worden, das es um psychisch verursachte Krankheiten geht. Natürlich gibt es Patienten, bei denen man sagen kann, die wesentliche Ursache dessen, warum sie jetzt Schmerzen oder Schwindel haben, sind psychische Belastungen, Konflikte usw. aber in der großen Mehrzahl würde man auch heute wie in anderen Fällen sagen: Das ist multifaktoriell, da spielen auch biologische Faktoren eine Rolle, psychologische, soziale Faktoren, also, das das berühmte bio-psycho-soziale Modell von Erkrankung gilt auch in der Psychosomatik, wie woanders auch. Sprich: Die persönliche Umwelt hat einen großen Einfluss auf Krankheiten. Und was das bedeutet, zeigt auf Umwegen auch der Fall des Magengeschwürs. Lange Zeit war es eines der Paradebeispiele für eine psychisch verursachte Krankheit: Wer zu viel Stress in der Arbeit hat, der bekommt über kurz oder lang ein Magengeschwür. So einfach - so kurzsichtig. Im Jahr 1983 nämlich machten Forscher ein Bakterium ausfindig, ohne das kein einziges Magengeschwür entstehen kann: das helicobacter pylori. Bedeutete das das Ende der noch jungen Disziplin Psychosomatik? Vielen Patientinnen und Patienten wäre das sicherlich lieber, vermutet Arzt Peter Henningsen. Denn eigentlich will niemand eine psychosomatische Erkrankung haben. ZSP 3 HENNINGSEN Wir sagen ja oft, die Patienten mit solchen Beschwerden, mit solchen Schmerzen, die leiden doppelt, die leiden an den Körperbeschwerden und die leiden zusätzlich daran, dass das keine legitimen Beschwerden sind, man kann sich mit der Aussage, psychosomatische Beschwerden, am Stammtisch nicht blicken

5 5 lassen. Aber wenn man sagen kann, ich habe was Anständiges, in Anführungszeichen, einen Bandscheibenvorfall oder womöglich einen Tumor oder so was, dann ist mir das Mitleid meiner Stammtischbrüder sicher. Psychosomatik wird also oft als eigenes Versagen interpretiert. Gegen Magengeschwüre nimmt man einige Zeit lang ein Antibiotikum ein und wird es so wieder los. Völlig ohne seinen Lebensstil umzustellen, weniger zu arbeiten oder auf Kaffee zu verzichten. Und es bestätigt die Fraktion, die schon immer gewusst haben will, dass an all diesen psychischen Faktoren nichts dran ist. Der menschliche Körper sei eben doch nur eine Maschine... GERÄUSCHE MASCHINE einblenden... irgendwo ist eine Schraube locker, und die muss man nur wieder fest anziehen. Ein gefährlicher Trugschluss, sagt Peter Henningsen. Denn trotz des Spezialfalls Magengeschwür gibt es in der Regel einen Zusammenhang zwischen biologischer Krankheit und psychischen oder sozialen Faktoren. Viele Patienten suchen jahrelang nach einer Ursache für ihre Symptome, bevor sie dahinter kommen, dass sie psychosomatisch ist. ZSP 4 HENNINGSEN 00:18:25-5# Das liegt nicht nur daran, dass die Ärzte nicht daran denken, sondern, dass es eine unheilvolle Koalition mit den Patienten ist, die auch hoffen, auf der einen Seite fürchten sie, da kommt eine schlimme Diagnose, auf der anderen Seite aber hoffen sie es auch ein bisschen, weil das ihnen eine klare Erklärung bietet und ne legitime Erklärung ihrer Beschwerden und darum sind es häufig auch die Patienten, die dieses immer weitere Diagnostizieren und Behandeln im somatischen Bereich vorantreiben.

6 6 Und auch beim Magengeschwür mit seinem Bakterium ist der Fall übrigens nicht so eindeutig, wie man meinen sollte, doch dazu später mehr. MUSIK Dreamscape II C Für Psychosomatiker, wie Peter Henningsen vom Klinikum rechts der Isar, steht fest: Gesundheit ist kein Zustand. Gesundheit ist ein Prozess, der ständig erzeugt werden muss. Beispiel Tinnitus. Er entsteht oft, weil die Hörschnecke geschädigt wird, zum Beispiel durch einen lauten Knall. Häufig kommt es dann zu diesem unangenehmen Piepsen MUSIK Dreamscape II C ENDE GERÄUSCH PIEPSEN TINNITUS einblenden dem Tinnitus. Das Paradoxe daran aber ist: Viele Menschen laufen mit einem geschädigten Ohr herum - ganz ohne Tinnitusbeschwerden. Erst unter ganz bestimmten Umständen definiert unser Gehirn, und zwar der Teil, der für die Emotionen zuständig ist, das uns das stört, dass das ein Problem ist. Zum Beispiel, wenn emotionaler Stress in der Arbeit oder Partnerschaft dazu kommt. Erst dann wird aus einem vorhandenen Piepsgeräusch ein unerträglicher Tinnitus. Wie gesagt: Gesundheit muss ständig erzeugt werden. Peter Henningsen:

7 7 ZPS 5 HENNINGSEN 00:12:40-0# Jeder, von uns, 90% der Bevölkerung, erleben im Laufe einer Woche einmal irgendwas, einen Rückenschmerz, ne Übelkeit, ein Schwindel oder irgendwas. Das ist nur in der Regel so, dass das entweder von selber vorbei geht, oder man hat eine kleine Selbsthilfemaßnahme, man nimmt zur Not ne Aspirin, oder irgendwas und dann ist das weg, da geht man nicht zum Arzt, da ist man nicht in seinen Alltagsfunktionen beeinträchtigt, das ist nicht Krankheit. Gesundheit ist eben nicht - da gabs mal früher ne irreführende WHO-Definition, Gesundheit wäre die Abwesenheit aller Beschwerden. Das ist Quatsch, Gesundheit ist die Fähigkeit, mit alltäglich auftretenden Beschwerden selbstregulierend so umgehen zu können, das sie einen nicht weiter beeinträchtigen. Doch das schafft eben nicht jeder. Dazu kommt, dass viele Menschen sehr genau in ihren Körper hinein hören, wenn sie Beschwerden haben. Egal, ob die nun psychosomatisch oder rein körperlich sind. Sie achten auf jedes Ziepen im Kniegelenk oder Ziehen im Rücken. So kann es im schlimmsten Fall zu Rückkopplungen kommen, weil sie dann zum Beispiel eine Schonhaltung einnehmen, die dazu führen kann, dass sie noch mehr Rückenschmerzen bekommen, weil die Muskeln verspannt sind - und ein dauerhaft verspannter Rücken kann am Ende ganz real die Bandscheiben schädigen. So wird aus Stress ein manifestes Rückenproblem. MUSIK C Und leider kann man sich dem auch kaum erwehren. Studien zeigen: Gefühle schlagen sich in Körperhaltungen nieder und umgekehrt. Das bedeutet: Wer körperlich völlig entspannt ist, kann keine Angst entwickeln, wer depressiv ist, lässt die Schultern nach vorne fallen, der Brustkorb sinkt ein.

8 8 MUSIK C ENDE Damit beginnt ein Teufelskreis: Denn diese Körperhaltung signalisiert dem Gehirn wiederum: Hier ist jemand traurig und reagiert entsprechend darauf. Die Stimmung verschlechtert sich so weiter. Eine "Problemhaltung" nennen die Experten das. In der Therapie kann man das nutzen. Wenn man sich zum Beispiel täglich eine Viertelstunde lang im Spiegel anlächelt, ganz egal, ob man sich fröhlich fühlt oder nicht, verändert das den Gehirnstoffwechsel. Wohlfühlhormone werden ausgeschüttet - und so kann sich allein dadurch, dass man die Mundwinkel hochzieht, die Stimmung aufhellen. Damit kann man zwar keine Depression heilen, aber im Alltag kann so eine Maßnahme sinnvoll sein. MUSIK Asynchro C Wir haben unser körperliches und seelisches Wohlbefinden also in einem gewissen Maß selbst in der Hand. Sind wir damit selbst schuld, wenn es uns schlecht geht? Peter Henningsen warnt vor solch einer Vereinfachung. MUSIK Asynchro C ENDE ZSP 6 HENNINGSEN 00:44:17-8# Weil ich bin wie ich geworden bin, dafür bin ich ja erstmal jetzt primär nicht verantwortlich, sondern das ist auch ein Stück weit Schicksal. Aber das tolle daran ist, ich kann auch was dran machen, also ich habe auch Möglichkeiten, ich bin gar nicht so abhängig von irgendwelchen Pillen oder von dem mächtigen Arzt, der mir da irgendwie die Therapie macht, sondern ich kann selber in meinem Leben etwas ändern, MUSIK Asynchro C

9 9 Und damit kommen wir ein letztes Mal zurück zum berühmten Magengeschwür. Trotz Bakterium ist nämlich auch diese Erkrankung maßgeblich dadurch bestimmt, wie das psycho-soziale Umfeld eines Patienten aussieht. Denn in den westlichen Ländern trägt bis zu jeder zweite das Bakterium in sich, aber nur jeder zehnte bekommt ein Magengeschwür. Nicht überraschend: Die meisten von denen leiden unter Stress. Studien aus Japan konnten sogar zeigen, dass nach Erdbeben oder Wirtschaftskrisen Magengeschwüre häufiger werden. Wir werden wohl in Zukunft noch einige solcher Bakterien oder Viren finden, die Krankheiten auslösen, von denen wir heute denken, dass sie rein psychosomatisch sind. Doch das sollte Ärztinnen und Ärzte nicht zurück ins Maschinenzeitalter werfen! Denn die Konzentration auf das Bakterium allein fokussiert den Blick - ähnlich wie bei einem Stadtplan einer Großstadt - auf das Lokalgeschehen in der Magenschleimhaut. Er lässt aber die großen Zusammenhänge zwischen Psyche, Stress und sozialem Umfeld außer Acht, also die Verbindungsstraßen zu den vielen hundert Kilometer entfernten Städten und Dörfern. MUSIK Asynchro C ENDE

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