5 Entwicklungspsychologie

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1 5 Entwicklungspsychologie 5.1 Grundlagen Entwicklungspsychologie ist eine Grundlagendisziplin der Psychologie (vgl. Kap. 1). Sie kann auf eine etwa hundertjährige Geschichte zurückblicken Begriffsklärung Entwicklung umfasst alle Veränderungen im Erleben und Verhalten eines Menschen vom Beginn des Lebens im Mutterleib bis zum Tod, d. h. während der gesamten Lebensspanne. Gegenstand der Entwicklungspsychologie sind relativ überdauernde (langfristige) Veränderungen, die im direkten Bezug zum Lebensalter stehen, wie z. B. die Entwicklung der Motorik, der Sprache, der Intelligenz usw. Entwicklung ist ein einzigartiger Vorgang, der bei verschiedenen Menschen auch unterschiedlich verlaufen kann. Vier Grundfragen sind dabei von Bedeutung: Was verändert sich? Wie sind diese Veränderungen zu beschreiben? Wodurch kommen diese Veränderungen zustande? Wie sind diese Veränderungen theoretisch zu erklären? 125

2 Die erste Frage gilt dem Untersuchungsgegenstand: Entwicklung der Motorik, Sprache, Intelligenz, Wahrnehmung, Gedächtnis, Emotionen, Motivationen usw. Die zweite Frage zielt auf den Verlauf der Entwicklung: z. B. kontinuierlich oder in Stufen, Phasen usw. Entwicklung lässt sich zudem als Prozess fortschreitender Differenzierung und gleichzeitiger Integration auffassen (vgl. Kap. 5.2). Die dritte Frage untersucht die Bedingungen, unter denen sich Entwicklung vollzieht: z. B. Anlage, Umwelt und das Individuum selbst (vgl. Kap. 5.3). In der vierten Frage sind Theorien angesprochen, die den Verlauf der Entwicklung erklären (vgl. Kap. 5.5) Gegenstand der Entwicklungspsychologie Der Gegenstandsbereich der Entwicklungspsychologie soll nun etwas differenzierter betrachtet werden (vgl. Montada 1995, S. 23 f.): Es werden Veränderungen (des Erlebens und Verhaltens) erforscht, die auf das Lebensalter bezogen werden können. Hierbei werden aber nicht Entwicklungsvorgänge erklärt, sondern nur der Verlauf der Entwicklung beschrieben. So zeigt sich im Bereich des Sozialverhaltens, dass sechs Monate alte Kinder nahezu alle Menschen anstrahlen, von denen sie freundlich angeschaut werden. Mit etwa acht Monaten reagieren aber fast alle Kinder weniger bekannten Menschen gegenüber sehr zurückhaltend oder weinen sogar. Veränderungen sind für die Entwicklungspsychologie dann von Bedeutung, wenn sie nachhaltig sind und entsprechend langfristig wirken. Dabei wird die gesamte Lebensspanne (von der Zeugung bis zum Tod) betrachtet. Man kann z. B. erkennen, welche Auswirkungen Probleme in der Kindheit möglicherweise auf das Erwachsenenalter haben. So kann (nach Freud) fehlende Zuwendung im ersten Lebensjahr eines Menschen beim Erwachsenen zu Problemen im Bereich des Kontaktverhaltens führen. Die Entwicklungspsychologie befasst sich mit der Kontinuität der Entwicklung im Erleben und Verhalten. Das bedeutet, dass danach gefragt wird, inwieweit eine Veränderung X die Folge einer vorausgegangenen Veränderung Y ist. So geht das Verhalten von etwa einjährigen Kindern, fremden Personen gegenüber anders zu reagieren als bei bekannten, auf die vorausgegangene kognitive Entwicklung zurück. 126

3 5.2 Beschreibung der Entwicklung Was verändert sich und wie können diese Veränderungen beschrieben werden? Am Beispiel der emotionalen und der motorischen Entwicklung wird der Verlauf von Veränderungen in der frühen Kindheit im kurzen Überblick dargestellt Verlauf der emotionalen Entwicklung unter dem Gesichtspunkt von Differenzierung und Integration Emotionen (Gefühle) sind Ich-Zustände (vgl. Kap. 2.5). Emotionen sind nicht von Anfang an in der Vielfalt vorhanden wie beim Erwachsenen. Sie entstehen aus einem sehr unstrukturierten Erregungszustand, bei dem man auch von Emotionsvorläufern spricht. Die Entwicklung der Vielzahl von Emotionen, über die ein Erwachsener verfügt, kann als Differenzierung beschrieben werden. Differenzierung ist ein Aufbauprozess und beschreibt die Entwicklung vom Einfachen zum Komplexen, vom Allgemeinen zum Spezifischen. Differenzierung bedeutet: Verfeinerung und Spezialisierung psychischer Erscheinungen (z. B. von Gefühlen, Motiven, Interessen) und Verhaltensweisen (z. B. der motorischen Entwicklung). Die Emotionen sind zu Beginn der Entwicklung noch diffus verschwommen. Sie heben sich im weiteren Verlauf zunehmend deutlicher von dieser zunächst undifferenzierten Einheit ab und werden auch deutlicher voneinander unterscheidbar. So beschreibt Sroufe (1979) die Entwicklung der meisten Emotionen aus drei Emotionsvorläufern, die bereits beim Neugeborenen zu beobachten sind. Daraus ergeben sich acht Stufen der emotionalen Entwicklung. Diese Stufen zeigen auch wie sich die soziale Zuwendung zur Umwelt in Abhängigkeit von der sozialkognitiven Entwicklung verändert. 127

4 Alter Emotionale Differenzierung in Verbindung mit der sozial-kognitiven Entwicklung Neugeborenes Emotionsvorläufer: Vergnügen /Freude, Ängstlichkeit /Furcht, Wut /Ärger 1. Monat 1. Periode der absoluten Reizschranke (kaum aktive Zuwendung zur Umwelt) Monat 2. Zuwendung zur Umwelt: Differenzierung in Emotionen wie Neugier, Interesse und Freude; Lächeln Monat 3. Vergnügen an gelungener Assimilation (Anpassung an Umweltgegebenheiten) mit Differenzierung in Freude, volles Lachen und Wut /Enttäuschung Monat 4. Aktive Teilnahme am sozialen Geschehen: Differenzierung in Vergnügen /Ärger Monat 5. Phase der sozial-emotionalen Bindung: Fremdenfurcht und Bindung an Bezugsperson Monat 6. Phase des Übens und Explorierens (Erforschens der Umwelt): Begeisterung, Vorsicht /Ängstlichkeit, Ärger Monat 7. Bildung des Selbstkonzepts: Positives Selbstwertempfinden, Scham, Trotz und Bockigkeit bis hin zum absichtlichen Wehtun ab 36. Monat 8. Phase des Spiels und der Fantasie: Stolz, Liebe, Schuldgefühle Tab. 1: Übersicht über die emotionale Differenzierung in den ersten Lebensjahren nach Sroufe (1979) Ab dem 36. Lebensmonat hat ein Kind, das bei der Geburt die sogenannte Emotionsvorläufer zeigte, eine ganze Reihe voneinander unterscheidbarer Emotionen zur Verfügung, die es entsprechend einsetzt. Diese emotionale Entwicklung wird durch die Fortschritte in der kognitiven und sozialkognitiven Entwicklung (wie sie vor allem Piaget, Kap , beschreibt) mit bedingt. Es besteht eine Wechselbeziehung zwischen der emotionalen Entwicklung und anderen Entwicklungsbereichen, hier der sozialkognitiven Entwicklung. Die sich entwickelnden Emotionen helfen dem Kind, sich an seine Umwelt anzupassen und soziale Beziehungen zu entwickeln. 128

5 Beispiel : Ein Baby, das seine Bezugsperson anlächelt, wird von dieser eine ebenso positive Reaktion erhalten, weint es aber, wird diese sich Sorgen über sein Befinden machen. Der Vorgang der Differenzierung wird begleitet von einem Prozess der funktionellen Unterordnung, der zunehmenden Integration und hierarchischen Organisation. Gefühle kommen so unter die Herrschaft verstandesmäßiger Vorgänge; Wahrnehmungen werden zunehmend durch Begriffe und Denkvorgänge beherrscht. Es kommt damit zum Aufbau zentraler Steuerungen (Steuerungsinstanzen). Integration zeigt ihre ersten deutlichen Auswirkungen in der aktiven Selbstgestaltung und größeren Unabhängigkeit von augenblicklichen Bedingungen und Zuständen (vgl. Edelmann 1980, S. 57). Das bedeutet, dass die durch Differenzierung entstandenen Veränderungen (z. B. neue Emotionen) in Beziehung zueinander gesetzt werden. Das heißt, eine fortschreitende Neuentwicklung unterscheidbarer Gefühle kann nur dann zu einem sinnvollen Entwicklungsgeschehen werden, wenn die Gefühle aufeinander bezogen und aufeinander abgestimmt sind. Ebenso entstehen Beziehungen zwischen Gefühlen und anderen psychischen Bereichen wie Motivation oder Kognition. (Siehe auch Kap. 2.6) Beispiel : Bettina, 4 Jahre alt, spielt mit der Puppenstube ihrer besten Freundin Susanne. Dabei fällt ihr ein Puppentässchen herunter und zerbricht. Susanne weint. Bettina schaut Susanne schuldbewusst an und sagt, dass es ihr leid tut und dass es keine Absicht war. Nach der Verlaufsbeschreibung der emotionalen Entwicklung (siehe S. 128) ist Bettina zu Gefühlen wie Unlust, Sympathie für andere Menschen und Schuldgefühlen fähig. Sie kann auch den Effekt einer Handlung auf sich als Verursacher beziehen. Aber um sich bei Susanne zu entschuldigen, müssen diese einzelnen Bestandteile psychischen Geschehens zueinander in Beziehung gesetzt werden können. Dann erst ist es möglich, dass Bettina Unlust empfindet, weil sie sich für eine Handlung verantwortlich fühlt, die einem anderen Menschen, der ihr sympathisch ist, Leid zufügt, das sie selbst nachvollziehen kann. Diese Verhaltens- und Erlebnisweisen werden durch Integrationsprozesse bewirkt, die jeden Differenzierungsprozess ergänzen müssen. 129

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