Zwischenmenschliche Beziehungen erfolgreich gestalten

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1 Vera F. Birkenbihl KOMMUNIKATIONS- TRAINING Zwischenmenschliche Beziehungen erfolgreich gestalten

2 Inhalt Vorwort Teil I: Theorie 1. Das Selbstwertgefühl (SWG) Die menschlichen Bedürfnisse Motivation Transaktionale Analyse (TA) Abwehrmanöver Bilder und psychologischer Nebel Feedback-Techniken Bio-Logik/Psycho-Logik Die Zweinigung Kommunikations-Ebenen Gehirn-gerecht? Sprache als Instrument des Denkens Zum Abschluß von Teil I Teil II: Praxis Einführung Inventur Übungen: Innere Einstellung Übungen: Das Gefühlsrad Übungen für mehrere Personen Übungen: Die Angst Übungen: Feedback Übungen: Alter Ego Teil III: Merkblätter Anhang Kleines Lexikon

3 Nachwort Nachwort zur 24. Auflage Nachwort zur 31. Auflage Gefühlsrad Literatur Register Dieses Buch ist meinen Seminarteilnehmern in den USA und in Deutschland gewidmet. Ohne ihre regen Diskussionen und die aktive Mitarbeit wäre dieses Buch nicht entstanden. 6

4 Angriff auf ein Bild Obwohl der Ausdruck neu ist, haben wir die kognitive Dissonanz (nach Festinger [33]) schon besprochen: Kognitive Dissonanz ist das Aufeinandertreffen eines alten und eines neuen Bildes, wobei dieses neue Bild das alte angreift oder zumindest in Frage stellt. Beispielsweise: Napoleon ist Franzose (altes Bild) Sex ist schmutzig (altes Bild) Napoleon ist Korse (neues Bild) Sex ist schön (neues Bild) Was ist passiert? 1. Ein vorhandenes Bild wird angegriffen. 2. Das vorhandene Bild wird entweder verteidigt oder ausgetauscht. 3. Je größer die Investition in das alte Bild, desto wahrscheinlicher seine Verteidigung. Wenn der Bilderaustausch vorgenommen wird, ergibt sich kein Problem! Zum Beispiel: Maria: Sieh mal, ein Mercedes. Michael: Das ist doch kein Mercedes, Maria. Das ist ein AUDI. Siehst du die Buchstaben AUDI? Maria: Ach ja! Sah aber zuerst fast wie ein Mercedes aus! Wird jedoch das alte Bild verteidigt, so können jetzt wieder sämtliche Abwehrmanöver ins Spiel gebracht werden. Erinnern Sie sich: Wir sagten, ein Abwehrmanöver solle eine Gefahr für den Organismus abwehren. Jedes neue Bild, das vorhandene Bilder angreift, stellt eine Gefahr für die Investition dar. Je gefährdeter man sich durch diesen Angriff fühlt, desto abwehrender reagiert dann das K. Denn jede Verteidigung von Basisprozessen wird vom K gesteuert. 164

5 Die Bilderwand Ein weiteres Kriterium in der Entscheidung, ob wir ein Bild austauschen werden, ist: Wie viele weitere Bilder haben wir bereits aufgrund des angegriffenen Bildes erstellt? Wenn Sie sich alle Bilder, die Sie sich im Laufe Ihres Lebens gemacht haben, als eine»ziegelwand«vorstellen, deren einzelne»ziegel«bilder waren, dann erkennen Sie sofort, daß die oberen Bilder natürlich auf den unteren ruhen; ziehe ich jetzt einen weiter unten liegenden Ziegel weg, fallen die darüber liegenden Bilder auch aus der Wand heraus. Wenn jemand z. B. Ihr Bild A aus der Wand herausstößt, besteht die Gefahr, daß auch B, C und D mit»herausgerissen«werden. Davor aber versuchen wir uns zu schützen. Deshalb empfinden wir einen Angriff auf A als»frontalen«oder»großen«angriff, das heißt, wir reagieren heftig. Ein Angriff auf X jedoch (in der obersten Reihe) gefährdet keine darüber liegenden Bilder. X können wir also viel leichter austauschen. Nehmen wir an, Herr Wissenschaftler hat vor Jahren entdeckt, daß Emygb nicht ein Teil von Amygb ist. Auf dieser Entdeckung hat er in jahrelanger Forschung aufgebaut. Er erstellte weitere»bilder«aufgrund der Hypothese, daß Emygb nicht Teil von Amygb ist. Sollte nun heute jemand behaupten, Emygb sei natürlich doch ein Teil von Amygb, so wären alle auf dem ersten Bild aufgebauten»ziegelsteine«gleichzeitig gefährdet. Solch ein großes»loch in der Wand«kann der Organismus genausowenig zulassen wie eine klaffende Wunde. Er fährt also die massivsten Abwehrgeschütze auf, die ihm zur Verfügung stehen. 165

6 Die Vorbeschäftigung Stellen Sie sich vor: Herr Direktor Großmann läßt sich von seinem Fahrer in die Fabrik fahren. Man befindet sich auf der Landstraße kurz vor dem Ziel. Herr Großmann sagt:»herr Schulze, seien Sie heute nachmittag um 14 Uhr bitte am Ausgang III-Süd. Wir müssen nach Köln. Wir werden wahrscheinlich dort übernachten. Richten Sie sich also bitte auch darauf ein. Übrigens, übermorgen kommen die neuen Testfahrzeuge rein. Teilen Sie also die anderen Fahrer ein, daß wir...«aber der Fahrer hört schon nichts mehr. Er hatte angesetzt, um einen Laster zu überholen, als auf der linken Spur plötzlich ein Fahrzeug aus einer Einfahrt herauskam. Der Fahrer reagiert blitzschnell und sehr geschickt: Er blinkt und hupt, so daß der Lastwagenfahrer aufmerksam wird und sofort so weit rechts wie möglich fährt. Auch der Fahrer des gerade auf die Hauptstraße eingebogenen Autos bemerkt die Lage und hält sich extrem auf der anderen Seite, so daß der Wagen unseres Direktors zwischen den beiden anderen durchkommt. Als das Überholmanöver beendet ist, sagt Herr Schulze:»Entschuldigen Sie, Herr Direktor, ich habe den letzten Teil nicht mehr gehört. Könnten Sie bitte noch mal wiederholen?«was ist passiert? Man sagt, der Fahrer war vorbesetzt beziehungsweise vorbeschäftigt. Die Beschäftigung des Den-Wagen-aus-der-Gefahr-Rettens ging vor! Sie war wesentlicher, denn sie gewährleistete das physiologische Überleben. Sinngemäßes gilt für psychische Überlebensvorgänge. Wir hatten gesagt, daß die Erhaltung des SWG und das Zusammen- beziehungsweise Auseinanderhalten gewisser Bilder zum psychischen Überleben gehören. 166

7 Wird nun dieser Prozeß angegriffen, so reagieren wir wie bei einer physischen Gefahr: Wir ziehen alle Energien zur Verteidigung zusammen. Wir sind vorbeschäftigt, bis die Gefahr vorbei ist. Wir können uns das so vorstellen, daß wir sagen: Solange wir damit beschäftigt sind, unsere Bilderwand»festzuhalten«, weil wichtige Bilder angegriffen wurden, so lange sind wir vorbeschäftigt. Der psychologische Nebel Mit dieser Vorbeschäftigung geht immer einher, was wir Nebel nennen, wobei es sich hier natürlich um»psychischen Nebel«handelt. Der physikalische Nebel hat zwei Eigenschaften: Er verhindert, daß wir klar sehen, und er verhindert auch, daß wir alles hören. Wenn Sie schon einmal im dichten Nebel spazierengegangen sind, wissen Sie dies aus eigener Erfahrung. Wir können also sagen: Der Nebel schluckt Blld und Ton. Das bedeutet, daß wir weder alles sehen noch alles hören können, solange wir vorbeschäftigt sind. Wann immer ein Bild ausgetauscht wird, sind wir zunächst einmal vorbeschäftigt. Wir fragen uns: 1. Ist das ein Angriff auf ein wesentliches Bild? 2. Ist das Investment bei diesem Bild sehr hoch? 3. Soll ich mein altes Bild verteidigen? Wird eine der drei Fragen mit»ja«beantwortet, so befinden wir uns im Nebel. Wir sind dann so lange»vorbeschäftigt«, bis die Situation als nicht mehr gefährlich eingeschätzt wird. Weil wir im Nebel nicht alles aufnehmen können, hören wir nur Bruchstücke von dem, was der andere sagt. Dies führt dann zu Mißverständnissen. 167

8 Je wichtiger das angegriffene Bild für uns ist, desto stärker wird der Nebel und desto»sturer«unsere Abwehr. Da es sich auch hier um eine Abwehr handelt, gelten wieder die Regeln der Abwehrmanöver, die wir bereits in Kapitel 5 besprochen haben. Für die tägliche Praxis bedeutet dies: Wenn Sie ein Bild des anderen angreifen (mit der»tür ins Haus fallen«) und erst dann, wenn er sich bereits»wehrt«, erklären, warum und wieso und weshalb Sie Ihr Bild für richtig halten, dann steht der andere derzeit im Nebel. Im Nebel aber kann er nicht sehr gut hören und sehen, was man ihm zeigen will. Später wird er dann häufig behaupten, Sie hätten etwas anderes gesagt, denn: Wahr ist nicht, was Sie gesagt haben, wahr ist, was er gehört hat. Deshalb: Wenn Sie Bilder angreifen müssen, so wenden Sie die folgende Anti-Nebel-Technik an. Diese macht es nämlich allen Beteiligten leichter. Sie spart Energien auf beiden Seiten. Sie ermöglicht, miteinander statt aneinander vorbeizureden. Die Anti-Nebel-Technik Es gibt zwei Möglichkeiten: 1. Sie wissen von vornherein, daß Sie ein Bild beim anderen angreifen werden, das heißt, Sie wissen von vornherein, daß Ihre Aussage beim anderen Nebel erzeugen muß. Zum Beispiel: Wenn Sie Herrn Wissenschaftler klarmachen wollen, daß Emygb ein Teil von Amygb ist. 2. Sie wußten nicht, daß Ihre Aussage beim anderen ein Bild angreifen würde. Sie meinten, über etwas zu sprechen, das Sie beide ähnlich sehen, als der andere plötzlich abwehrend reagiert. Dann erst ist Ihnen klar, daß Sie hier ein Bild angegriffen haben. Zum Beispiel: Sie sind der Meinung, daß Ihr Gesprächspartner Ihre eigene politische Einstellung teilt. Sie machen eine Bemerkung und erkennen erst an 168

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