Elternschaft im Kontext der psychiatrischen Versorgung

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1 fgärztefortbildung Elternschaft im Kontext der psychiatrischen Versorgung Berlin, 30. September 2009 Christiane Hornstein

2 Elternschaft und Gesellschaft Elternschaft ist ein hohes gesellschaftliches Gut Die Wertschätzung hat zugenommen - politische Entscheidungen wie z.b. - Tagesbetreuung (01/2005) - Elternzeit (01/2007) - Elterngeld (01/2007)

3 Elternschaft und psychische Erkrankungen weniger tabuisiert z.b. Veröffentlichungen (Google Scholar) Mattejat 2008 stärker stigmatisiert? z.b. skandalierende Medienberichte: Darry

4 Medienberichte

5 Elternschaft und Psychische Erkrankungen 31% der deutschen Bevölkerung leiden unter psychischen Störungen (12 Monats- Prävalenz, Bundesgesundheitssurveys RKI 2007) - Ersterkrankungsalter: reproduktive Lebensphase Psychisch Kranke werden wahrscheinlich seltener Eltern - keine epidemiologischen Daten in Deutschland Elternschaftsrate psychisch schwer Kranker 36% (McGrath 1999)

6 Elternschaft Zahlenund psychische Erkrankung klinische Studien stationäre Behandlung: Patienten mit Kindern unter 18 davon Frauen davon Männer Schmid % 69% 31% Lenz % 71% 29% Sommer ,5% 54,5% 45,5% Bohus % 65% 35% ambulante Behandlung: Lexow et al % 66% 34%

7 Wieviele Kinder? Schätzungen/Hochrechnungen 3 Mio Kinder psychisch kranker Eltern (Mattejat 2008) Kinder schwer psychisch kranke Eltern (Lenz 2007) Kinder Eltern in psychiatrisch, psychosozialer Behandlung (Gurny 2007) Kinder Eltern in stationärer Behandlung (Mattejat 2008)

8 Mutterschaft und psychische Erkrankungen Peripartale Risiken ungeplante, ungewünschte, nicht erkannte Schwangerschaft (Sacker 1996) Verschlechterung der körperlichen Gesundheit (Infektionen, Mangelernährung) (Miller 1997) Verschlechterung der psychischen Gesundheit Alkohol- und Nikotinkonsum (70-90% Rudolph 1990) Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen, SID (Armstrong & Hutti 1998, Bennedsen 2001) diskrete körperliche Anomalien, erhöhte Missbildungsrate, erhöhte Mortalität (Webb 2008, Weinberg 2007) niedriges Geburtsgewicht, hohe Frühgeburtlichkeit (Nilsson 2002) vulnerable Kinder

9 Mutterschaft/ Elternschaft Chance und Herausforderung psychisch kranker Elternteil genetische/biologische Belastung psychosoziale Belastungen Kind Vulnerabilität Elterliches Beziehungs- und Erziehungsverhalten

10 Erziehungs-/Beziehungsverhalten psychisch kranker Eltern Frühe Kindheit Mangelnde Wahrnehmung oder Fehlinterpretation kindlicher Bedürfnisse emotional nicht verfügbar, zurückgezogen negative, mangelnde Affektivität Über- und Unterstimulation Späte Kindheit und Jugend Inkonsistent, kritisch, desorganisiert, kompromissunfähig, Schuldgefühle induzierend, permissiv wenig Struktur, Verantwortung, Wärme Zusammenfassung bei Oyserman et al. 2000

11 Eltern-Kind-Beziehung hoch unsichere Emotionalität diffuse Generationsgrenzen und hierarchien fehlende Vorbildfunktion der Eltern fehlende Unterstützung bei Entwicklungsaufgaben Tabu Sprachlosigkeit Stigma Kontamination soziale Isolation Lenz 2008; Sollberger 2008; Mattejat 2008

12 Belastungen der Kinder Sicht der Eltern 80% betrachten ihre Kinder als belastet durch die Erkrankung 45% schätzen ihre Kinder als psychisch auffällig ein 41% haben Hilfe in Anspruch genommen (Beratung, KJPP) 40% sind generell unzufrieden mit der Versorgungssituation der Kinder 51% vermeiden aktiv den Kontakt zur Jugendhilfe! Kölsch 2008, Schmid 2008

13 Kinder in der Erwachsenenpsychiatrie 41% haben nie Besuch von Kindern 12% Ärzte fragen nicht nach Kindern 37% Ärzte fragen nicht nach der Versorgung der Kinder (Schmid 2008) 60% der Eltern halten die Kinder für informiert 8% Informiert durch den Arzt (Lenz 2005) 16% der Ärzte haben persönlichen Kontakt zu Kindern 35% der Kinder sind informiert über den Charakter der Erkrankung (Bohus 1998)

14 Hilfebedarf Bedarf der Eltern 65% Betreuung im häuslichen Umfeld 70% Elterntraining 71% Kinder- und jugendpsychiatrische Therapie (Schmid 2008) Bedarf der Jugendlichen Information durch den behandelnden Arzt einbezogen werden in die Behandlung ernst genommen werden Bedarf der Eltern, Kinder und Jugendlichen Wunsch nach Information!!

15 Brückenschlag Bedarf der Betroffenen individuelle Ebene Information behandelnder Arzt Beratung/ Erziehungsberatung Psychologen/ Sozialpädagoge Psychiater/ Psychotherapeut Haushaltshilfe Therapie Erzieher/ Pädagogen Hilfen im Alltag

16 Brückenschlag Angebote der Professionellen institutionelle Ebene Information Erwachsenen- PP KJPP Therapie Beratung/ Erziehungsberatung Versicherung z.b. Haushaltshilfe öffentliche und freie Jugendhilfe z.b. Beratungsstellen, Erziehungsbeistand, Tagesgruppen, sozialpädagogische Familienhilfe, Teilzeitpflege Hilfen im Alltag

17 Vernetzung der lokalen Versorgungsstrukturen Erwachsenenpsychiatrie öffentliche und freie Jugendhilfe z.b. Beratungsstellen, Erziehungsbeistand, Tagesgruppen, sozialpädagogische Familienhilfe, Teilzeitpflege KJPP Versicherung

18 Vernetzung der überregionalen Versorgungsstrukturen Angebote im Bereich Kinder psychisch kranker Eltern in Deutschland Patenschaften Kinder Familien/ Fachleute Psychiatrie unklar 69 Angebote

19 Angebote der Erwachsenenpsychiatrie Beratungs- und Unterstützungsangebot für Familien mit einem psychisch erkranktem Elternteil (z.b. FIPS) Beratungs- und Orientierungsangebot für Kinder psychisch kranker Eltern (z.b. BALANCE) Mutter-Kind-Behandlungseinheiten (z.b. PZN Wiesloch) Perinatale Präventionsprojekte (z.b. Hand in Hand)

20 Beratungs- und Unterstützungsangebot für Familien mit einem psychisch erkranktem Elternteil FIPS - BKH Günzburg Adressaten: (ehemalige) Patienten des BKH Zugangsweg: Stationsärzte Beratungsangebot: Erstgespräch mit erkranktem Elternteil - Klinik Hausbesuch, um Kinder in ihrem Lebensumfeld kennen zu lernen Paargespräche, Familiengespräche Beratungsdauer: teils über Jahre

21 Beratungs- und Orientierungsangebot für Kinder psychisch kranker Eltern Balance - Psychiatrische Universitätsklinik Heidelberg und KJPP Adressaten: Kinder und Jugendliche, Eltern, Angehörige, Professionelle Zugangsweg: Stationsärzte, Erziehungsberatungsstellen, Sozialpsychiatrische Dienste, Jugendhilfe Beratungsangebot: Systemische Familientherapie und Beratung Pädagogische Beratung Elternsprechstunde Kindergruppe Professionellen- Beratung

22 Mutter-Kind-Behandlungseinheiten bis Anfang 2000 bis heute (63 Einheiten) geplant

23 Mutter-Kind-Behandlungseinheit Interaktionszentriertes Therapieprogramm für postpartal erkrankte Mütter

24 Perinatales Präventionsprojekt Perinatales Präventionsnetz Hand in Hand im Rhein-Neckar-Kreis Wir stärken junge Familien: Verantwortungsgemeinschaft Jugendhilfe und Psychiatrie Multiprofessionelles Kompetenznetz zur Unterstützung psychisch belasteter und jugendlicher Mütter und deren Kinder nach der Geburt Früherkennung von postpartalen psychischen Erkrankungen und kindlichen Entwicklungsrisiken / Kindeswohlgefährdung

25 Hand in Hand Signifikante Berufsgruppen Werdende Mütter / Mütter Öffentlichkeit Gesundheitssystem Hebammen, Stillberaterinnen niedergelassene Fachärzte (Gynäkologen, Pädiater, Psychiater, Allgemeinärzte) Psychotherapeuten Pflege (Geburtshilfe) INSTRUKTION Familiengericht Polizei Hilfsangebote Müttergruppe Clearingstellen JA/PZN) Selbsthilfegruppen Mutter-Kind-Einheit INTERVENTION Allgemeinbevölkerung Kindergarten/Schule Fernsehen/Radio Webpage Zeitungen INFORMATION ASD Sozialpädagogische Familienhilfe Referat Pflegekinder Erziehungsberatungsstellen Schwangerenberatungsstellen Gesundheitsamt

26 Zukunftsperspektiven Chancen Kooperation Psychiatrie und Jugendhilfe Vernetzung Psychiatrie und lokale Versorgungsstrukturen zum Kinderschutz Trägerschaft Gesundheitssystem und Jugendhilfe Stärkung elterlicher Beziehungs- und Erziehungskompetenz Reduktion psychosozialer Belastungen

27 Zukunftsperspektiven Herausforderung Stigma der Erkrankung Selbstsigmatisierung der Betroffenen und ihren Familien Stigmatisierung der Institutionen Öffentlichkeitsarbeit Wissensvermittlung

28 Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! Weitere Infos:

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