Architektur und Bild (10) Der Blick

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1 Architektur und Bild (10) Der Blick Professur Entwerfen und Architekturtheorie Vertr.-Prof. Dr.-Ing. M.S. Jörg H. Gleiter 23. Januar :15-16:45 1

2 Übersicht a. Der Blick: Schmarsow und Klopfer b. Velazquez Las Meninas (1656) 2

3 Vermutlich ist die erste Tatsache der Architektur nicht der Raum, sondern der Blick. Erst durch den Blick kann die Architektur zu einem Phänomen werden, zu etwas, das erscheint. Gerd Zimmermann, Der Blick, in: Kritische Ästhetik und humane Gestaltung, In: Band 6 der Reihe Philosophische Diskurse, hrsg. v. Gerd Schweppenhäuser und Jörg H. Gleiter) Giovanni Battista Piranesi, Carceri:»Die Zugbrücke«1749 3

4 Architektur in ihrer räumlichen Gestalt entsteht erst im visuellen Medium, im Blick. Aber auch bei anderen Wahrnehmungsformen (taktil oder über das Gehör) kann man von einer analogen Form des Blicks sprechen, von quasi-blickhafter Produktion von mentalen Bildern und Vorstellungen. 4

5 Robert Vischer Über das optische Formgefühl (1872) Sehen und Schauen Sehen: gesamtheitlicher verhältnismäßig unbewußter Vorgang und unpointierte[s] Vordringen zum Ganzen der Erscheinung. Schauen: aktives, bewusstes Wahrnehmen, analytischordnende, künstlerische Funktion, die das Wahrgenommene auf einer höheren Ebene zu einem Gesamtbild zusammenfügt. 5

6 Ankündigung Einfühlung und phänomenologische Reduktion. Grundlagentext zur Architektur, Kunst und Ästhetik Hrsg. Jörg H. Gleiter und Thomas Friedrich Münster LIT Verlag 2007 (ab Sommer) 6

7 spatial turn des ausgehenden 19. Jahrhundert Bezeichnet man den Übergang von den Techniken der Repräsentation, von Ornament und Zeichenhaftigkeit hin zur Erkenntnis, dass die Architektur Räume bildet, die individuell durch die einzelnen Subjekte wahrnehmungsmäßig erfahren werden. Die Architekturtheorie und Kunsttheorie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts erkennt im Blick das entscheidende Medium zur Erzeugung des Raums 7

8 Schlüsseltexte Robert Vischer»Über das optische Formgefühl«(1872) Heinrich Wölfflin»Prolegomena zu einer Psychologie der Architektur«(1887) August Schmarsow»Der Werth der Dimensionen im menschlichen Raumgebilde«(1894) Paul Klopfer»Das räumliche Sehen«(1919) Giovanni Battista Piranesi, 1749 Carceri:»Treppe mit Trophäen«8

9 August Schmarsow Übergang von der Daseinsform (Tastraum) zur Wirkungsform (Gesichtsraum). Wo der fühlbare Maassstab der eignen Tastregion aufhört, da tritt der optische Maassstab an seine Stelle, und die Eigenthümlichkeiten des menschlichen Sehorgans bestimmen die aesthetischen Werthe der Grössen mit, bis hinein in die unvermeidlichen Sinnestäuschungen und Fehlschlüsse. Es ist also der subjektive Blick, der Gesichtsraum, durch den die Architektur als ästhetische Erscheinung wahrgenommen wird. 9

10 Paul Klopfer»Das räumliche Sehen«1919 Sehen ist ein tastendes Wandern mit den Augen. Dem Blick genügt aber das Tasten nicht. Er will, wie der Wanderer, das Ziel [ ] Das Auge sucht in der Welt des Raumes das Ruhebild. Kann ihm dieses nicht werden, so gewinnt der empfindende Mensch von dem Betrachteten eben kein»bild«, d. h. keine von seinem ordnenden Geiste beherrschbare, von seiner Erinnerung je nach der Stärke des Affekts auf kürzere oder längere Zeit wieder vorzuzaubernde Ordnung des vom Auge Gesehenen. Im Blick verbinden sich Raumeindruck und die Stärke des Affekts. Klopfer spricht dann auch vom Blickbild. Der Blick ist a. Ein tastendes, sich bewegendes Sehen b. Im Übergang vom bewegten Tastbild zum Ruhebild c. von der Horizontalen zur Vertikalen 10

11 Klopfer unterschiedet das Tastbild vom Ruhebild a. Ruhebild: Vertikalismus, er spricht auch vom frontalen Ruhebild. Schwere-Senkrechte. b. Tastbild: Horizontalismus, es ist dynamisch. Bewegungs-Waagrechte c. Zwischenformen als Tastunterbrechung : Springen von Gebäude zu Gebäude. Klassizismus: Dynamik, Horizontalismus, Mittelalterliche Städte: Vertikalismus, Ruhebild, unterbrochen durch Dynamik. 11

12 Klopfer nimmt mit dem Vertikalismus versus Horizontalismus Bezug auf Schopenhauers Ästhetik. Nach Schopenhauer ist die Architektur durch zwei dialektische Prinzipien gekennzeichnet, durch a. durch Tragen und Lasten, d. h. Schwere und Starrheit, ertikal/horizontal b. durch die Dialektik von Licht und Raum, [ ] außerdem aber bin ich der Meinung, daß die Baukunst, so wie Schwere und Starrheit, auch zugleich das diesen ganz entgegengesetzte Wesen des Lichtes zu offenbaren bestimmt ist. Indem nämlich das Licht von den großen, undurchsichtigen, scharfbegrenzten und mannigfach gestalteten Massen aufgefangen, gehemmt, zurückgeworfen werde, entfaltete es seine Natur und Eigenschaften am reinsten und deutlichsten, zum großen Genuß des Beschauers. 12

13 Das Wesen der Architektur wird am reinsten zur Anschauung gebracht durch Säule und Gebälk. Säule und Gebälk nämlich Stütze und Last wirken vollkommen gesondert Daher wird die Wirkung der Kräfte, Stützen und Lasten, am sinnfälligsten. 13

14 Gewölbe als Mischformen. Die Gewölbe zeichnen sich nach Schopenhauer dadurch aus, dass jeder Stein gleichzeitig Last- wie auch Stützfunktion übernimmt. Sie seien aber nicht gesondert oder getrennt, wodurch der eigentliche Charakter des Steines, das Lasten und Tragen, weniger deutlich zur Anschauung komme. 14

15 Eine Mauer dagegen ist unästhetisch, in ihr wird das Lasten und Stützen nicht thematisiert. Durchbrüche wie Türen und Fenster seien dann Gelegenheiten, Lasten und Stützen zu thematisieren. Pilaster, also vorgeblendete Säulen, dienten auch dazu, das Grundthema der Architektur in der Wand zu artikulieren, das Thema von Lasten und Tragen ist in ihnen allerdings ein fiktives Element. Michele Sanmicheli ( ) Palazzo Canossa, Verona, beg

16 Schopenhauer und Klopfer kennen zwei Prinzipien: Vertikalität und Horizontalität. aber: a.bei Schopenhauer aus der Materialqualität des Steins und seinen Eigenschaften, belebt und vermittelt durch das Licht b.bei Klopfer ist es der Blick: das optischpsychologische Phänomene, die Wirkungsweise: Tast- und Ruhebild und der wandernden Blick 16

17 Übersicht a. Der Blick: Schmarsow und Klopfer b. Velazquez Las Meninas (1656) 17

18 a. Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit: Blick b. Symbolische Tausch zwischen Objekt und Subjekt und c. den flüssigen, immer flottierenden, semantischen Ersetzungen von Bedeutetem und Bedeutendem, zwischen Abwesenheit und Repräsentation Diego Velazquez ( ) Las Meninas (Die Hoffräulein), 1656 Museo del Prado, Madrid 18

19 Diego Velazquez ( ) Las Meninas (Die Hoffräulein), Museo del Prado, Madrid

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