Strategische und organisatorische Planung eines Anrechnungsverfahrens an der HAW Hamburg

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1 Strategische und organisatorische Planung eines Anrechnungsverfahrens an der HAW Hamburg Charakteristika des neuen Studiengangs: Zielgruppe des berufsbegleitenden Bachelorstudiengangs Interdisziplinäre Gesundheitsversorgung (ehem. Angewandte Gesundheitswissenschaften) sind bereits ausgebildete Angehörige der Berufsgruppen Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Hebammenkunde. In dem neuen Studiengang werden Teile der Ausbildung auf das Studium angerechnet und eine sich daran anschließende akademische Weiterqualifizierung angeboten. Aufbauend auf in der Ausbildung erworbenen Kompetenzen sollen im Studium u. a. wissenschaftliche Bezüge vertieft, professionelle Handlungsfähigkeit im Bereich Betriebsorganisation ausgebaut und interprofessionelle Kooperation, wie sie im sektoral fragmentierten Gesundheitswesen immer wichtiger erscheint, thematisiert werden. Anforderungen an ein Anrechnungsverfahren: - eine berufsbegleitenden Studieren angemessene Verkürzung der Studiendauer - Berücksichtigung der Ausbildungsinhalte aus den verschiedenen Berufsgruppen - hinreichende Transparenz der Anrechnung, die eine rechtliche Verankerung an der Hochschule ermöglicht - Praktikabilität in Hinsicht auf Konzipierungs- und Durchführungsaufwand Pauschale vs. individuelle Anerkennung Bei heterogenen Zielgruppen werden oft individuelle Anrechnungsverfahren eingesetzt. Im Fall dieses Studiengangs gibt es in der Zielgruppe vier Berufe, wodurch Heterogenität entsteht. Anzurechnen sind in diesem Fall allerdings Ausbildungsinhalte, die für jede Berufsgruppe jeweils en Bloc vorliegen. Wenn eine gruppenbezogene (= pauschale) Anrechnung möglich wäre, hielte sich der zukünftige Durchführungsaufwand der Anrechnung in Grenzen. Daher wurde angestrebt, möglichst eine pauschale Anrechnung zu erarbeiten. Grundzüge und Herausforderungen des anvisierten pauschalen Verfahrens Es gibt viele Beispiele für pauschale Anerkennungsverfahren im Bereich der Gesundheitsberufe. Meist werden über Kooperationsvereinbarungen mit Berufsfachschulen deren Ausbildungsinhalte überprüft, eingeschätzt und zur Anrechnung gebracht. Dies ist hier nicht praktikabel: Für die vier Berufsgruppen gibt es im norddeutschen Einzugsgebiet sehr viele Fachschulen, mit denen Kooperationsvereinbarungen geschlossen werden müssten. Zudem haben viele der potenziell Teilnehmenden ihre Ausbildung schon vor Jahren abgeschlossen; rückwirkende Kooperationen sind aber nicht durchführbar. Daher wurden alternativ zu Kooperationsvereinbarungen die Ausbildungsrichtlinien untersucht, ob sie belastbar Ausbildungsinhalte festschreiben, die anerkannt werden können. Die bundesweit geltenden Ausbildungsverordnungen für die genannten Berufsgruppen werden vom Bundesministerium für Gesundheit verabschiedet. Sie stammen in ihrer Grundstruktur aus den 80er Jahren, wurden vereinzelt aktualisiert, aber nicht grundlegend überarbeitet. Es handelt sich daher nicht um zeitgemäße, output-orientierte Regelungen, sondern um rein input-orientierte Festlegun-

2 gen von Fächern und jeweilig zu unterrichtendem Stundenumfang, die für Anrechnungsverfahren nicht zu gebrauchen sind. Das Problem der veralteten Ausbildungsregelungen wurde vor einigen Jahren in NRW angegangen und es wurden empfehlende Ausbildungsrichtlinien für die Gesundheitsfachberufe erarbeitet. Die NRW-Richtlinien übersetzen die alten Ausbildungsverordnungen in einen output-orientierten Katalog von Lerninhalten. Die empfehlenden NRW-Ausbildungsrichtlinien sind nicht rechtsverbindlich. Sie stellen jedoch einen zeitgemäßen Set von Lerninhalten dar, an dem sich ein Anrechnungsverfahren orientieren kann. Anrechnungsverfahren überprüfen, ob Lerninhalte dem Inhalt nach und vom Niveau her zu einem Studiengang passen. Inhaltliche Anschlussfähigkeit kann vorausgesetzt werden (siehe Beschreibung der Studiengangsziele). Allerdings sollte an der Stelle geprüft werden, inwieweit das, was die NRW- Richtlinien fordern, in der Ausbildungsrealität umgesetzt wird: Welche Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen können von Berufsfachschulabsolvierenden erwartet werden? Die Äquivalenzprüfung bezüglich des Niveaus der Ausbildungsinhalte würde bedeuten, Lerninhalte der Berufsfachschulen in virtuellen Modulen zusammenzufassen und nach den Niveaustufen EQF / DQR einzuschätzen. Angedacht wurde daher, Experten und Expertinnen zu gewinnen, die mit der Ausbildung vertraut sind und in Zusammenarbeit mit der Hochschule eine Äquivalenzprüfung vornehmen. Als Vorbild diente der M.L.I. aus Oldenburg (Müskens, Gierke). Das Vorgehen wurde mit Dr. Müskens besprochen und im Prinzip als gangbar eingeschätzt. Zu klärende Fragen (Umfang des Workloads in den Fachschulen, Prüfungsformen) wurden angesprochen. Wichtig war hier der Hinweis, dass derartige Expertengutachten viel Zeit erfordern, da sich erfahrungsgemäß im Verlauf immer Klärungsbedarf ergibt. Ein Zeitraum bis zu einem Jahr müsse dafür einkalkuliert werden. Der Arbeitsaufwand sollte angemessen vergütet werden. Zeitliche und hochschulrechtliche Rahmenbedingungen Für die geplante Einrichtung des Studiengangs sollten die hochschulrechtlichen Voraussetzungen nach aktualisiertem Zeitplan im Herbst 2013 vorliegen. Bis dahin kann das langwierige Begutachtungsverfahren nicht durchgeführt werden. Dieses wäre aber für eine pauschale Anerkennung notwendig, wenn es zu diesem Zeitpunkt in einer Studien- und Prüfungsordnung verankert werden soll. Ein individuelles Verfahren dagegen muss in der Studien- und Prüfungsordnung oder einem Anhang zwar hinreichend beschrieben sein; seine Durchführung mit Prüfung nach Inhalt und Niveau erfolgt jedoch später (im individuellen Fall). Mit Rücksicht auf vorgegebene zeitliche Abläufe wird an der HAW Hamburg daher zunächst ein individuelles Verfahren durchgeführt werden müssen. Ein weiterer Aspekt in diesem Zusammenhang: An einer der beiden an der Studiengangsentwicklung

3 beteiligten Fakultäten 1 sind nach derzeitiger Beschlusslage nur individuelle Anrechnungsverfahren zulässig. Hier besteht Diskussionsbedarf. Inkrementelles Verfahren Eine Rücksprache mit der wissenschaftlichen Begleitung (Dr. Müskens) bestätigte, dass die Expertise für ein pauschales Anrechnungsverfahren nicht unter Zeitdruck erarbeitet werden sollte und somit zunächst ein individuelles Verfahren sinnvoll erscheint. Gleichwohl gibt es weiterhin gute Gründe für das pauschale Verfahren: Einmal etabliert, verringert sich der hohe Durchführungsaufwand entscheidend im Vergleich zur individuellen Prüfung jedes Einzelfalls. Deswegen soll aus den genannten Gründen in der ersten Phase des Studiengang-Projekts individuell anerkannt werden. Im weiteren Verlauf wäre ein pauschales Anerkennungsverfahren ein sinnvolles Vorhaben, auf das sich auch andere Hochschulen oder Fakultäten beziehen könnten, die Programme für diese Berufsgruppen entwickeln. Konkretisierung: bereits bestehende Modelle der Anrechnung oder für diesen Studiengang neu erarbeitete Verfahrensweise? Für die erste Phase mit individuellem Anrechnungsverfahren kommen zwei Vorgehensweisen in Betracht. Es werden an der HAW Hamburg bereits Anerkennungsverfahren mit individueller Anrechnung durchgeführt. Diese müssten für die Ausbildungen der vier gennannten Berufsgruppen angepasst und auf die Ziele des neuen Studiengangs ausgerichtet werden. Die zweite Variante wäre eine neu zu erarbeitende individuelle Anerkennung, die inhaltlich auf den genannten Ausbildungsrichtlinien NRW aufbaut. Ein solches Verfahren würde auf eine spätere Entwicklung eines pauschalen Verfahrens vorbereiten und es ermöglichen, Erfahrungen mit diesbezüglichen Strukturen und Inhalten zu sammeln. Auf im Vorfeld erbrachte Arbeitsschritte mit den NRW- Richtlinien (Katalogisierung von Inhalten, Bildung virtueller Module etc.) könnte dabei zurückgegriffen werden. Vor- und Nachteile der Anpassung schon bestehender Verfahren der Hochschule: - Die rechtliche Verankerung könnte leicht übernommen werden - Der Konzeptionsaufwand durch Überarbeitung überschaubar, Durchführungsaufwand bekannt - kein Bezug zu einem erstrebenswerten pauschalen Anrechnungsmodell 1 Der Studienhang Interdisziplinäre Gesundheitsversorgung wird vom CCG Competence Center Gesundheit entwickelt. Am CCG sind die beiden Fakultäten Wirtschaft & Soziales (Departement Pflege) und Life Sciences (Departement Gesundheitswissenschaften) beteiligt.

4 Vor- und Nachteile eines neuen auf NRW-Richtlinien basierenden Verfahrens: - Als Vorstufe zu einem sinnvollen pauschalen Verfahren schafft es Erfahrungswerte - Der Konzeptionsaufwand erscheint höher, auch wenn Vorarbeiten schon zur Verfügung stehen - Die rechtliche Verankerung müsste neu durchdiskutiert werden - Der Durchführungsaufwand ist derzeit nicht genau bestimmbar, da noch in der Entwicklung Welche dieser beiden Vorgehensweisen die für die kommende Zeit sinnvollste Lösung sein wird, ist abzuwägen. Hochschulische Bedingungen, personelle Kapazitäten in einem in jedem Fall mit Aufwand verbundenen Anrechnungsverfahren und die Bedürfnisse der Zielgruppe sind zu bedenken. In der Arbeit am Anrechnungsprojekt für diesen Studiengang konnte auf viele Veröffentlichungen zurückgegriffen werden, die bspw. im Rahmen der BMBF-Initiative ANKOM oder der Begleitung des Offene Hochschulen -Wettbewerbs entstanden. Da in der Diskussionseröffnung zum Handreichungs-Vorhaben auch Literatur-Anregungen angesprochen wurden, wurde eine Auswahl solcher Arbeitsgrundlagen zusammengestellt. Literaturauswahl: Muckel, P. (2013): Individuelle Anrechnung von Kompetenzen. In: Hanft, A.; Brinkmann, K. (Hrsg.): Offene Hochschulen. Die Neuausrichtung der Hochschulen auf Lebenslanges Lernen. Münster: Waxmann, S Müskens, W.; Eilers-Schoof, A. (2013): Neue Wege zwischen beruflicher und hochschulischer Bildung: Das Oldenburger Modell der Anrechnung in der Praxis.. In: Hanft, A.; Brinkmann, K. (Hrsg.): Offene Hochschulen. Die Neuausrichtung der Hochschulen auf Lebenslanges Lernen. Münster: Waxmann, S Müskens, W.; Gierke, W. B. (2009): Gleichwertigkeit von beruflicher und hochschulischer Bildung? Ergebnisse aus Äquivalenzvergleichen nach dem Oldenburger Anrechnungsmodell. In: REPORT Zeitschrift für Weiterbildungsforschung: Messverfahren und Benchmarks in der Weiterbildung, JG 32, Ausgabe 3, S Sava, A. (2011): Die Anrechnung außerhochschulisch erworbener Kompetenzen. Umsetzung des individuellen Anrechnungsverfahren an der Alice Salomon Hochschule Berlin. In: Wissenschaftsmanagement, Ausgabe 4, S Schürmann, M. (2012): Erfahrungen in individueller und pauschaler Anrechnung beruflich erworbener Kompetenzen von Pflege- und Gesundheitsfachkräften auf pflegepädagogische Studiengänge. In:

5 Büchter, K.; Frommberger, D.; Kremer, H-H. (Hrsg.): Akademisierung der Berufsbildung. Berufs- und Wirtschaftspädagogok online, Ausgabe 23. Specht, J.; Hesse, B.; Schaal, U.; Häring, A.M. (2012): Leitfaden zur Durchführung und Einführung von pauschalen und individuellen Anrechnungsverfahren. Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde. Stamm-Riemer, I., Loroff, C., Hartmann E. A. (2011): Anrechnungsmodelle. Generalisierte Ergebnisse der ANKOM-Begleitung. HIS Hochschulinformationssystem GmbH (Hrsg.), Forum Hochschule Band 1. Wissenschaftliche Begleitung ANKOM (2010): Leitlinie für die Qualitätssicherung von Verfahren zur Anrechnung beruflicher und außerhochschulisch erworbener Kompetenzen auf Hochschulstudiengänge. HIS Hochschul-Informations-System GmbH, Institut für Innovation und Technik (iit) der VDI/VDE Innovation + Technik GmbH (Hrsg.), Hannover und Berlin.

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